Agelastes endigte hier seine Erzählung, setzte jedoch aus eigenem Wissen noch kurz hinzu, daß im Morgenlande noch immer die Meinung herrsche, die schöne Fürstentochter läge verzaubert im Schlosse des Eilandes Zulichium. Es habe wohl manch anderer Ritter noch den Versuch gewagt, den Bann zu lösen; es sei aber bislang noch keinem geglückt. »Aber,« bemerkte er noch, »ich weiß den Weg, der nach Zulichium führt, und Ihr braucht bloß ein Wort zu sagen, so könnt Ihr Euch morgen auf dem Wege dorthin befinden,«
Gräfin Brenhilde vernahm die letzten Worte mit großer Angst; da sie jedoch wußte, daß ihr Gemahl sich am ehesten bewogen fühlen möchte, das gefahrvolle Unternehmen zu wagen, sobald sie dagegen eiferte, überließ sie ihm, das weitere Verhalten allein zu bestimmen. Nicht lange, so erfaßte er ihre Hand und sagte: »Brenhilde, Deinem Gemahl sind Ruhm und Ehre die höchsten Lebensgüter. Freilich hast Du für mich getan, was keine andere Frau unseres Standes hätte tun mögen; darum muß ich Dir schon eine Stimme zugestehen bei dem Entschlüsse, vor dem ich stehe. Laß jedoch bei diesem Greise nicht die Meinung aufkommen, Dein Herz sei aus dem gleichen Stoffe gebildet, wie das der anderen Weiber!« Wohl versuchte Brenhilde, die Haltung einer Heldin anzunehmen, aber sie unterlag doch ihren Empfindungen und fiel dem geliebten Gemahl unter Tränen um den Hals. Graf Robert war im ersten Augenblicke enttäuscht darüber, daß seine Voraussehung sich in so geringem Maße bestätigte, fühlte sich aber schließlich ergriffen durch diesen Ausbruch von Zärtlichkeit und ließ den Blick voll stolzer Bewunderung auf seinem Ehgemahl haften. . »Meine Holde,« sprach er, »so laß den Greis an meiner Statt wissen, daß aus dem Abenteuer nichts werden könne, da Du mich daran verhindertest. Ich will es so um Deinet- und nicht um meinetwillen.«
Aber es wurde ihr nicht leicht, dem Gemahl zu willfahren, nach diesem Beispiele dafür, daß die Natur allewig ihre Rechte behauptet, und wenn sie jetzt auch die Arme von dem Halse des geliebten Mannes löste, so behielt sie doch noch immer seine Hand in der ihrigen und hielt den Blick in inniger Liebe auf ihm geheftet. »Meine schöne Frau,« nahm da Agelastes, bestrebt, ihr die Situation zu erleichtern, wieder das Wort, »was Ihr mir sagen wollt, ist weit entfernt von allem Bösen. Schlimmer als bisher befindet sich jene verzauberte Fürstin jetzt auch nicht, und daß der Ritter, der sie erlösen wird, nicht mehr fern ist, unterliegt wohl kaum einem Zweifel –«
Schwermütig lächelnd, fiel ihm Dame Brenhilde ins Wort: »Es ist mir schmerzlich genug, das unglückliche Fürstenkind einer so mächtigen Hilfe zu berauben, wie mein Gemahl für sie gewesen wäre; aber so sehr ich die Kleinlichkeit meiner Eifersucht zugebe, und so gern ich meinen Gemahl bei solchem Unternehmen unterstützen würde,« – hier heftete sie einen unruhigen Blick auf den Grafen – »Nicht doch, Brenhilde,« erwiderte Graf Robert, »das ginge doch in keinem Falle an!« – »Und ich allein könnte das Abenteuer nicht wagen?« fragte Brenhilde, die keine Ursache hatte, die Reize der Fürstentochter zu fürchten, und sich, kräftig genug dünkte, einen Kampf wider den Drachen zu bestehen.
»Edle Frau,« versetzte Agelastes, »das verzauberte Fürstenkind ist nur durch Liebeskuß zu erlösen, nicht aber durch Freundschaftskuß.« – Die Gräfin erwiderte mit stolzem Lächeln« »Das sollte doch wohl Grund genug für eine Dame sein, die Erlaubnis zu solchem Wagnis zu weigern.« – »Nun denn,« nahm Graf Robert das Wort, »so empfanget für die heitere Stunde, die Ihr uns bereitet, wackerer Greis, einen kleinen Lohn. Es ist bedauerlich, daß sich Euer Vorschlag nicht in Ausführung setzen läßt; aber ich muß mich der von meiner Gemahlin gefällten Entscheidung fügen, nachdem ich sie ihr anheimgestellt habe. Nehmt mir nicht übel, daß ich nur weniges biete; wir fränkischen Ritter sind leider keine Krösusse.«
Da zog Brenhilde einen kostbaren Ring vom Finger. »Erlaubt, frommer Vater, daß ich der Gabe meines Gemahls dieses Kleinod hinzufüge. – »Ich will es nehmen,« erwiderte der Philosoph, »doch unter einer Bedingung: an dem schönsten Wege, der zur Stadt führt, in einem kleinen Kiosk, meinem Tempel der Freundschaft, wie ich ihn mit Vorliebe nenne, treffe ich heute abend ein paar Personen, die zu den angesehensten Männern des oströmischen Reiches gehören. Ich möchte das gräfliche Paar um die Ehre bitten, heute abend dort unter meinen Gästen zu erscheinen.« – »Ich halte es für eine Pflicht, den frommen Vater dafür zu entschädigen, daß ich mich seinem ersten Vorschlage abhold verhalten muß, und wäre dafür, mein Gemahl, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.« – »Es wird spät werden,« meinte Graf Robert, »aber ...« – Agelastes fiel ihm ins Wort: »Ich kann Euer Aber am schicklichsten ergänzen durch den Beisatz, daß es nur ein kurzes Stück Weg dorthin ist, daß aber, wenn die edle Gräfin lieber den Weg zu Pferde zurücklegen will.« – »Ich brauche kein Pferd,« erwiderte Brenhilde, »es reist wohl selten ein Ritter mit so geringem Gepäck wie mein Gemahl.«
Agelastes ging durch ein Gehölz voran, und das gräfliche Paar folgte ihm.
Drittes Kapitel
Graf Robert und seine Gattin Brenhilde wurden von dem Greise am Ufer der Propontis entlang geführt. Fortwährend wechselten die lieblichsten Bilder vor ihren Augen. An einer Stelle fühlte der Pfad, den sie entlang schritten, durch ein Felsentor auf eine Art von Arena unter freiem Himmel. Auf der von Felsen umschlossenen sandigen Fläche tummelten sich Scharen von heidnischen Skythen, häßliche Leute mit kurzen, zwerghaften Leibern und unverhältnismäßig langen und starken Armen und Beinen. Ihr Gesicht ging mehr in die Breite als in die Länge; Zwischen den seitwärts sitzenden Schweinsaugen saß eine Nase mit so weiten Nüstern, daß man tatsächlich meinen konnte, diesen Menschen bis in das Gehirn hinauf sehen zu können. Sie übten sich gerade im Speerwurf, und mancher von ihnen wurde dabei in den Sand gestreckt und wohl auch verletzt. Als das gräfliche Paar an ihnen vorbei ritt, richteten sich von allen Seiten her lüsterne Blicke auf die schöne Dame, die sich erregt zu ihrem Gemahl wandte: »Wohl kenne ich keine Furcht; wenn es aber zutrifft, was ich oft gehört habe, daß Abscheu Furcht erwecken kann, dann könnten mich diese Scheusale schrecken.«
»Heda, Ritter!« rief einer der Ungläubigen, »ist's Euch etwa unbekannt, daß jede Frau, die den Fuß in einen skythischen Atmeidan oder, wenn Ihr's griechisch hören wollt, Hippodrom setzt, den darin aufhältlichen Skythen mit ihrem Leibe verfällt?«
»Schuft von einem Heiden!« rief Graf Robert, »welcher Rede erfrechst Du Dich gegen einen Pair von Frankreich?«
Agelastes gemahnte die Skythen in der anmaßenden Sprache eines byzantinischen Höflings, daß der Kaiser über jedes Vergehen gegen die abendländische Ritterschaft schwere Strafen verhängt habe.
»Behaltet Eure Weisheit für Euch!« rief der Skythe, trotzig zwei wuchtige, mit Adlerfedern geschmückte Wurfspieße in der Luft schwingend: »wir wissen schon, wie der Kaiser über das Gesindel von Rittern denkt, Freund ist er ihnen bloß, solange er sie vor Augen hat. Wir sind nun einmal nicht Söldner, die dem Kaisers anders dienen können, als er's offen befiehlt oder im geheimen wünscht!« »Toxartis!« warnte der Philosoph, »Du lügst!« »Schweig' Du!« rief der Skythe, »oder ich vergreife mich au Dir altem Schwätzer, so wenig sich das mit meiner Kriegerehre vertrüge!«