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Da war ein alter Pilger im Sachsenlande aufgetaucht, der Herewards Vater gut gekannt zu haben vorgab; aber er war weder ein Angelsachse von Geburt, noch hatte er je dort jemand gekannt, sondern er war ein Waräger, ein Werber des Kaisers von Ostrom, der mit Geld reichlich versehen war und über ein großes Maß von Gewandtheit und Klugheit gebot. Er überredete Hereward, in die Schar der Waräger zu treten und die Heimat gegen Konstantinopel zu vertauschen. Mit Hereward verpflichtete sich auch sein Bruder zu dem neuen Dienst, und außer den Brüdern noch eine ganze Reihe von Angelsachsen, denen der Aufenthalt in dem von Fremden geknechteten Vaterlande zum Ueberdruß geworden war.

Die Geschichte seiner Braut Bertha läßt sich kürzer fassen. Als das Kloster zum heiligen Augustin von den Normannen geplündert wurde, hatte sich ein alter Normanne Bertha als Beute erkoren, um sie der von ihm über alles geliebten Tochter als Dienerin beizugesellen. Des Ritters Gemahlin war um vieles jünger als er, und so erklärt es sich, daß sie das Zepter auf dem Hofe desselben führte. Daraus aber, daß ihnen eine Tochter geboren wurde, die der Liebling der Eltern wurde, erklärt sich weiter, daß auf der alten Burg Aspramonte zuletzt der Ritter gar nichts mehr bedeutete, sondern Mutter und Tochter sich in die Herrschaft dort teilten.

Brenhilde – so hieß die Tochter – war von Jugend auf allen Ritterkünsten hold, und der Ritter konnte sich noch so viel Mühe geben, ihren Charakter zu mildern, es half ihm nichts: er mußte immer mehr erkennen, daß an seiner Tochter so recht im Sinne des Wortes ein Junge verdorben war... Um nun Bertha, die aus dem angelsächsischen Lande nach dem Schlosse gebrachte Sklavin, zu einer würdigen Dienerin seiner Tochter zu machen, ließ sie der alte Ritter in allerhand nützlichen Dingen unterrichten, und so eignete sich Bertha bald in der Musik wie in den damals bekannten Handarbeiten gute Kenntnisse an. Aber Brenhildes Hang zu ritterlichen Uebungen wurde dadurch nicht gemildert: sie blieb dieselbe, die sie von Jugend auf war. Als der Ritter von Aspramonte später das Zeitliche gesegnet hatte, war, wie wir schon erzählten, der Graf von Paris auf die Burg gekommen und hatte, nachdem verschiedene vor ihm mit lahmen Gliedern abgezogen waren, Brenhilde als Gattin heimgeführt, nachdem er sie im Turniere bezwungen hatte; Bertha hatte auf seinen Wunsch darein gewilligt, fortan den Namen Agathe im Dienste seiner Gemahlin zu führen; und dem ritterlichen Sinne des jungen Paares hatte es durchaus entsprochen, sich dem Heere der Kreuzfahrer anzuschließen, und so war es gekommen, daß sich dieselben in Konstantinopel befanden... und daß im Anschlusse hieran, nach so viel wunderbaren Schicksalen, sich Hereward und Bertha dort wieder zusammenfanden...

»O, Bertha! wie glücklich preise ich mich, Dich wiedergefunden zu haben! und ach! wie fluche ich dem Schicksale, das uns die Notwendigkeit einer Trennung so schnell wieder auferlegt!« – »O, Hereward! sprich nicht so! Was sollte für Ursache dazu vorliegen?« – »Es geht nicht anders, Bertha!« erwiderte Hereward, indem er liebkosend über ihre Hand strich, »wir müssen uns abermals trennen; doch nur auf kurze, kurze Zeit!« – »Ach, Hereward! so willst Du mir also nicht helfen, meine arme, unglückliche Herrin zu befreien?« – »Deine Herrin?« wiederholte Hereward, »wie kannst Du einem Wesen, gleich Dir, solch häßliche Bezeichnung geben?« – »Aber, Hereward, sie ist doch meine Herrin!« erwiderte das Mädchen; »sie ist's durch viele Bande, die nimmer gelöst werden können, solange noch Dankbarkeit im menschlichen Herzen wohnt.« – »Und in welcher Gefahr befindet sie sich?« fragte Hereward. – »Ihre Ehre und ihr Leben sind zugleich gefährdet,« sagte Bertha, »sie will sich dem Cäsar im Zweikampfe stellen: einem so bösen Menschen, der doch Mittel über Mittel aufbieten wird, meine arme Herrin zu Falle zu bringen.« – »Aber glaube doch das nicht!« erwiderte Hereward, »Deine Dame hat der Zweikämpfe so viel bestanden, daß sie wohl den Cäsar, nicht aber der Cäsar sie zu Falle bringen wird!« »Ach! ach!« klagte Bertha; »ich kannte einst den Sohn des Waltheoff als tapfer, hilfreich, kühn und edelmütig, und jetzt finde ich ihn wieder als einen bedächtigen, kalten, selbstischen Soldaten.«

»O, nicht so hastig, Mädchen!« rief der Waräger, »warte mit Deinem Urteile, bis Du den Mann wieder kennen wirst! Die Gräfin von Paris laß ruhig in die Schranken reiten; erschallt die Trompete zum dritten Male, soll eine andere ihr antworten, die ihres Gemahls, der an ihrer Statt den Kampf ausfechten wird; und sollte er daran verhindert sein, dann ... nun, dann werde ich die Liebe ihr vergelten, die sie Dir erwiesen, und den Kampf ausfechten.«

»O, dann bist Du wieder der echte Sohn Waltheoffs!« rief das Mädchen begeistert, »o, laß mich fort, daß ich die Herrin tröste! Hat Gott den Ausgang eines Kampfes jemals gelenkt, dann wird er es hier tun! Aber Du ließest aus Deinen Reden erkennen, daß der Graf noch hier weilt? Sag' mir, wo! Sein Ehgemahl wird mich mit Fragen bestürmen!« – »So sage ihr, daß er sich bei Freunden befindet, und daß sie sich hieran genügen lassen müsse! Nun aber, Du Langentbehrte, Langersehnte! leb wohl!« Aber er konnte nicht weiter sprechen, denn Bertha lag in seinen Armen und erstickte seine Worte mit Küssen. Und nun schieden sie: Bertha, um zu der Herrin zurückzukehren, die sie in Angst und Sorgen wußte; Hereward, um durch das Gartentor den Weg zur Warägerkaserne zurückzunehmen. An dem Glückwunsch, den ihm die Negerin an der Pforte ausbrachte, ward er gewahr, daß sie seine Zusammenkunft mit Bertha belauscht hatte; aber er drückte ihr ein Goldstück in die Hand: das wirksamste Mittel, ein menschliches Wesen, vornehmlich eins vom weiblichen Geschlecht, zum Schweigen zu bringen.

Hier wurde er von dem Grafen, den es nach den vielen Strapazen arg nach Speise und Trank gelüstete, ziemlich ungnädig begrüßt; aber der Waräger kehrte sich nicht an diese üble Laune, sondern sorgte für die nötigen Herzstärkungen; und als sie beide ihren Appetit gestillt hatten, der Waräger freilich mit weit größeren Portionen – zum Abscheu des Grafen – als dieser sie je zu sich genommen hatte, brachte der Graf die Rede auf die unglückliche Brenhilde.

»Nachrichten bringe ich,« erwiderte der Waräger, »muß es aber Euch überlassen, zu prüfen, ob sie guter oder schlimmer Art sind.« – »Laß mich alles wissen!« – »Nun, die Gräfin hat sich bereit erklärt, unter den schärfsten Bedingungen den Zweikampf mit dem Cäsar zu bestehen; unterliegt sie, so gehört sie ihm mit Leib und Seele!« – Das wolle der Himmel verhüten!« rief der Graf; »wollte Gott solchem Verrate zum Triumphe verhelfen, müßte man ja zweifeln, daß es einen Gott gäbe!« – »Es wird sich indessen als nötig erweisen,« fuhr der Waräger fort, »daß wir beide am Turniertage uns gewappnet halten, und daß, wenn die Trompeten zum Beginne schmettern, wir beide mit in die Schranken reiten. Sieg oder Niederlage hängen vom Schicksale ab; aber schändliche Hinterlist beim Kampfe zu vereiteln, daran soll uns niemand hindern!«