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Im selben Augenblick packte der Skythe den Schleier der Dame, um ihn ihr vom Gesicht zu reißen; Brenhilde jedoch, ihrem kriegerischen Temperament getreu, streckte den Heiden durch einen Hieb mit ihrem Schwerte zu Boden. Sein Feldgeschrei: »Rette, Du Sohn Karls!« erdröhnen lassend, sprengte Graf Robert mit hoch geschwungener Streitaxt in den heidnischen Haufen hinein und jagte ihn wie Spreu auseinander.

»Erbärmliches Gesindel!« rief er, als er von der Verfolgung wieder zu dem Philosophen trat! »wenn wir uns bloß mit solchen Feinden hier zu schlagen haben, so wird der Zug nicht allzulange dauern.«

»Eilen wir nach unserem Kiosk,« riet der Philosoph, »es könnte der Fall sein, die Skythen fänden Verstärkung und kämen zurück, sich an Euch zu rächen.«

»In einem christlichen Lande, wie es Ostrom doch sein will,« versetzte Graf Robert, »sollte solches Räubervolk ausgetilgt werden, aber nicht mit Verstärkung rechnen dürfen! Komme ich von dem Zuge gegen Palästina heil zurück, werde ich es mir angelegen sein lassen, reinen Tisch hierzulande zu machen.«

Agelastes zog es aber vor, auf dem kürzesten Wege seinen Kiosk zu erreichen. Auf ein von ihm gegebenes Zeichen öffnete sich sogleich die kleine Pforte, die zu dem romantischen Plätzchen führte, und in derselben zeigte sich sein schwarzer Diener Diogenes. Es entging dem Philosophen nicht, daß das gräfliche Paar sich vor dem Neger, den wohl noch keines von ihnen so nahe gesehen hatte, weniger erschreckte, als entsetzte; aber so gern er sich den ihm hieraus winkenden Vorteil gewahrt hätte, so blieb ihm keime Zeit dazu; denn aus der Ferne drang es wie Musik zu ihren Ohren, das Rauschen des Wasserfalles übertönend, der dicht bei dem Kiosk aus einem Felsen hervorbrauste.

»Mir scheint, die erwarteten Gäste nahen bereits meiner bescheidenen Behausung; erlaubt mir nur einen Augenblick, ihnen entgegen zu gehen; mit der Mahlzeit werden wir nun schon warten müssen, bis sie zur Stelle sind, was aber wohl bald der Fall sein wird.«

»O, uns eilt's nicht damit,« erwiderte Graf Robert, »wir können gut warten; lieber wäre es uns noch, Ihr hättet nichts dawider, wenn wir still für uns einen Bissen Brot und einen Trunk Wasser zu uns nähmen und auf den Platz an Eurer Tafel verzichteten.«

»Das mögen die Heiligen verhüten!« rief der Philosoph; »nie haben würdigere Gäste an meiner Tafel gesessen! Das Wort würde ich aufrecht erhalten, selbst wenn Kaiser Alexius in diesem Augenblicke auf der Schwelle meiner Tür stände!«

Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, so schmetterte eine Trompete, das Rauschen des Wasserfalles und die Musik, die seit kurzem erklang, übertönend.

»Fürchtet Ihr Gefahr, frommer Vater?« rief Graf Robert; »Ihr zittert ja? Zweifelt Ihr denn an unserem Schutze?«

»Nicht im geringsten,« versetzte Agelastes; »Ihr würdet mir selbst in der schlimmsten Gefahr noch erscheinen wie ein schützender Hort; aber dieses Trompetensignal weckt nicht Furcht, sondern Ehrfurcht! Es kündet mir das Nahen kaiserlicher Gäste. Aber, edle Freunde, seid ohne Bangen! Denn die uns nahen, lassen gern ihre Gunst auf ehrsame Leute ausstrahlen. Wundert Euch indessen nicht, daß ich mit der Stirn zum pflichtschuldigen Willkomm den Boden berühren muß.«

Er war schon an der Pforte; Graf und Gräfin folgten ihm, aber es harrte ihrer schon ein neuer Auftritt.

Viertes Kapitel

Agelastes hatte knapp noch Zeit, sich vor einem gewaltigen Tiere auf den Boden zu werfen, das damals in der Welt noch fremd war, jetzt aber unter dem Namen Elefant als allgemein bekannt gelten darf. Es trug auf dem Rücken eine große, reich geschmückte Sänfte, in welcher die Gemahlin des Kaisers, Irene, mit ihrer Tochter, dem gelehrten Blaustrumpfe Anna Komnena, saß. Geführt wurde das stattliche Gefolge, das sich aus einem berittenen Trupp in glänzenden Rüstungen zusammensetzte, von dem kaiserlichen Schwiegersohne Nikephoros Briennios. Als die Fürstinnen auf der Terrasse aus ihrer Sänfte herniederstiegen, warfen sich die Offiziere zu Boden und richteten sich erst wieder in die Höhe, als die Fürstinnen vor der kleinen Pforte standen.

Kaiserin Irene war bereits über die Jugendzeit weit hinaus, zeichnete sich aber noch immer durch eine echt majestätische Haltung aus, während ihre Tochter in der vollen Blüte der Weiblichkeit stand. Im Hintergrunde, umringt von einem richtigen Wall von Speeren, stand der durch Größe und Pracht ausgezeichnete Hoftrompeter, auf hohem Felsen, von wo aus er seinen Leuten durch Zeichen verständlich machte, daß sie sich hier der weiteren kaiserlichen Befehle gewärtig zu halten hätten.

Brenhildens Schönheit zog alsbald die Aufmerksamkeit der Kaiserin und der Prinzessin auf sich. Agelastes fühlte, daß es seine Pflicht sei, die Gäste miteinander bekannt zu machen.

»Darf ich sprechen und leben?« fragte er; »die Fremdlinge, die Eure kaiserlichen Herrschaften bei mir antreffen, gehören zu den unzähligen Tausenden, die um Palästinas willen das Kreuz genommen haben; sie sind zugleich auch von dem Verlangen beseelt, dem Kaiser Alexius bei der Verjagung aller Heiden aus dem Gebiete seines Reiches zu helfen und an Stelle dieser Barbaren dem Kaiser als Vasallen zu dienen.«

»Wir danken Euch gern, weiser Agelastes,« erwiderte die Kaiserin, »für die Freundschaft, die ihr Fremden erweist, die sich ehrerbietig dem kaiserlichen Throne nahen, und werden Uns um so lieber mit ihnen befassen, als es Unser Wunsch ist, daß Unsere von Apollo mit einem so schönen Erzählungstalent gesegnete Tochter Bekanntschaft mache mit einer jener Amazonen des westlichen Europas, von denen Wir schon so oft gehört haben und doch immer noch so wenig wissen.«

»Meine Dame,« nahm Graf Robert das Wort, »was dieser Greis hier über unsere Anwesenheit im kaiserlichen Lande ausgesagt hat, kann unseren Beifall nicht finden; wir sind dem Kaiser Alexius weder lehnspflichtig, noch hat uns irgend welche andere Absicht hierher geführt, als das Heilige Land aus den Klauen der Sarazenen zu erlösen. Aber wir erkennen die Gewalt und Hoheit des Kaisers bloß aus dem Grunde an, weil es uns unchristlich erscheint, als Christen mit einem christlichen Herrscher Konflikt zu suchen. Aus keinem andern Grunde ist von den Führern und Feldhauptleuten des christlichen Heeres beschlossen worden, die Huldigungskomödie zu spielen.«

Die Kaiserin geriet ob dieser Worte, die mehrfach wider den am griechischen Kaiserhofe üblichen Speichelleckerton verstießen, wiederholt in heftige Erregung; sie war jedoch von ihrem Gemahl instruiert worden, sich mit den Kreuzfahrerrittern in keinerlei Dispute einzulassen, da jeder, der nicht äußerst zungengewandt sei, unbedingt dabei den kürzeren ziehen müsse; und so begnügte sie sich, wie wenn sie die Worte überhaupt nicht verstanden hätte, mit einer höfischen Verbeugung.

Unterdessen hatte der Cäsar Nikephoros die Gräfin Brenhilde mit einer fast auffälligen Aufmerksamkeit beobachtet, die sich aber um ihn so gut wie gar nicht kümmerte, sondern das ihr seltsame Tier betrachtete, auf welchem die Kaiserin mit ihrer Tochter in den Kiosk eingeritten war. Um ins Gespräch mit ihr zu kommen, trat er jetzt zu ihr heran und sagte: »Wie es scheint, schöne Gräfin, ist Euch das Tier, dem wir den Namen Elefant gegeben haben, noch nicht zu Gesicht gekommen? Wie sollte es denn auch der Fall sein, da Ihr ja doch zum ersten Male in Eurem Leben den Fuß in die Stadt setzet, die den stolzen Namen einer Königin der Welt führt?« – »Entschuldigt, Cäsar,« erwiderte Brenhilde, »aber der gelehrte Herr hier wäre wohl besser in der Lage, uns über dies eigentümliche Geschöpf der Tierwelt zu unterrichten.«

»Das dürfte freilich zutreffen,« bemerkte die Prinzessin, herantretend, mit seinem Lächeln; denn sie meinte gleich allen Anwesenden nicht anders, als es sei der fremden Gräfin schon bekannt, daß der Philosoph wegen seiner ungeschlachten Figur am kaiserlichen Hofe den Spitznamen »Elefant« führte. – Dieser erlaubte sich die demütige Bemerkung: »Sicher ist, daß er die Gelehrigkeit des Tieres, ebenso gut kennt, wie sein feines Gefühl und seine Treue.« – »Wahr gesprochen, weiser Agelastes,« antwortete die Prinzessin; »es sei ferne von uns, ein Tier zu schmähen, das sich auf den Boden kniet, damit wir es besteigen. Doch kommt, fremde Dame! Und auch Ihr, fremder Graf! Ihr sollt in Eurem Lande sagen können, sofern es Euch vom Schicksal vergönnt wird, dorthin zurückzukehren, daß Ihr die kaiserliche Familie von Ostrom ebenso essen und trinken sahet wie andere Sterbliche,« – »Ich möchte die freundliche Einladung nicht gern abschlagen,« sagte Brenhilde, »aber es wird bereits dunkel, und wir müssen nach der Stadt zurück,« – »Unsere kaiserliche Bedeckung wird Euch schützen,« sagte die Prinzessin. – »Schützen?« fragte mit geringschätzigem Blicke Brenhilde, »wozu brauche ich Schutz? Mein Gemahl ist mir hinlänglicher Schutz; aber nicht einmal ihn brauche ich; denn Brenhilde von Aspramonte weiß sich selbst recht gut zu schützen.«