»Recht zu beklagen, daß solch ein Fürst,« sprach der Kaiser, »sich von dem Fanatismus eines verrückten Einsiedlers, wie dieses Peters von Amiens, befallen läßt!« Eine Weile saß er überlegend da, dann fuhr er fort: »Es wäre wohl wert, zu erwägen, ob sich aus einem Teile der kleinasiatischen Länder, die jetzt von den Türken verwüstet werden, ein großes Reich bilden ließe? Die Moräste von Bouillon möchte es wohl aufwiegen, denn es gehörten ihm allerhand Vorzüge, als da sind: Boden, Klima, gewerbfleißige Bevölkerung und gesunde Luft. Allerdings müßte es von dem heiligen römischen Reiche ins Schlepptau genommen werden, würde aber unter dem Regiment eines Gottfried von Bouillon an der Spitze seiner siegreichen Franken ein Bollwerk abgeben können für Unsere gerechte und geheiligte Person. O, frommer Patriarch, würde solche Aussicht nicht jedem Kreuzfahrer den Appetit nach den steinigen Wüsten des gelobten Landes rauben?« – »Vornehmlich, wenn der Fürst, für den solch reiche Provinz in ein Lehen umgewandelt worden, zuvor zu dem allein wahren Glauben bekehrt worden, wie Kaiserliche Majestät doch sicher meinen!« – »Allerdings – ganz ohne Frage!« versetzte der Kaiser, aber mit recht gezwungenem Ernst, denn es fiel ihm ein, wie oft ihn politische Rücksichten genötigt hatten, nicht bloß lateinische Christen, sondern auch Manichäer und andere Häretiker, ja sogar Muhammedaner als Untertanen seines Reiches aufzunehmen, und daß derselbe Patriarch niemals eine Einrede dawider gemacht hatte.
»Wir müssen also,« nahm Nikephoros wieder das Wort, »wider ein Volk in Waffen treten, dem der Kampf das eigentliche Lebenselement ist, das, wenn es nicht im Kriege steht, sich untereinander zum Zweikampf fordert, wie wir einen Freund zum Wagenrennen fordern.«
»Genug, genug!« wehrte der Kaiser, »hat Gott den Franken Tapferkeit verliehen, die anderen Völkern fast übernatürlich erscheint, so hat er uns Griechen Weisheit im Rate verliehen: die Kunst also, statt durch Gewalt durch Klugheit zu siegen. Wir führen freilich nicht die Armbrust, die in den Händen der Franken eine furchtbare Waffe ist; dagegen sind wir im Besitze des griechischen Feuers, mit Recht so genannt, da nur griechische Hände es bereiten können und nur durch sie seine Blitze auf den bestürzten Feind geschleudert werden können.« Nachdem der Kaiser sich im Kreise umgeblickt hatte, sprach er, ohne sich durch die Blässe auf den Gesichtern seiner Räte beirren zu lassen, in zuversichtlichem Tone fort: »Die schlimme Zeitung, die Unser teurer Schwiegersohn, der Cäsar, Uns gebracht hat, meine würdigen und ernsten Räte, nötigt Uns, die Abendandacht, die wir den Musen schulden, abzukürzen, denn sie stimmt Uns nicht bloß zum Nachdenken, sondern legt Uns auch die Pflicht auf, über Mittel und Wege zu sinnen, wie Wir ihr günstige Seiten abgewinnen können. Darum wollen Wir Uns jetzt verabschieden. Auf Wiedersehen im Staatsrat, meine edlen und getreuen Räte!«
Die Höflinge überboten einander in Wünschen, daß diese fleißigen Studien keine schlimmen Folgen für die Gesundheit haben möchten. Nikephoros reichte seiner schönen Gemahlin den Arm. »Mein Cäsar,« sagte die Dame, »in dem Berichte, den Du uns heute gebracht, hast Du Dich so eleganter Wendungen bedient, daß ich fast meinen möchte, die neun Göttinnen, denen dieser Tempel geweiht ist, haben Dir Sinn und Form eingegeben.« – »Der Genius meiner eigenen Muse,« erwiderte Nikephoros, »birgt alle die Eigenschaften in sich, die den heidnischen Gottheiten des Parnasses von den heidnischen Völkern des Altertums zuerteilt wurden.« – »Vortrefflich gesprochen,« erwiderte die gelehrte Frau; »wenn Du aber Dein Ehgemahl über Verdienst mit Lob beschwerst, so mußt Du schon die Liebenswürdigkeit hinzufügen, ihr Deinen Arm zur Stütze zu lassen.«
Als sich die kaiserliche Familie entfernt hatte, ging die Versammlung auseinander, um jeder für sich andere Gesellschaft aufzusuchen, in der sie sich freier und ungezwungener bewegen konnten als in diesem den Musen geweihten Tempel.
Sechstes Kapitel
Der Kommandant führte den Waräger wieder auf dem gleichen Wege, den sie hergekommen waren, aus dem Palaste ins Freie hinaus, und als der letztere die vielen Türme, Giebel und Mauern hinter sich wußte, fühlte er sich wie von einer Zentnerlast erleichtert und blickte mit wahrer Herzenswonne zu dem tiefblauen griechischen Himmel auf, dessen Sterne in ungewöhnlicher Helligkeit funkelten. Es war ihm zumute, als sei ihm nach langer Kerkerhaft die Freiheit wiedergegeben worden. Er mußte dem übervollen Herzen Luft machen und redete sogar, im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit, seinen Vorgesetzten an:
»Tapferer Hauptmann, die Luft in den Mauern, die wir glücklich hinter uns haben, mag ja süß sein, wirkt aber erstickend; man meint mehr, in einer Totengruft sich zu befinden als in einer menschlichen Wohnung.« – »Freue Dich,« erwiderte Tatius, »wenn Wohlgerüche, die, statt Tod zu säen, Tote lebendig machen könnten, den stumpfen Sinn in Dir ersticken, statt aufzufrischen. Aber das muß Dir der Neid lassen, daß Du, als Barbar, der im beschränkten Kreise eines Wilden das Licht der Welt erblickt hat, heute eine Probe gut bestanden hast, der kein anderer aus meiner erlesenen Schar gewachsen gewesen wäre. Ich schließe hieraus, daß die Natur Dich zu Höherem bestimmt hat. Aber sprich: ist Dir nicht auch brühwarm der Lohn dafür zuteil geworden?« – »Ich will das nicht in Abrede stellen,« erwiderte der Waräger, »die Freude, davon, daß Normannen hierher unterwegs sind, vierundzwanzig Stunden früher als meine anderen Kameraden Kenntnis erhalten zu haben, ist für das bißchen Ungemach, aus Frauenmunde über Dinge einen Vortrag mit anzuhören, von denen sie keinen Dunst hat, und Männer, die auch nichts dabei zu tun gehabt, dazu katzbuckeln und scherwenzeln zu sehen, immerhin, wenn auch keine große, so doch eben eine Entschädigung.« – »Hereward! Hereward! mich will bedünken, der Verstand gehe mit Dir durch,« ereiferte sich der Kommandant, »ich glaube, es wäre gut, Dich einem erprobten Manne unterzustellen, der Dir die Zügel ein wenig stramm hält. Merke Dir, daß zu viel Kühnheit zu Tollkühnheit führt! Und wenn es Dich eitel machen sollte, daß Du einer im Purpur geborenen Prinzessin, die meine Augen kaum anders als hinterm Schleier zu sehen gewohnt sind, frei ins Auge hast blicken dürfen, dann bist Du, fürwahr! von Tollheit nicht fern!« – »Meinetwegen!« versetzte Hereward; »aber sagt mir doch, wozu mögen schöne Larven denn auf der Welt sein, wenn man sie nicht ansehen soll? Und wozu mag unser Herrgott den jungen Männern die Augen in den Kopf gesetzt haben, wenn nicht zum Sehen?« – »Immerhin möchte ich meinen, daß Du der Prinzessin eher keck als züchtig, in die Augen geblickt hättest!« – »Bester Hauptmann, oder, wenn Ihr es lieber hört, bester, Akoluth,« erwiderte der Angelsachse, »treibt einen Menschen, der gewohnt ist, zu reden, wie es ihm ums Herz ist, nicht aufs äußerste, wenn er weiter nichts will, als sich der Familie seines Kaisers dienstwillig erweisen. Kann ich es ändern, wenn die Kaisertochter und Cäsarsgemahlin so recht aussieht wie ein schmuckes, liebes Weibchen? Wenn ich auch keine hohe Meinung von ihrer schreibseligen Ader hege, so würde ich mich doch keinen Augenblick besinnen, jeden, der sich über ihre Frauenschönheit abfällig äußern wollte, in die Schranken zu fordern. Ich will ohne weiteres zugeben, daß es noch schönere Damen gibt als die Prinzessin Anna Komnena; und zwar um so bereitwilliger lasse ich's gelten, als ich selbst schon eine Dame gesehen habe, die mir weit schöner als sie zu sein bedünkt. Somit können wir wohl, meiner Meinung nach, die Unterredung als abgeschlossen betrachten?«