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»Ach! den Gelehrten meint Ihr?« rief der Ritter, »was sollte ich über ihn geheim zu halten haben? Er ist ein schlauer Patron, halb Herold, halb Sänger!« – »Sagt lieber, halb Kuppler, aber ganz Schuft!« versetzte der Waräger, »er frönt den Lastern anderer, indem er sich hinter die Maske der Gutmütigkeit verkriecht, und bringt seinen gütigen Herrscher am Ende noch um Reich und Leben, während er die tiefste Unterwürfigkeit heuchelt; es dürfte wirklich an der Zeit sein, der Hinterlist dieses Mannes Schranken zu setzen, denn wer mit ihm hält, gerät unter allen Umständen in Unglück und Verderben!«

»Das wißt Ihr und laßt dem Menschen doch freie Hand?« rief Graf Robert. – »Ich weiß noch nicht, wie ich ihm beikommen soll,« erwiderte der Waräger, »aber ich denke, die Zeit kann nicht mehr ferne sein, wo der Kaiser über das Tun dieses Mannes aufgeklärt werden muß, und dann mag der Philosoph sich in acht nehmen, wenn er von dem Barbaren nicht gefressen werden will.«

»Aber was geht denn mich der Mensch mit seinen Verschwörungsgelüsten an?« fragte Graf Robert. – »Viel, sehr viel,« versetzte Hereward, »denn die Hauptfigur bei all diesen Ränken spielt der Cäsar, trotzdem er eigentlich von allem am meisten zum Kaiser halten müßte. Aber Alexius hat einen Mitregenten ernannt, der im Range höher steht als der Cäsar, und seitdem ist dieser mißvergnügt und schmollt mit seinem Schwiegervater. Seit wann er sich mit dem Philosophen eingelassen hat, vermag ich freilich nicht zu sagen; aber so viel weiß ich, daß ihm dieser seit Monaten bei allen schlimmen Abenteuern Vorschub leistet, ihn auch wohl ausgiebig mit seinem großen Vermögen unterstützt.«

»Aber ich sehe noch immer nicht, was dies alles mich angeht?« rief ungeduldig Graf Robert. – »Viel, sehr viel, sage ich Euch abermals,« versetzte Hereward; »sagtet Ihr mir nicht, auch Eure Gemahlin sei in Haft befindlich?« – »Ja! aber, beim Tod der tausend Märtyrer! wie sollen diese schändlichen Ränke die edle Gräfin von Paris berühren?« – »Nehmt's mir nicht übel, Ritter! aber Ihr seid so recht ein Edelmann, wie ihn der Hof von Byzanz gebrauchen kann: voll felsenfesten Vertrauens auf sich selbst und blind gegen alle hinterlistigen Treibereien!«

»Ich kann noch immer nicht absehen, worauf Du hinaus willst,« rief der Graf; »aber eins laß Dir gesagt sein, Waräger: bring den Namen Brenhilda nicht zusammen mit Schurkerei! Es möchte Dir schlecht bekommen. Wohin führst Du mich?« – »In die Kytherischen Gärten des Agelastes,« antwortete der Waräger; »wir sind zwar nicht mehr weit davon; aber er hat's doch wesentlich näher dorthin; ich vermute, daß, Ihr dort Eure Gemahlin finden werdet, und daß der Cäsar kaum noch fern sein dürfte!« – »Elender! Du erfrechst Dich – ?« – »Ich dächte, Ihr solltet, statt solchen Ton anzuschlagen, dem Zufalle danken, daß er mich an Eure Seite geführt hat!«

Graf Robert fühlte die Wahrheit dieser Worte, und obgleich er vor Begierde brannte, seinen Zorn an dem ersten besten zu kühlen, folgte er Hereward zu der Pforte, die zu den Gärten des Philosophen führte. Es war die einzige in einer hohen Mauer, und Hereward, der sich die Zeichen gemerkt hatte, die Achilles und Agelastes gaben, um Zutritt zu bekommen, war eben willens, dieselben zu wiederholen, als ihm ein plötzlicher Einfall kam. »Ha! wenn der Schuft von Diogenes an der Pforte wäre? Zeit, uns zu verraten, dürfen wir ihm nicht gönnen, sondern müssen ihn umbringen, ehe er den Garten wiedergewinnen kann. Verdient hat der Halunke den Tod schon hundertfältig!«

»Dies Amt nimm Du auf Dich,« sagte der Graf: »ich kann meine Finger nicht mit dem Blute eines schwarzen Sklaven besudeln.« – »Aber, falls er mit vielen über mich herfällt, werdet Ihr doch nicht umhin können, mir beizustehen.« – »Wenn ich mit Ehren dabei bestehen kann, so werde ich Dich, auf Ritterwort! nicht im Stiche lassen: und sofern es sich nicht um einen bloßen Überfall, sondern ein richtiges Gefecht handelt, so werde ich es auch tun können, ohne gegen die Ehre zu verstoßen.« – »Nun, so will ich das Zeichen geben, und wir werden ja sehen, welcher Teufel vor uns erscheint.«

Auf sein Zeichen tat sich die Pforte auf, und eine zwerghafte Negerin mit weißem Haar, das von ihrer dunklen Haut grell abstach, trat auf die Schwelle. Auf ihrem häßlichen Gesicht stand deutlich Bosheit und Schadenfreude zu lesen. »Ist Agelastes ...« wollte der Waräger fragen: die Negerin ließ ihn aber nicht ausreden, sondern zeigte auf eine schattige Allee. Waräger und Ritter schlugen diese Richtung ein, und die Sklavin murmelte ihm hinterher, er möge sich vorsehen, denn er dürfte als Eingeweihter nicht vergessen, daß er lieber allein als in Begleitung hier gesehen sei.

»Wir müssen alle Vorsicht walten lassen,« flüsterte Hereward dem Grafen zu, »denn sicher hält sich das Wild, hinter dem wir her sind, hier auf. Ihr seid erregt; drum laßt mich lieber vorausgehen. Streifet jedes falsche Ehrgefühl von Euch, wenn Ihr gewahren solltet, daß die Liebenden eins geworden sind, und zeigt Euch nicht, sondern versteckt Euch unter einem Strauche oder einem Baume; denn Agelastes dürfte umherschleichen, um das Pärchen vor einer Überrumpelung zu schützen.« – »Bei den tausend Märtyrern! das kann nicht sein!« rief der heißblütige Franke: »mir wäre der Tod lieber als solches Leben im Argwohn!«

Aber er sah ein, daß es jetzt galt, der Not sich zu fügen, und er ließ dem Waräger den Vortritt. Bald sah er, daß dieser sich auf einen Pavillon zu bewegte, der unfern von dem Flecke, wo sie sich getrennt hatten, stand. Bald sah er weiter, daß Hereward an einer fast ganz überwachsenen Tür erst horchte und dann zu einem Spalt hinein zu sehen versuchte. Es hielt ihn nicht länger, denn er meinte, in dem Gesichte des Warägers eine gespannte Aufmerksamkeit zu erblicken, und so schlich er sich durch das Laub zu dem Waräger hin, aber so leise, daß dieser seine Anwesenheit erst merkte, als er den Druck einer Hand auf der Schulter fühlte. Hereward, dessen Gesicht vor Aufregung glühte, überließ dem Grafen seinen Platz, der nun durch einen Spalt das Innere eines der Kythere, der Liebesgöttin der Griechen, geweihten Tempel vor sich hatte, mit all den lasziven Statuen und Bildern, wie sie zu jener Zeit an der Tagesordnung waren.

Es dauerte nicht lange, so sah er seine Gemahlin, in Begleitung ihrer Dienerin Agathe, auf der entgegengesetzten Seite durch ein Portal treten und auf einem Ruhebette Platz nehmen, während die Dienerin sich im Hintergrunde verhielt. Plötzlich erschienen von der anderen Seite her Nikephoros und Agelastes, Agelastes in seinem härenen Zynikergewande, Nikephoros aber in seinem schönsten Prachtgewande und strahlend von Juwelen und kostbarem anderen Schmucke.

»Heil Euch, edle Dame,« rief der Cäsar, indem er sich vor Brenhilde auf ein Knie niederließ, »ich komme, um Verzeihung zu bitten, daß ich Euch hier ein wenig wider Euren Willen zurückgehalten habe.« – »So? Ihr nennt das ein wenig?« fragte Brenhilde, »ich meine, Ihr müßtet sagen, durchaus wider meinen Willen, denn ich kenne keinen anderen Willen, als zu meinem Gemahl, dem Grafen von Paris, zu gelangen,«

»Edle Gräfin,« nahm Agelastes das Wort, »Ihr habt ein Land verlassen, wo Mann und Weib nur nach der Stärke geschätzt werden, die ihnen innewohnt, Mitmenschen unglücklich zu machen, und befindet Euch nun in einem Lande, das die Mehrung der menschlichen Glückseligkeit als den höchsten Lebensgrundsatz erkennt. Sollte das nicht Euren Sinn zu wandeln vermögen?« – »Ehrwürdiger Philosoph,« antwortete die Gräfin, »wie könnt Ihr meinen, mich anderen Sinnes zu machen als er mir von Kindheit an innewohnt? Bei uns im Abendlande herrscht die Sitte, daß Mann und Weib sich nicht anders paaren wie Löwe und Löwin, das heißt, das Weib ergibt sich nur demjenigen Manne, von dessen Kraft und Stärke es überzeugende Beweise gewonnen hat. Selbst ein Mädchen geringen Standes möchte es als Entehrung ansehen, wenn es einem Manne an den Hals geworfen würde, der von seiner Wehrhaftigkeit noch keinen Beweis abgelegt hat.«