Выбрать главу

»Aber, was ist aus dem Knaben geworden?«

»Meiner Meinung nach ist er mit ermordet worden, stand er doch schon in dem Alter, über alles, was er mitangesehen, aussagen zu können, und daß sich die Schurken, sobald es ihr Interesse notwendig machte, bedacht hätten, das Kind zu morden, nachdem sie den Mann gemordet hatten, möchte ich für sehr unwahrscheinlich halten.«

»Gräßlich!« tief Sampson, tief aufseufzend; »gräßlich! gräßlich!«

»Es war ja aber in der Erbenversammlung auch von der Zigeunerin die Rede,« bemerkte Mannering, »und was jenes ordinäre Subjekt nach dem Begräbnisse sagte, zu der Magd Rebekka, meine ich –«

»Sie haben recht,« fiel Pleydell ihm ins Wort, »die alte Mamsell hat auf die Aussage einer Zigeunerin gefußt, daß das Kind noch am Leben sei ... Das muß ich sagen, Herr Oberst, Ihre Divinationsgabe ist außerordentlich, und ich als Rechtsmensch beneide Sie darum! ja, es ist direkt unverzeihlich, wenn nicht beschämend für mich, daß ich auf diesen Schluß nicht selbst gekommen bin ... Aber wir wollen den Fall sogleich festnageln.«

Der Anwalt ließ seinen Schreiber holen. Er saß im Gasthause, bei einer Partie »Großschlemm«, wie Herr Pleydell mit dem Bemerken andeutete, daß Rechtsleute nun einmal bei aller Geregeltheit ihres Berufes die »ungeregeltsten« Leute seien, und sagte zu dem Boten, er solle nicht vergessen zu sagen, daß er, Pleydell, für die Buße aufkomme, die der Schreiber wegen zu frühen Aufstehens von der Partie zu zahlen haben dürfte.

»Erscheinen wird er doch?« fragte Mannering.

»Bitte, nichts mehr davon,« versetzte Pleydell; »aber es wird notwendig sein,« fuhr er lächelnd fort, »uns Nachrichten aus dem Lande Aegypten zu verschaffen. Habe ich nur erst das eine Ende des Fadens in den Händen, dann soll es nicht lange mehr dauern, bis ich Sie in das Labyrinth hineinführe. Die Zigeunerin will und werde ich schon zu einem Geständnis bringen,«

Der Schreiber kam so eilig, daß er sich nicht einmal Zeit genommen, die Spuren des eben genommenen »Liebesmahles« aus den Lippenwinkeln zu wischen.

Pleydell hieß ihn, die alte Magd der alten Mamsell aufzusuchen und unter irgend welchem Vorwande zu bewegen, daß sie sich am andern Morgen früh um acht Uhr bei ihm in seiner Wohnung einfände. Als der Schreiber sich wieder entfernt hatte, wandte Pleydell sich an Mannering: »Sie glauben gar nicht, wie verwendbar dieser Mensch ist. Dreimal in der Woche schreibt er mir nachts nach Diktat, ohne einzuschlafen, oder wenn er 'mal nickt, dann schreibt er ganz ebenso schnell und korrekt, wie wenn er munter wäre. Dabei ist er ein Muster von konservativer Denkungsart. Er verkehrt Sommer und Winter in der gleichen Schenke und beschränkt seine Spaziergänge auf diesen engen Raum hier, so daß ich immer weiß, wo ich ihn zu suchen habe, sobald Ich ihn zu irgendwelcher Arbeit brauche, was begreiflicherweise von unschätzbarer Wichtigkeit in unserm Berufe ist.«

»Er trinkt aber gern einen?« fragte der Oberst.

»Freilich, Ich meine fast, Bier müsse ihm alles ersetzen, Essen, Anziehen, Schlafen, Waschen und Bier: das ist sein ganzer Lebenslauf.«

»Bei solchem Menschen laßt sich aber doch ständige Tauglichkeit zur Arbeit kaum voraussetzen?«

»O, er kann schon einen tüchtigen Rausch haben, ohne daß es ihn bei der Arbeit molestierte. So habe ich ihn einmal Sonnabends, vom Biertisch weg zu einer höchst pressanten Arbeit holen lassen müssen. Er befand sich in solch bedenklichem Zustande, daß ich selbst kaum glaubte, ihn brauchen zu können: und siehe da! sobald er den weißen Bogen vor sich und die Feder zwischen den Fingern hatte, ging die Sache wie geschmiert; nur um eines kam er nicht herum: er fand das Tintenfaß nicht, und so mußte ich mich dazu bequemen, ihm immer die Feder einzustippen,«

»Und wie sah die Schrift am andern Morgen aus?« fragte Mannering.

»O, ganz ausgezeichnet. Nicht drei Worte brauchten geändert zu werden, und wir konnten das Schriftstück ohne Verzug auf die Post bringen. Aber morgen zum Frühstück sehe ich Sie bei mir? Sie werden doch mit anhören, was diese alte Magd der alten Mamsell zu Protokoll gibt?«

»Sie fangen leider recht früh am Tage an?«

»Später läßt es sich nicht machen, Herr Oberst. Wollte ich nicht pünktlich früh in der Kanzlei erscheinen, möchte sogleich das Gerede aufkommen, daß mich der Schlag gerührt haben müsse und unter den Folgen solches Geredes hätte ich während der ganzen Verhandlung zu leiden.«

»Nun, meinetwegen,« erwiderte der Oberst, »ich werde schon nicht auf mich warten lassen.«

Hierauf gingen die Herren auseinander. Am andern Morgen stellte sich der Oberst pünktlich in der Kanzlei des befreundeten Anwalts ein, wo er die Jungfer Rebekka bereits antraf, bei einem Täßchen Schokolade, das ihr der Anwalt hatte vorsetzen lassen.

»Seien Sie ganz ohne Sorge, Fräulein Rebekka,« eröffnete der Anwalt das Verhör, »es liegt nicht im geringsten in meiner Absicht, den letzten Willen Ihrer verstorbenen Herrschaft anzufechten. Das Vermächtnis, auf das Sie doch wahrlich so gerechten Anspruch haben, bleibt unbedingt aufrecht.«

»Nun, wenn sich die Dinge so verhalten,« erwiderte Rebekka, »so will ich Ihnen gern erzählen, wie die Geschichte verlaufen ist. Sehen Sie, es mag so ungefähr ein Jahr her sein, da ging meine Dame auf ein paar Wochen nach Gilsland, zu ihrer Erholung. Es wurde schon damals viel von den zerrütteten Vermögensverhältnissen des Lairds von Ellangowan gesprochen, und darüber bekümmerte sich das Fräulein ganz außerordentlich, denn sie war sehr stolz auf ihr Haus und ihre Familie. Mit dem Laird hat sie sich manchmal vertragen, manchmal nicht; aber in den letzten drei Jahren waren alle Differenzen ausgeglichen, und es hatten sich recht gute Beziehungen zwischen ihm und meiner Herrin angebahnt. Der Laird wollte Geld borgen, und das konnte und wollte sie ihm nicht geben, weil sie dachte, er könnte es ihr doch nicht wieder bezahlen. Da erzählte ihr jemand von der Gesellschaft zu Gilsland, die Herrschaft Ellangowan sollte verkauft werden, und ich möchte sagen, von dem Augenblick an mochte sie von Fräulein Lucy Bertram nichts wissen. Wohl hundertmal sagte sie zu mir: »O Rebekka, wenn doch das unnütze Ding, das Mädchen in Ellangowan, das ihren Vater nicht in Ordnung halten kann, ein Junge wäre! Dann könnte man das alte Stammgut nicht verkaufen, wegen der Schulden des einfältigen Narren.« Das mußt ich immer und ewig von ihr hören, so daß ich seiner am Ende ganz überdrüssig werde. Einmal als ich mit ihr spazieren ging, sah sie einige hübsche Jungen, die einem Landmann gehörten. Und sie sagte zu mir: »Es ist doch recht unglücklich, jeder arme Bauersmann hat hier einen Sohn und Erben und das Haus Ellangowan hat keinen männlichen Erben.« Da stand eine Zigeunerin hinter uns und hörte das – ich habe in meinem Leben nicht eine Frau gesehen, die so schrecklich aussah. »Was ist das?« sagte sie, »wer darf sagen, daß das Haus Ellangowan ohne männlichen Erben untergehen solle?« Meine Herrschaft sah sich um – sie war nichts weniger als schüchtern und hatte immer eine Antwort bei der Hand. »Ich sage es,« antwortete sie, »und mit schwerem Herzen,« Da nahm das Zigeunerweib ihre Hand und sagte: »Ich kenne Euch recht gut, wenn Ihr mich auch nicht kennt. Aber so gewiß die Sonne am Himmel scheint, so gewiß dies Wasser ins Meer fließt, und so gewiß als ein Auge ist, das uns beide sieht, und ein Ohr, das uns beide hört, Harry Bertram, der bei dem Warroch-Felsen umgekommen sein soll, ist dort nicht gestorben. Er hat viel ausstehen müssen, bis er einundzwanzig Jahre alt war, das wurde ihm gewahrsagt: aber wenn Ihr am Leben bleibt, und ich's erlebe, so sollt Ihr mehr hören von ihm in diesem Winter, ehe der Schnee zwei Tage auf den Feldern von Singleside gelegen hat .. Ich brauche Euer Geld nicht,« sprach sie weiter, als meine Dame ihr einige Münze geben wollte, »Ihr möchtet sonst glauben, ich wollte Euch blauen Dunst vormachen. Lebt wohl bis nach St. Martinstag,« Und so ließ sie uns stehen,

»Sie war sehr groß, die Zigeunerin – nicht wahr?« fragte Mannering,