»Darüber kann ich nicht mehr aussagen, als Sie selbst hier in diesem Schriftstücke hinterlegt hat,« antwortete Protocol; »sie war eine brave und fromme Dame, die vielleicht in ihrem Glauben an den ewigen Gott und seine allwaltende Gerechtigkeit Gründe gefunden, an das Nochvorhandensein des besagten Ellangowan zu glauben.«
»Ich weiß es, was für Gründe sie dazu bestimmt haben,« fiel der Tabakshändler ein: »Jungfer Rebekka, die dort drüben sitzt, hat mir's wohl hundertmal im Leben gesagt, daß eine alte Zigeunerin ihr gesagt hätte, der Harry Bertram sei noch am Leben. Nicht wahr, Jungfer Rebekka, so verhält es sich? Was Sie Ihrer Dame, wozu ich Sie oft animiert und wofür ich Ihnen auch manche halbe Krone geschenkt, ans Herz legen sollten und wollten, das haben Sie freilich vergessen.«
»Daß ich nicht wüßte,« versetzte Rebekka mürrisch und mit einem Gesicht, das deutlich verriet, daß sie keine Lust hatte, sich an etwas erinnern zu lassen, was weder angenehm noch rühmlich für sie war.
Die Trauergesellschaft schickte sich zum Auseinandergehen an; Protocol übertrug der Hausmagd Rebekka die einstweilige Aufsicht über das Haus, das er, wie er sagte, in einigen Tagen zu vermieten denke; der ehrliche Dinmont, der sich auch nicht ganz ohne Hoffnung eingefunden, hatte die Zeit über ziemlich verdrossen im Lehnstuhle der Verstorbenen gesessen, die sicher außer sich geraten wäre, wenn sie mitangesehen, wie er den Plüschüberzug mit seiner Reitpeitsche traktierte, stand jetzt auf und setzte die Trauergesellschaft durch die Worte in Aufregung: »Was soll denn aber aus dem armen Dinge, der Janet Gibson, werden? So lange die Erbschaft noch in Aussicht stand, hat's Verwandtschaft von der Margareth schier geregnet; ich dächte, nun müssen wir zusehen, was für sie zu tun.«
Den Worten wohnte scheinbar eine geheime Wunderkraft inne, denn sie setzte die Beine fast sämtlicher Anwesenden in energische Bewegung, Alles fing an zu rennen und zu flüchten. Mac Casquill murmelte, er habe für Köpfe mehr als genug zu sorgen, und eröffnete diesen »Ausmarsch aus Aegypten.« Der Tabakshändler meinte, Herr Protocol habe ja das Legat auszuzahlen und werde sich um das Mädel schon kümmern; und lief so flink, daß er Mac Casquill fast umrannte.
Protocol rief ihm hinterher, freilich habe er daran gedacht, diese Sorge vorderhand auf sich zu nehmen, es möchte aber alles, was er für sie tue, bloß aus Barmherzigkeit getan gelten. Dinmont aber schüttelte seinen weiten Flausrock, wie ein Neufundlandhund seinen zottigen Pelz, wenn er aus dem Wasser kommt, und rief: »Schockschwerenot, Herr Protocol, sie soll Ihnen nicht zur Last fallen, sofern sie Lust hat, mit auf mein Gut im Hochland zu kommen. Fehlen soll es ihr bei uns an nichts; mit dem feinen Leben wird's freilich vorbei sein, und in Büchern zu lesen, wird's auch nichts geben, auch keine Stickerei oder Weißnähen, wie bei der alten Mamsell, bei der sie so lange gelebt hat. Aber sorgen will ich für alles, und die hundert Pfund sollen Sie ruhig in Verwahrsam behalten, Herr Protocol; ja, ich will sogar noch was dazu legen, wenn sich 'mal ein wackerer Bursche in unserm Tale finden sollte, der eine Hausfrau braucht und ein Auge auf sie wirft. Na, was meinen Sie zu dem Vorschlag, Janet? Aber reiten lernen mußt Du, Kind, denn von Kutschen gibt's noch keine bei uns im Tale; und falls Jungfer Rebekka sich Dir anschließen und Lust haben sollte, ein paar Monate bei uns zu bleiben, so lange Du Dich noch nicht heimisch bei uns fühlst, nun, so sollte es mir bloß recht sein.«
Rebekka knickste höflich und hielt auch die arme Waise dazu an, und als Dinmont zu ihr trat und ihr mit seiner rauhen Herzlichkeit zuredete, das Weinen zu lassen, fuhr der alte Pleydell mit allen fünf Fingern in seine Tabaksdose ... »Das ist Wasser auf meine Mühle,« meinte er zum Obersten – »darüber könnt ich schier Essen und Trinken vergessen – solch ehrliche Haut nach all dem Heuchelpack zu hören, ist Medizin für ein Menschenherz! Na, dafür muß ich ihm auch zum Ruin verhelfen. Ruhe findet er früher doch nicht! Na, Ihr da, aus dem Liddestale! Dandie, Charlie – oder wie Ihr heißt –«
Der Pächter froh, daß man sich mit ihm befaßte, wenn auch nur auf solche Art von oben her, drehte sich um und reichte dem Anwalt, vor dem er großen Respekt hatte, die Hand. »Na, wollt Ihr die Geschichte ruhen lassen?« fragte dieser.
»Nicht doch, lieber Herr Pleydell. Niemand büßt gern was ein, worauf er ein Recht hat, und läßt sich noch obendrein auslachen. Aber da es Ihnen nicht angenehm ist, sich damit zu befassen, – vielleicht auch, weil Sie es mit der Gegenpartei halten, nun, so muß ich mich schon nach einem andern umsehen.«
»Hab ich's nicht gesagt, Herr Oberst,« wandte sich Pleydell schmunzelnd an Mannering, um dann zu Dinmout zu sagen: »Nun, wenn Ihr durchaus nicht anders könnt, als Euch als Narr aufzuspielen, dann muß ich doch zusehen und sorgen, daß Ihr wohlfeil davonkommt und, wenn's angeht, auch als Sieger aus dem Prozesse hervorgeht. Schickt mir also Eure Papiere, und laßt mich weiter sorgen! Warum solltet Ihr schließlich nicht prozessieren? Genau so gut. Mann, wie Eure Altvordern brandschatzten und mordeten.«
»Das dächt ich auch, Herr Pleydell! Recht muß Recht bleiben – und hätte sich das Leben nicht so ganz umgestaltet, dann suchten wir auch keine andern Wege als unsere Altvordern. Heute heißt's: Recht bindet uns und muß uns lösen. Und wer bei uns nicht vor Gericht gestanden, der hat kein rechtes Ansehen.«
»Sehr gut, mein Lieber, sehr gut! Na, für heute Gott befohlen! Schickt mir Eure Papiere, und ich will zusehen, was sich tun läßt ... Bitte, Herr Oberst, wir haben hier nichts mehr zu schaffen.«
»Na,« rief Dinmont, indem er sich vergnügt die Schenkel klopfte – »jetzt ist mir die Hutweide sicher.«
Siebentes Kapitel
Die beiden Männer schieden mit der Abrede, daß Pleydell am nächsten Donnerstage Mannerings Gast sein solle, denn Mannering hatte sich vorgenommen, acht Tage lang in Edinburg zu bleiben. Er verlebte die Zeit aufs angenehmste, denn Pleydell versäumte nicht, ihn mit allen Edinburger Berühmtheiten jener Zeit, David Hume, Adam Smith, Robertson, Ferguson, Home, bekannt zu machen. Am festgesetzten Tage stellte sich Pleydell, ein großer Freund von Tafelfreuden, bei ihm ein; aber mehr noch als durch ausgezeichnete Bewirtung erfreute ihn Sampson durch seine kurzen, ernsten Antworten auf die oft recht verfänglichen Fragen, die ihm Pleydell stellte, und seine gutmütige Einfalt, die selbst dem Obersten manche neue Seite an dem Manne offenbarte,
»Was sie nur bestimmt haben mag, unsere alte Mamsell,« meinte Pleydell im Verlaufe des Tischgesprächs, »der armen Lucy das Erbe vorzuenthalten, um jemand, der schon als Kind für tot und verschwunden gegolten, zu ihrem Erben einzusetzen? Ach, bitte, mein lieber Herr Sampson,« wandte er sich an den Magister, »Sie müssen mir es schon zu gute halten, daß ich dieses Thema berühre – ohne Rücksicht darauf, daß es Ihnen so nahe geht. Ich weiß ja, wie schwer es mir bei Ihrer Vernehmung wurde, auch nur drei zusammenhängende Worte aus Ihnen herauszuzapfen. Erzählen Sie mir noch soviel von Ihren stummen Brahminen, lieber Herr Oberst, gegen unsern Gelehrten hier kommen sie im Punkte der Schweigsamkeit ganz bestimmt nicht auf ... Aber, wie es im Sprichworte heißt: eines Weisen Worte sind kostbar und sollen nicht in den Wind gesprochen sein,«
»Das muß ich Wohl sagen,« versetzte Sampson, indem er sein blaugewürfeltes Taschentuch von den Augen nahm, »das war ein herber Tag! Aber wem der Herr Lasten gibt, dem gibt er auch Kräfte, sie zu tragen,«
Mannering lieh sich von Pleydell die näheren Umstände auseinandersetzen, unter denen der Knabe verschwunden war, und fragte den neuen Freund, als er ihm diesen Wunsch erfüllt hatte, wie er wohl selbst über den Fall dächte.
»Daß Kennedy ermordet worden, daran besteht kein Zweifel,« meinte Pleydell,