Выбрать главу

Der Akoluth stutzte. »Wie meinst Du diese Worte?« fragte er; »aber ich weiß ja, daß Du bei all Deinem Tun Dich an den recht- und gesetzmäßigen Befehl Deines Vorgesetzten hältst; mithin muß es auch Pflicht für mich sein, auf Deine Bedenken Rücksicht zu nehmen. Aber,« setzte er nach einiger Ueberlegung hinzu, »es möchte gut sein, Du verweiltest nicht länger hier, sondern machtest Dich gleich auf den Weg nach der Kaserne. Agelastes braucht Dich nicht zu sehen, so wenig, wie er schon jetzt etwas zu wissen braucht. Sobald ich in der Kaserne bin, sollst Du die Vollmacht haben; einstweilen handle ohne sie schon so, als wenn Du sie in Händen hättest!«

Der Waräger machte sich ohne Säumen auf den Rückweg, in Zwiespalt mit sich darüber, daß er, wenn nicht unmittelbar gelogen, so doch die Wahrheit in bedenklichem Grade bemäntelt oder verschwiegen hatte, und daß es ihm trotzdem geglückt sei, mehr von seinem Vorgesetzten zu erreichen, als er jemals für möglich gehalten hätte; aber er nahm sich vor, dem Teufel der Lüge nicht weiter zu folgen. Er wurde unvermutet aus diesen Gedanken gerissen durch den Anblick eines Geschöpfes, das nicht bloß größer war als ein Mensch, sondern auch erhebliche Abweichungen in seinem Körperbau von einem solchen aufwies und bis auf das Gesicht von einem Haarpelz von tiefroter Farbe bedeckt war... Um die eine seiner Tatzen oder Hände trug das Geschöpf ein Tuch gewickelt, was auf eine gefährliche Verletzung schließen ließ. Sein Gesichtsausdruck war verzagt und widerwärtig. Im ersten Augenblicke dachte Hereward – so vertieft war er in seine Gedanken – den Teufel in Person vor sich zu haben; als er aber den ersten Schreck überwunden hatte, erkannte er ohne weiteres Sylvan, den Waldmenschen.

»Oho!« rief er, »Hast Dich wohl expreß hierher retiriert, um Dir den Wanst mit leckerem Obst zu füllen? Laß Dich bloß nicht erwischen, alter Freund!« – Der Orang-Utang stimmte ein widerliches Geschnatter an, – »Ich verstehe schon,« sagte Hereward wieder, »willst mir nichts vorschwatzen? He?... Na, schon gut! Mehr traue ich Dir schließlich als meinen zweibeinigen Kameraden vom Stamme Mensch, die einander aller Minuten über die Ohren oder eins über den Schädel hauen!«

In der andern Minute war der Affe verschwunden. Gleich darauf aber drang Angstgeschrei zu Herewards Ohren – aus Weibesmunde – und Hereward, der eigenen, gefährlichen Lage im Nu vergessend, machte kehrt und rannte in der Richtung, aus welcher die Hilferufe erklangen.

Elftes Kapitel

Ein Weib, das von dem Orang-Utang verfolgt wurde, stürzte ihm auf einem der Waldpfade entgegen, die in den hinteren Teil des Gartens führten. Sobald das Tier Hereward mit der Streitaxt in der Faust erblickte, machte es kehrt und verschwand im Dickicht... Hereward gewann also Zeit, das Weib zu betrachten. Ihr Gesicht war infolge des erlittenen Schreckens leichenblaß, verriet aber außerordentliche Schönheit; ihre Kleidung war bunt, mit Vorherrschen der gelben Farbe; der Leib war in eine eng anschließende Tunika gehüllt; darüber fiel ein mantelartiges Oberkleid aus feinstem Tuche, dessen Kapuze infolge des raschen Laufes vom Kopfe geglitten war, einen Teil des schönen, in einfache Flechten gelegten Haares bloßlegend.

Hereward war so verdutzt ob dieser seltsamen Erscheinung, daß er kein Wort über die Lippen zu bringen vermochte, zumal sie ihn wie ein längst entschwundenes Bild aus früher Jugendzeit anmutete. Die Tracht, in der er sie sah, war weder griechisch noch italienisch oder fränkisch. Es lebten in Konstantinopel wohl mehrere sächsische Frauen, die mit den Warägern der Heimat den Rücken gekehrt hatten, und die, weil ihnen Stand und Charakter ihrer Männer eine gewisse Achtung sicherten, darauf hielten, sich in ihrer heimischen Tracht zu zeigen; aber diese Frauen waren Hereward sämtlich von Angesicht zu Angesicht bekannt. Indessen war zu Sinnen und Träumen jetzt keine Zeit; denn die Situation des Weibes war kaum minder gefahrvoll wie seine eigene. Auf alle Fälle war es geraten, das Weib an einen Platz, fern von dem begangeneren Teile des Gartens, zu bringen: es fiel ihm eine künstliche Höhle ein, die ihm gelegentlich eines früheren Besuches hier bekannt geworden war. Dorthin trug er die schöne Bürde und legte sie am Fuße einer Quelle nieder, die in der Höhle entsprang. Fast unwillkürlich bemühte er sich, das Mädchen zum Bewußtsein zurückzubringen, das ihm auf dem Wege hierher abhanden gekommen war. Es gelang schneller, als der Waräger erwartet hatte, und mit einem wirren Blicke sich umsehend, flüsterte das Mädchen: »O heilige Jungfrau! habe ich den Kelch noch immer nicht bis auf die Neige geleert? Sprich, Mann! bist Du ein Gebilde der Phantasie, oder bist Du wirklich Hereward? Ist das schreckliche Ungetüm noch immer da, oder hab' ich bloß von ihm geträumt?«

»Bertha,« antwortete Hereward, der durch den Klang dieser Stimme wieder zu sich selbst gebracht wurde, »liebe Bertha! Du lebst, um zu hören, daß es wirklich Hereward ist, den Du vor Dir siehst! Das häßliche Geschöpf hat Dich freilich verfolgt, aber es ist nicht bösartig und läßt sich mit einer Reitgerte in Räson halten. Bertha! Bertha! kennst Du mich jetzt erst?« – »Ich war zuerst im Zweifel, Hereward,« erwiderte sie, »bis mir diese Narbe vom Zahne des Ebers Gewißheit gab.« – »Sage mir, Bertha!« rief der Waräger, »daß Du auch wirklich jene Bertha bist, die Hereward Treue gelobte: und kannst Du es mit wahrem Gewissen, dann wäre es sündhaft, zu denken, die Heiligen hätten uns in diesem fernen Lande wieder zusammengeführt, um uns neuerdings zu trennen.« – »Hereward! Hereward! in der Heimat und Fremde, unter Qualen und Freuden, bei Mangel und Ueberfluß, habe ich nimmer des Gelübdes vergessen, das ich Dir am Steine Odins geleistet.« – »Höre mich, Bertha,« versetzte, ihre Hand erfassend, Hereward, »wir waren fast noch Kinder, als wir dort saßen, und es war sündig, solches Gelübde zu leisten vor einem toten Bilde, das einen blutigen Zauberer aus dem grauen Altertume darstellte. Aber wir wollen die Sünde gut machen, indem wir unser Gelübde vor dem ersten christlichen Altare erneuern, dem wir begegnen.«

Werfen wir, während das Paar sich in die Zeit der Jugend zurückträumt, einen Blick in ihre Heimat. Zu der Zeit, als die angelsächsischen Edlen unter dem Joche der normannischen Eroberer als Geächtete in den Gefilden von Devonshire oder in den Wäldern von Hampshire hausten, gehörten Waltheoff, Herewards, und Engelied, Berthas Vater, zu den gefürchtetsten ihrer Sippe, als die kühnsten jener letzten Mannen, die unter dem Fürsten Ederich die Unabhängigkeit des sächsischen Volkes aufrechtzuerhalten versuchten. In ihrer Einteilung in Sippen oder Stämme den alten Germanen ähnlich, hingen sie auch an dem alten Un- oder Aberglauben derselben fest, obwohl sie ihn längst abgeschworen hatten. Nach dem zu Zeiten Odins eingeführten Brauche hatten Hereward und Bertha sich verlobt: indem sie sich über den Stein hinweg, den sie Odin geweiht hielten, die Hand zum ewigen Bunde reichten. Jahrelang hatten sie – denn es war bei dem angelsächsischen Volke Sitte, sich schon am Ausgange des Kindesalters zu versprechen, – in ungetrübtem Glück ihre Jugend genossen: da sollte aber eine Zeit kommen, wo sie auch das Unglück kennen lernten. Hereward zählte die Wochen, die ihn nur noch von seiner Braut getrennt halten sollten, da schmiedete Wilhelm der Rote den teuflischen Plan, die unruhigen angelsächsischen Edlen, die durch ihren Haß gegen alles Fremde die Ruhe im Reiche so oft störten und die sich an kein Waldgesetz zu kehren willens waren, gänzlich auszurotten. Er rief seine Normannen zusammen und bot all diejenigen Sachsen zur Heerfolge auf, die sich seinem Zepter unterworfen hatten. So zog er mit gewaltiger Uebermacht gegen die zusammengeschmolzenen Scharen König Ederichs. Waltheoff und Engelred, die als die vorgeschobensten der alten Sachsenstamme den ersten Ansturm auszuhalten hatten, erachteten es für das zweckmäßigste, die Weiber und Kinder und Greise in dem Kloster des heiligen Augustin unterzubringen, dessen Prior Kenelm blutsverwandt mit ihnen war. Die beiden Häuptlinge fielen in dem erbitterten Kampfe, und wenig fehlte, so hätte auch Hereward mit seinem einzigen Bruder ihr Schicksal geteilt; aber ihre Leiber wurden von einigen treuen Knappen, die sich nach der Schlacht auf das schon von den Raben in Beschlag genommene Schlachtfeld wagten, aufgehoben, weil noch nicht alles Leben aus ihnen gewichen war, und getreulich gepflegt. Als Hereward wieder so weit genesen war, daß er sein Lager verlassen konnte, war es sein Erstes, sich nach dem Schicksal der Seinigen zu erkundigen: es waren schreckliche Nachrichten, die seiner warteten: der Vater erschlagen, die Mutter und die Braut in Gefangenschaft geschleppt, der Vater der Braut gleichfalls erschlagen, die Mutter derselben gleichfalls in Gefangenschaft; die alten Knappen, die ihn gerettet, schwebten in ständiger Gefahr, entdeckt und mit schwerer Strafe heimgesucht zu werden, weil es von dem normannischen Könige streng verboten worden war, sich eines der aufrührerischen Sachsenfürsten oder ihrer Nachkommen anzunehmen.