»Darüber werden wir doch immer erst den Cäsar aushorchen müssen, ohne Rücksicht auf die tolle Passion, die ihn beherrscht,« erwiderte Agelastes, »wenngleich meine Ansicht dahin geht, daß Alexius heute den Thron zum letzten Male besteigen dürfte.« – »Laß es mich, sollte Deine Voraussetzung zutreffen, recht bald wissen, damit ich mich der Schar der Unsterblichen versichere und die Waräger, auf die ich mich verlassen kann, auf diejenigen Posten verteile, die mir als die gefährdetsten erscheinen.« – »Verlaß Dich darauf!« sagte Agelastes, »aber noch eine Frage: was soll mit der Gemahlin des Cäsars werden?« – »Schaffe sie irgend wohin, wo ich von ihrem langweiligen Geschreibsel nichts mehr höre,« erwiderte der Akoluth; »könnte sie davon lassen, so möchte ich mich schon eher mit ihr befassen, und ihr den Ausweis dafür bringen, welcher Unterschied obwaltet zwischen einem rechten Kaiser und diesem Schemen von Briennios, der so viel Wesens von sich macht, ohne daß er imstande ist, ein Weib zu beglücken.«
Hierauf ging der Akoluth, stolzer als je vorher, und der Philosoph blickte ihm boshaft nach. »Auch einer von jenen Gecken,« brummte er vor sich hin, »die aus Verblendung die Fackel nicht sehen, die sie verzehren muß. Der, und den Cäsar, diesen pfiffigen Selbstling, umstricken? Nein! nein! Anna Komnena, wenn sie zur Witwe werden soll, darf keinem solchen Halbbarbaren Untertan werden! Das wäre ja schade um solchen Schatz von Witz und Genie! Ihr gebührt ein Gemahl von echtgriechischer Abkunft und einer Bildung, die der ihrigen die Wage hält. Das erst wird dem Throne von Byzanz den wahren Glanz verleihen!« Er ging stolz ein paarmal in dem Raume auf und nieder. »Doch wenn Anna Komnena Kaiserin werden soll, so muß notwendigerweise die Beseitigung des Kaisers Alexius, ihres Vaters, vorausgehen. Wäre das schlimm? Hm, ich sollte meinen, kein Kaiser hätte sich, um ans Ruder zu kommen, davor gescheut, seinen Vorfahren zu beseitigen! Sollte also ich es tun? Laßt sich nicht Blut vergießen, ohne daß man sich die Hand dabei befleckt?« – Er trat zur Tür und rief Diogenes, um ihn zu fragen, ob die fränkische Dame weggebracht worden sei?
– Der Sklave nickte stumm. – »Und wie benahm sie sich dabei?«
– »Ganz ruhig, als sie hörte, Ihr hättet es so angeordnet. Erst war sie gar nicht einverstanden damit, daß sie von ihrem Gemahl getrennt werden solle, und hat, wie verlautet, ein paar von den Sklaven niedergeschlagen, die sie wegbringen sollten. Mich aber erkannte sie sogleich wieder und als ich ihr sagte, Ihr bötet ihr für die nächste Zeit schickliche Unterkunft, erklärte sie sich auf der Stelle bereit, mitzugehen. Ich habe sie, Eurem Befehle gemäß, in dem der Kythere geweihten Gartenhause untergebracht.«
»Sehr nett von Dir, mein Diogenes!« erwiderte der Philosoph, »Du gleichest den Genien, die einem morgenländischen Talisman dienen; ich winke Dir, und mein Wunsch ist erfüllt.« Als der Neger nach einem tiefen Bücklinge durch die Tür verschwunden war, sprach Agelastes vor sich hin: »Vergiß aber nicht, Sklave, daß es gefährlich ist, zu viel zu wissen! Und mir scheint, das fängt nachgerade an, zwischen mir und Dir zu gelten!«
Da wurde dreimal gegen eines der Bilder geklopft, die so beschaffen waren, daß sie das Echo zurückgaben. »Ein Verschworener, der so spät noch kommt?« sprach er weiter, »wer mag das sein?« Er berührte das Bild der Isis mit seinem Stabe; es drehte sich, und vor ihn hin trat der Cäsar Nikephoros Briennios, Agelastes empfing ihn mit ernster Würde. »Ihr kommt, wie ich hoffe, in der Absicht, mir zu sagen, daß Ihr Euch die Sache mit der fränkischen Dame anders überlegt habt, nicht wahr?« fragte Agelastes. – »Nicht im mindesten, Philosophus,« versetzte der Cäsar, »meinst Du, ich hätte mir das Ding soviel Mühe kosten lassen, um jetzt auf einmal abzuschwenken? Die Huld der Venus ist der Lohn für die Plage, die der Mars über uns verhängt; ich wäre mit dem Kriegsgotte recht bald fertig, wenn mir nicht um Venus zu tun wäre.« – »Gegen die ungewisse Gunst eines Weibes setzt Eure Hoheit ein Kaiserreich? Und Euer Leben? Auch dasjenige aller Mitverschworenen? Dabei hat dieses Weib, das halb Teufel ist, halb Mensch, entschieden das Zeug in sich, unsern Plan zu gefährden! Zeigt sie sich Euch willig, so wird sie Euch nicht von sich lassen wollen; hält sie es hingegen, wie fast alle meinen, die sie kennen, nach wie vor mit ihrem Ehemanne, so habt Ihr alle Ursache, Euch vor einer neuerlichen Zumutung in acht zu nehmen, nachdem sie Eure erste so derb abgewiesen.«
»Du predigst tauben Ohren, alter Brummbär!« rief lachend Nikephoros, »magst Du noch so gelehrt sein, eine Wissenschaft geht Dir doch ab, und das ist diejenige vom schönen Geschlecht! Was soll ich mit Dir darüber reden? Meinst Du, ich hätte Lust dazu? Oeffne mir die Pforte, die mich aus diesen Trümmern nach dem ersehnten Liebeshaine führt!«
»Euer Wille geschehe!« versetzte, mit einem erzwungenen Seufzer, Agelastes. – »Diogenes, herbei!« rief der Cäsar, »sobald Du gerufen wirst, ist Unheil ja niemals fern. Oeffne die Pforte! möge Unheil, wenn es kommt, mich treffen!« Diogenes blickte auf seinen Herrn, der ihm winkte, den Befehl des Cäsars zu erfüllen. Darauf schritt Diogenes zu einer Stelle der verfallenen Mauer, um sorgfältig das Gebüsch, das sie versteckte, zu beseitigen. Eine kleine Pforte zeigte sich alsbald, verdeckt durch Quadersteine, die der Sklave heraushob, aber Stück für Stück neben der Pforte aufschichtete, wie wenn er sie später wieder zubauen wollte. »Bleib, bis ich zurückkehre, hier stehen und laß niemand mir folgen!« befahl Nikephoros dem Neger und nahm ihm die Laterne aus der Hand, die er hatte anzünden müssen, um das Schlüsselloch der Pforte zu finden.
»Ich will Euch nicht in den Garten der Kythere folgen,« sagte Agelastes, »denn ich würde dort ein zu bejahrter Galan sein; Ihr habt ja den Weg schon öfter gemacht und dürftet ihn also kennen.« – »Sehr brav von Dir, mein Agelast,« erwiderte der Philosoph, »daß Du Dein Alter vergissest, um jüngeren Freunden das Feld zu ebnen!«
Neuntes Kapitel
Wir müssen nun in den Kerker des Blachernä-Palastes zurückkehren, wo der Zufall zwei Männer einander näher geführt hatte, deren Charakter viele übereinstimmende Züge aufwies. Immerhin war die Situation für Hereward äußerst gewagt, denn so wenig er, wie jeder Sachse, von den hohlen Zeremonien hielt, die das eigentliche Wesen am Hofe von Byzanz ausmachten, so groß war doch noch immer die Meinung von der Macht und dem Ansehen des Reiches, dessen Herrscher er sich verpflichtet hatte; und wenn er sich ferner auch klar darüber war, daß der Akoluth, sein nächster Vorgesetzter, ein Feigling, vielleicht sogar ein Schurke war, so ließ sich doch nicht hinweg disputieren, daß er immer der Kanal war und blieb, durch den sich die kaiserliche Gnade über die Warägergarde, also auch über Hereward, ergoß, und daß er sich immer als ein Vorgesetzter von humaner Denkweise gezeigt hatte. Zudem stand Hereward in einem näheren Verhältnisse zu ihm, indem er bei allen wichtigeren Aktionen von ihm als Gesellschafter und Begleiter erwählt wurde. Wenn sich nun Hereward dem Grafen Robert gegenüber bereit erklärt hatte, ihm zur Flucht aus seinem Kerker zu helfen, wie auch zur Befreiung seiner Gemahlin beizustehen, so nahm er sich doch vor, hierbei nicht weiter zu gehen, als sich mit der Rücksicht auf seine dem Kaiser angelobte Pflicht und sein Verhalten gegen den Akoluthen vertrug. Wohl geleitete er den Grafen aus dem Kerker, denn er meinte, daß solche Haft sich mit der einem Ritter schuldigen Rücksicht nicht vereinbaren ließe, und daß der Kaiser in dieser Hinsicht übel beraten worden sein müsse. Sobald er aber mit ihm ins Freie hinaustrat, stellte er ihm ohne weiteres die Frage, ob ihm der Philosoph Agelastes bekannt sei. Als der Graf verneinend antwortete, sagte Hereward: »Herr Ritter, Ihr schlagt Euch selbst! wie könnt Ihr sagen der Mann sei Euch nicht bekannt, wenn Ihr doch gestern erst bei ihm zur Tafel wart?«