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Da trat Achilles Tatius wieder in die Halle. »Folge mir, Hereward! Jetzt gilt's, das Schwerste zu überwinden! Nimm allen Mut zusammen, über den Du verfügst; denn Ehre und Name stehen für Dich auf dem Spiele.« – »Ich fürchte, weder für das eine noch für das andere,« erwiderte Hereward. – »Schrei nicht so!« verwarnte ihn sein Führer; »ich habe Dir doch oft genug gesagt, Du mögest den Schall Deiner Stimme dämpfen. Es wäre auch besser am Platze gewesen, Deine Streitaxt draußen zu lassen.« – »Mit Verlaub, Hauptmann,« erwiderte Hereward, »mein Werkzeug geb' ich nicht aus der Hand. Die Streitaxt ist ein Stück meiner selbst, und ich gehöre nun einmal zu den unbeholfenen Tolpatschen, die immer was in der Hand halten müssen, um nicht aus dem Texte zu kommen.« – »So behalte sie! Aber schwinge sie nicht, und schreie auch nicht wie auf einem Schlachtfelde, sondern denke, daß Du Dich an einem geheiligten Orte befindest, wo jeder Verstoß gegen die gute Sitte zur Lästerung wird!« Durch eine dritte Seitenpforte traten sie in den Vorsaal, und von ihm aus durch ein paar Flügeltüren in eines dem Anschein nach der vornehmsten Gemächer des Palastes, worin sich dem rauhen Waräger ein ebenso neuer wie überraschender Anblick bot. Auf einer schmalen Bank oder einer Art Sofa, – denn dem schönen Geschlecht war es hier durch die Etikette verboten, sich nach der Weise der Damen in Westrom mit dem Rücken anzulehnen – vor sich einen Tisch voll Büchern, Pflanzen, Kräutern und Zeichnungen, saß die geliebte Tochter des Kaisers Alexius, die Prinzessin Anna Komnena, bekannt als Geschichtsschreiberin der Regierung ihres Vaters, saß hier als die Königin eines literarischen Kreises, wie ihn eben nur eine im Purpur geborene Kaiserstochter um sich zu versammeln vermag. Unmittelbar neben ihr, auf einem dem ihrigen völlig gleichen Sitze, nur niedriger, aber ihr so nahe, daß sie keinen Blick von ihm verlieren konnte, hatte ihr schöner Gemahl Nikephoros Briennios seinen Platz, von dem die Rede ging, er ersterbe in Respekt vor der Gelehrsamkeit und Weisheit seiner Ehegemahlin, sei aber nicht ungehalten, wenn er auch mal einen Abend fern von dem Zirkel derselben zubringen könne; und die Begründung für diesen Argwohn wurde in der Meinung gesucht, daß die Prinzessin schwerlich etwas eingebüßt hätte, wenn sie minder gelehrt gewesen wäre.

Zwei andere Ehrensitze waren für das Kaiserpaar bestimmt, das es liebte, den Studien der Tochter anzuwohnen. Dann weidete Kaiserin Irene sich an dem Anblicke einer so vollkommenen Tochter, während Kaiser Alexius mit Behagen der schwülstigen Sprache lauschte, in welcher sie seine Taten pries, oder den philosophischen Gesprächen, die sie mit dem Patriarchen Zosimus und andern gelahrten Herren der Kaiserstadt führte. Während das Kaiserpaar heute den Abend durch seine Anwesenheit verherrlichte, war der Sitz des Prinzessinnen-Gemahls heute leer, und in diesem Mangel an Aufmerksamkeit hatte vielleicht der finstere Zug seinen Grund, der sich auf der Stirn seiner schönen Gemahlin wahrnehmen ließ.

Rechts und links von ihr knieten auf weißen Kissen zwei Hoffräulein, die man für lebendige Bücherpulte hätte ansehen können, denn sie hielten, ohne ein Glied zu rühren, die aufgerollten Pergamente, aus denen die Prinzessin fremde Weisheit schöpfte oder in die sie eigene Weisheit eintrug. Das eine dieser beiden Mädchen, Astarte mit Namen, war eine hervorragende Schönschreiberin, dabei so zahlreicher Sprachen und Alphabete mächtig, daß wenig fehlte, so wäre sie, als es dem Kaiser darum zu tun war, mit dem Khalifen, der weder lesen noch schreiben konnte, Frieden zu schließen, diesem zum Präsent gemacht worden. Die andere Dienerin oder – richtiger gesagt – Sklavin der Prinzessin war Violanta oder, wie sie gemeinhin genannt wurde, Musa, eine Virtuosin der Vokal- und Instrumentalmusik und tatsächlich an Robert Guiscard, den Herzog von Apulien und ewigen Ränkeschmied gegen Ostrom, um ihn dem kaiserlichen Hofe wohlwollend zu stimmen, gesandt, von diesem aber, da er bereits stocktaub und dem Methusalemsalter nahe war, mit dem Bemerken abgewiesen worden, er wisse beim besten Willen mit dem erst zehn Jahre alten Mädchen nichts Gescheites mehr anzufangen, und bitte statt solches ewig plärrenden und klimpernden Wesens um etwas Markigeres, oder besser noch, heller Klingendes, womit er den echten Normannen dokumentierte.

Auf weiteren Sitzen saßen oder ruhten die anderen Personen, welche Zutritt zu dem Hofzirkel gefunden hatten, darunter der greise Patriarch Zosimus, etwa ein halbes Dutzend an Alter und Kleidung verschiedener Hofleute, die um eine Zimmerfontäne herum gruppiert waren, zum Teil standen, um sich in dem erfrischenden Staubregen abzukühlen, zum Teil unterwürfiger knieten; unter den letzteren ein fetter und nach Zynikerart in Lumpen gekleideter Greis, Michael Argelastes, sich dabei aber trotz seiner philosophischen Tracht und Richtung, die ihn anderes hätten lehren müssen, als der peinlichste Beobachter höfischen Zeremoniells erweisend. Aber niemand hielt sich darüber auf, denn an diesem überzeremoniösen Hofe war jedes satirische oder witzige Wort aufs strengste verpönt.

Achilles Tatius trat mit höfischer Geschmeidigkeit in das Gemach, nicht ohne Stolz, einen Mann hier einzuführen, der als der schönste Krieger des kaiserlichen Heeres gelten durfte. Hereward aber stutzte beim Eintritt und zupfte, als er sich in solch edler Gesellschaft sah, an sich herum; sein Kommandant suchte ihn durch ein kaum merkliches Achselzucken zu entschuldigen, gab aber gleichzeitig Hereward einen Wink, den Helm vom Haupte zu nehmen und sich auf die Erde zu werfen; der breithüftige Angelsachse jedoch, dieser Winke nicht achtend, trat einfach vor den Kaiser hin und salutierte, das Knie beugend, an den Helm fassend, die Streitaxt schulternd; worauf er sich gleich einer Schildwache vor dem kaiserlichen Sessel aufpflanzte.

Es verfloß einige Zeit, bis der Kaiser, der in einem Zustande von Halbschlummer oder doch Zerstreutheit durch die Lektüre seiner Tochter über eine Periode aus der Zeit seiner Kämpfe mit Robert Guiscard dem Apulier versetzt worden war, den Waräger bemerkte. Sein Blick glitt von ihm zu Achilles Tatius hinüber. »Ei, unser getreuer Akoluth?« rief er; »sprecht! was soll dieser Mann von der Leibgarde zur Nachtzeit allhier?« – Dies war für die versammelte Gesellschaft von Höflingen der richtige Augenblick, sein Gesicht zu studieren, um das Verhalten danach zu regeln. Aber ehe der Patriarch sich eine Meinung hatte bilden können, die wieder für die übrigen maßgebend gewesen wäre, hatte Achilles durch ein paar Worte Majestät in die Erinnerung gerufen, daß der Waräger zufolge kaiserlichen Sonderbefehles hier erschienen sei. – »Ganz recht! ganz recht!« antwortete gnädig der Kaiser, dessen Stirn sich sogleich aufheiterte, »die Staatsgeschäfte hatten uns den Fall aus dem Sinne gebracht.« Dann wandte er sich mit einem größern Anstrich von Herzlichkeit, als er den Höflingen gegenüber zeigte – denn Monarchen haben zu Leibgardisten immer mehr Zuneigung als zu jenen – zu Hereward, und fragte zum Erstaunen aller: »Ei, wackerer Waräger, wie geht's uns denn?« – Und Hereward erwiderte treuherzig und kräftig, in seiner sächsischen Mundart: »Waes hael, Kaisar mirrig und machtigh!« was so viel hieß wie: »Heil Dir, großer und mächtiger Kaiser! – Waren die anwesenden Höflinge darüber noch mehr in Staunen geraten, so wußten sie sich kaum zu fassen, als der Kaiser zu diesen Worten nicht allein lächelte, sondern in der Sprache seiner Leibwächter mit dem bekannten Gegengruße: »Drink hael!« antwortete.