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Die Feierlichkeit hatte sich in Ruhe vollzogen bis zum Vorbeiritt Bohemunds von Antiochien. Da vollzog sich ein Auftritt, der bezeichnend war für die abweichende Denkungsart der auf so außerordentliche Weise zusammengeführten Völkerschaften. Mehrere Kolonnen französischer Ritter hatten sich prozessionsweise an dem kaiserlichen Throne vorbeibewegt, sich zum Zeichen der Huldigung auf ein Knie niederlassend und zum Gelöbnis der Vasallentreue die Hände in diejenigen des Kaisers Alexius legend. Nun kam die Reihe an die normannischen Ritter und Edlen, und ihren Zug eröffnete der angesehenste von ihrem Stamme, Bohemund, der Sohn Guiscards von Apulien. Der Kaiser war aufs äußerste besorgt, sich das Wohlwollen dieses mächtigen und gefürchteten Mannes, der als Fürst über Antiochia seinem Reiche am nächsten saß, nicht zu verscherzen, und beschloß, ihm eine besondere Ehre dadurch vor allen versammelten Höflingen, eigenen und fremden Truppen zu erweisen, daß er ihm ein paar Schritte entgegen ging, und zwar nach der Seeseite zu, wo gleich den übrigen auch die antiochenischen Boote zur Abfahrt bereit lagen.

Die Strecke war nicht groß, die der Kaiser zurückzulegen hatte, um Bohemund entgegen zu gehen; immerhin groß genug, ihn einer Kränkung auszusetzen, die von seinen Garden und Untertanen als eine absichtliche Herabsetzung auf das schmerzlichste empfunden wurde. Die Reihe der Huldigung war hinter Bohemund an einen fränkischen Grafen gekommen, der an der Spitze von zehn Reitern im Galopp herangesprengt kam und jäh vor dem leeren Throne absitzen ließ. Es war eine der kräftigsten Gestalten im ganzen Kreuzritterheere, dieser fränkische Graf; sein Gesicht hatte strenge, aber männlich schöne Züge und war von einem dichten, schwarzen Lockenwall umschlossen. Er trug nicht die für das Zeremoniell vorgeschriebene ritterliche Rüstung, sondern nur das gemslederne Unterkleid; aber er kehrte sich so wenig an diesen Verstoß, wie er sich darum kümmerte, daß der Thron vom Kaiser auf einen Moment verlassen worden war um Bohemunds willen. Vielleicht wurmte ihn auch die besondere Ehrung, die gerade diesem Fürsten, im Gegensatze zu dem kaiserlichen Verhalten allen anderen Fürsten gegenüber, erwiesen wurde. Kurz, er wartete keine Minute auf die Rückkehr des Kaisers, gönnte ihm auch nicht die Zeit zur Zurückkunft, sondern warf seinem Pagen die Zügel seines ungeheuren Streitrosses zu und stieg, ohne sich nur nach dem Kaiser mit einem Blicke umzusehen, auf dessen leeren Thron, flegelte sich auf die goldenen Polster und rief sogar den mächtigen Wolfshund zu sich heran, der hinter ihm her im Zuge zu laufen pflegte, ja ließ ihn sich auf die kostbaren Teppiche strecken, die den kaiserlichen Schemel deckten.

Der Kaiser sah mit maßlosem Staunen, als er sich umdrehte, den frechen Thronräuber, den seine Waräger, hätte ihnen nicht Achilles Tatius, unsicher, welches Verhalten dem Kaiser genehm wäre, rasch Einhalt getan, längst für sein Verbrechen mit dem Tode gestraft hätten. Jetzt rief der tolle Patron, wenn auch in einer Mundart, die außer Franzosen von niemand verstanden wurde: »Was für ein grober Wicht ist's denn eigentlich, der wie ein Klotz hier saß, während die Blüte christlicher Ritterschaft unbedeckten Hauptes, obendrein in Anwesenheit dieser landesflüchtigen Waräger, vor ihm stehen mußte?« – Da dröhnte eine tiefe Stimme zur Antwort über den Platz, die gleichsam aus der Erde herauszudringen schien, solch übermenschliche Stärke war ihr zu eigen: »Sofern, es den Normannen gelüstet, mit den Warägern anzubinden, mögen sie sich Mann gegen Mann mit ihnen in den Schranken treffen. Solcher Prahlhanserei wider den Kaiser von Ostrom, der nicht anders als mittels der Streitäxte seiner Leibgarde ihnen antworten wird, bedarf es dazu wahrlich nicht!« Selbst der fränkische Ritter war über diese Zurückweisung seines anmaßenden Verhaltens betroffen; und sicher wäre es dem Kommandanten der Warägergarde nicht länger gelungen, dieselbe in Rand und Band zu halten – da machte Bohemund von Antiochien, um den Kaiser zu entlasten, eilig kehrt, nahm den Ritter beim Arme und nötigte ihn, halb mit Gewalt, halb durch gute Worte, den kaiserlichen Sitz zu räumen.

Der Kaiser war im ersten Augenblicke so außer sich vor Entrüstung, daß er seine Soldaten zu den Waffen rufen wollte, denn er hielt durch diesen Angriff auf sein Ansehen und seine Würde seine ganze Politik dem Kreuzfahrerheere gegenüber für gefährdet, wenn nicht gar über den Haufen gerannt. Als er aber sah, daß auf seiten der Kreuzfahrer alles ruhig blieb, nachdem der fränkische Ritter von Bohemund vom Throne heruntergeführt worden, und daß nichts auf einen tatsächlichen Angriff militärischer Natur hindeutete, änderte er ebenso schnell seinen Entschluß dahin, das Ganze für einen der von den Franken gern geübten groben Späße anzusehen, und verfügte sich gemessenen Schrittes neben seinen Thron, ohne jedoch, um dem fränkischen Ritter nicht Anlaß zur Wiederholung seiner Frechheit zu geben, sogleich auf demselben Platz zu nehmen. »Wer ist der kühne Vasall?« fragte er den ihm zunächst stehenden Grafen Balduin, »der es für angemessen erachtet, seinen Rang solcherweise zu dokumentieren, während er doch in einem Aufzuge erscheint, daß er kaum würdig gewesen wäre, vor meinen Thron zu treten?« – »Kaiserliche Majestät,« antwortete der Graf von Flandern, »es ist einer der tapfersten Ritter im Kreuzheere, trotzdem es der Tapferen darin mehr gibt als Sand am Meere. Ich halte dafür, daß er nicht länger zögern wird, Euch über seinen Rang und Namen selbst zu unterrichten.« Alexius lenkte den Blick auf den Ritter, dessen breites, wohlgeformtes Gesicht frei war von jeglichem Anfluge von Schwärmerei, die auf vorsätzliche Beleidigung hätte schließen lassen, und verschloß sich nicht länger der milderen Auffassung, daß es mit dem ganzen Auftritt, der aller griechischen Sitte so direkt ins Gesicht schlug, auf keinen direkten Schimpf wider ihn und das Kaisertum abgesehen gewesen sei. »Wir wissen nicht,« sprach er zufolgedessen den Fremdling, mit Fassung sowohl als hoher Würde, an, »mit welchem, ob berühmten oder nur bekannten Namen Wir Euch anzusprechen haben, vermuten aber auf Grund der Aeußerungen aus Graf Balduins Munde, daß Wir in Euch einen der tapfersten von jenen tapferen Rittern begrüßen dürfen, die ausgezogen sind, Palästina von dem auf ihm lastenden Joche zu befreien und es unter das Zepter seines Oberherrn zurückzuführen,« – »Meinen Namen,« erwiderte der Ritter, ohne dem Kaiser die durch das Zeremoniell gebotenen Ehren zu erweisen, »kann Euch, sofern Euch daran liegt, ihn zu erfahren, jeder aus diesem Kreuzfahrerheere nennen; es soll nicht immer gut sein, die Namen voreilig auszuposaunen, da auf solche Weise schon mancher Kampf in Ehren vermieden und mancher Tapfere verhindert worden, Denkzettel an solche auszuteilen, die gerechten Anspruch darauf gehabt hätten.« – »Immerhin möchte ich wissen,« versetzte der Kaiser, »ob Euch in dieser übergroßen Menge von Rittern und Reisigen das Recht zusteht, Anspruch auf fürstliche oder königliche Ehren zu erheben?« – »Wie ist das gemeint?« fragte mit finsterer Miene der Franke. – »Still, Herr Graf,« mischte sich Bohemund, der noch neben dem Kaiser verweilte, in die Unterhaltung, »es dürfte wohl im ganzen Heere kein Zweifel darüber walten, daß es für jeden Ritter Gesetz sein muß, dem Kaiser höfliche Rede und Antwort zu stehen. Wen die Faust zum Streit juckt, der wird Heiden genug finden, sich das Jucken zu vertreiben. Der Kaiser begehrt Euren Stand und Namen zu wissen, und Ihr habt meines Wissens nicht die mindeste Ursache, die Antwort darauf zu weigern.« –