»Edle Dame,« nahm hier der Cäsar das Wort, »ich meine, um solchen Gewinnes halber wäre kein Abenteuer zu kühn! Wo wäre der Mann, der sein Schwert wieder in die Scheide stecken wollte, bevor er den Sieg errungen hätte? der ohne das stolze Bewußtsein, wenn ihm nicht der Sieg geworden, von der Walstatt ginge: was ich nicht gewonnen, hätte ich doch gewinnen sollen, denn verdient hatt' ich es!«
»Ihr seht, meine Dame,« nahm Agelastes wieder das Wort, um den Eindruck von den Worten des Cäsars durch eine passende Bemerkung zu verstärken, »daß in griechischen Herzen das Ritterfeuer nicht minder hell brennt wie in abendländischen.«
»Ich vermag solchen Worten nicht eher zu glauben, als bis Ihr mir einen griechischen Ritter zeigt, der nicht ohne Zittern die Helmzierde meines Gemahls betrachten kann.«
»Das dürfte, meine ich, nicht weiter schwer halten,« sagte der Cäsar, »denn mir ist mehr denn einmal gesagt worden, daß ich besseren Männern im Kampfe stehen könnte als dem, dem so unverdientermaßen das Glück in den Schoß gefallen ist, die Hand einer Brenhilda zu gewinnen.«
»Bei den tausend Märtyrern!« flüsterte Graf Robert dem Waräger tiefbewegt zu, »soll ich dergleichen Reden von einem Wichte anhören, der schon Reißaus nimmt, wenn ich mit dem Schwerte rassele? Auch Brenhilde läßt dem Gecken größere Freiheit, als recht und in Ordnung ist. Ich will hinein und diesem Hans Dampf zusetzen, daß er dran denken soll!« – »Solange Ihr neben mir steht,« versetzte der Waräger, »wollt Ihr, mit Verlaub, Euch in Geduld fassen; sind wir auseinander, so mögt Ihr Eurem Ritterteufel frönen, soviel Ihr wollt.«
»Dir fehlt's nicht bloß an menschlichem Gefühl,« erwiderte der Graf, ihn mit einem verächtlichen Blick messend, »sondern an allem Sinn für Ehre und Schande. Ich soll mir nicht bloß verunglimpfende Worte anhören, sondern auch ruhig zusehen, wie man meinem Weibe nachstellt?« – »Still!« flüsterte der Waräger, »sie sprechen wieder zusammen; ich sollte meinen, Ihr müßtet sehen, daß Euer Gemahl, trotzdem sie von aller Welt verlassen zu sein scheint, fest gewillt ist, Euch die Treue zu wahren?« – »Ich danke Dir, Freund,« erwiderte der Graf, »herzlich für die Worte und bitte Dir das Unrecht ab, das ich Dir eben angetan habe.« – »Was hättet Ihr mir abzubitten?« fragte der Waräger; »was nicht ernst gemeint ist, fasse ich nicht als eine Kränkung auf.«
Nikephoros durchschritt das Gemach und fragte plötzlich Agelastes, ob er auch fremde Stimmen gehört habe? – »Ihr müßt Euch irren, Hoheit,« versetzte der Philosoph, »wie sollte das möglich sein? Aber ich will mich draußen umsehen!«
Der Waräger riß den Franken unter einen Strauch von Immergrün, der so dicht war, daß sie von niemand gesehen werden konnten. Agelastes schritt langsam an dem Pavillon hin, scharfe Umschau haltend, konnte aber nichts entdecken, denn die beiden Männer verhielten sich mäuschenstill. Als er wieder in dem Pavillon verschwunden war, flüsterte der Graf: »Von solcher Lust, einem den Schädel einzuschlagen, wie in diesem Augenblicke ich, wird wohl noch kein Mensch besessen gewesen sein.« – »Ich hab's Euch angesehen,« sagte der Waräger, »aber verhaltet Euch bloß jetzt noch still! nachher könnt Ihr ja meinethalben tun und lassen, was Ihr wollt!«
Bevor die beiden Männer aus ihrem Versteck wieder an die Wand getreten waren, hatten die im Pavillon befindlichen beiden Personen ihre Unterhaltung weitergeführt. »Ihr werdet mich nun und nimmer zu dem Glauben bewegen, daß Ihr nicht wüßtet, was aus meinem Gemahl geworden. Wer hätte sonst von seinem Verschwinden einen Vorteil zu erwarten gehabt?« – »Ihr seid im Irrtum, schöne Frau,« erwiderte der Cäsar, »bin ich etwa der Kaiser? Hat Euer Gemahl mich beleidigt oder den Kaiser? Und meint Ihr, ein Herrscher wie Alexius könnte und wollte solche Beleidigungen, wie sie Graf Robert ihm öffentlich zugefügt hat, ungeahndet lassen? War es ihm durch Gewalt verwehrt, so hat er es eben durch List versucht, sich der Person des Mannes, der ihn so beschimpfte, zu versichern. Hättet Ihr mich nicht durch die Macht Eurer persönlichen Reize in Fesseln geschlagen, so stünde ich der ganzen Sache völlig fremd; und ohne die Beihilfe des weisen Agelastes wäre es mir obendrein nicht einmal möglich gewesen, auch nur Euch aus dem Rachen des Verderbens zu reißen. Immerhin liegt für Euch zunächst noch immer kein Grund zur Trauer vor; denn weder Ihr noch ich, noch sonst jemand ist über das Schicksal des Grafen Robert unterrichtet. Klug wäre es ja von Euch, wenn Ihr Euch nach einem neuen Beschützer beizeiten umsehen wolltet!«
Auf Brenhildens Gesicht kam ein maßloser Zorn zum Ausdruck; eine Weile lang schien sie keines Wortes fähig; dann aber rief sie: »Du bist ... Du bist ein ... doch nein! ich will Dich nicht nennen bei dem Namen, der Dir zukommt! die Welt wird ihn ohnedies dereinst mit Abscheu nennen, aber höre, was ich Dir jetzt künde: Robert von Paris ist entweder nicht mehr am Leben oder schmachtet in irgend einem Kerker des abscheulichen Blachernä-Palastes, wohin er nie hätte den Fuß setzen sollen. Er kann sich Dir nicht zum Kampfe stellen, den Schimpf zu rächen, den Du mir durch Deine Worte angetan hast. Aber hier stehe ich, Brenhilde, die Erbin von Aspramonte, das dem Grafen von Paris angetraute Eheweib, das von keinem Manne je in den Schranken des Turniers besiegt wurde außer von ihm, dem tapfersten der tapferen Männer, die eine Ritterrüstung tragen. Sie wird statt seiner mit Dir in die Schranken treten; sie wird den Kampf mit Dir aufnehmen, und Du wirst, denn Du kannst, nichts hiergegen einzuwenden haben!«
»Höre ich recht?« rief betroffen der Cäsar,»Ihr hättet solches im Ernst vor?« – »Ja!« rief die Gräfin mit festem Tone. – »Gegen mich wollt Ihr im Turniere kämpfen?« – »Gegen Euch! Gegen das ganze Reich von Ostrom, sobald behauptet wird, Graf Robert würde von Rechts wegen in Gefangenschaft gehalten!« – »Und die Bedingungen sollen Euch gegenüber die gleichen sein, wie ihm? Der Besiegte hat sich dem Sieger zu überantworten zu Gutem wie zu Bösem?« – »Zu Gutem wie zu Bösem!« versetzte Brenhilde, »nur eine Bedingung soll hinzutreten: unterliegt Ihr, dann soll mein Ehgemahl freigegeben werden, dann soll ihm gestattet sein, mit allen Ehren aus dem Blachernä-Palaste zu ziehen.« – »Diese Bedingung soll gelten, erwiderte der Cäsar, »freilich mit dem Vorbehalte, daß mir auch die Macht zusteht, sie zu erfüllen.«
Hier wurde die Unterhaltung der beiden Personen durch einen dumpfen Schlag, wie von einer Pauke, unterbrochen.
Zehntes Kapitel
»Er hat die Forderung angenommen?« fragte Graf Robert, indem er kopfschüttelnd den Waräger ansah, »er vermutet freilich nicht, welche Gewandtheit und Stärke ein Weib in der edlen Fechtkunst sich aneignen kann!« – »Und ich möchte sagen, es bedünkt mir, als ob Eure edle Gemahlin ein zu großes Selbstvertrauen besäße, denn der Cäsar ist ganz gewiß nicht bloß ein schöner, sondern auch ein sehr starker Mann, der die Waffen wohl zu führen weiß, und sich zudem weniger an die Gesetze der Ehre für gebunden erachtet als irgend welcher Ritter des Abendlandes. Seiner Meinung nach gibt es allerhand Vorteile für sich zu nützen, die jeder Ritter von Eurem Schlage verschmähen würde. Indessen will ich jetzt nicht weiter darüber sprechen; denn es erscheint mir für gebotener, Euch in Sicherheit zu bringen; ist doch der Paukenschlag, den wir eben hörten, ein Zeichen, daß sich andere Verschworene nahen. Gehen wir zu einer andern Pforte hinaus, als wir hereingekommen sind. Ich an Eurer Statt besänne mich keinen Augenblick, zu dem so ziemlich einzig sicheren Auskunftsmittel zu greifen, das Euch in Eurer Lage bleibt.« – »Und das wäre?« – »Flucht über die Meerenge und sofortige Rücksprache mit dem Grafen von Bouillon,« erwiderte der Waräger, »gibt er Euch eine entsprechende Anzahl von Rittern mit, die Euch in die Lage setzen, die Freigabe Eurer in solch niederträchtiger Gefangenschaft gehaltenen Gemahlin unter Androhung eines unverzüglichen Angriffes auf Stadt und Burg zu fordern, so dürftet Ihr sichere Aussicht haben, Eure Gemahlin vor den immerhin bedenklichen Folgen eines solchen Zweikampfes zu bewahren.«