Выбрать главу

Dem Akoluthen wollte der trockene Ton des Kaisers nicht recht behagen. »Kaiserliche Hoheit könnten sich doch an die Spitze Ihrer Unsterblichen Schar stellen,« versetzte er, »und dann wäre doch der Sieg über die Franken von vorn herein entschieden,« – »Aber ich dächte, Akoluth,« sagte der Kaiser, »Du hättest Uns wiederholt versichert, daß die Unsterblichen noch immer an dem alten Rebellen Ursel hängen? Wie reimst Du es nun zusammen, daß Wir Uns zu ihnen begeben sollen, während sich Unsere Waräger, lauf die doch der bessere Verlaß sein dürfte, sich mit den Franken herumschlagen?«

Der Akoluth war sichtlich betroffen, denn es ging aus dem Verhalten des Kaisers klar hervor, daß er den Plan des andern durchschaute; um den Choc zu parieren, erwiderte er, daß er in der Eile weniger an die Sicherheit seines Herrn gedacht habe als an die Pflicht, alle Gefahr für seine Person zu übernehmen. – »Sehr anerkennenswert,« versetzte der Kaiser, »daß Du meinen Wünschen derart zuvorkommen willst; aber Deinen Rat zu befolgen, ist für mich leider ausgeschlossen. Freilich wäre es mir lieb gewesen, die Franken wären wieder über die Meerenge zurückgetrieben worden; aber da sie nun einmal wieder da sind, halten Wir es für geratener, sie mit Geld und Beute, statt mit Untertanenblut abzufertigen. Zudem will es Uns nicht recht plausibel erscheinen, daß sie in verräterischer Absicht gekommen seien; Wir meinen weit eher, annehmen zu dürfen, daß sie die Neugierde nach dem Schauspiele eines Zweikampfes hergetrieben hat; und darum befehle ich Dir und Unserm Protospotharius, euch bei dem Fürsten Tankred zu erkundigen, welche Absicht ihn wieder in Unser Reich zurückgeführt habe und wieso er mit Unserem Admiral Phraortes in Händel geraten sei! Können die Kreuzfahrer Uns mit einer vernünftigen Entschuldigung aufwarten, so wollen Wir sie gern gelten lassen, denn wenn Wir Uns in einen Krieg hätten einlassen wollen, so wäre es doch wahrlich nicht nötig gewesen, so schwere Opfer für die Erhaltung des Friedens zu bringen. Wir glauben, daß die Kreuzfahrer nichts anderes als der in Aussicht stehende Zweikampf wieder über die Meerenge gelockt hat!«

In diesem Augenblicke wurde der Protospatharius gemeldet. In einer funkelnden Rüstung, die aber ein leichenblasses Gesicht freiließ, das zu dem kriegerischen Federschmuck« in ziemlich schroffem Gegensätze stand, trat er ein; auch er war über den Auftrag, mit dem Akoluthen den grimmen Fürsten Tankred aufzusuchen, nicht sonderlich erbaut; denn während der Akoluth in der Beiordnung des Protospatharius weder ein Zeichen kaiserlichen Vertrauens, noch eine Bürgschaft für die eigene Sicherheit erblicken konnte, hatte der Protospatharius die Empfindung, als solle er dem Akoluthen lediglich als Folie dienen; und da er demselben nichts weniger als freundlich gesinnt war, lag ihm an solcher Rolle absolut nichts; aber er mußte sich gleich dem andern sagen, daß im Blachernä-Palaste an Widersetzlichkeit nicht gedacht werden konnte, denn die kaiserlichen Sklaven machten kein Federlesens mit einem Menschen, den der Kaiser als mißliebig bezeichnete und ihnen zur weiteren Behandlung überantwortete. Sie fanden sich mithin beide darein, sich wie zwei störrische Jagdhunde zusammenkoppeln zu lassen und auf das Signal der Warägertrompete sich an die Spitze der im Kasernenhofe zurückgebliebenen kaiserlichen Leibgarde zu stellen.

Das war eine Verfügung, die das Gewissen des Achilles Tatius ernstlich bedrückte; er merkte recht wohl heraus, daß sich hinter diesem Vorwande eines ehrenhaften Auftrages nichts weiter verbarg als ein kluges Mittel, ihn von jeder Verbindung mit Briennios und Hereward fern zu halten, auf deren Mitwirkung er natürlich rechnete, da er nicht wußte, daß Alexius seinen Schwiegersohn im Blachernä-Palaste als Gefangenen zurückhielt.

Unterwegs nach den Schranken bemerkte der Protospatharius zu dem Akoluthen in gleichgültigem Tone, daß der Kaiser persönlich anwesend sein, also auch alle Befehle persönlich erteilen werde, so daß für sie beide kaum mehr als eine Zuschauerrolle übrig bleiben dürfe... »Ich beklage das bloß insofern, als ich daraus ersehe,« erwiderte Achilles, »daß der Kaiser uns gegenüber Vorsichtsmaßregeln am Platze hält. Indessen... ich füge mich natürlich seinem Willen.« – »Etwas anderes wird auch schwerlich übrig bleiben, denn welche Strafen auf Verweigerung des Gehorsams in Aussicht stünden, wissen wir ja.« – »Und wenn wir's nicht wüßten,« sagte der Akoluth, »so würde es uns die Zusammensetzung der Leibgarde, die heute nur aus Warägern und Palastsklaven besteht, recht wohl vor Augen führen.«

Der andere Offizier erwiderte hierauf nichts; der Akoluth aber, als er sah, daß die Wache bei den Schranken eine Stärke von annähernd dreitausend Mann besaß, hätte vieles darum gegeben, wenn er den Verschworenen durch den Cäsar oder durch Agelastes einen Wink hätte zukommen lassen können, mit den Maßnahmen zur Empörung noch zu verziehen, da der Kaiser all diesen verschiedenen Anzeichen nach Argwohn gefaßt hatte. Aber er sah weder den einen noch den andern der beiden Mitverschworenen, und als er nun gar sah, daß nicht bloß der Protospatharius, sondern auch die Palastdiener ihn nicht mehr aus den Augen ließen, wohin er sich auch wenden möchte, fing ihm die Situation allmählich an, recht schwül zu werden. Er fühlte sich von Feinden umgeben, fühlte, daß ihn die eigene Furcht verraten könnte, argwöhnte, daß Agelastes oder der Cäsar den Angeber gespielt hätte, und fing alsbald zu erwägen an, ob es nicht das geratenste sein möchte, sich dem Kaiser zu Füßen zu werfen und ein reumütiges Bekenntnis abzulegen.

Fünftes Kapitel

Während Achilles Tatius in solchem Zwiespalt mit sich der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensehen mußte, ohne das geringste dabei tun zu können, wurde im Blachernä-Palaste, in dem Musensaale, den der Leser aus den Vorlesungen der Prinzessin Anna Komnena kennt, ein kaiserlicher Familienrat abgehalten, bei welchem außer dem Kaiser, seiner Gemahlin und Tochter, nur der Patriarch zugegen war.

»Rede wir kein Wort von Gnade, Irene,« sprach der Kaiser, »was habe ich gewonnen dadurch, daß ich meinem Nebenbuhler Ursel seinerzeit das Leben ließ, daß ich ihn jetzt in Freiheit gesetzt habe, daß ich ihn durch meinen Leibarzt behandeln lasse? Statt sich lenksam und erkenntlich zu zeigen, verhält er sich ablehnend gegen jedes Ansinnen, sich mit mir vollständig auszusöhnen. Darum will ich nichts hören, daß ein solcher Bube sich dankbar dafür erzeigen werde, wenn ich ihm Gnade zuteil werden ließe. Zudem müßten mich ja doch alle meine Untertanen auslachen, wollte ich einen Menschen mit Rücksicht behandeln, der mit so großem Eifer an meinem Verderben gearbeitet hat. Du selber, meine Tochter, wärest sicher die erste, die mir solche Nachsicht verübeln müßte.«

»Demnach ist es Euer kaiserlicher Wille,« nahm der Patriarch das Wort, »Euern unglücklichen Schwiegersohn, der doch nur durch die beiden anderen Verschwörer, Agelastes und Achilles Tatius, ins Verderben gelockt worden ist, dem Scharfrichter zu überantworten?«

»Ja, mein fester Wille,« versetzte der Kaiser, »und nicht zum Scheine bloß, wie seinerzeit bei dem andern Verräter Ursel, soll das Urteil vollzogen werden, sondern noch heute wird der Verbrecher von der Acherontreppe durch die große Richthalle geschleift werden, und ich schwöre bei dem Richtplatze, der sich an ihrem oberen Ende befindet –«

»Schwöre nicht, Alexius!« sprach der Patriarch, »im Namen des Himmels, der durch mein unwürdiges Ich zu Dir redet, verbiete ich Dir, alle Hoffnung auf einen Wandel Deines Entschlusses Deinem Schwiegersöhne gegenüber abzuschneiden, und lege Dir die Pflicht auf, Dir ein Gnadentor offen zu lassen. Gedenke an Konstantins Reue!«