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»Ich lebe noch,« versetzte der Graf, »und das Ungetüm liegt krepiert am Erdboden. Auch die Tür hab' ich gefunden; sie liegt auf der Seite, woher Deine Stimme zu mir dringt; aber ich kann sie nicht öffnen.«

»Ich will Dich lehren, wie es sich mit ihr verhält,« antwortete die Stimme; »hebe sie so hoch, wie Du kannst, und die Riegel werden sich von selbst zur Seite schieben. Sodann stoße mit aller Macht dagegen, und sie wird weichen. O, könnte ich Dich doch sehen! Es muß ja eine Freude sein für menschliche Augen, solch tapferen und kühnen Mann zu sehen!«

Graf Robert legte seine Rüstung an, von der er außer seinem getreuen Schwerte Tranchefer kein Stück vermißte, und versuchte dann, nach der ihm von dem Gefangenen gegebenen Weisung, die Tür zu öffnen. Es gelang ihm aber erst, nachdem er all seine Kraft aufgeboten hatte. Die Riegel liefen, sobald sie aus ihren Haken gelöst waren, und ohne daß es eines Schlüssels bedurfte, tat sich eine kleine Pforte auf. Wieder ertönte die Stimme: »Ich höre Dich, Fremdling! Du stehst jetzt in meinem Kerker. Drei Jahre lang habe ich daran gearbeitet, die Rinnen in den Stein zu graben, worin die eisernen Riegel laufen. Mehr denn zwanzig Riegel gilt es wegzuschaffen, ehe ich freie Luft atmen kann. Wie soll mir Kraft bleiben, solches Werk zu vollbringen? Aber es gewährt mir, glaube mir, eine ungeheure Freude, daß es mir vergönnt gewesen, auf diese Weise zu Deiner Erlösung beizutragen; denn sollte uns auch die weitere Befreiung nicht gelingen, so werden wir einander doch trösten können, solange der schlimme Tyrann uns das Leben vergönnt.«

Graf Robert blickte sich in dem neuen Räume, wohin er gelangt war, schaudernd um. In solcher Totengruft hatte ein menschliches Wesen drei Jahre lang gelebt? Kaum zwölf Fuß im Quadrat maß der grausige Kerker, und außer einem hölzernen Schragen, einem hölzernen Schemel und einem winzigen Tische war nichts darin enthalten, was einem Menschen das Leben hätte bequem machen können. Über dem Schragen standen in einen großen Mauerstein die schrecklichen Worte gemeißelt: »Hier wurde Zedekiah Ursel an den Iden des März eingesperrt und wurde hier begraben am ...« Eine leere Stelle dahinter war zur Aufnahme des Todestages bestimmt. Den Lebendigbegrabenen zu erkennen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit für jeden gewesen, der ihn einst gekannt hatte; er sah entsetzlich verwildert aus, sein Bart war ihm bis auf den Bauch hinunter gewachsen und sein Kopfhaar hatte sich zu einem scheußlichen Weichselzopfe verwandelt...

Dem Grafen drohte das Blut zu erstarren. »Hast Du diese Rinnen, in die die Riegel laufen, aus diesem Steine gehauen?« – »Mußte ich mir nicht Arbeit suchen, um bei Verstand zu bleiben?« versetzte der Unglückliche; »freilich ist's ein schweres Stück Arbeit gewesen und hat über drei Jahre gedauert. Drei Jahre lang habe ich Stein gegen Stein gerieben. Woher ich weiß, daß drei Jahre darüber verstrichen sind? Eine ferne Glocke hat mir mit ihren Schlägen die fliehenden Stunden zugezählt: und als endlich die Tür aus ihren Fugen wich, da sah ich, daß ich mir den Weg bloß zu einem anderen, noch festeren Kerker gebahnt hatte. Und doch hat die mühevolle Arbeit nun ihren Segen gebracht! Denn ohne sie hätten wir ja niemals den Weg zu einander gefunden!«

»Denke an Besseres!« erwiderte Graf Robert, »sinne auf Freiheit und Rache! Wie kann es der Himmel zulassen, daß solch schmählicher Verrat ein gutes Ende fände? Er müßte ja noch ungerechter sein, als Pfaffenmund zu künden vermöchte. Aber auf welche Weise wird Dir die Nahrung in Dein Kerkerloch gebracht?« – »Ein Wärter bringt mir einen Tag um den andern Brot und Wasser; er scheint kein Griechisch zu verstehen, denn er hat mir weder je geantwortet, noch je mich angesprochen. Ihr werdet gut tun, Euch auf kurze Zeit in den andern Kerker zu begeben, denn es möchte nicht gut sein, wenn uns der Mann, der bald kommen muß, erkennen würde.« – »Meinetwegen,« versetzte der Graf, »Wenn ich auch nicht einzusehen vermag, wie der Kerl in meinen Kerker gelangen könnte, ohne den Eurigen zu passieren. Soviel aber sage ich Euch: er soll noch eine Nuß zu knacken bekommen, ehe er sein heutiges Tagewerk vollendet.«

Hierauf rückte er die Tür wieder an ihren Platz, nachdem er in sein Kerkerloch zurückgekrochen war; von Ursels mühevollem Werk war nicht das mindeste mehr zu sehen.

Siebentes Kapitel

Graf Robert, war noch nicht lange wieder in seinem Kerker, so sah er aus einer Falltür in der Decke einen Lichtschimmer fallen, und fast gleichzeitig erklang in angelsächsischer Mundart der, Ruf: »Flink, Sylvan! flink!« Darauf antwortete jemand in einer andern, dem Grafen, aber ganz unverständlichen Mundart, die durch eine Art Gekicher in einemfort unterbrochen wurde: dazwischen rief wieder die andere Stimme: »Was? Du willst nicht? Marsch! hier ist die Leiter! und nun flink! flink!«

Da schwang sich mit einem einzigen Satze ein Wesen von etwa sieben Fuß Länge aus der Falltür auf die Kerkerdielen nieder, das in der Linken eine Fackel, in der Rechten eine Art Strickleiter hielt, die sich bei dem Sprunge mit abgewickelt hatte, ohne zu reißen, aber begreiflicherweise einem so riesigen Geschöpfe nicht als Handhabe oder Stütze hatte dienen können. Die Fackel, die dasselbe hielt, verlöschte infolge des starken Luftdruckes, der durch das Niederschießen des mächtigen Körpers entstand, und als das seltsame Wesen mit der Hand nach der Fackel fuhr, um sich zu überzeugen, ob sie noch brenne oder nicht, verbrannte es sich die Finger, fuchtelte mit dem Arme wild hin und her und stimmte ein lautes Geheul an.

»Achtung, Sylvan!« rief die angelsächsische Stimme wieder, »tanze nicht unten herum wie ein Narr, sondern gib dem Blinden sein Essen!« – Das Wesen – es als Mensch zu bezeichnen, wäre zu weit gegangen – blickte zu der Falltür hinauf, von welcher die Stimme hernieder klang, fletschte auf eine schreckliche Art die Zähne und ballte grimmig die Faust. Dann knotete es ein Bündel auf, das es am Arme getragen hatte, suchte in seinen Taschen nach einem Schlüsselbunde, fand ihn aber nicht dort, sondern neben dem Brote in dem Bündel. Dann zwängte es die Fackel hinter einen vorspringenden Stein und fachte sie durch seinen Atem zu neuem Brande an, guckte behutsam nach der Tür, die zu dem Kerker des Greises führte, steckte den Schlüssel in das Schlüsselloch und öffnete die Tür. Auf dem schmalen Korridor trat es zu einer Art Pumpe, deren Schwengel es ein paarmal auf und ab bewegte, bis ein Eimer voll Wasser gelaufen war, den es in Ursels Zelle trug. Ein paar Augenblicke später kam es mit dem, was der Gefangene von dem Wasser und dem Brote des gestrigen Tages übrig gelassen, wieder. In das Brot biß es, schnitt aber eine schreckliche Fratze und schleuderte es gegen die Wand.