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Mit einem Scheelblick, der trefflich zu dem Gesicht voll Bosheit und Tücke paßte, ging der Neger weiter, während der Waräger argwöhnisch folgte; unterwegs sah sich der Neger wiederholt um, und mit so scharfem, durchbohrendem Blicke, daß Hereward wiederholt meinte, es möge klüger für ihn sein, nicht weiter zu folgen; und je näher sie dem Ziele kamen, desto öfter kam dem Waräger diese Meinung.

Der Weg ging von der Terrasse nach dem Meeresufer zu, an eine Stelle, die mehr im Hintergrunde des Goldenen Hornes lag und mit Getrümmer augenscheinlich sehr hohen Alters bedeckt war. Während die Pflanzenwelt sonst überall üppig wucherte, standen hier nur einige spärliche Zypressen. Was von den Trümmern noch zu unterscheiden war, ließ einen von dem griechischen stark abweichenden Stil erkennen, aber zu bestimmen, was für ein Stil es sei, war nicht möglich, dazu war selbst der Portikus, als den man den einen Haufen hätte ansprechen können, nicht mehr erhalten genug; bloß die auf den Kolossalstatuen befindlichen Zeichen, die aber auch fast nicht mehr zu erkennen waren, standen bei den Bewohnern Konstantinopels in dem Ansehen ägyptischer Hieroglyphen, und hieraus hatte sich die Sage gebildet, daß die Trümmer von einem uralten Kybele-Tempel herrührten, der zu einer Zeit gebaut worden sei, als Konstantinopel noch den Namen Byzanz geführt habe, daß also vor Jahrhunderten, wie in allen Kybele-Tempeln, auch hier die schändlichsten Genüsse ihren Kultus gehabt hätten. Als das Christentum zur Staatsreligion durch Konstantin den Großen erhoben worden, sei der Tempel niedergerissen und zerstört, die Stätte, wo er gestanden, als unheilig erklärt und verflucht worden.

Dem Waräger war der üble Ruf dieser Oertlichkeit nicht fremd, und als der Neger sich anschickte, in das alte Getrümmer zu dringen, blieb Hereward stehen und erklärte, keinen Fuß weiter setzen zu wollen, ehe ihm nicht gesagt worden sei, wer und was ihn hier erwarte. Der Neger aber, ohne mit einem Worte zu erwidern, trat beiseite, wie wenn er dem Waräger Platz machen wollte, und am Ende eines halbversteckten, kaum sichtbaren Pfades, vor einer halbverfallenen Nische, erblickte er, auf einer Grasnarbe sich sonnend, – den Philosophen Agelastes.

Achtes Kapitel

Als er Herewards ansichtig wurde, sprang der wohlbeleibte Greis rascher, als es sich von ihm hätte vermuten lassen, vom Boden auf. »Willkommen, o tapferer Waräger,« rief er ihm entgegen, »gleichviel, welche Ursache Dich hierher geführt haben mag!« – »Mich hat ein Neger hergeführt,« erwiderte Hereward, »der mir vorredete, es sei Euer Begehr, mich zu sehen. Wohl habe ich gemerkt, daß der schwarze Musje etwas vom Spötter an sich hat. Sollte er mich belogen haben, so bleibt mir nur übrig, mich in schicklicher Weise bei Euch zu entschuldigen, daß ich Euch in Eurer Einsamkeit gestört habe, und mir zu überlegen, ob ich dem verlogenen Burschen die Schläge, die er dann verdiente, schenken werde oder nicht.« – »Mein Neger Diogenes hat, wie Ihr bemerkt habt, seine Schrullen; aber er hat auch andere Eigenschaften, die ihn Leuten von anderer Farbe und mit schöneren Zügen ebenbürtig machen.« – »Was aber könnte Eure Weisheit mit mir zu reden haben?« – »Als Beobachter der Natur,« erwiderte der Philosoph, »werden mir Dinge, die bloß eine künstliche Außenseite haben, leicht überdrüssig, so daß ich mich zuweilen nach echter Natur sehne.« – »In mir seht Ihr aber schwerlich viel Natur,« versetzte Hereward, »denn bei uns Soldaten ist doch alles Drill! Lager, Hauptmann, Rüstung bilden bei uns den Geist und die Glieder, gleichwie den Seekrebs die Schale. Seht Euch einen von uns an, und Ihr seht alle!« – »Daran sei mir doch Zweifel erlaubt,« erwiderte Agelastes, »denn ich bin der Meinung, daß in Waltheoffs Sohne mit Namen Hereward ein außerordentlicher Mensch steckt, obwohl er in seiner Bescheidenheit seinen Wert selbst nicht kennt.«

»Waltheoffs Sohn?« rief der Waräger betroffen; »Ihr kennt den Namen meines Vaters?« – »Sei nicht darüber verwundert!« antwortete der Philosoph; »viel Mühe hat's mich nicht gekostet. Hoffentlich kostet es mich nicht größere Mühe, Dich von der Aufrichtigkeit meiner Freundschaft zu überzeugen.« – »Daß ein Mann von Eurem Range und Eurer Weisheit es der Mühe für wert hält, sich unter der Warägergarde nach dem Vatersnamen eines ihrer Unteroffiziere zu erkundigen,« sagte Hereward, »ist für die Garde unstreitig höchst schmeichelhaft. Mein Kommandant, der Akoluth, dürfte sich solche Mühe kaum machen mögen.« – »Meines Wissens habt Ihr einen sehr hohen Herrn kennen gelernt,« versetzte Agelastes, »der nicht minder die Eigenschaft besitzt, sich um die Namen seiner Jagdhunde mehr zu bekümmern als um die seiner Soldaten; ja, dem es wohl am liebsten wäre, er könnte sie wie diese durch einen Pfiff an seine Seite rufen.« – »Solche Reden möchte ich mir verbeten haben,« sagte der Waräger. – »Es lag nicht in meiner Absicht,« bemerkte hierauf der Philosoph, »Dich zu kränken, noch weniger, Dir die gute Meinung, die Du von jener Person gewonnen, zu schmälern. Immerhin befremdet es mich, bei jemand, der solche vortrefflichen Eigenschaften hat wie Du, solche Meinung zu finden.« – »Lassen wir dieses Thema,« sagte der Waräger, »so wunderlich es mir vorkommt, solche Reden aus dem Munde eines Mannes von Eurer Art zu hören, so möchte ich doch darauf erwidern, daß sowohl Schmeichel- wie Scheltworte bei mir verloren sind.« – »Gerade um dieser Charakterfestigkeit wegen bitte ich um Eure Freundschaft, bitte darum wie ein Bettler, und Ihr weigert sie mir wie ein Grobian.« – »Verzeiht, wenn jetzt ich Zweifel hege,« versetzte Hereward; »ich wüßte zum wenigsten nicht, von wem Ihr über meine Eigenschaften Kenntnis erhalten haben solltet, und zusammengetroffen sind wir doch meines Wissens erst einmal in unserem Leben, und daß ich Euch nichts bei dieser Gelegenheit über mich gesagt habe, dürftet selbst Ihr nicht abstreiten wollen.« – »Ihr seid im Irrtum, Sohn,« sagte Agelastes, »wenn Ihr mich für einen Mann haltet, der sich wegen Lappalien mit Euch befaßt. Sieh, wenn ich das zertrümmerte Anubis-Bild berühre, vermag ich den Geist, der hier lange orakelte, erscheinen zu lassen, vermag ich dem Steine da sein altes Leben wiederzugeben. Uns Eingeweihten gibt eben, wenn wir auf diese zertrümmerten Gewölbe stampfen, das Echo Antwort. Drum sollt Ihr Euch aber nicht der Meinung hingeben, daß ich mich um Eure Freundschaft bewerbe bloß in der Absicht, auf diese Weise zu Auskünften über Euch oder andere zu gelangen.« – »Merkwürdige Worte,« versetzte der Angelsachse; »doch sollen, wie mir mein Großvater Kenelm sagte, die gleißnerischen Worte der heidnischen Philosophie dem Christentum von größerem Schaden sein als die Drohungen heidnischer Tyrannen.« – »Euer Großvater Kenelm ist durch einen edlen Mönch vom Wodansglauben zum Christenglauben bekehrt und in der Kapelle des heiligen Augustinus beigesetzt worden.« – »So kanntet Ihr ihn?« – »Ja. Ob von Angesicht zu Angesicht oder in geistiger Hinsicht, tut ja nichts zur Sache.« – »Nun, er ist tot, aber eben darum sind mir seine Worte um so heiliger. Er hat mich vor Irrlehren falscher Propheten schon gewarnt, als ich noch nicht recht in den Sinn seiner Worte einzudringen fähig war.« – »Dein Großvater, Hereward, war ein braver Mensch, aber beschränkt wie wohl alle Priester; und wie sie, hätte auch er am liebsten die Betrachtung der überirdischen Welt auf unser sittliches Betragen in dieser und auf unsere Seligkeit in jener Welt beschränkt gesehen. Nichtsdestoweniger besitzt der Mensch, sofern es ihm nicht an Mut und Weisheit gebricht, die Freiheit, Umgang zu pflegen mit höheren Wesen, die über die dem Menschen gezogenen Schranken, wie die Rede heißt, lächeln und Hindernisse, die dem Laien als unüberwindlich erscheinen, durch ihre übersinnliche Kraft bezwingen.«