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Hereward richtete den Blick in die Ecke und fragte erstaunt: »Und das habt Ihr vollbracht?« – »Ja,« antwortete Graf Robert, ohne mit einer Miene zu zucken. – »Und meinen Nachtgesellen erschlugt Ihr auch?« – »Erschlagen wohl nicht, aber einen argen Denkzettel dürfte er weghaben,« versetzte Graf Robert. – »Gewährt mir so lange Waffenstillstand, bis ich seine Wunde untersucht habe.« – »Es sei!«

Der Waräger beugte sich zu dem Kameraden nieder, der seiner Uniform nach zur Schar der Unsterblichen gehörte; er lag im Todeskampfe, konnte aber noch lallen: »Kommst Du endlich, Waräger?« Er versuchte, sich aufzurichten, sank aber wieder zurück. »Nur Deiner Feigheit habe ich meinen Tod zuzuschreiben. Laß mich, und antworte mir nicht! Der Franke hat mir den Dolch über dem Schlüsselbein in den Leib gejagt. Dasselbe hatte ich Dir zugedacht, nur wollte ich noch einige Zeit verstreichen lassen, bis die Affäre am goldenen Tor mehr in Vergessenheit geraten wäre. Ein Stich über dem Schlüsselbein, kräftig geführt, ist allemal tödlich. Das weiß ich aus meiner Praxis zu gut, als daß ich für mein Leben noch einen Batzen geben möchte. Sebastes von Mitylene hat seinen Köcher kaum erst halb geleert, und sieht seinen Bogen doch schon zersplittert!«

Der Grieche sank Hereward in die Arme und verschied. Der Waräger legte die Leiche auf den Estrich mit den Worten: »Eine recht heikle Geschichte! Ihr seid wohl meinem Volke feind, aber sonst ein wackerer Mann, soll ich Euch nun erschlagen, weil Ihr einen Schuft erschlagen habt? Ich meine, hier sei weder der Platz, noch Licht genug, daß Kämpen, die es ehrlich meinen, einen Streit ausfechten könnten. Lassen wir ihn deshalb ruhen! Meinetwegen, bis Ihr den Blachernä-Palast hinter Euch habt und wieder bei Euren Freunden und Euren Mannen seid. Kann Euch ein armer Waräger hierzu helfen, so findet Ihr mich bereit dazu. Doch setze ich voraus, daß Ihr ihm später ehrlichen Kampf nicht versagen werdet?« – »Freund oder Feind! willst Du mir geloben, auch meinem Weibe zu helfen?« – »Auch sie ist im Kerker?« – »Auch sie! und wenn Du nicht bloß mir, sondern auch ihr beistehen willst, gelobe ich, Dir ohne Rücksicht auf Deine Herkunft oder Deinen Stand, sei es zum Kampfe, sei es zum Freundschaftsbunde, meine Rechte zu bieten. Bei der Seele meines Ahnherrn Karls des Großen und beim Altare meiner Schutzheiligen, Unserer Frau zu den gebrochenen Lanzen.«

»Ich bin als Landesflüchtiger um so mehr verpflichtet, mich der Sache eines tapferen Ritters anzunehmen, wenn sie außer ihm auch sein Weib anbetrifft.« – »Dir hat das Schicksal zwar edle Geburt verweigert; dafür hat Dir Gott ein Herz verliehen, wie es sich nicht bei jedem Ritter findet. Ich habe Dir noch Weiteres zu sagen. In diesen Kerkern schmachtet wohl drei Jahre schon ein Greis, der nur von Brot und Wasser lebt. Er ist blind. Diesem unglücklichen Manne zu helfen, halte ich mich gleichfalls verpflichtet.«

»Bei Sankt-Dunstan!« rief der Waräger, »ich sollte meinen, Eure eigene Sache stände schlecht genug, und doch wollt Ihr sie mit der Sache jedes Unglücklichen verknüpfen, den Euch das Schicksal in den Weg führt?« – »Menschliches Elend zu erleichtern, verschönt das Ritterleben. Wackerer Sachse! zögere nicht, sondern erkläre Dich bereit, mir auch hierin zu Willen zu sein. In Deinem Gesichte liegt Klugheit und Aufrichtigkeit. Gelingt es uns, mein geliebtes Weib zu befreien, so werden wir eine große Hilfe haben, um anderen beizustehen.«

»Es sei!« erklärte der Waräger, »suchen wir die Gräfin auf! Und erachten wir uns dann stark genug, auch dem blinden Greise beizustehen, soll meinerseits weder Feigheit noch Hartherzigkeit diesen Versuch hindern.«

Achtes Kapitel

Um die Mittagszeit des nämlichen Tages hatte Agelastes eine Unterredung mit Achilles Tatius in dem verfallenen ägyptischen Tempel, wo er sich früher mit Hereward, dem Waräger, getroffen hatte.

»Jetzt, da wir vor den Gefahren stehen, die sich auf Deinem Wege zur Größe Dir entgegenstellen mußten,« begann Agelastes, ruhig und gleichmütig wie immer, »willst Du es dem törichten Knaben gleichtun, der ängstlich auf und davon läuft, nachdem er die Schleuse vom Wehre gezogen?«

»Du tust mir unrecht, Agelastes,« erwiderte der Akoluth, vergleiche mich eher dem Seemanne, der, zur Fahrt entschlossen, besorgt zurück nach dem Ufer blickt, das er vielleicht nimmer wiedersieht.«

»Mag sein! Indessen scheint's mir Mannesplicht, die Rechnung im voraus zu machen, nicht aber hinterher! Der Enkel Algurichs, des Hunnen, hätte erst wägen sollen, bevor er wagte, die Hand nach der Krone seines Herrschers auszustrecken.«

»Still!« flüsterte Tatius; »Du weißt, noch ist das ein Geheimnis zwischen Dir und mir. Wo wären wir, wenn der Cäsar davon erführe?«

»Wahrscheinlich verdorrten unsere Leiber am Galgen,« versetzte Agelastes, »während unsere Seelen im Aether schweifen würden, auf der Suche nach weiteren Geheimnissen, vielleicht solchen, die sicherer wären als die, denen wir hier nachspüren konnten.« – »Die Möglichkeit solches Schicksales dürfte uns zur Vorsicht mahnen,« erwiderte der Akoluth, die Stimme dämpfend; »denn steinerne Wände haben Ohren!« – »Nun denn, Du vorsichtigster aller Thronkandidaten,« sagte Agelastes, »so laß Dir sagen, daß Nikephoros in dem Wahne lebt, die Thronfolge sei ihm sicher, sofern es zur Wahl nach Alexius' Abscheiden kommen sollte. Er verläßt sich in dieser Sache völlig auf Dich und mich, denn eine tolle Passion, die ihn befallen hat, verrückt ihm das bißchen Verstand, über das er verfügt, vollständig. Wißt Ihr auch, wem diese Passion gilt? Dem Weibe des Franken Robert, oder vielmehr jenem Zwitter von Weib und Mann, das mit diesem Eisenfresser von christlichem Ritter ins Feld rückt!« – »Aber was kann aus solcher Narretei anders hervorgehen als zerschlagene Knochen?« fragte Tatius. – »Er pocht auf seine schöne Gestalt, die ihm bei mancher griechischen Dame das Terrain gesichert hat!« sagte Agelastes. »Vielleicht betrügt ihn diese Zuversicht ebenso, wie die auf seinen Anspruch als Cäsar auf die Thronfolge.«

»Vielleicht!« wiederholte der andere.

»Vorläufig habe ich ihm ein Stelldichein mit seiner Brabamante in Aussicht gestellt,« bemerkte der Philosoph lächelnd, »hoffentlich gelingt es ihr, seine verliebte Seele von dem schönen Leibe zu trennen!«

»Hoffentlich hast Du nicht unterlassen, Dir dafür diejenigen Vollmachten von ihm ausstellen zu lassen, zu deren Ausstellung er die Befugnis hat?« – »Solche Gelegenheit konnte sich bloß ein Dümmerer als ich entgehen lassen,« sagte Agelastes, »freilich muß ich mir sagen, daß ich wider Altar und Charakter handle; immerhin schäme ich mich nicht, solche Narretei zu fördern, weil sie dazu führen dürfte, aus einem ehrenwerten Akoluthen einen tüchtigen Kaiser zu machen, Aber wie weit bist Du mit der Warägergarde?«

»Nicht so weit, wie ich sein möchte,« versetzte Tatius, »immerhin darf ich ein Dutzend zu meinen unbedingten Anhängern zählen. Ist der Cäsar beseitigt, so wird kaum einer von ihnen mir die Heerfolge verweigern.« – »Und der Zenturio, den Alexius zu jenem Leseabend bestimmte?« – »Schade! bei ihm habe ich nichts ausgerichtet; und doch würden ihm alle Kameraden sich anschließen, denn er ist außerordentlich beliebt in der Garde. Zurzeit ist er dem tollen Grafen als Wächter beigeordnet; vielleicht wird er dann vom Kaiser den Kreuzfahrern ausgeliefert. Das bringt uns aber alles von dem Hauptthema ab: Wie verhalten wir uns gegenüber dem Kaiser?«