Wahrend Achilles den stattlichen Helmbusch als Zeichen seiner Würde emporhob daß jeglicher Waräger ihn sehen konnte, verhielt sich Hereward zur Verwunderung seines Vorgesetzten, der Szene gegenüber äußerst gleichmütig; aber einen andern Grund dafür zu finden als brutale Empfindungslosigkeit, war dem Schranzenverstande des Kommandanten nicht möglich. Die Wache trat zu Seiten des Tores ab, und Achilles trat mit seinem Begleiter auf das über den Stadtgraben führende Laufbrett. »Die Brücke der Gefahren ist's,« flüsterte Achilles, »über die Du den Fuß setzest; es geht die Rede, daß nicht jeder heil hinüber gelangt, sondern so mancher, der zu der geheiligten Person kaiserlicher Majestät in Beziehungen gestanden, als Leiche im Goldenen Horn, dem Hafen der Kaiserstadt, wohin der Graben sich ergießt, gefunden worden sei.« – »Ich hätte nicht für möglich gehalten,« erwiderte der Sohn der nordischen Inseln, »daß Alexius Komnenos ...« – »Still, Verwegener!« rief Achilles, »wer das Echo dieses Gewölbes weckt, verfällt immer schwerer Strafe; der Tod aber winkt dem, der solches tut durch verletzende Reden gegen die geheiligte Person kaiserlicher Majestät. Es ist ein Unglück für mich, daß ich einen Menschen in diese geheiligten Räume führen muß, der von attischem Salze nur so viel besitzt, wie nötig ist, den Leib vor Fäulnis zu bewahren. Was ist Dein Verdienst, Hereward, anders, als daß Du im heiligen Kriege des hohen Herrschers ein paar Ungläubigen das Licht ausgeblasen hast? Und nun widerfährt Dir die unermeßliche Ehre, nicht bloß Zutritt zu erhalten zu dem unverletzlichen Bereiche des Blachernä-Palastes mit seinem Echo, sondern – der Himmel steh' uns bei! – sogar zu kaiserlicher Majestät geheiligtem Ohre selbst!«
»Es wird mir schwer, Hauptmann, den Schall meiner Rede zu dämpfen. Ich will darum lieber mich so lange still verhalten, bis Ihr mir ein Zeichen zum Reden gebt.« – »Recht so, Hereward!« erwiderte der Kommandant; »es gibt Leute hier, sogar welche, die im Purpur geboren, die mit dem Senkblei ihres feinen Urteils Deinen seichten Barbarenverstand erforschen wollen. Begegnest Du anmutigem Lächeln, so erwidere es nicht mit Gewieher, als befändest Du Dich in Gesellschaft von Tisch- oder Zechkameraden!« – Unwirsch erwiderte der Waräger: »Wollt Ihr mir nicht glauben, daß ich mich still verhalten werde, bis Ihr mir ein Zeichen gebt, so will ich lieber Kehrt und der Sache ein rasches Ende machen.« – Achilles aber mochte fühlen, daß er dem Waräger nicht allzu scharf zusetzen dürfe, und so gab er ihm auf seine derbe Rede eine auffällig milde Antwort; aber Hereward hatte, was Kraft und Heldenmut anlangt, selbst unter den Warägern seinesgleichen nicht, und diese Eigenschaften überwogen in den Augen auch dieses Kommandanten alle Vorzüge, die einem höfischer besaiteten Soldaten hätten zu eigen sein können. Ueber ein paar Höfe hinweg, die zu dem ausgedehnten Blachernä-Palaste gehörten, führte der hier wohlbekannte Kommandant den Waräger durch eine Seitenpforte in die eigentliche Wachtstube, wo sich Herewards Kameraden mit Brett- und Würfelspiel die Zeit vertrieben und durch einen kräftigen Trunk aus großen Krügen die Kräfte auffrischten. So gern' auch Hereward, der sich in der Gesellschaft seines Kommandanten nichts weniger als behaglich fühlte, sich zu ihnen gesetzt hätte, um über sein Abenteuer mit dem Griechen mit ihnen zu schwatzen und an der amüsanteren Beschäftigung, die ihnen vergönnt war, sich zu beteiligen, so saß ihm doch die militärische Disziplin zu fest im Blute, als daß er sich auch nur einen Moment mit etwas anderm als der Person seines Führers hätte befassen sollen.
Der Weg führte noch durch eine Reihe von Gängen und Gemächern, in die der Kommandant den Fuß nicht anders setzte, als mit der gleichen Ehrfurcht, die ihn bislang erfüllt hatte. Hier aber erblickte der Waräger nicht mehr Kameraden, sondern jene fast durchwegs schwarzen Sklaven, die am griechischen Kaiserhofe, als Nachäffung eines bei orientalischen Despoten herrschenden Brauches, Eingang gefunden hatten und die bald als Wachen auf Gängen und an Türen postiert waren, bald auf Teppichen, allerhand Spiel treibend, herumlagen. Der Kommandant würdigte sie keines Wortes. Ein Blick seines Auges genügte, ihm überall den Weg frei zu machen. Endlich setzten sie den Fuß in eine geräumige Halle, deren Wände aus schwarzem Marmor bestanden. Mach allen Himmelsrichtungen führten von ihr aus Seitengänge; aber von den Oel- und Harzlampen, die sie erhellten, war sie mit einem so dichten Dunst erfüllt, daß sich ihre Gestalt oder Bauart nicht unterscheiden ließ.
»Hier verweile,« flüsterte der Kommandant dem Waräger zu, »bis ich zurückkehre. Laß Dir aber nicht beikommen, den Fuß vom Platze zu setzen!« Hierauf verschwand er durch eines der seitlichen Portale, das sich vor ihm öffnete und hinter ihm schloß. Der Waräger vertrieb sich in dem ihm angewiesenen Raume die Zeit, so gut es ging, und schritt nach dem unteren Ende der Halle zu, wo der von den Lampen verbreitete Dunst weniger stark war als in der Mitte. Er erblickte dort eine kleine, niedrige Eisenpforte, mit einem griechischen Bronzekreuz darüber, und verschiedenerlei Zierat aus dem gleichen Metall in Form von Ketten und dergleichen. Die Tür stand halb offen, und Hereward, da ihm solche Befriedigung menschlicher Neugier nicht verboten worden, steckte den Kopf hindurch und sah hinein. An der Mauer einer schmalen Wendeltreppe, die zu den Tiefen der Hölle zu führen schien, hing ein trübes, rotes Licht, das aber kaum Anspruch auf diesen Namen erheben konnte, da es einem Funken ähnlicher war als einem Lichte. Dem Waräger, mochte auch der ihm geistig überlegene Grieche von seinem Denkvermögen nur eine sehr bescheidene Meinung hegen, wurde es auf der Stelle klar, daß solch finstere Treppe mit solch düster ornamentiertem Eingang nirgends anders hinführen könne, als zu den Kerkern des kaiserlichen Palastes, die sowohl ihrer Menge als ihrer Beschaffenheit nach nicht die geringste Merkwürdigkeit desselben bildeten. Als er die Ohren spitzte, meinte er sogar, Töne wie Seufzer und Stöhnen aus dem Abgrunde herauf dringen zu hören. »Oho!« meinte er bei sich, »Bekanntschaft mit solch unterirdischen Behausungen zu machen, dürfte ich schwerlich verdient haben. Hauptmann Achilles mag ja im Grunde nicht viel besser sein als ein Esel, aber für so untreu, mich unter solch blödem Vorwande in einen Kerker zu locken, möchte ich ihn nicht halten. Sollte es der Fall sein, so will ich ihm doch erst Bekanntschaft mit einer englischen Streitaxt verschaffen. Sehen wir uns vorderhand mal auch das obere Ende der Halle an. Vielleicht hat's eine freundlichere Bedeutung!«
Hier schmückte ein kleiner Altar, an die in den heidnischen Göttertempeln erinnernd, das gleich große – oder vielmehr kleine – Portal, das hier in den anstoßenden Raum führte. Weihrauch wallte in leichten Kräuselwölkchen zu dem Plafond hinauf, sich von da durch die ganze Halle verbreitend und ein seltsames Sinnbild in seinen Qualm hüllend, dessen Zweck und Natur der Waräger nicht begreifen konnte: es stellte zwei menschliche Arme dar, die aus der Wand herauszureichen schienen; die Hände waren ausgespreizt, wie wenn sie den zum Altar tretenden Betern ein Geschenk verabreichen wollten. »Wären die Fauste geballt,« dachte Hereward bei sich, »so ließe sich das Ding wohl noch kapieren. Man könnte meinen, in einer dem Pankration geweihten Boxerhalle zu stecken! Da aber dies dumme Griechenpack die Hände nicht gebraucht, solange die Finger nicht geschlossen sind, so kann ich, beim heiligen Georg, den Sinn des Dinges da nicht fassen!«