Die Becher, durchweg aus lauterem Golde, wurden gefüllt. Der Kaiser wandte sich zu dem Grafen Robert: »Ihr wenigstens, edler Graf,« sprach er, »werdet Euch Wohl nicht bedenken, Eurem kaiserlichen Wirte Bescheid zu tun? und Eure edle Gemahlin Wohl auch nicht?« – »Die Sünde, heute abend Wein zu trinken, will ich auf mich nehmen,« erwiderte der Graf, »sie wird die Last meiner Sünden wohl nicht zu sehr mehren; ich will auf keinen Fall, daß Ihr meinen sollt, ich hätte Bedenken anderer Art.« – »Und Ihr, Fürst Bohemund?« – »Ich möchte meinen, es sei dem Grafen besser gewesen, sich nach meinem Beispiele zu richten. Doch wie es ihm beliebt! Mich befriedigt schon das Aroma dieses köstlichen Weines.«
Mit diesen Worten schüttete er den Inhalt seines Bechers auf die Dielen, bewunderte aber die kostbare Gravierung des Bechers und schien sich an dem köstlichen Aroma zu laben.
»Die Becher weisen sämtlich eine schönere Arbeit auf, als der berühmte Becher Nestors, von dem uns Homer eine Schilderung hinterlassen hat,« sagte der Kaiser, »und da Euch, Herr Bohemund, die Arbeit so großen Gefallen abgewinnt, biete ich Euch, wie jedem meiner Gäste den Becher, der ihm vorgesetzt worden, mag er daraus getrunken haben oder nicht, zum Andenken an das heutige Festmahl als Geschenk.«
»Wenn ich solches Präsent, mächtiger Kaiser, nicht weigere,« erwiderte Bohemund, »so will ich Euch eben nur zeigen, daß uns einzig und allein die Frömmigkeit hindert, Euch beim Trinken Bescheid zu tun, daß wir darum aber nichts weniger als im Unfrieden auseinander gehen.« Er, verbeugte sich tief vor dem Kaiser, und dieser dankte ihm mit einem Lächeln, das einen recht herben Anflug zeigte.
»Ich aber,« nahm nun der Graf von Paris das Wort, »möchte mir genügen lassen an dem Trunke, den ich aus diesem Becher genommen, und Eure Tafel nicht solches köstlichen Geschirres berauben. Es sei ferne von mir, aus Eurer edlen Gastfreundschaft noch materiellen Nutzen zu ziehen.« – »Ganz, wie Ihr wollt, edler Graf, aber auch ganz, wie Fürst Bohemund es will. Aber hört, die Abendglocke läutet, und wir müssen nun doch wohl der Ruhe gedenken, die uns die Kräfte zum morgigen Tagewerk schaffen soll.«
Die Gesellschaft brach auf; Fürst Bohemund nicht, ohne der Musen zu gedenken, die ihm zum Präsent gemacht worden, wiewohl er sonst von ihnen kein sonderlicher Verehrer war. Was der Kaiser gewollt hatte: zwischen Bohemund und Graf Robert ein gespanntes Verhältnis zu schaffen, war ihm geglückt; denn Bohemund konnte sich nicht verhehlen, daß Graf Robert von seiner Habsucht eine schlechte Meinung gewonnen, und Graf Robert, daß der kühl berechnende Bohemund in ihm einen unüberlegten Draufgänger erblicken müsse.
Sechstes Kapitel
Graf Robert und Dame Brenhilde erhielten ihr Quartier im Blachernä-Palaste in zwei aneinander stoßenden Zimmern angewiesen, die aber durch Absperren der zwischen ihnen befindlichen Tür für die Nacht außer Verbindung gesetzt wurden. Das Ehepaar verwunderte sich zwar darüber, daß dies geschah; indessen meinten sie das sonderbare Verhalten entschuldigen zu sollen mit dem in diese Nacht fallenden heiligen Adventsfeste. Daß einem von ihnen Böses drohen oder gar widerfahren könne, davor fürchteten sie sich nicht. Marzian verrichtete bei dem Grafen, Agathe bei der Gräfin ihren Nachtdienst und begaben sich dann nach den ihnen unter ihresgleichen angewiesenen Lagerstätten.
Mochte es nun von dem Weingenuß herrühren – Graf Robert hatte zwar nur ein einziges Mal, aber doch einen recht tüchtigen Schluck davon genommen – oder von der Unruhe des verwichenen Tages kommen, – kurz, er erwachte zu einer Zeit, da es noch stockfinster in dem Raume war, während ihm doch zumute war, als müsse der Tag längst angebrochen sein. Er guckte sich um, konnte aber zunächst weiter nichts sehen als ein Paar glühende Punkte an der entgegengesetzten Wand, die ihm aber ganz so vorkamen wie ein Paar Augen einer wilden Bestie, die ihre Beute anglotzt. Er sprang vom Bette, in der Absicht, nach seiner Waffe zu greifen, aber im selben Augenblicke kam von der Wand ein dumpfes Gebrüll herüber, begleitet von einem Kettengerassel, wie wenn die Bestie zum Sprunge angesetzt hätte, aber durch Ketten, daran verhindert würde. Das Gebrüll setzte nun nicht wieder aus, und es war so fürchterlich, daß es im ganzen Palaste gehört werden mußte.
Die Bestie mußte dem Grafen unbedingt auch schon näher gekommen sein, denn es war ihm hin und wieder ganz so, als ob ihn ein heißer Atem ins Gesicht träfe. Wohl war der Graf einer der tapfersten Männer seines kriegerischen Zeitalters, aber doch auch ein Mensch, und darum braucht es ihm nicht zur Unehre angerechnet zu werden, daß sein Herz im eisten Augenblicke nicht frei von Unruhe, wenn auch nicht Bangen, war. Aber er war fest entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Unangenehm war ihm vor allen Dingen, daß es ihm beschert sein sollte, unter den Klauen einer Bestie zu verenden. Dann fiel ihm ein, das Ganze könne vielleicht bloß ein Trick des Philosophen oder auch des Kaisers sein, seinen Mut auf die Probe zu stellen, und dieser Gedanke brachte ihm eine gewisse Beunruhigung. Aber das Gefühl, daß ihm der Tod nahe, konnte er nicht bezwingen; es kam immer und immer wieder, trotzdem er sich mit dem Gesichte nach der Wand zukehrte, da fiel ihm sein Weib ein: ob sie schliefe? Aber wie sollte das möglich sein bei dem gräßlichen Gebrüll der Bestie? Ihre beiden Zimmer stießen aneinander. Er rief sie, um sie zu warnen, aber seine Stimme hatte nur matten Klang; denn die Furcht, seiner Ehgemahlin könnte noch Schlimmeres bevorstehen als ihm, beschlich ihn mit einem Male, ohne daß er eine Erklärung dafür finden konnte, woher ihm nun auch solch schwarzer Gedanke noch käme. »Brenhilde!« rief er wieder, »wir sind in schlimmer Gefahr, erwache und sprich zu mir! Erwache, aber erhebe Dich nicht von Deinem Lager!« Keine Antwort! »Was geht denn mit mir vor?« sprach er da bei sich selbst; »weshalb rufe ich nach Brenhilden, als wäre ich ein Kind, das Sehnsucht fühlt nach seiner Amme? Fürchte ich mich schon vor einer Katze, die sich in meine Stube verlaufen hat? Ha, schäme Dich, Graf von Paris! Mein Wappen soll man mir zerschlagen, die Sporen soll man mir von den Füßen hauen, wenn ich länger verweile wie ein feiger Wicht. Heda!« rief er mit Donnerstimme, »was bist Du für ein Wesen? gib Antwort!« und wieder ertönte jenes dumpfe Geknurr, das ihm zu künden schien, es gebe hienieden für ihn keine Hoffnung mehr.
Da klang ihm eine dumpfe Stimme in die Ohren, wie aus einem tiefen Grabe herauf: »Tor Du! wie kannst Du auf Antwort rechnen aus dem lebendigen Grabe, in das Du gestoßen worden?« – »Ich bin ein christlicher Ritter,« erwiderte der Graf, »der gestern noch an der Spitze von fünfhundert tapferen Mannen stand, und liege jetzt hier in einem finsteren Loche, das mich nicht einmal den Winkel sehen läßt, worin der Tiger liegt, der mich zu zerfleischen droht!« – »Du bist ein Exempel mehr für die Wandelbarkeit des Glückes,« antwortete die Stimme, »wirst aber noch bei weitem nicht das letzte sein! Ich leide hier schon über drei Jahre, und war doch jener mächtige Ursel, der sich neben Alexius Komnenos um die Krone des Reiches Ostrom bewarb. Aber ich wurde verraten von denen, die sich mir verbündet hatten, wurde des kostbarsten Gutes beraubt, das der Mensch besitzt, des Augenlichtes, und in dieses finstere Gewölbe gestoßen, wo ich nur wilde Bestien zu Gefährten habe, deren freudiges Gebrüll über unglückliche Opfer, die ihrer Wut preisgegeben worden, mich oft schon aus meinem nächtlichen Schlummer aufgerüttelt hat.«
Da wurde der Raum wie durch einen jähen Zauber von einem dunkelroten Lichtschein erhellt. Die Sache ging jedoch durchaus natürlich zu: dem Grafen war eingefallen, daß er ein Feuerzeug bei sich trug, und hatte es angesteckt, um damit die Bettvorhänge in Brand zu setzen. Von dem grellen Schein erschreckt, sprang der Tiger soweit zurück, wie ihm die Kette Terrain freigab; Graf Robert aber packte den schweren Holzschemel, der neben seinem Bette stand, und schleuderte ihn mit furchtbarer Gewalt dem Tiger gegen den Schädel. Als er sah, daß die Bestie betäubt auf die Erde schlug, sprang er zu ihr hin und erstach sie mit dem Dolche, den seine Verfolger ihm gelassen hatten; nun erst ward er gewahr, daß er sich überhaupt nicht mehr in jenem Zimmer befand, wo man ihm sein Nachtquartier angewiesen hatte; rasch löschte er das Feuer wieder und untersuchte beim Lichtschein seines Feuerzeuges den Raum und die Tür, zu der er hereingekommen zu sein wähnte. Von einer Verbindung mit dem Zimmer, das seiner Gemahlin angewiesen worden war, ließ sich nirgends etwas wahrnehmen: es wurde ihm mit einem Male klar, daß sie bloß deshalb in den beiden voneinander getrennten Zimmern untergebracht worden waren, damit man sie desto leichter überfallen und bezwingen konnte. Grauen befiel ihn, als er des Schicksals gedachte, das seinem Ehgemahl drohen mochte oder vielleicht schon über dasselbe gekommen war. Jetzt gedachte er der Warnungen, die ihm Bohemund erteilte; jetzt wußte er, daß in dem Weine, den er getrunken hatte, irgend ein Betäubungsmittel enthalten gewesen sein mußte. Wer konnte wissen, wie lange er unter der Einwirkung desselben gestanden hatte? Da erklang wieder, doch von einer ändern Seite her, jene unheimliche Grabesstimme: »Fremdling, wo weilst Du? Bist Du noch am Leben oder hat Dich der Tiger zerrissen? Sprich! denn ich kann nicht sehen!«