»Das sind doch aber läppische Dinge, die der Mann belächelt,« sagte Hereward. – »Nicht doch,« versetzte Agelastes, »es liegt jedem Menschen der Wunsch im Grunde seines Herzens, Umgang zu pflegen mit mächtigeren Wesen, die über uns sind und uns nur übernatürlich erscheinen; ich brauche ja, zum Beweise dafür, daß ich die Wahrheit spreche, bloß an Dein eigenes Herz zu appellieren! Beschäftigen sich Deine Gedanken nicht eben jetzt mit einem Wesen, das, wenn nicht längst gestorben, so doch längst von Dir getrennt wurde? Bestürmen Dich nicht, wenn Du ihren Namen vernimmst, Empfindungen, die Du in Deiner kindlichen Einfalt längst begraben wähntest? Du erschrickst und bist betroffen? Nun, sofern Dir daran liegt, will ich Dir sagen, wie es um diese Bertha steht, deren Andenken Du noch immer in Deinem Busen trägst, trotz aller Mühsale Deines Standes.«
Mit einem gewissen Zittern in der Stimme erwiderte der Waräger, der erst ein paar Minuten lang betroffen den Philosophen angestaunt hatte: »Wer bist Du, Mann, und was willst Du von mir oder mit mir? Auf welchem Wege hast Du Dinge zu Deiner Kenntnis gebracht, die für mich so viel, für andere so wenig wert sind? Nur eines kann ich sagen, daß Du, ob zufällig oder nicht, einen Namen ausgesprochen hast, der mir ins tiefste Herz geschrieben steht, aber ich bin Christ und bin Waräger, und es wird nie geschehen, daß ich Gott oder meinem Kaiser die Treue breche. Du hast gegen letzteren in Deine Rede ein paar sarkastische Worte eingeflochten; das allein erlegt mir die Pflicht auf, hinfort Deinen Umgang zu meiden, sei es im Glück, sei es im Unglück. Ich habe dem Kaiser meinen Diensteid geleistet, und wenn ich auch der Mann nicht bin, ihm nach Höflingsweise kleinliche Ehrfurchtsbeweise zu geben, so soll er doch nie in Verlegenheit kommen, wenn er sich auf Hilfe durch meine Streitaxt angewiesen sieht.« – »Das wird niemand zweifelhaft sein,« versetzte der andere, »aber meines Wissens stehst Du unter dem unmittelbaren Befehle Seiner Ehren des Akoluthen?« – »Der Dienstordnung nach ist er mein Vorgesetzter, hat sich gegen mich immer als ein freundlicher Herr erwiesen und mir oft Erleichterungen zuteil werden lassen, wo ich vielleicht kein Recht gehabt hätte, sie zu erwarten, geschweige zu fordern. Aber er ist Diener meines Fürsten so gut wie ich, und da wir beide einander schließlich durch ein einziges Wort fördern oder schädigen können, ist der Unterschied zwischen uns beiden schließlich so erheblich nicht!« – »Du sprichst mit großer Zuversicht von Deiner Kraft, und das gefällt mir an Dir wahrlich nicht zum wenigsten; gewiß! da Du ihn an Kriegskunst wie auch an Tapferkeit in Schatten stellst, so hast Du auch ein Recht, Dich mit ihm zu messen!« – »Ihr wollt mir da ein Lob zollen, das ich aber nicht gelten lassen kann,« antwortete der Waräger, »der Kaiser wählt seine Offiziere nach Verdienst, das heißt, soweit sie ihm Verdienst zu besitzen scheinen. Nach diesem Maßstabe würde ich ohne Zweifel zurückstehen müssen. Aber, wie schon einmal gesagt, ich habe meinem Kaiser den Diensteid geleistet und lehne jede weitere Auseinandersetzung mit Euch über dieses Thema ab.« – »Komischer Kauz!« sagte Agelastes, »vermögen Dich denn wirklich bloß Dinge zu bewegen, die Dir fremd sind?« – »Ich habe über das, was Du zu mir gesprochen, nachgedacht und muß wohl sagen, daß Du das Mittel gefunden hast, mein Herz in Aufruhr zu setzen; aber das reicht nicht hin bei einem Manne wie mir, auch meine Grundsätze zu erschüttern. Warum soll ich mit Dir über Dinge sprechen, die für Dich nicht wichtig sein können? Man sagt, daß Zauberer und Beschwörer sich zu ihrem schlimmen Werke des Namens unseres Allerhöchsten bedienen, es braucht also nicht zu verwundern, wenn auch der Name des allerreinsten Wesens unter seiner Sonne einmal dazu herhalten soll. Magst Du sonst welchen Zweck mit Deiner Rede verfolgen, sie wird in mein Herz keinen Eingang finden, denn es ist danach beschaffen, nicht bloß den Verführungen der Menschen, sondern auch denen des Teufels zu trotzen.«
Mit diesen Worten drehte der Waräger sich um und verließ die Trümmerstätte, ohne ein weiteres Zeichen der Verabschiedung als ein leichtes Neigen des Kopfes. Der Philosoph war nicht lange allein, denn er wurde in seinem Sinnen durch den plötzlichen Eintritt des Kommandanten der Warägergarde gestört. Bevor derselbe jedoch das Wort nahm, musterte er eine Weile das Gesicht des andern. Als er sich über den Ausdruck desselben klar zu sein schien, fragte er: »Nun, weiser Agelastes, hast Du noch immer Vertrauen zu der von uns jüngst besprochenen Angelegenheit?« – »Gewiß,« erwiderte Agelastes ernst und bestimmt. – »Den Proselyten, dessen Beistand uns denjenigen von tausend feiger Sklaven aufwöge, hast Du aber nicht gewonnen?« – »Nein, es ist mir nicht geglückt!« antwortete der Philosoph. – »Und das zu sagen, schämst Du Dich nicht?« fragte der andere, »Als weisester der jetzt lebenden Weisen Griechenlands? als Mann, der immer behauptet, die der menschlichen Kraft gesetzten Schranken durch Worte, Zeichen, Namen, Amulette und Zaubersegen beseitigen zu können? Schmach über Dich, daß Du von dem Charakter, den Du Dir beilegst, so schlechte Probe ablegst!« – »Wenn sich nicht bestreiten läßt, Achilles Tatius, daß ich beim ersten Anlauf noch nichts gewonnen habe, so läßt sich doch auch anderseits noch nicht sagen, daß ich schon alles verloren hätte! Und wenn wir miteinander noch auf dem Standpunkte de facto von gestern stehen, so steht doch fest, daß ich ihm einen Köder hingehalten habe, der ihm nicht aus den Gedanken kommen wird. Dafür will ich sorgen! Vorderhand wollen wir den sonderbaren Schwärmer nicht aus den Augen, wohl aber aus der Diskussion lassen. Hingegen sage Du mir, wie es um die Reichsangelegenheiten steht. Ist das Heer der Kreuzfahrer noch immer im Anmarsche gegen unsere Stadt? Hofft Alexius nach wie vor, sie durch diplomatische Kniffe zu schwächen, da er sie mit seinen Soldaten nicht zu schlagen vermag?« – »Vor wenigen Stunden ist nähere Kunde darüber eingelaufen,« versetzte der andere, »und zwar durch Bohemund von Antiochien, der mit etwa einem halben Dutzend Reiter verkleidet den Weg zu uns gefunden hat. Es war ein keckes Stück von ihm, da er doch wahrlich oft genug mit Alexius in schlimmer Fehde lag. Aber der Kaiser merkte sofort, daß es dem Antiochier darauf ankam, zu ermitteln, welcher Lohn ihm winke, wenn er sich als Vermittler zwischen dem Kaiser und Gottfried von Bouillon oder auch anderen Heerführern, auf den Weg ihnen entgegen mache.« – »Der Kaiser täte wohl daran, dem Grafen hierzu die Hand zu bieten,« sagte Agelastes. – Achilles fuhr fort: »Bohemund stellte sich, als führte ihn ein bloßer Zufall an den kaiserlichen Hof. Er ist mit einer Gnade und so glanzvoller Höflichkeit aufgenommen worden, wie noch kein Franke vor ihm. Von den alten Fehden fiel zwischen beiden Fürsten kein Wort, auch von der Eroberung Antiochiens nicht, trotzdem der Kaiser sicherlich den Verlust noch immer nicht verschmerzt hat. Die Hoffnung, in diesem schlimmen Augenblicke einen Bundesgenossen in ihm zu gewinnen, erstickte jegliche Regung von Groll in dem kaiserlichen Herzen.« – »Und was sagte Graf Bohemund?« – »Nicht eben viel,« erwiderte Achilles, »bis ihm schließlich, wie mir der Palastsklave Narses berichtet hat, eine bedeutende Summe in Gold behändigt wurde. Der Kaiser versprach ihm einen bedeutenden Länderzuwachs, wenn er sich ihm jetzt als Freund und Genosse erwiese, ja der Kaiser ging so weit, ihm jenes geheime Prunkgemach zu zeigen, worin die kostbarsten Seiden, Juwelen und Gold- und Silberbarren aufgespeichert liegen, und ihm all diese Schätze zu versprechen als Preis für seine Bundesgenossenschaft. Der gierige Franke forderte die sofortige Ueberführung derselben in sein Zelt, und der Kaiser kam auch diesem Ansinnen nach, denn er sieht sich in der schlimmen Zwangslage, den Grafen, dessen Tapferkeit und Ehrgeiz seiner Habsucht gleichwertig ist, nicht aus dem Garne zu lassen.«
»Graf Bohemund wird also so lange auf des Kaisers Seite stehen,« sagte Agelastes, »bis ihm von der andern Seite mehr und Besseres geboten werden wird. Alexius wird sich nicht wenig darauf zugute tun, den angesehenen Fürsten für sich zu gewinnen, wird wohl auch hoffen, mit seiner Hilfe die meisten der Kreuzfahrer zu einem Vasalleneide zu bestimmen, zu dem sich freilich, wenn nicht um dieses Kreuzzuges willen, nicht der geringste Baron unter ihnen verstehen würde, und wenn ihm eine ganze Provinz dafür winken sollte. . Nun, warten wir also noch ein paar Tage, denn dann muß sich ja wohl oder übel entscheiden, was wir zu tun haben, während jedes frühere Vorgehen uns unbedingt verderblich werden müsste.« – »Also treffen wir uns heute abend nicht?« – »Nein,« antwortete der Weise, »es sei denn, wir würden wieder zu der albernen Faxe von geschichtlicher Vorlesung geladen, mit der uns ein albernes Frauenzimmer und verhätscheltes Töchterchen so oft schon gelangweilt hat.«