Ein Page brachte einen silbernen Becher mit Wein. Der Kaiser berührte ihn mit den Lippen, ohne indes davon zu kosten; dann ließ er ihn dem Waräger reichen und befahl ihm, zu trinken. Der ließ sich das nicht zweimal sagen und leerte den Becher bis auf die Nagelprobe. Ein Lächeln durchflog den Kreis ob dieser Heldentat; der Kaiser aber fragte seinen Leibgardisten, ob er den Wein schon kenne. – »O ja,« erwiderte dieser, ohne die Farbe zu ändern, »hab' ich ihn doch bei Laodikaia gekostet!«
Achilles Tatius verfärbte sich ob dieser Antwort des Warägers und bemühte sich umsonst, ihn durch Zeichen zum Schweigen zu bringen; der Waräger aber, dessen Aufmerksamkeit ganz seinem Kaiser gehörte, bemerkte nicht das mindeste, obgleich sich zuletzt auch Zosimus und Nikanor über die Winke des Akoluthen zu amüsieren anfingen. Die Unterhaltung zwischen Kaiser und Waräger nahm infolgedessen ihren Fortgang. »Ei, welcher Schluck hat Dir besser gemundet?« fragte Alexius, »der hier, oder der dort?« – »Hier, o Kaiser, ist die Gesellschaft schmucker und angenehmer als damals die der arabischen Bogner,« erwiderte Hereward, sich mit angeborener Höflichkeit verneigend, »aber es fehlt hier an der Würze, die dem Trunke dort Sonnenbrand und Schlachtenstaub und achtstündiger Kampf verliehen!« – »Auch dürfte wohl,« bemerkte der dicke Agelastes, »der Becher hier kleiner sein als der von Laodikaia war?« – »Fürwahr, das stimmt!« pflichtete der Leibwächter bei, »dort trank ich aus dem Helm!« – »Zeige uns die beiden Becher, Freund,« sagte Agelastes, den Scherz weitertreibend, »denn mir war's fast, als wolltest Du den jetzigen mit hinunterschlucken?« – »Nicht alles schlucke ich hinunter,« erwiderte der Waräger, »doch kommt's drauf an, was von einem Greise herrührt, und was von einem Jungen!»«
Wieder durchflog ein Lächeln den höfischen Kreis, aber es galt nicht dem Waräger, dessen kurze Antwort ihn in Respekt gesetzt hatte, sondern dem Zyniker, der trotz seines Witzes dem andern unterlegen war. Obendrein nahm der Kaiser zu des Warägers Gunsten das Wort: »Nicht zu dem Zwecke bist Du gerufen worden, wackerer Sohn, eitlen Spöttern die Zielscheibe abzugeben!« – Der dicke Agelastes fuhr zurück wie ein betrippter Pudel, und nun mischte auch die Prinzessin, deren Gesicht schon eine Zeitlang Ungeduld gezeigt hatte, sich in das Gespräch. »Beliebt es meinem geliebtesten kaiserlichen Vater,« sprach sie, »den glücklichen Menschen, die Zutritt zu diesem Musenhaine gefunden, die Gründe zu nennen, die Euch veranlaßt haben, diesem Kriegsmanne heute abend einen Platz, weit über seinen Stand erhaben, hier anzuweisen? Erlaubt mir die Bemerkung, daß es sich für uns wohl nicht schicken mag, diese Zeit mit eitlen Späßen zu vertreiben, denn wie jeder Augenblick Eurer Muße, soll auch sie der Wohlfahrt des Reiches geweiht sein.«
»Erlaubet auch mir, mein edler Gemahl, gleich unserer durch Weisheit ausgezeichneten Tochter,« sprach nun Kaiserin Irene, die gleich allen Müttern, die nicht selbst mit Gütern des Geistes gesegnet sind, für fremdes Talent kein Auge hatte, aber dasjenige ihres Lieblingskindes bei jeglichem Anlasse ausposaunte. »Euch vorzuhalten, daß in diesem den Studien Eurer Tochter geweihten Musensitze solch ein Kasernenton, wie er soeben hier laut wurde, um so weniger heute am Platze ist, als uns Euer Ruhm, o Gemahl, aus dem zarten Munde unseres Kindes verkündet wurde, verewigt in einer geschichtlichen Abhandlung, die erhalten bleiben wird bis ans Ende der Welt!«
Dem Kaiser Alexius mochte es bei dieser kleinen Gardinenpredigt seiner erlauchten Gemahlin, die sich gern einmal gegen seine Oberherrlichkeit auflehnte, obwohl sie es sonst bei keinem Sterblichen litt, ein wenig schwül ums Herz geworben sein, denn er antwortete, nachdem er sich durch einen tiefen Seufzer einigermaßen Erleichterung geschaffen hatte, etwas kleinmütig: »Liebes Ehgemahl und sehr edle, purpurgeborene Tochter! Verzeiht die Erinnerung, daß Ihr gestern abend den Wunsch nach einer genauen Beschreibung der Schlacht von Laodikaia aussprachet, und daß zufolgedessen Wir Unsern getreuen Akoluthen beauftragten, denjenigen Waräger aus der seinem Kommando unterstellten Garde auszuwählen und herzuführen, der am befähigtsten sei, über dieses denkwürdige und blutige Ereignis genauen Bericht zu erstatten. Wir vermuteten nun, diesen Waräger vor Uns zu sehen.«
Hier ergriff Achilles Tatius das Wort: »Mit Verlaub, Kaiserliche Hoheit! Die Blume der Waräger, der Barbar der Barbaren steht hier, seiner Abkunft und Bildung nach freilich nicht würdig dazu, aber ein Mann, so tapfer und treu, so ergeben und eifrig, daß ...« – »Laß genug sein, wackerer Akoluth,« sprach der Kaiser, »wenn ich nur weiß, daß er im Kampfe seinen Mann steht, so hat er uns allen nicht wenig voraus, denn wenn wir der Wahrheit treu bleiben wollen, so hat sich das nicht immer von meinem Kommandanten, und wohl auch von mir nicht, sagen lassen. Sprich also kurz, Achilles Tatius, was Du in dieser Hinsicht von Deinem Schützling zu sagen weißt, denn unser teures Ehgespons und purpurgeborene Tochter fangen, wie Du wohl selbst siehst, ungeduldig zu werden an.«
»Hereward,« erklärte Tatius, »ist in der Schlacht ruhiger und gesammelter als mancher andere beim festlichen Reigen; er wiegt ohne Frage vier Eurer besten übrigen Diener, mit Ausnahme Eurer Waräger auf.«
Der Kaiser, runzelte die Stirn. »Akoluth,« sprach er, »durch derartige Ruhmrednerei erhitzest Du die Phantasie dieser Fremdlinge, so daß sie Lust gewinnen, sich über das Gesetz hinwegzusetzen und Händel mit den anderen Söldnern meines Heeres zu suchen.« – »Kaiserliche Majestät gestatten mir hierauf zu erwidern, daß ich es zu keiner Zeit an Ermahnungen zur Festhaltung strammer Disziplin fehlen lasse meinem Warägerkorps gegenüber, und ich darf wohl annehmen, daß der hier anwesende Waräger Verstand und Wahrheitsliebe genug besitzt, mir das zu bezeugen.« Er lenkte den Blick auf Hereward, der durch ein kräftiges Nicken die Rede seines Hauptmanns bekräftigte, worauf dieser, wieder zuversichtlicher als vordem, fortfuhr: »Freilich hätte ich besser gesagt, unser Waräger nehme es mit einem halben Dutzend der schlimmsten und wehrhaftesten Feinde kaiserlicher Majestät auf.« – »Wohl, das klingt auch besser zu Ohren,« erwiderte der Kaiser, »und für Unsere geliebte Tochter, die all Unsere zum Wohle des Reiches vollführten Taten getreulich registriert, wollen Wir hierbei nicht unterlassen, zu bemerken, daß Uns daran liegt, erwähnt zu sehen, daß, wenn auch Unser Schwert in der Scheide nicht rostete, Unser Sinn doch nie nach Blutvergießen gestanden hat.«
»Ich hoffe, das weder vergessen zu haben, noch je zu vergessen, mein edler Vater,« sagte Anna Komnena, wandte sich dann an die Zuhörer und nahm aus den Händen der Dienerin eine Pergamentrolle. Nachdem sie eine Weile darin gelesen, würdigte sie Hereward der folgenden Worte: »Tapferer Barbar! Wie Du aus dem Munde meines kaiserlichen Vaters bereits vernommen, weilst Du hier zu dem Zwecke, Bericht zu erstatten über den Verlauf der blutigen Schlacht bei Laodikaia. Du wirst aus meinem Munde vernehmen, was ich bereits auf grund der Mitteilungen, die mir mein kaiserlicher Vater einerseits, und seine Offiziere, der Befehlshaber der kaiserlichen Armee, Nikanor, und der Kommandant der Waräger, Achilles Tatius, anderseits darüber gemacht hat, niedergeschrieben habe. Da Du im Handgemenge mitgefochten hast, wirst Du Wichtiges zu erzählen wissen über den Verlauf der Ereignisse zur Zeit, als sich die Schlacht zugunsten der kaiserlichen Armee wandte, sowie über die Irrtümer und Mißgriffe, die auf unserer Seite begangen worden sind.«
»Meine Gnädigste,« antwortete ihr der Waräger, »ich werde aufmerksam zuhören; aber es wird mir nie beikommen, Kritik an dem Schriftwerke einer purpurgeborenen Prinzessin oder an dem Verhalten der mir vorgesetzten Heerführer zu üben. Ich könnte höchstens hinsichtlich des unüberwindlichen Protospatharius sagen, daß ich ihn, meines Wissens im Einklänge mit der Pflicht eines Heerführers, nie anders als auf Speerwurfsweite von jedem gefahrdrohenden Platze gesehen habe.«