Die fünf hohen Räte neigten das Haupt und riefen: »Lang lebe der Kaiser!« worauf Alexius ihnen nochmals einschärfte, die von ihm gegebenen Direktiven streng einzuhalten, und mit den Worten schloß: »Den Befehl über die Schar der Unsterblichen, die in der Hauptstadt verbleibt und zu der sich Unsere Warägergarde zu gesellen hat, übernehmen Wir selbst, um an ihrer Spitze die Ankunft dieser Kreuzfahrer zu erwarten. Wir werden, solange es angeht, jedem Kampfe aus dem Wege gehen und nur im schlimmsten Falle Uns auf einen solchen einlassen, indessen immer bereit bleiben, Uns demjenigen zu fügen, was der allmächtige Herr der Schöpfung über Uns verhängen wird.«
Hierauf ging der Staatsrat auseinander. Die verschiedenen Kronbeamten begaben sich nach ihren verschiedenen Abteilungen oder Aemtern, und nun konnte man den Charakter des Griechenvolkes in seiner vollen Eigentümlichkeit kennen lernen, denn ihre laute, großsprecherische Art, Geschäfte zu verrichten, konnte – worauf es dem Kaiser in erster Reihe ankam, nicht verfehlen, von der Größe und dem Reichtum des oströmischen Reiches eine günstige Meinung zu erwecken; daß sie nebenbei – auch entsprechend ihrem Charakter – nicht unterließen, bei allem, was mit Geld im Zusammenhange stand, tüchtig in die eigene Tasche zu arbeiten, wollen wir jedoch hier ebensowenig verschweigen.
Die Nachricht von dem Herannahen des gewaltigen Völkerheeres und seiner Absicht, nach Palästina zu ziehen, verbreitete sich nun mit wachsender Eile in der Hauptstadt. Wie immer bei solchen Anlässen, mischte sich Wahrheit und Dichtung. Manche wollten wissen, Zweck des fränkischen Zuges sei die Eroberung Arabiens und die Zerstörung des Prophetengrabes; andere behaupteten, daß für die Franken, doch Konstantinopel das nächstliegende Plünderungsobjekt sei; noch andere behaupteten, der griechische Patriarch solle gezwungen werden, sich der päpstlichen Oberhoheit zu unterwerfen, die Form des lateinischen Kreuzes anzunehmen und das Kirchenschisma fallen zu lassen. Für die Warägergarde sorgte Hereward noch für eine besondere Freude durch die Nachricht, daß ein normannisches Heer unter dem Sohne des berühmten Wilhelm des Eroberers, Herzog Roberts, im Anrücken sei, und, wie sich nicht anders erwarten ließe, mit besonders feindlicher Absicht gegen die Waräger, die sie sogar bis hierher zu verfolgen trachteten, getrieben von dem unausrottbaren Hasse wider alles, was angelsächsisch ist und von angelsächsischem Blute stammt. Alle Waräger verschwuren sich nun, das Blutbad von Hastings, wo ihr König Harald dem Normannen Wilhelm unterlag, mit der Schärfe ihrer Streitäxte an den normannischen Teilnehmern des Kreuzzuges zu rächen, und sie setzten Hereward vom frühen Morgen bis zur späten Nacht mit Fragen und Vermutungen so zu, daß er es bald bereute, sie mit dieser Neuigkeit versorgt zu haben. Gegen Mittag kam dann aus dem Munde des Kommandanten Achilles Tatius die weitere Kunde, daß die Waräger zusammen mit den Scharen der Unsterblichen unter den Wällen der Stadt ein Lager zu beziehen hätten, um zur Verteidigung derselben sofort bereit zu sein. Das lenkte die Waräger auf andere Dinge, denn sie erwarteten nun alsbald den Ausbruch von ernsten Feindseligkeiten und wußten sich vor Jubel darüber nicht zu fassen. Hereward aber, von dem Wunsche nach Einsamkeit erfüllt, begab sich, ohne sich von jemand aufgehalten zu sehen, aber von vielen Blicken verfolgt, weil überall die Meinung bestand, daß er weit mehr noch über die großen Tagesneuigkeiten wissen müsse, seit er Zutritt zu dem Kaiser in dessen Privatgemächern gehabt habe – aus den lichteren Baumreihen in die dunkleren, von den schmäleren zu den breiteren Terrassen; aber die Empfindung, doch nicht allein zu sein, wollte nicht von ihm weichen. Es währte auch nicht lange, so sah er einen schwarzen Sklaven hinter sich her schleichen; zwar verlor er ihn auf Minuten aus dem Gesichte, aber immer tauchte er in gewissem Abstande wieder hinter ihm auf. Endlich wurde es dem Waräger unangenehm, sich so verfolgt zu sehen: er drehte sich rasch um, trat dem Neger an einem einsamen Orte gegenüber und fragte ihn, was ihm einfiele, hinter ihm her zu schleichen, und ob er es auf jemands Befehl oder aus eigenem Willen tue?
Der Neger erwiderte in einem dem Waräger kaum verständlichen Kauderwelsch, daß er Befehl habe, zu beobachten, wohin der Waräger sich begebe. – »Von wem Befehl?« rief der Waräger. – »Von meinem Herrn und von dem Euren,« sagte der Neger. – »Ungläubiger Hund!« rief der Waräger, »hätten etwa wir schon zusammen Kameradschaft gehalten? Wen also wagst Du meinen und Deinen Herrn zu nennen?« – »Einen, welcher Herr über die Welt ist, da er seinen Leidenschaften Zügel anzulegen weiß,« erwiderte der Neger.
»Laß Dir nicht beikommen, mich mit dergleichen Weisheitsbrocken abzuspeisen,« rief der Waräger, »es könnte Dir sonst klar werden, daß mir die Fähigkeit zum Schaden anderer abgeht, meine Leidenschaften zu beherrschen. Also: was willst Du von mir? und weshalb schleichst Du mir nach?« – »Ich habe es doch schon einmal gesagt: auf Befehl meines Herrn!« – »Wer ist Dein Herr?« – »Das muß er Dir selbst sagen; denn darüber, wie auch über die Absicht, die er mit Dir verfolgt, hat der arme Sklave kein Recht, zu schwatzen.« – »Er hat Dir aber die Zunge zum Schwatzen gelassen!« rief der Waräger, indem er drohend die Axt hob; »sperr' Dich nicht länger, oder ich lehr' Dich auf andere Weise, mir zu sagen, was Du Dich zu sagen weigerst!« – »Schlagt Ihr den armen Sklaven nieder, so entzieht Ihr Euch auch die Möglichkeit, von seinem Herrn zu hören, was er von Euch will; denn wie sollt Ihr dann erfahren, wer der Herr ist? Noch ein paar Schritte, und Ihr werdet dem gegenüberstehen, der mich schickt; wozu wollt Ihr Eure Ehre besudeln, indem Ihr einen Wehrlosen erschlagt?« – »So geh' weiter voran! aber glaube mir, daß ich mich mit Worten nicht narren lasse! Zeig' mir den frechen Wicht, der sich herausnimmt, mir Spione an die Fersen zu heften!«