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»Meine Tochter,« mischte hier Agelastes sich in das Gespräch, »Ihr verkennt die Gesinnung der Prinzessin, die nichts anderes im Sinne hat, als durch Euch Kenntnis der merkwürdigsten Sitten Eures Frankenlandes zu erlangen. Zum Danke hierfür wird sie Euch Zutritt verschaffen zu der kaiserlichen Menagerie, in der Ihr die seltsamsten Geschöpfe der Erde sehen werdet von jenem Vierbeiner an, der die Wipfel von vierzig Fuß hohen Bäumen abfrißt, trotzdem seine Hinterbeine kaum die halbe Höhe haben, bis zu jener Riesenechse hinunter, die eine Länge von dreißig Fuß erreicht, in einen undurchdringlichen Schuppenpelz gekleidet ist und ihren Raub unter menschlichem Jammergeheul verzehrt, um hierdurch andere leckere Opfer in ihre Netze zu ziehen,«

»Genug! genug!« rief Brenhilde lebhaft, »frommer Vater, was Ihr da sprecht, weckt mein Interesse in ganz besonderem Maße, und ich werde meinen Gemahl bitten, mich dorthin zu führen! Robert, wir gehen doch dorthin?« – »Auch jenes andere gewaltige Tier werdet Ihr dort sehen, schöne Frau,« nahm Agelastes wieder das Wort, »das ein spitzes Horn auf der Nase trägt und eine so dicke Haut hat, daß es noch nie ein Ritter hat verwunden können.« – »Robert,« rief die Gräfin wieder, »nicht wahr, wir gehen doch hin?« – »Ja doch,« erwiderte der Graf, »sei es auch nur, diesen Kindern des Morgenlandes zu zeigen, was ein fränkischer Ritter mit seinem Schwert zu vollbringen vermag!« Dabei rasselte er so wild mit seinem »Tranchefer«, daß sich alle entsetzten und die Kaiserin in den Kiosk hinein flüchtete.

Die Prinzessin hingegen nahm mit dem edelsten Anstand den Arm des Grafen Robert. »Die Kaiserin-Mutter zeigt uns den Weg nach der Behausung des gelehrten Agelastes; ich muß Euch nun schon ein bißchen griechischen Ton beibringen.« Als Graf Robert sich nach seiner Gemahlin umsah, setzte sie scherzend hinzu: »Macht Euch Eurer Gemahlin wegen ja keine Sorge; denn meinem Manne bereitet es immer ganz besondere Freude, Gästen Aufmerksamkeiten zu erweisen. Es ist zwar sonst nicht an diesem Hofe Sitte, in Gegenwart von Fremden sich zur Tafel zu setzen. Aber unsere Frau Mutter hat bereits entschieden, daß Ihr uns und wir Euch gegenüber, von allen Zeremonien Abstand nehmen sollen; und daraus entnehme ich, daß mein kaiserlicher Vater, wenn er diese Abweichung vom Zeremoniell nicht schon im voraus gebilligt hat, sie nachträglich billigen wird. Eine sehr große Gnade bleibt es jedoch auf alle Falle.«

Kaiserin Irene hatte sich schon an der Spitze der Tafel niedergesetzt und nahm nicht ohne Verwunderung wahr, daß ihre Tochter den Grafen und ihr Schwiegersohn die Gräfin von Paris zur Tafel führten und zu ihrer Rechten und Linken plazierten; aber sie hatte von ihrem Gemahl Befehl erhalten, den fremden Rittern gegenüber Nachsicht walten zu lassen, und nahm demzufolge von allen zeremoniellen Rücksichten Abstand. Während der Cäsar nach griechischer Sitte sich zur Tafel hinstreckte, blieb der Graf sitzen mit der unter Lachen abgegebenen Erklärung, »daß er nur im Kampfe auf ein Lager gestreckt werden könne, und auch erst dann, wenn er nicht mehr imstande sei, sich wieder aufzurichten oder aufzuspringen.«

Im übrigen nahm die Tafel den üblichen, streng förmlichen Verlauf. Agelastes hatte für die Befriedigung auch der ausgesuchtesten Genüsse in ausgiebigstem Maße gesorgt: es gab nicht bloß eine ungeheure Menge von leckeren Speisen, sondern auch viele Sorten köstlicher Weine; aber Graf Robert begnügte sich mit der ersten besten Speise, die in seiner Nähe stand, und mit dem ersten besten Weine, ohne wie sein Gastgeber und die übrigen Griechen erst sorgfältig zu untersuchen, ob auch der Wein zu der Speise sich schicke, die sie gerade zum Munde führten. Noch weit mäßiger als er war seine Gemahlin, die Wein überhaupt verschmähte, und erst auf vieles Zureden des Cäsars sich dazu verstand, das Quellwasser, mit dem sie ihren Durst löschte, mit etwas Wein zu mischen. Dagegen aßen die beiden griechischen Damen, wenn auch nicht gerade viel, so doch von allen Speisen, und ließen besonders keine der zahllosen Leckereien ungekostet; aber schließlich war auch ihr Appetit gestillt, und die Aufmerksamkeit der Prinzessin wandte sich nun in höherem Maße ihrem »Herrn« zu. Es berührte sie unangenehm, daß derselbe im Gegensatz zu ihr sich so nüchtern zeigte, und sie fragte ihn, ob er denn wirklich allen Musen abhold sei? – »Schöne Dame,« erwiderte der Franke, »ob Ihr es übel nehmt oder nicht, mir bleibt darauf nur die Antwort übrig, daß ich als rechter Christ all den Schnickschnack von Musen und Göttern anspeie!« – »Ihr gebt meiner harmlosen Frage eine recht garstige Deutung,« erwiderte die Prinzessin, »was haben die Musen zu tun mit Göttern, und was gar mit dem zweiten Gebot? Wenn Ihr so grimmig sein wollt, so wird es geraten für uns sein, jedes Wort auf die Goldwage zu legen.«

Graf Robert lachte. »Es lag durchaus nicht in meiner Absicht, Euch zu kränken; auch wäre es unrecht, Eure Rede anders als harmlos aufzufassen. Zudem hege ich für Euch eine sehr hohe Achtung, seit ich von Eurem rühmlichen Vorhaben gehört habe, die Taten Eures Vaters der Nachwelt durch schriftliche Aufzeichnungen zu erhalten. Aber ich sehe, daß mein Weib Miene zu machen scheint, von der Tafel aufzustehen? Sie will nach der Stadt, und es geht unmöglich an, daß ich sie allein ziehen lasse.«

»Davon wird natürlich keine Rede sein,« sagte die Prinzessin, »denn wir werden uns alle zusammen nach Konstantinopel begeben. Hat doch Agelastes schon dafür gesorgt, daß Ihr die Menagerie in Augenschein nehmt, die mein kaiserlicher Vater in seinem Palaste hält. Auf keinen Fall dürft Ihr meinen, daß mein Ehgemahl das Eure gekränkt haben könnte; wenn Ihr ihn kennen werdet, so werdet Ihr bald merken, daß er zu jenen Menschen gehört, die nicht anders artig sein können, als daß sie sich in das gegenteilige Licht setzen.«

Die Gräfin lehnte aber jede Aufforderung, sich wieder zu setzen, so entschieden ab, daß sowohl Agelastes, als seine kaiserlichen Gäste sich dazu verstehen mußten, gleichfalls aufzustehen, sie hätten die Gräfin denn entweder allein gehen lassen, oder den Versuch gewaltsamer Zurückhaltung machen müssen, der ihnen wohl aber sehr böse bekommen wäre: so wurde denn, trotzdem sich unter den Offizieren und Soldaten lautes Murren gegen einen so frühen Aufbruch erhob, die Tafel aufgehoben, der Cäsar stieg wieder auf den Elefanten, die Kaiserin setzte sich mit der Prinzessin wieder in die Sänfte, und Agelastes suchte sich einen lammfrommen Zelter aus, von dessen Rücken aus er bequem seine philosophischen Vorträge halten konnte. Vornehmlich richtete er dieselben an die Gräfin Brenhilde, an deren Seite er auch ritt.

Als der fürstliche Zug wieder das goldene Tor passierte, wo der ehrliche Zenturio seine Wache unter die Waffen treten ließ, lag die gewaltige Stadt schon im nächtlichen Dunkel vor ihnen, das nur von den die Häuser der Bürger erhellenden Lichtern unterbrochen wurde.

»Wir müssen nun aber ernstlich an den Aufbruch denken,« sagte der Graf zu der Prinzessin, als die Gesellschaft vor dem Tore des Blachernä-Palastes hielt, »sonst laufen wir Gefahr, unsere Herberge von gestern nicht mehr offen zu finden.« – »Ich möchte Euch auffordern,« nahm die Kaiserin das Wort, »ein Quartier zu nehmen, das sich für Euern Rang besser schickt als eine Stadtherberge, und Ihr sollt dort keinen geringeren Wirt haben als die Person, mit der Ihr Euch bei Tafel vorwiegend unterhieltet.«