Als Hereward nach dieser Unterredung in die Wachtstube trat, eilte ihm Graf Robert entgegen und rief, ohne Besorgnis, sich zu verraten, mit freudiger Stimme:
»Hereward! hast Du vernommen, daß mich diese griechische Antilope zu drei Gängen mit spitzen Lanzen und scharfen Schwertern fordert? Was mich dabei wundert, ist lediglich, daß er es nicht für gescheiter hält, meine Dame zu fordern! Vielleicht meint er, die Kreuzritter möchten solchen Zweikampf nicht dulden? Nun, wie es ihm beliebt! Ich bin der Meinung, es heiße ihm schon Ehre genug antun, wenn ich mich bloß mit meinem Schwerte ihm gegenüberstelle und auf jegliche Rüstung in dem Kampfe verzichte!« – »Laßt mich bessere Vorsorge treffen, denn Ihr kennt die Griechen nicht, edler Graf!« erwiderte Hereward; »verübelt es mir darum nicht, wenn ich nicht eher mich von Euch beurlaube, als Ihr mir Euern Siegelring anvertraut habt!« – »Ich bin überzeugt, daß Du ihn nicht forderst, um Mißbrauch damit zu treiben; immerhin möchte ich wissen, zu welchem Zwecke Du ihn gerade heute forderst?« – »Binnen heute und sechs Tagen sollt Ihr es wissen!« – Mit diesen Worten verließ Hereward, im Besitze des Ringes, den Grafen.
Drittes Kapitel
Szene: das Lager der Kreuzfahrer angesichts von Skutari, Byzanz gegenüber, auf der klein-asiatischen Seite. Zeit: ein schöner Morgen, kurz nach Tagesanbruch.
Aus einem kleinen Boote steigt ein grauer, ehrlicher Soldat mit einer schmucken Dirne. Weithin ist der Platz mit Zelten bedeckt; Fähnlein und Banner wehen in Unzahl, durch ihre Wahl- und Wappensprüche kündend, daß hier die Blüte der abendländischen Ritterschaft versammelt ist.
Kaum nahen sich die beiden Wanderer einem der Lagertore, als ihnen ein mutwilliger Troß entgegenstürmt. Sie umzingeln das wunderliche Paar und fragen wirr durcheinander, was es im Lager suche.
»Zum Oberfeldhauptmanne möchte ich,« antwortet Bertha, denn sie und keine andere war es, die im Auftrage Herewards, ihres Geliebten, den Weg hierher gemacht hatte zu dem Zwecke, die Hilfe Gottfrieds von Bouillon für den edlen Grafen Robert von Paris in Anspruch zu nehmen wider den Kaiser Alexius, der ihn im Kerker des Blachernä-Palastes gefangen hielt.
»Was wollt Ihr bei ihm?« fragte der Vorlauteste der lauten Schar. – »Ich hab' einen Auftrag bei ihm auszurichten,« er. widerte Bertha. – »Aber, schönes Kind,« rief der Page, ein munterer Jüngling, dessen Gesicht die Röte starken Weingenusses zeigte, »wär' Euch nicht mit einem Geringeren besser gedient? Der Herzog Bouillon ist schon hoch bei Jahren, und wenn er mal ein Paar Zechinen übrig hat, so weiß er sie zu was Besserem zu verwenden.« – »Ich habe einen guten Ausweis, mich seinem Zelte zu nahen,« fügte Bertha, »und meine, er möcht 's Euch nicht gut anschreiben, wenn Ihr mich verhindertet, meinen Auftrag zu erfüllen.« – »Ernst von Apulien,« rief ein anderer von der lustigen Rotte, »streich' die Segel! Dein Witz geht der Dirne gegenüber in die Brüche!«
»Polydor, Du bist ein Narr!« versetzte der mit Ernst von Apulien angeredete Jüngling: »der Begleiter der Dirne trägt die Rüstung der Waräger. Vielleicht ist an der Sache mehr, als Dein und mein Witz ergründen können. Der Politik des Kaisers Alexius sähe es nicht unähnlich, auf solchem Wege Botschaft an den Herzog zu senden. Ich meine, wir tun am gescheitesten, sie zu seinem Zelte hinzuführen!«
»Von Herzen gern,« versetzte der andere; »aber ehe ich mich auf Narreteien einlasse, wie Du sie gern im Kopfe hast, möchte ich doch erst wissen, wie die Dirne heißt, die sich herausnimmt, den Fuß in unser Lager zu setzen, um edle Fürsten und fromme Pilger daran zu mahnen, daß auch für sie einst lustige Stunden geschlagen haben.«
Bertha neigte sich zum Ohre Ernsts von Apulien und raunte ihm ein Paar Worte ins Ohr, worauf dieser den Kameraden mit den Worten alle, weiteren Scherze austrieb: »Sei ohne Furcht, Mädchen; ich werde Dich beschützen!« und an den Zelten und Hütten vorüber führte der junge Page das Paar zu dem Zelte des berühmten Feldhauptmannes des Kreuzfahrer-Heeres. Dort saßen etwa fünfzehn der vornehmsten Fürsten und Führer beisammen; aber Bertha trat, bescheiden und züchtig zwar, doch entschlossen, sich in der Erfüllung ihrer Pflicht nicht beirren zu lassen, ein.
Gottfried von Bouillon war ein großer, kräftiger Mann, mit einem männlich-schönen, von Rabenlocken umwallten Gesicht, zwischen denen sich schon Silberfäden zu zeigen anfingen. Unweit von ihm saß Tankred, der edelste der christlichen Ritter, mit Hugo von Vermandois, der fast immer nur »der große Graf« genannt wurde. Dann Raymund, der mächtige Fürst der Provence, und Bohemund, der selbstische Fürst von Antiochien, wie andere fürstliche Herren mehr, sämtlich in der schweren Rüstung der Kreuzritter.
Bertha war im ersten Augenblick angesichts dieser vielen und mächtigen Herren ein wenig beklommenen Herzens, faßte sich aber kecklich ein Herz und trat auf Gottfried von Bouillon zu. . »Edler Herzog von Bouillon und Graf von Lothringen, Oberfeldhauptmann des heiligen Kreuzzuges, ich begrüße Euch nebst all den tapferen Herren, die hier in Eurem Zelte versammelt sind, demütiglich, als Tochter Engelreds, ehemaligen Freisassen in Hampshire, und jetzt Haupt der freien Angelsachsen, die von dem berühmten Ederich geführt wurden. Mich sendet Graf Robert von Paris –«
Bertha überreichte dem Ritter den Siegelring des Grafen, den ihr Hereward gegeben hatte; er wanderte von Hand zu Hand, und jeder erkannte das Wappenfeld mit den vielen Lanzensplittern darin als dasjenige des Grafen. »Meldet uns also den Auftrag, mit dem Euch Graf Robert sendet, damit wir ermessen können, was unsererseits zu geschehen hat.«
Bertha erzählte die Ereignisse der letzten Tage und forderte zum Schlusse den Herzog, auf, dem Grafen Robert zu seinem Zweikampfe mit dem Cäsar, als Kontrolle, daß dabei von dem Gegner die Ehrlichkeit gewahrt bleibe, eine Abteilung von fünfzig Lanzen zurückzusenden. Sogleich begann unter den Kreuzrittern eine lebhafte Debatte: es wurde erinnert an das feierliche Gelübde, das von dem gesamten Heere abgelegt worden, auf dem Zuge nach Palästina nicht umzukehren, und die in der Versammlung anwesenden Prälaten traten mit Eifer gegen jede Verletzung desselben auf. Die jungen Ritter aber lehnten sich wider die erbärmliche Behandlung auf, die ihrem Kameraden, »dem Tapfersten der Tapferen«, von diesem hinterlistigen Griechenkaiser zuteil geworden sei, und forderten, rücksichtsloses Vorgehen gegen denselben. Zudem lockte sie das hierzulande seltene Schauspiel eines ritterlichen Zweikampfes. Gottfried von Bouillon saß in Nachdenken vertieft; er schien in großer Verlegenheit, denn jetzt mit den Griechen zu brechen, nachdem er so viel getan und geopfert hatte, um den Frieden mit ihnen zu erhalten, erschien ihm im höchsten Grade unklug und gefahrvoll; auf der andern Seite fühlte er sich durch seine ritterliche Pflicht gebunden, das einem so angesehenen und vor allem beim ganzen Heere überaus beliebten Kreuzfahrer, wie dem Grafen Robert von Paris, angetane Unrecht zu ahnden. In dieser Bedrängnis kam ihm Tankred zu Hilfe. »Erlaubt, mir, Herzog,« sprach er, »ich war erst Ritter, ehe ich Kreuzfahrer wurde; mithin geht mein Rittergelübde dem von mir als Kreuzfahrer abgelegten vor. Verstoße ich damit wider das letztere, so will ich Buße tun; aber keinesfalls werde ich unterlassen, eine Rittersfrau, die nach meinem Beistand ruft, in den Händen von Schurken zu lassen, denn eine andere Bezeichnung für dieses verräterische Griechengesindel kann ich nicht finden.«
»Ich möchte nichtsdestoweniger meinen Vetter Tankred bitten,« nahm hier Bohemund das Wort, »seiner Heftigkeit Halt zu gebieten. Wollen die hier versammelten Fürsten und Herren, wie es ja bereits hin und wieder geschehen, auf meinen Rat hören, so glaube ich, ein Mittel gefunden zu haben, das uns ermöglicht, einerseits dem Grafen Robert beizustehen, der sich leider wider meine durchaus selbstlosen Winke von seinem Temperament hat hinreißen lassen, den Griechen gegenüber die notwendige Vorsicht außer acht zu setzen, und anderseits uns davor bewahrt, wider unser Kreuzfahrergelübde zu handeln. Mit fünfzig Lanzen, auf jede fünfzig Mann Begleitung gerechnet, erkläre ich mich bereit, den Grafen Robert aus der Pfanne zu hauen und nebst seiner Gemahlin zu uns über den Bosporus herüber zu holen.«