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»Allerdings! und davon hatte ich noch in den letzten Tagen ein eklatantes Beispiel. Daß der Protospotharius, also der Obergeneral der kaiserlichen Truppen, wie Du weißt, mir nicht gewogen ist, weil ich Kommandant der Waräger-Leibgarde bin, braucht niemand zu verwundern; aber frech ist's von diesem Nikanor, unsere ganze Schar zu verunglimpfen durch die Behauptung, sie habe im Felde geplündert, ja was noch schlimmer ist, den für unsere geheiligte Majestät bestimmten Wein ausgetrunken. Wie Du Dir denken kannst, habe ich es mir angelegen sein lassen, in Gegenwart der Person unseres erhabenen Herrschers.« – »Ihm die Lüge in seinen frechen Schlund zurückzuschleudern!« fiel ihm der Waräger ins Wort, »indem Ihr ihn zum Kampfe fordertet, bei dem Euch der arme Teufel von Hereward sekundieren wird. Hätt' ich doch bloß meine Alltagsrüstung anstatt dieses glitzernden Plunders.« – »Pst! pst!« fiel ihm Achilles Tatius – dies war der Name des Kommandanten – ins Wort – »Du bist zu hitzig und beurteilst die Situation auch zu sehr nach Deinen subjektiven Ansichten! Selbstverständlich mäße ich mich an Deiner Seite mit fünf solcher Nikanors; aber das ist in diesem übergesegneten Kaiserreich nicht der Brauch, auch nicht der Wille seines zurzeit am Ruder befindlichen erhabenen Herrschers. Dich haben die Prahlereien der Franken angesteckt, mein Sohn!« – »Meine Sache ist's nicht, bei denen, so bei euch Franken, bei uns aber Normannen heißen, Anleihen zu machen,« versetzte Hereward mürrisch. – »Frage Dich doch selbst,« verwies ihn der Kommandant, ob in irgend einem gesitteten, ordentlich regierten Lande, geschweige im Reiche des erhabenen Kaisers Alexius Komnenos, das Duell denkbar sein kann. Nimm an, es wollten zwei vornehme Herren oder Offiziere, die sich bei Hofe, am Ende gar in Gegenwart Seiner geheiligten Majestät, in die Haare geraten wären, die Differenz nicht vor Gericht ausgleichen, sondern nach Weise der Franken, indem sie auf der ersten besten Wiese einen Kampfplatz abstecken ließen; während beide, ohne, wie man annehmen kann, genau zu wissen, wie es sich mit der »gerechten Sache«, über die sie aneinander geraten sind, in Wahrheit verhält, ins Blaue hinein darauf schwören, geschieht's, daß der Bessere von beiden, also Seiner Majestät Akoluthos oder Leibtrabant, zugleich Kommandant der Waräger – denn für den Tod ist nun einmal kein Kraut gewachsen – ins Gras beißen muß, der andere aber wohl und munter an den kaiserlichen Hof zurückkehrt, um sich dort weiter zu sonnen und zu atzen, statt daß er, wie es ihm sonst beschieden gewesen wäre, den Galgen zierte: das ist, wirst Du sagen, Waffenrecht, Hereward; ich aber nenne das verkehrte Welt!« – »Ich will nicht in Abrede stellen, Euer Edlen,« antwortete Hereward, »daß in Euren Worten viel kalter Verstand zu finden sei; aber ehe ich mich von jemand Lügner schimpfen lasse, ohne ihm das Wort mit dem Schwerte in seinen Schlund zurückzustoßen, eher könnt Ihr mir einreden, daß dieses Mondlicht schwarz sei wie ein Wolfsrachen! Wer mir eine Lüge an den Hals schmeißt, der verprügelt mich, und Prügel, nicht zurückgegeben, machen den Menschen zum Lasttiere, zum Sklaven.« – »Mein getreuer Kämpe,« sagte drauf der Kommandant, »der Römer setzt die gleiche Ehre drein, die Wahrheit zu reden, wie Ihr, den Vorwurf der Falschheit von euch zu weisen; ich konnte bloß zu meinem Leidwesen dem Nikanor keinen Vorwurf der Falschheit machen, weil es auf Wahrheit beruhte, was er gegen uns vorbrachte.« – »Wieso?« fragte der Angelsachse. – »Nun, Du besinnst Dich, daß wir Waräger auf dem Marsche nach Laodikaia einen Türkenhaufen in die Flucht schlugen. und einen kaiserlichen Bagagezug wieder einfingen? Ebenso besinnst Du Dich, wie ihr an diesem Tage euern Durst gelöscht habt?« – »Ihr meint, daß wir die Weinfässer, die wir dabei fanden, anzapften und leerten?« – »Du sagst es, Hereward!« – »Nun, ich weiß es noch wie heute,« rief Hereward lustig, »daß uns der Wein wie Oel die Kehlen hinunterrann!« – »Und Du Unglücklicher sahest nicht, daß die Fässer mit dem kaiserlichen Siegel verspundet waren?« – »Beim heiligen Georg von England, der eine Mandel George von Kappadozien aufwiegt! Daran hab' ich mit keinem Atemzuge gedacht! Aber Ihr habt doch selbst ganz gehörig mit davon gezecht!« – »Du bist im Irrtum, Hereward, denn was ich trank, war eine geringere, für den Mundschenk Seiner Majestät bestimmte Sorte, an der ich als Offizier vom Hofhalt meinen gerechten Anteil hatte. Von euch aber war es sündhaft, an fremdem, zudem geheiligtem Gute euch zu vergreifen!«

»Meiner Sixen!« rief Hereward, »wenn man vor Durst vergeht, ist Trinken doch keine Sünde!« – »Tröste Dich, Freund! Denn Majestät erblickt in diesem vorwitzigen Trunke keinen Eingriff in seine geheiligten Vorrechte; er schalt sogar den Protospatharius ob seiner Anzeige.« – ,»Dafür möge Gott ihn segnen!« rief Hereward. – »Recht so! aber Du wirst es weiter billigen, daß ich nun zur Antwort auf seine häßliche Offensive dem Protospatharius die Räubereien vorhielt, die am goldenen Tore und an anderen Stadttoren von seinen Stadtwachen verübt worden, z. B. den Mord eines Juweliers, der erstochen und beraubt wurde, obgleich die Ware, die er herbrachte, dem Patriarchen gehörte.«

»So? und wie nahm Alexi-- ich wollte sagen, unser erhabener Kaiser, die böse Kunde auf?« – »Der Kaiser ist ein Mann der feinen Politik,« entgegnete der Kommandant, »und wollte, ehe er gegen, die bösen Subjekte von Stadtwächtern vorginge, erst faktische Beweise in Händen haben; und Du solltest sie beibringen!« – »Wär' auch geschehen, hättet Ihr mich nicht von der Jagd zurückgerufen, die ich auf den Schnapphahn unternommen hatte, der Sehnsucht nach meinem glitzernden Harnisch hatte; es wird also wohlgetan sein, kaiserliche Majestät von diesem Vorfall Kenntnis zu geben?« – »Mit nichten, mein Kämpe,« entgegnete der Kommandant; »ich hätte den Wicht vielmehr, wenn er mir durch Dich in die Hände geraten wäre, auf der Stelle freigeben müssen; und anjetzt befehle ich Dir, dieses Abenteuer ganz aus Deinem Gedächtnisse zu streichen.« – »Das wäre nun freilich eine Politik, so wechselvoll, daß ich mir keinen Vers draus zu machen wüßte!« – »Glaub's Dir, mein Hereward; indessen laß Dir sagen, daß Nikanor vom Patriarchen bestimmt wurde, sich mit mir auszusöhnen, weil unser Einvernehmen wichtig sei für die Wohlfahrt des Staates. Und ein derartiges Patriarchenwort darf man weder als Christ noch als Soldat ignorieren. Auch kaiserliche Majestät halten dafür, daß es geraten sei, den Zwist auf solche Weise beizulegen.« – »Und der uns Warägern angetane Schimpf« – »Soll durch Abbitte und Buße abgewaschen werden, auch ein entsprechendes Geldgeschenk soll unter euch Träger der Streitaxt abgeführt werden. Die Verteilung, Hereward, wird in Deine Hände gelegt werden; gehst Du mit Klugheit zu Werke, so wirst Du Deine Axt mit Gold überziehen können!« – »Mir ist sie so am liebsten, wie sie ist!« entgegnete Hereward; »denn so trug sie der Vater in der Hastings-Schlacht! Auch soll mir Stahl, statt Goldes, Geld bleiben!« – »Handle nach Deinem Belieben, Hereward,« sagte Achilles Tatius; »bloß hast Du es dann Dir selbst zuzuschreiben, wenn Du ein armer Schlucker bleibst!«

Kommandant und Waräger waren inzwischen zu einem kleinen Pförtchen in der Umfassungsmauer gelangt, durch welches sie in die Stadt hineinschlüpfen konnten. Hier blieb der Kommandant stehen, um wie ein frommer Pilger, der eine Kapelle von besonderer Heiligkeit zu betreten vorhat, sich ehrfurchtsvoll zu bekreuzen.

Drittes Kapitel

Nach wenigen Schritten gelangten sie zu dem Vorbau eines mächtigen Palastes. Ehe aber Achilles Tatius den Fuß weitersetzte, erging er sich wieder in allerhand Zeremonien, die der unerfahrene Waräger, der erst vor kurzem in den Garnisonsdienst getreten war, steif und linkisch nachäffte, und die auf der Eigentümlichkeit der Griechen fußten, nicht bloß der Person ihres Kaisers, sondern auch allen Dingen, die mit ihm in Zusammenhang standen, eine bis ins kleinste geregelte Ehrfurcht zu bezeigen. Als er sich dieser in seinen Augen frommen Pflicht erledigt hatte, schlug Achilles Tatius dreimal wider die Tür in gemessener, aber vernehmlicher Weise, wobei er seinem Begleiter zuflüsterte: »Wir treten ein! Nun tu, bei Deinem Leben, was Du mich tun siehst!« Nun machte er, einen Satz rückwärts und blieb, mit vorgeneigtem Kopfe und die Hand vor die Augen haltend, wie wenn er eines plötzlichen Lichtstroms gewärtig sei, stehen und harrte der Antwort auf sein Klopfen. Nach einer Weile öffnete sich die Pforte, aber statt eines den Harrenden die Augen blendenden, Lichtstromes erschienen, mit hochgehaltenen Streitäxten, gleich als wollten sie die Eindringlinge ob solches freventlichen Eingriffes in ihre Ruhe auf der Stelle niederschmettern, vier Waräger. Der Kommandant sprach als Parole das Wort: »Akoluthos«, und die Waräger murmelten, die Waffen senkend, die Erwiderung der Parole: »Tatius und Akoluthos«.