Die Fürstin wurde durch den ewigen Spott, der ihr zu Ohren kam, mit der Zeit zur Nachahmung gereizt, und es kam bald eine Zeit, wo sie es den bejahrten Verehrer merken ließ, daß sie ihn eigentlich bloß zum Narren hielt. Das Schlimmste auf Erden aber ist Haß, der aus verschmähter oder verhöhnter Liebe erwächst. Weder durch ein Wort noch einen Blick ließ der Magier sich merken, wie schmerzlich er die bittere Täuschung empfand, und wie schwer es ihm wurde, sich an die Möglichkeit einer solchen zu gewöhnen; mit der Zeit lagerte sich aber ein Zug so tiefer Schwermut auf seine Stirn, daß sich die junge Fürstin einer gewissen Beklommenheit nicht mehr erwehren konnte: sie hatte die Empfindung, wie wenn ein schweres Gewitter im Anzuge sei. Nach einem fröhlichen Feste, das eine große Zahl fremder Ritter auf die stolze Burg geführt hatte, trat die Fürstin, die von Herzen gutmütig, nur ein wenig leichten Sinnes war und sich nicht recht in den Ernst des Lebens zu finden verstand, zu dem Magier und suchte ihn für mancherlei Vernachlässigung während des Festes dadurch zu entschädigen, daß sie ihm freundlich eine recht gute Nacht wünschte. »Eine freundliche Rede, mein liebes Kind,« erwiderte darauf der Magier, »aber für wen von den vielen, die heute in Deiner Burg versammelt waren, wird auf die gute Nacht auch ein guter Morgen folgen?«
Die Rede war von vielen gehört worden und wurde von noch mehr der Anwesenden lebhaft kommentiert; denn über die Sinnesart des Magiers bestand kaum bei einem einzigen der Anwesenden Zweifel, und nicht wenige Gäste brachen noch in der Festnacht vom Schlosse nach ihrer Heimat auf. Durch sie allein kam Kunde von dem Schicksal, das Burg und Burgherrin und alle bei ihr zurückgebliebenen Gäste, wie alle Dienerschaft und Knappenschaft noch in der Festesnacht heimsuchte. Alles, was in der Burg lebte, wurde von einem todesähnlichen Schlafe befallen, der nicht mehr von ihnen wich. Der Magier war am andern Morgen verschwunden, und man erzählte sich auf dem Eiland, er sei mit den Worten von demselben im Kahne abgestoßen, daß so lange Tod über allem Lebenden auf Eiland und Schluß gebreitet bleiben solle, bis ein Ritter nahen würde, der den Mut besäße, den Fuß in die verzauberte Stätte zu setzen.
Das geschah nach Verlauf von vielen Jahren. Artavan von Hautlieu hieß der Kühne, der den Versuch wagte, den Bann von Eiland und Burg und allem darin schlummernden Leben zu lösen. Zwei Wächter waren die ersten, die sein Auge erblickte. Mit gezücktem Schwerte standen sie am Eingänge zu dem Tore, das zum Frauenhause, der Kemenate, führte. Artavan ließ sich aber durch sie nicht schrecken, sondern näherte sich dem Portale, das sich, gleich dem Burgtore, selbsttätig vor ihm öffnete. Durch eine Art Wachtstube, die von Knappen wimmelte, ohne daß Artavan unterscheiden konnte, ob sie lebten oder nicht, gelangte er in ein Gemach, in welchem schöne Sklavinnen umhersaßen oder umher lagen. Aber Artavan lieh sich durch diesen Anblick nicht betören, sondern drang unentwegt weiter vor durch eine kleine, elfenbeinerne Pforte, die ihn zu dem Schlafzimmer der Fürstin selbst führte. Von mattem Dämmerlicht übergossen, ruhte die liebliche Gestalt der durch ihre Schönheit weit und breit im Lände gefeierten Fürstin von Zulichium auf einem schlohweißen Lager.«
»Frommer Vater,« mischte hier Dame Brenhilde sich ein, »von der Schilderung eines schlafenden Frauenzimmers können wir wohl Abstand nehmen; ich meine, sie möchte sich ebenso wenig für meine Ohren wie für Euren Mund schicken,«
»Ich bin Eurem Befehle gern gehorsam,« erwiderte der Philosoph, »wenngleich ich sagen muß, daß ich den schönsten Teil meiner Erzählung zum Opfer bringe, der immer mit dem größten Beifall aufgenommen wurde.«
»Ich sollte doch meinen,« bemerkte Graf Robert, »es käme auf ein paar Worte mehr oder weniger nicht so sehr an als auf die Wahrung des Zusammenhanges.« – »Wie Du willst,« sagte Brenhilde, »aber mir scheint sich die Erzählung doch zu sehr in die Länge zu ziehen, um interessant zu bleiben,« – »Und mir scheint, Brenhilde, als wenn Du zum ersten Male eine weibliche Schwäche durchblicken ließest?« – »Und mir, lieber Robert,« antwortete die Gattin, »als wenn ich meinen Ehgemahl auf einer gewissen Unbeständigkeit seines ehelichen Empfindens ertappte!«
»O, ihr Götter!« rief da Agelastes, »kann es wohl je einen Zwist gegeben haben ohne einen tatsächlichen Grund? Wie kann Eure Gemahlin Eifersucht fühlen gegen eine Person, die sie vermutlich niemals sehen, geschweige kennen lernen wird? Denn daß die Fürstin von Zulichium je wieder in die Gegenwart treten sollte, ist meiner Auffassung nach vollständig ausgeschlossen; der Vorhang, der ihr Grab deckt, wird nie wieder zerrissen werden!«
»Erzählt weiter, Vater,« rief Robert, »und wenn Artavan von Hautlieu die Fürstin nicht befreien konnte, so gelobe ich bei Unserer lieben Frau von den gebrochenen Lanzen...« – »Ich denke, mein Gemahl,« schalt hier Brenhilde ein, »daß Du mit dem Gelübde, das heilige Grab gewinnen zu helfen, vorerst übergenug auf Dich genommen hättest?« – »Schön, schön, liebes Ehgemahl,« versetzte Graf Robert, offenbar nicht frei von Verdruß über diesen Einspruch; »in ein Abenteuer, das der Verpflichtung gegen das heilige Grab zuwiderliefe oder vorginge, werde ich mich selbstverständlich nicht einlassen.« Der Philosoph entnahm aus diesem kleinen Wortwechsel zwischen dem Ritter und seiner Gemahlin, daß es doch vielleicht schwieriger sein möchte, den Sinn des Grafen zu lenken, als er angenommen hatte, wenigstens so lange, wie sich seine Gattin bei ihm befände; er stimmte deshalb den Ton seiner Rede ein wenig herab und vermied es hinfort, Dinge einzuflechten, die das Ohr der Dame nicht hören mochte. »Ritter Artavan von Hautlieu,« fuhr er in seiner Erzählung fort, »stand nun vor dem Lager ,der lieblichen Jungfrau, unschlüssig, wie er sich weiter verhalten solle. Da kam ihm der Gedanke, daß ein Kuß am Ende das rechte Mittel sein möge, den Zauber zu lösen,«
Ueber die Wangen der schönen Dame Brenhilde huschte ein flüchtiges Rot, aber sie gab den Empfindungen, die sie erfüllten, keinen Ausdruck. Agelastes fuhr daraufhin fort: »Aber nie mag wohl solche harmlose Handlung eine grausigere Wirkung hervorgebracht haben als auf jener verzauberten Burg! Aus dem lieblichen Abendrot, das den Himmel gefärbt hatte, wurde ein häßliches Schmutzgrün, und erstickender Schwefeldunst erfüllte das Zimmer. Die reichen Behänge und Gardinen, die kostbaren Gold- und Silbergeräte wandelten sich zu Stein, die Mauern überzogen sich mit garstigem Moder, und die schönen Lippen, die der Ritter eben noch geküßt hatte, wandelten sich zu den Lefzen eines scheußlichen Drachens, der aus dem lieblichen Körper des fürstlichen Fräuleins entstanden war. Es war das Mißgeschick des Ritters Artavan, daß er es bei einem Kusse hatte bewenden lassen: hätte er die süßen Lippen dreimal hintereinander geküßt, so wäre der Zauber gebrochen gewesen; aber die Gelegenheit war vorüber, und die Folgen dieser Unterlassungssünde mußten getragen werden: von dem fürstlichen Fräulein, indem es weiter in dem Zauber befangen blieb, und von dem Ritter, indem er auf den Besitz der schonen Huldin verzichten mußte. Der scheußliche Drache, in den sich der Leib des Freifräuleins verwandelt hatte, sauste ein paarmal in dem Gemache umher und entflog dann durch ein Seitenfenster ins Freie, während laute Wehklagen ob der, getäuschten Hoffnung die ganze Burg erfüllten.«