Dort lagerten, gemäß dem in dieser Kapelle traditionellen Marienkult, ein paar Ritter, der Gegner harrend, mit denen sie, zu Ehren Unserer lieben Frau, in die Schranken treten wollten, und fühlten sich, als sie das nahende Brautpaar erblickten, lebhaft enttäuscht, weil sie nun fürchteten, noch länger warten zu müssen. Ihr Verdruß wandelte sich aber in große Freude, als ihnen von dem ritterlichen Brautpaare das Erbieten, mit ihnen in die Schranken zu reiten, gestellt wurde. Graf Robert sowohl als Dame Brenhilde betrachteten es als eine günstige Fügung des Schicksals, ihren Ehestand auf eine solche Weise zu eröffnen, denn sie entsprach ja doch völlig ihren Anschauungen und Grundsätzen. Der eine der beiden Ritter, die mit ihnen in die Schranken einritten, wurde mit zerschlagenem Arm, der andere mit verrenktem Schlüsselbein aus der Arena getragen; denn wie immer trug Graf Robert den Sieg davon, desgleichen Dame Brenhilde, die auch keinem andern Gegner als ihrem Gemahl im Turnier unterlegen war.
Die Vermählung änderte in der Lebensweise des Grafen Robert nicht das geringste. Seine Gemahlin war von der gleichen Ruhmbegierde erfüllt wie er, und so entschlossen sie sich, zusammen das Kreuz zu nehmen. Brenhilde stand damals in ihrem sechsundzwanzigsten Lebensjahre und war die schönste Amazone, die man sich vorstellen konnte: ihre Gestalt wies das vollkommenste Ebenmaß auf, ihr edel geformtes Gesicht war zwar durch ihren langen Aufenthalt unter freiem Himmel infolge der vielen Kriegs- und Turnierzüge, die sie mit ihrem Gemahl machte, leicht gebräunt, hatte aber dadurch wohl mehr gewonnen, als verloren.
Sobald Kaiser Alexius Befehl zur Rückkehr nach der Hauptstadt gegeben hatte, berief er seinen Akoluthen Achilles Tatius an seine Seite. Nach einer kurzen, in leisem Tone geführten Unterhaltung verließ derselbe das Gefolge des Kaisers und ließ auf der Heerstraße halten.
Graf Robert hatte sich mit seinen Rossen und seinem Gefolge, ausgenommen einen alten Knecht und eine Dienerin, zu Schiff begeben, weil ihm das Gewühl auf der Straße unausstehlich ward, und ließ sich zu einer Landungsstelle hinfahren, von wo aus er eine Straße gewinnen konnte, die zwar einen großen Umweg machte, dafür aber weit leichter zu passieren war, weil sie so gut wie menschenleer war.
Als sie einige Zeit auf ihr entlang geritten waren, stießen sie auf einen hochbejahrten Greis, der nicht bloß groß von Gestalt, sondern auch wohlbeleibt war und in seiner Hand eine Papyrusrolle trug. Er schien in tiefes Sinnen versunken und sah aus, wie jemand, der es unternommen hat, geistige Spreu aus geistigem Weizen zu sichten.
Es war kein anderer als Agelastes, der das reitende Paar, sobald er seiner ansichtig wurde, freundlich fragte, ob es etwa den Weg verfehlt habe, ob er ihm als Führer dienen oder ihm sonst welche Gefälligkeit erweisen könne, – »Weiser Vater,« erwiderte Graf Robert, »wir kommen aus fremden Landen und gehören dem Kreuzfahrerheere an, das auf dem Zuge nach den heiligen Landen ist, um es aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Graf Robert von Paris und seine Gemahlin Brenhilde sind indessen nicht gewohnt, durch ein Land zu ziehen, ohne dafür zu sorgen, daß es von ihrem Ruhme widerhallt; ihr Sehnen geht danach, ein rühmliches Leben zu führen, und müßten sie es auch um den Preis ihres irdischen Daseins erkaufen!«
»O, da seid Ihr vielleicht gar auf der Suche nach einem Manne, wie ich es bin? Trage ich doch eine Aegis bei mir zum Schutze gegen das, was ich ohne sie fürchten müßte: aber Greisenalter mit all seinen Schwächen verdient eben auch Berücksichtigung und Entschuldigung. Ihr werdet mich glücklich machen, wolltet Ihr mich in die Lage setzen, Euch zu dienen in der Weise, wie ich es jedem wackeren Ritter gegenüber für meine Pflicht erachte.«
»Ich dürste, wie schon gesagt, weiser Alter, nach Ruhm und, um ihn zu gewinnen, nach dem einzigen Mittel, das dazu hilft, nach Abenteuern. Hätte mein großer Ahne Karl die kargen Saale-Ufer nie verlassen, so wäre er jetzt ohne Frage ganz ebenso unbekannt, wie der erste beste Winzer, der in seinem Lande die Erde geschaufelt hat. Aber er vollführte Großes in der Welt, so daß sein Name nie sterben wird.« – »Junger Mann,« antwortete Agelastes, »ich meine wohl, der Mann zu sein, der Euch in dieser Hinsicht wird dienen können; ich habe mich so angelegentlich mit der Natur befaßt, daß sich eine andere Welt meinen Blicken erschlossen hat, eine Welt, die außerhalb der Natur liegt. Was ich von merkwürdigen Schätzen in meinem langen Leben gesammelt habe, eignet sich nicht für jedermann und soll auch keinem zugute kommen, der sich über den Alltagsschlendrian nicht erhoben hat. Mir hat das Leben soviel gebracht, wie sich kein Dichter Eures romantischen Lebens, und hätte er die ausgesuchteste Phantasie, auszuklügeln vermöchte.«
»Nun, so dürfte uns ja ein günstiges Geschick zusammengeführt haben,« erwiderte der französische Graf, »wenigstens will ich mit meiner Gemahlin gern so lange verziehen, bis Ihr uns einiges von den Abenteuern erzählt habt, die Ihr in Eurem Leben gehabt oder kennen gelernt habt. Es ist ja doch fahrender Ritter Sache, danach auf der Suche zu sein!« Mit diesen Worten setzte er sich neben dem Greise nieder, und Brenhilde folgte mit einer Ehrerbietigkeit seinem Beispiele, die fast etwas Possierliches hatte. »Liebes Ehgemahl! wir sind unter ein kleinliches Geschlecht geraten, das vor seinem Kaiser in der allerunterwürfigsten Weise auf allen Vieren kriecht, trotzdem er, wenn man die Dinge in richtigem Lichte betrachtete, kaum mehr noch ist als ein Scheinherrscher. Es könnte einem wirklich leid darum tun, daß man das Kreuz genommen hat – möge mir unser Herrgott solchen sündigen Gedanken verzeihen! – und daß wir in eben dem Augenblicke, wo wir eben noch meinten, verzweifeln zu sollen, das Glück haben, einem jener wackeren Männer zu begegnen, die sich bei so vielen unserer Vorfahren als Führer bewährt haben, darf wohl mit dem bisherigen Geschick aussöhnen. Wir wollen den Mann sich ruhig besinnen lassen, Brenhilde! es wird unser Schade ganz sicher nicht sein.«
Nach einigen Augenblicken beiderseitigen Schweigens hub der Greis zu erzählen an, wie folgt:
»Das Abenteuer, mit welchem ich beginne, hat sich in unserm berühmten Archipelagus zugetragen, ziemlich weit von hier, nach den Begriffen, die bei uns von Entfernungen bestehen, auf dem trotz seinem Reichtum an Naturschätzen nur spärlich bewohnten Eilande Zulichium, das, im Grunde genommen, wenn es scheinbar auch aus einer Masse von aneinander gehäuften Bergen besteht, doch nur ein einziger Riesenberg ist, auf dessen höchstem Gipfel, mit Moos dicht überwachsen, die Ruinen eines uralten Schlosses sich erheben. Hier liegt die letzte Herrin seit langem in einem Zauberschlafe. Sie zu befreien, tat ein auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem befindlicher Ritter ein strenges Gelübde. Zwei von den ältesten Inselbewohnern ließen sich bereit finden, ihn bis auf Bogenschußweite zu dem Haupttore der alten Burg zu begleiten, waren aber zu weiterer Begleitung nicht zu bewegen. Der kühne Franke drang also mutterseelenallein weiter vor. Zu seinem gewaltigen Erstaunen entpuppten sich die Trümmer, als er an das Haupttor mit seinem Schwertknaufe klopfte, als eine der herrlichsten und auch größten Burgen, die das sterbliche Auge des Ritters je im Leben erblickt hatte. Die ehernen Tore flogen, wie von selbst, weit auf, und um die alten Türme erklang es wie von Geisterstimmen, dem Befreier, der sich jetzt nahte, zum Willkommensgruße. Was sich dem Ritter, vom alten Burghofe ab, an altertümlicher Pracht nunmehr zeigte, überstieg seine Begriffe so vollständig, daß er eine geraume Zeit brauchte, sich zu sammeln. Auf den Wällen standen in morgenländischen Rüstungen zahlreiche Wächter umher, aber sämtlich stumm und starr, und der klirrenden Tritte des fränkischen Ritters nicht achtend. Aber obgleich sie jeder Lebensäußerung unfähig waren, waren sie dem Leben doch nicht abgestorben, sondern lebten! Die Sage ging von ihnen, daß sie in solchem Zustande nun schon über vierhundert Jahre sich befänden, und daß, wie eine Jahreszeit sie verlieh, die andere sie übernahm und der ihr folgenden weitergab. Ein Magier und Jünger Zoroasters war einst an den fürstlichen Hof der Schloßherrin gekommen und von ihr mit der höchsten Aufmerksamkeit aufgenommen worden, die sie einem fremden Manne erweisen durfte. Dadurch hatte der Magier sich verleiten lassen, das reife Alter, in welchem er bereits stand, zu vergessen und jugendliche Träume zu hegen, Doch war er bei all seiner Weisheit außerstande, dem gewöhnlichen Laufe der Natur zu trotzen, und wenn er mit der jungen Fürstin auf einem der zahlreichen Abendfeste, die auf der Burg gefeiert wurden, zum Tanze antrat, konnte er nicht hindern, daß die jüngere Welt sich darüber lustig machte, daß seine Beine doch nicht mehr gleichen Schritt halten wollten mit seiner Phantasie.