»Ob das zu wissen für den Fürsten oder Kaiser, wie Ihr ihn nennt, von Wert oder Belang ist, kann ich nicht ermessen,« erwiderte der Franke, »aber was von mir zu wissen nichts schadet, ist das Folgende: In einer der ungeheuren Waldungen, die mein Geburtsland Frankreich bedecken, steht eine Kapelle, die aussieht, als sei sie vorzeitig baufällig geworden. Ueber dem Altar hängt ein uraltes Bild, das weit und breit im Lande bekannt ist als Unsere liebe Frau von den zerbrochenen Lanzen. Kein Ritter, der auf einer der an der Kapelle vorbeifahrenden Heerstraßen seines Weges kommt, unterläßt es, bevor er seine Andacht verrichtet, dreimal in sein Horn zu stoßen, daß alle Eschen und Eichen im Walde erzittern, und keiner erhebt sich von seiner Andacht, ohne einen andern Ritter bereit zum Kampf zu finden, sobald er das Schwert zu Ehren der Heiligen Frau zu führen Verlangen spürt. Monatelang habe ich an dieser geweihten Stätte das Turnier gehalten, und kein Ritter hat Ursache gehabt, Klage über mein ritterliches Verhalten zu führen, einige ausgenommen, die das Unglück hatten, dabei die Erde zu küssen und den Hals zu brechen.«
»Ich begreife, daß ein Ritter von solchen Gaben und Fähigkeiten, wie Ihr sie zu besitzen das Glück habt,« versetzte der Kaiser, »seinesgleichen selbst unter seinen Landsleuten so leicht nicht findet, geschweige unter Männern, die der Meinung sind, daß es kindischer Verschleuderung eines Geschenkes der Vorsehung gleichbedeutend sei, das Leben in einem müßigen Streite aufs Spiel zu setzen.« – »Meinungen,« erwiderte der Franke verächtlich, »sind selbst im byzantinischen Reiche zollfrei; immerhin müßt Ihr mir die Bemerkung hiergegen erlauben, daß es uns schmähliches Unrecht antun heißt, wenn man meint, es fehle uns bei unseren Kämpfen an Verdruß und Aerger, und es mache uns nicht größere Freude, den Hirsch oder Bären zu jagen.« – »Im Kampf wider die Türken rate ich Euch trotz alledem, immer hübsch in der Nähe Eurer Fahne zu bleiben, wo die besten Heiden kämpfen, also auch die besten Ritter zur Abwehr zur Stelle sein müssen.« – »Mir soll jeder Türke recht sein,« versetzte der Franke, »der nicht höflicher ist als ein Christ, und hoffentlich stoße ich auf sie in der Front sowohl als bei der Fahne, damit ich Ihnen als Feinden der heiligen Jungfrau, aller Heiligen und meiner selbst gehörig zu Leibe rücken kann! Einstweilen habe ich nichts dawider, wenn Ihr Euch wieder dorthin setzt, wo Ihr Euch auch meiner Huldigung zu gewärtigen scheint; indes würdet Ihr mich zu nicht geringem Danke verpflichten durch tunlichste Abkürzung dieser, wie mich bedünkt, recht läppischen Zeremonie.«
Der Kaiser nahm schnell auf seinem Throne Platz und die beiden kräftigen Fäuste des Franken zum Zeichen seiner Huldigung; dann geleitete Graf Balduin den Ritter zu den Schiffen, um, sobald er ihn auf dem Wege an Bord sah, zu dem Kaiser zurückzukehren. .»Wer ist dieser seltsamste aller Ritter Eures großen Heeres?« fragte der Kaiser. – »Robert, Graf von Paris,« antwortete Balduin, »er gilt für einen der tapfersten Kämpfer, die Frankreichs Erde trägt.« – Der Kaiser verweilte noch einige Zeit im Sinnen über den Vorgang, der sich soeben abgespielt hatte; dann winkte er seinem Zeremonienmeister, die Feier abzubrechen; vielleicht beschlich ihn Furcht vor einer Wiederholung der Szene; die Kreuzritter waren nicht verdrießlich, wieder zu den Palästen zurückzukehren, wo sie der Fortsetzung des durch die Huldigung unterbrochenen Gastmahles sich gewärtig halten durften. Die Trompeten gaben das Signal zum Rückzuge. Wider alle Erwartung ereignete sich aber ein neuer Vorfall, mit dem kaum jemand gerechnet haben mochte: als der »Held des Tages«, Graf Robert von Paris, die Trompeten hörte, gab er die Absicht, an Bord zu gehen, auf und ließ sich auch von Rittern, wie Bohemund und Gottfried, nicht davon abbringen; über die drohende Ungnade des Kaisers, mit der man ihn zu allerletzt noch zu schrecken versuchte, lachte er und »scherte sich,« wie er sagte, »den Teufel drum, ob er ihm durch seine Nähe auf ein paar Tage den Appetit verderben werde oder nicht«.
Gottfried von Bouillon, der mit dem Grafen von Toulouse zusammen hinter ihm herschritt, sagte: »Auch einer, der keine fünfhundert Mann mit sich führt, aber für fünftausend reden möchte. Ich möchte darauf schwören, daß er keinen einzigen seiner Mannen kennt, noch weniger sich um ihre Bedürfnisse kümmert. Läuft er nicht einher, wie ein von der Lust zu Unfug erfüllter Schuljunge, der sich vom Schulzwange frei fühlt?« – »Dabei ist's aber ein Eisenfresser, der lieber den ganzen Kreuzzug aufs Spiel setzen, als die Gelegenheit verlieren möchte, sich mit einem Gegner in den Schranken zu messen, sofern es die Ehre Unserer lieben Frau mit den zerbrochenen Lanzen angeht. Wer ist denn der kleine, zierliche Ritter, der ihm zur Seite schreitet?« – »Vermutlich die berühmte Dame, die sein Herz durch ihren Mut in den Schranken zu erringen wußte, die Pilgergestalt ihr zur Seite in dem langen Kleide mag wohl ihre Nichte oder Dienerin sein.« – »Seit Gaita, Robert Guiscards Weib, mit ihrem Gemahl im Kampfe, beim Tanz oder Festmahl sich hervorgetan, im Wetteifer mit ihrem Gemahl, sahen wir noch nie ein gleiches Beispiel wieder.« – »Das aber ist die Weise dieses Ehepaares, sehr edler Ritter,« sprach ein anderer Kreuzritter, der zu ihnen getreten war, »der Himmel sei dem armen Ehemanne gnädig, der unter solche Fuchtel kommt!« – »Ich schlage vor, daß wir dem Paare folgen, damit wir sehen, wo es in der Hauptstadt sein Quartier aufschlägt.«
Zweites Kapitel
Brenhilda, die Gemahlin Roberts von Paris, war eine jener urkräftigen und willensstarken Frauen, die ihre Männer, was zu den Zeiten der Kreuzzüge keine Seltenheit war, nicht bloß auf ihren Heereszügen begleiteten, sondern auch in den Schlachten mitkämpften. Sie hatte von Kind auf von weiblichen Beschäftigungen nichts wissen mögen, und jeder Ritter, der sich um ihre Hand bewarb, wurde mit dem Bescheide abgewiesen, daß sie nur demjenigen ihre Hand reichen werde, der sie im Turniere zu bezwingen vermöchte. Ihr Vater lebte schon lange nicht mehr, und ihre Mutter stand vollständig unter ihrer Herrschaft. Auf ihrer Burg Aspramonte waren schon zahlreiche Ritter erschienen, die den Kampf im Turniere um ihren Besitz gewagt hatten; aber keinem war es gelungen, die von der hohen Dame gestellte Bedingung zu erfüllen; einer nach dem andern war von ihr in den Sand gestreckt worden, denn keiner hatte sich ihr gegenüber getraut, seine volle Stärke einzusetzen, sondern vielmehr in der Meinung, daß es sich mit seiner Ritterehre nicht vertrage, eine Dame aus dem Sattel zu werfen, es vorgezogen, statt den entscheidenden Lanzenstoß zu führen, seitwärts auszubiegen und ihr die Ehre des Sieges zu lassen.
Anders aber wurde es, als Graf Robert von Paris auf der Burg Aspramonte erschien. Sobald er von den Dingen, die sich hier ereignet hatten, unterrichtet worden, kündigte er sich als Ritter an, der den Kampf wagen wolle, aber nur unter der Bedingung, daß es ihm vergönnt sein müsse, im Falle er Sieger bleibe, auf den Kampfpreis zu verzichten. Dadurch fühlte Schön-Brenhilde sich aufs höchste gekränkt, nahm aber die Herausforderung des Grafen an und ritt in die Schranken mit dem festen Vorsatze, sich für diese offenbare Geringschätzung an dem Grafen von Paris zu rächen. Ob sich nun aber durch dessen kränkenden Vorbehalt ihr Nervenapparat nicht in der alten Ruhe mehr befand oder ob es ihr doch eben nicht anders erging, als es den meisten Angehörigen ihres Geschlechtes zu ergehen pflegt: daß nämlich ihr Herz sich gerade demjenigen zuwandte, der sich am wenigsten darum riß oder zu reißen schien, kurz und gut, Graf Robert unterlag ihr nicht, er warf im Gegenteil sie; als er nun aber, nachdem er die Eitelkeit und den Uebermut Brenhildens bestraft hatte, die Burg Aspramonte verlassen wollte, legte sich Brenhildens Mutter ins Mittel und wußte dadurch, daß sie dem Grafen für die Lektion von Herzen dankte, die er ihrer Tochter erteilt hatte, ihn zum längeren Bleiben zu bestimmen. Sonderlich schwer fiel es der alten Dame nicht, denn sie kam einem Herzenswunsche entgegen, dem er nur aus Herrentrotz keine Rechnung tragen mochte. Er gehörte nicht bloß zu den berühmtesten Rittern von Nordfrankreich, sondern führte auch seine Abstammung unmittelbar auf König Karl den Großen zurück. So verweilte der Graf etwa vierzehn Tage auf der Burg Aspramonte, und in der Woche darauf befand er sich mit Dame Brenhilde als ihr Verlobter Bräutigam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges auf der Reise nach der Kapelle zu Unserer lieben Frau von den gebrochenen Lanzen, um sich daselbst kirchlich einsegnen und trauen zu lassen.