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Indessen gab Kaiser Alexius ohne Säumen das Zeichen zum Beginne der Zeremonie: alsbald erhoben die salomonischen Löwen, ihre Mähnen schüttelnd und mit ihren Schweifen wedelnd, ihr Gebrüll, setzten aber hierdurch den fränkischen Grafen in solchen Grimm, daß er, ohne sich zu fragen, ob er wirkliche Geschöpfe oder ein mechanisches Kunstwerk vor sich habe, auf den ihm zunächst befindlichen Löwen zuschritt und ihm mit seiner stählernen Faust einen Schlag wider den Kopf gab, daß er in Stücke zersprang und Walzen, Federn und anderes Gerät über den Teppich hin flogen.

Sobald er inne wurde, daß sich sein Zorn nicht auf ein lebendiges Wesen, sondern eine mechanische Spielerei entladen hatte, fühlte er sich nicht wenig beschämt, trat vor den kaiserlichen Thron und sprach, sich tiefer verneigend, als er es sonst wohl getan hatte, zu Alexius: »Verzeiht mir, Kaiser von Ostrom, daß ich Euch dieses vergoldete Ding zerschlagen habe; der Zauber- und Wunderwerke sind aber hierzulande so viele, daß kein Ritter im stande ist, das Echte vom Falschen, das Wahre vom Erlogen zu scheiden,« – Kaiser Alexius, den seine sprichwörtliche Geistesgegenwart in diesem Momente im Stiche zu lassen drohte, murmelte etwas von einem kostbaren Schatze, dessen Besitz an die kaiserliche Familie von dem alttestamentlichen Könige der Juden übergegangen sei; Graf Robert in seiner Derbheit meinte hingegen, es zieme sich auch für den weisesten Herrscher nicht, seine Untertanen durch dergleichen Hokuspokus in Schrecken oder auch nur sich bei ihnen in Respekt zu setzen. »Und wenn ich mich durch meinen Grimm zu einer voreiligen Handlung hinreißen ließ, so büße ich sie kaum am wenigsten von uns beiden, denn ich habe mir an dem hölzernen Lowenschädel meinen kostbaren Stahlhandschuh zerschlagen!«

Nach einigem Hin- und Herreden über das häßliche Vorkommnis schlug der Kaiser vor, sich in den Speisesaal zu begeben. Vom Truchseß wurden die gräflichen Gäste durch eine endlose Reihe von Gemächern geführt, deren Ausstattung mit allerhand Prachtstücken ihnen einen schicklichen Begriff von der Macht und dem Reichtum des Geschlechtes der Komnenen geben sollte, und da hierzu eine geraume Zeit vonnöten war, blieb dem Kaiser die nötige Zeit, dem höfischen Zeremoniell, das ihm verbot, sich zweimal am Tage einem fremden Gaste in dem gleichen Ornate zu zeigen, gemäß und der eigenen Neigung entsprechend, sich umzukleiden. Um die Zwischenzeit weise zu nützen, ließ er Agelastes zu sich rufen.

»Durch wessen Versehen ist der verschmitzte Bohemund von Antiochien, der halbe Italiener und halbe Asiate, bei dem heutigen Empfange in den Palast gerufen worden?« herrschte er den Philosophen an.– »Soweit ich unterrichtet bin, hat – sofern ich sprechen darf und leben – Truchseß Michael Cantacuzene in dem Glauben, seine Anwesenheit werde gewünscht, den Fürsten geladen: er kehrt aber schon heute abend in das Kriegslager zurück.« – »Um die Herren Kreuzfahrer davon zu unterrichten, daß ihr Tapferster der Tapferen sich in Unserem Schlosse befindet?« fragte höhnisch der Kaiser; »damit Uns recht bald die Kriegserklärung überbracht werde, falls Wir Graf und Gräfin nicht auf der Stelle freilassen?« – »Sofern das Eurer Hoheit Meinung ist, möchte es allerdings geratener sein, die beiden Leute gleich mit dem italienischen Normannen oder normannischen Italiener, wie Ihr wollt, ins Kreuzfahrerlager zurückzuschicken,« erwiderte Agelastes. – »So?« versetzte Alexius, »Wir sollen Uns also jeglicher Frucht aus dem klug ersonnenen Unternehmen gleich im vorhinein begeben? Sollen alles Geld, das wir schon darauf gewandt haben, zum Fenster hinausgeworfen haben? Sollen allen Verdruß und alle Besorgnis umsonst gelitten haben? Nein, Agelastes! unterrichte vielmehr die Kreuzfahrer, daß Wir von der Fortsetzung der Huldigungszeremonie Abstand nehmen wollen, daß sie statt dessen sich von morgen in aller Frühe zur Einschiffung nach der jenseitigen Küste bereit halten mögen; Unserm Admiral aber lassen Wir befehlen, bei seinem Kopfe dafür Sorge zu tragen, daß sich zur Mittagszeit kein einziger Kreuzfahrer mehr auf dieser Seite des Bosporus befindet. Ihr, Agelastes, aber sorgt, daß zu ihrem Empfange auf dem anderen Ufer ein fürstliches Mahl bereit stehe. Haben Wir sie vom Halse, dann wollen Wir der weiteren Gefahr die Stirn zu bieten suchen, sei es, daß wir den Fürsten Bohemund für Uns gewinnen; sei es, daß Wir dem Kreuzfahrerheere offen gegenüber treten, wenn erst ihre Streitmacht zersplittert ist, oder doch ihr Feldhauptmann mit den anderen wichtigeren Anführern sich auf dem andern Ufer befindet. Und nun zur Tafel!«

Inzwischen waren die kaiserlichen Gäste in dem Speisesaale angekommen, dessen Ausstattung ganz die gleiche Pracht aufwies wie alle übrigen Räume, durch die sie geführt worden waren. Auf der Tafel von gewaltiger Länge stand ein fürstliches Mahl, auf den köstlichsten Gedecken und in den köstlichsten Schüsseln; doch seltsam berührte es das fränkische Ehepaar, daß die letzteren auf Schemeln standen, damit sie den beim Essen nach der am Hofe herrschenden Sitte sitzenden Damen und liegenden Herren gleicherweise zur Hand seien. Um die Tafel herum standen Negersklaven in reicher Tracht, um den Dienst bei Tafel zu verrichten; der Truchseß wies den Gästen ihre Plätze mit seinem güldenen Stabe an und bedeutete ihnen, bis auf ein neues Zeichen mit seinem Stabe vor den ihnen angewiesenen Plätzen stehen zu bleiben. Das obere Ende der Tafel war durch einen seidenen Vorhang verhängt, auf den der Truchseß mit sklavischer Unterwürfigkeit den Blick geheftet hielt, bis ein leichtes Wehen verriet, daß sich der Kaiser hinter ihm befinde. Darauf schwang er seinen Stab, der Vorhang teilte sich, und der kaiserliche Thron, um etwa acht Fuß höher als die Tafel, wurde sichtbar. Der Kaiser saß in einem neuen, das frühere an Pracht noch weit überbietenden Ornate vor einem neben den Thron gesetzten kleinen Sondertische; hinter ihm stand seine Gemahlin, seine Tochter und der Cäsar und Schwiegersohn, gewärtig seiner Erlaubnis, sich zu den Gästen der kaiserlichen Tafel zu gesellen. Der Kaiser berührte keine Schüssel, die für die Gäste bestimmt war, und umgekehrt nahm keine Schüssel, aus der der Kaiser sich bedient hatte, den Weg zu seinen Gästen; von den Weinen hingegen ließ der Kaiser wiederholt denjenigen Gästen, denen er besondere Ehre antun wollte – und das waren fast nur die fränkischen Ritter – hin und wieder ein Glas reichen.

Graf Robert ließ keinen Blick von dem Fürsten von Antiochien, der auf dem Wege zum Speisezimmer Gelegenheit gefunden hatte, ihm zuzuraunen, er möge sich bei der kaiserlichen Tafel genau so verhalten wie er, und Sorge tragen, daß sich auch seine Gemahlin hiernach richte, Graf Bohemund, wie schon bemerkt, einer der verschlagensten Fürsten jener Zeit, genoß von keiner Speise, trank auch keinen Schluck Wein, sogar von jenem nicht, der vom Kaiser zur Tafel geschickt wurde. Ein Glas Wasser, das er sich selbst eingoß, und ein Stück Brot, das er aufs Geratewohl aus einem Körbchen, wie ihrer viele auf der Tafel umherstanden, nahm, bildeten seine einzige Nahrung. Er entschuldigte dieses nüchterne Verhalten mit dem heiligen Adventsfeste, das ihm Fasten auferlege.

»Daß Ihr, Herr Bohemund, Uns gerade heute nicht Bescheid tun mögt,« sagte der Kaiser, der in dem Verhalten des Antiochiers weniger Frömmigkeit als Argwohn erblickte, »da Ihr Uns doch die Ehre erwiesen, als Fürst von Antiochien in die Eigenschaft eines Vasallen Unseres Thrones zu treten, berührt Uns, wie Wir nicht verhehlen wollen, höchst unangenehm.« – »Antiochien,« erwiderte Bohemund, »ist nicht erobert, und bei allen Verträgen, die wir eingehen, macht das Gewissen seinen Vorbehalt.« – »Nun, so laden Wir denn,« hub der Kaiser wieder an, »wenngleich es der an Unserem Hofe herrschenden Sitte widerspricht, Unsere Kinder zu einem gemeinsamen Trunke ein, desgleichen Unsere Gäste und anwesenden Kronbeamten.. Wir befehlen Unserem Truchseß, die Becher zu füllen, welche die Namen der neun Musen führen, bis zum Rande, und mit dem Weine, der für Unsere kaiserlichen Lippen bestimmt ist.«