Als der Herold schwieg, erhob sich lautes Jubelgeschrei. Die Unzufriedenen mußten sich gestehen, daß sie von der Gnade des Kaisers abhängig seien, da es in seiner Macht stand, sowohl die Waräger über sie herfallen zu lassen, als auch die Mannen des Fürsten Tankred zu Feindseligkeiten gegen sie zu bestimmen. Wie es bei Pöbelmassen immer zu geschehen pflegt, überbot nun einer den andern, dem Kaiser für seine Güte und dem Himmel für die gnädige Errettung zu danken.
Auf einen abermaligen Wink des Kaisers dröhnte von neuem die Trompete über den Platz, und von neuem trat der Herold vor, aber diesmal, um den Beginn des Zweikampfes zu verkünden. »Robert, Graf von Paris,« rief der Herold aus, »seid Ihr persönlich hier erschienen oder durch einen ritterlichen Stellvertreter willens, auf die Forderung Seiner kaiserlichen Hoheit des Cäsars Nikephoros Briennios zu antworten?«
Das Erstaunen des Kaisers, der alles so eingerichtet zu haben meinte, daß sich keiner von den beiden Gegnern melden sollte, und deshalb schon Käfige mit wilden Tieren hatte herfahren lassen, um das Volk durch ein anderes Schauspiel zu ergötzen, war maßlos, als er jetzt den Grafen Robert von Paris in voller Rüstung in die Schranken reiten sah; weit größer aber noch war die Unruhe und Beschämung, als sich dem fränkischen Ritter kein Gegner stellte. Zum zweiten Male war schon der Ruf des Herolds nach dem Cäsar, der den Grafen Robert von Paris zum Kampfe gefordert; aber weder dieser noch ein Stellvertreter erschien in den Schranken. Beim dritten Rufe wäre dem Kaiser kaum etwas anderes übrig geblieben, als selbst in die Arena zu treten, da sprang ein Mann, gerüstet wie ein Waräger, in die Schranken und erklärte sich bereit, den Kampf für den Cäsar Nikephoros aufzunehmen. Alexius, höchst erfreut über diesen unerwarteten Beistand, erteilte dem kühnen Kämpen gern seine Einwilligung; aber Fürst Tankred erhob den Einspruch, daß die Schranken eines Turniers lediglich Rittern und Edlen offen stünden, mithin könne er zu solcher Außerachtsetzung der Gesetze der Ritterschaft nicht stillschweigen.
Der Waräger aber rief, der Graf von Paris solle ihm ins Angesicht schauen und dann erklären, ob er durch einen Kampf mit ihm nicht ein längst gegebenes Versprechen einlöse. Graf Robert trat hierauf zu dem Manne in Warägerrüstung und erklärte, daß ihn die Verschiedenheit im Range nicht abhielte, mit dem tapferen Krieger in den Kampf zu treten, da er sich tatsächlich durch ein feierliches Wort zu solchem Kampfe verpflichtet habe, ja er sei bereit, sowohl zu Fuße, als auch mit der eigentlichen Waffe der Waräger, der Streitaxt, zu kämpfen.
Darauf verneigte sich der Waräger, zum Zeichen des Dankes für solch männliches Benehmen. Dann faßte er seine Streitaxt und stellte sich kampfbereit. Der Graf ließ sich die Streitaxt eines nahe den Schranken stehenden Warägers geben und trat Hereward entgegen. Ohne weitere Umstände nahm der Kampf seinen Anfang. Auf beiden Seiten fielen nun die Schläge mit immer größerer Stärke, und in immer kürzeren Pausen, und bald floß auch bei beiden Gegnern Blut. Die Griechen schauten dem ungewohnten Bilde mit Spannung zu; kaum zu atmen wagten sie, und bei jedem Streiche, der fiel, erwarteten sie, einen der Gegner stürzen zu sehen. Lange stand der Kampf unter gleichen Chancen, denn die beiden Gegner waren einander an Stärke und Gewandtheit gleich. Da schien der Zufall die Entscheidung herbeiführen zu sollen. Graf Robert schlug dem Gegner eine Finte und traf den Waräger in der Seite, so daß derselbe taumelte. Schon hob der Graf die Axt zum zweiten Schlage, da erklang eine Frauenstimme aus den Reihen der Zuschauer: »Vergiß nicht, Graf Robert von Paris, daß Du Dein Leben nächst dem Himmel mir verdankst!« Mit den Worten: »Ich erkenne meine Schuld!« senkte der Graf die Axt und trat ein paar Schritte von seinem Gegner hinweg, so daß dieser sich von dem erlittenen Schlage aufzuraffen vermochte. Aber auch er senkte nun die Axt und wartete gespannt der weiteren Entwicklung der Dinge.
»Gott dem Allmächtigen und der englischen Maid Bertha danke ich es,« sprach der Graf, »daß ich mich nicht mit der Blutschuld des Undankes befleckte!« Dann wandte er sich zu dem Fürsten Tankred: »Ihr Herren,« sprach er, »habt den Kampf beobachtet und könnt auf Ehre bezeugen, daß er auf beiden Seiten mit Ehren geführt worden ist. Ich hoffe, daß meinen wackeren Gegner die Lust, sich in weiterem Kampfe mit mir zu messen, verlassen hat, während mich ein so tiefer Dank gegen ihn erfüllt, daß ich jede Fortsetzung dieses Kampfes, sofern mich nicht die Pflicht der Selbsterhaltung zwingt, ihn weiter zu führen, als sündigen Verstoß wider die guten Rittersitten erkläre!«
Der Kaiser, der solchen Abschluß nicht erwartet hatte, senkte mit Freude seinen Heroldstab zum Zeichen, daß der Kampf zu Ende sei, und wenn auch Tankred befremdet darüber war, daß ein simpler Waräger einem der berühmtesten Ritter des Zeitalters so lange widerstanden hatte, konnte er doch nicht umhin, einzuräumen, das allen Geboten der Ritterpflicht bei dem Kampfe ehrlich Rechnung getragen worden sei.
Hereward, der jetzt zur wichtigsten Person geworden war, ohne sich dessen im entferntesten vermutet zu haben, stand im Mittelpunkte der Schranken, mit gerötetem Gesicht, einer Folge nicht allein von dem aufregenden Kampfe, sondern wohl auch von der schlichten Gemütern eigentümlichen Scheu, die Blicke einer großen Menge auf sich gerichtet zu sehen. Von Dank erfüllt, wandte der Kaiser sich zu ihm und sprach: »Tapferer Kriegsmann, sage Deinem Kaiser, wie er sich dankbar dafür erweisen soll, daß Du ihm nicht bloß das Leben, sondern – was noch höher zu bewerten ist – auch die Ehre gerettet hast durch Dein mannhaftes Eintreten für ihn und für den Cäsar. Und wenn Du die Hälfte meines Reiches fordertest, so würde ich sie Dir nicht weigern.«
»Kaiserliche Hoheit,« erwiderte der Waräger, »Ihr schätzet meine Dienste zu hoch, denn in erster Reihe gehörte Euer Dank dem Grafen Robert von Paris dafür, daß er sich herabgelassen hat, mit einem Mann wie mir, der ihm an Rang doch so tief untergeordnet ist, den Kampf in den Schranken zu bestehen und den Sieg, der ihm durch einen zweiten Schlag sicher war, nicht zu verfolgen. Es wäre unrecht von mir, wollte ich verschweigen, daß meine Kraft, als der Graf die Streitaxt senkte, zu Ende war.«
»Es ziemt dem Ritter wohl Bescheidenheit,« nahm hier der Graf das Wort, »aber nicht, sich selbst gering zu schätzen; denn ich schwöre vor allem hier versammelten Volke, daß der Kampf noch unentschieden war, als ich die Streitaxt senkte. Weigere also den Lohn nicht, den Dir Dein kaiserlicher Herr bietet, ohne Furcht, daß jemand sagen könnte, Du habest solches nicht verdient!«
»Es sei ferne von mir, Euer Edlen,« erwiderte Hereward, »Euch widersprechen oder die Großmut meines kaiserlichen Herrn gering schätzen zu wollen; und doch möchte ich nicht von ihm, sondern von Euch dasjenige Geschenk erbitten, das mir, wenn ich eins fordern darf, das liebste wäre, was ich fordern möchte!«
»Ich weiß, mein Freund,« versetzte der Graf, »was Deine Worte bedeuten. Bertha, so schwer auch meine Gattin sie vermissen wird, soll die Deine sein!«
»Noch eins,« erwiderte Hereward, »ich bin willens, um meinen Abschied aus der Warägergarde einzukommen und Euer Edlen um die Vergünstigung zu bitten, unter Eurem Banner mit nach Palästina zu marschieren. Vielleicht ist es mir dann erlaubt, in die Heimat zurückzukehren, wo ich doch am liebsten leben möchte von allen Ländern der Welt.«
»Wenn es in meiner Macht steht,« versetzte der Graf, »Dir eine Gelegenheit zur Auszeichnung zu verschaffen, so darfst Du Dich überzeugt halten, daß es mit Freuden geschehen wird. Auch will ich beim Könige von England alles tun, was in meinen Kräften steht, Dir die Rückkehr nach Deinem Vaterlande zu ermöglichen.«
Der Kaiser gab das Zeichen zum Aufbruch, und in Scharen brachen die Zuschauer nach der Stadt auf. Da ertönte plötzlich von allen Seiten wildes Geschrei, und viele standen still, um zu sehen, was vorging. Der Waldmensch Sylvan war in den Schranken! In der Nacht war er aus dem Garten des Agelastes, wo ihn Hereward zuletzt gesehen, entwischt, über die Stadtmauer geklettert und nach den Schranken retiriert, wo er sich in einem dunklen Winkel unter den Sitzen der Zuschauer versteckt hatte. Von dort war er durch den Lärm aufgescheucht worden, flüchtete aber, von seinem scharfen Instinkt geleitet, zu dem ihm vertrauten Hereward, um sich vor den Kriegsleuten in Sicherheit zu bringen, hielt ihn am Waffenrock fest und machte ihm mit allerlei Geschnatter verständlich, daß er Hilfe von ihm erwarte. Dem Kaiser war der Vorfall nicht entgangen; er knüpfte mit den Worten an ihn an: »Mein treuer Hereward! Du bist die Zuflucht nicht bloß hilfsbedürftiger Menschen, sondern auch der Tiere, und Sylvan soll sich nicht umsonst an Dich gewendet haben. Das Tier soll nach dem Blachernä-Palaste zurückgebracht werden. Sorge dafür, und ist dieser Fall erledigt, dann sollst Du mit Deiner Bertha an Unserem Hofe erscheinen, um mit meinem Ehgemahl und meiner Tochter sowie anderen Gästen zur Nacht zu speisen. Solange Du noch bei uns weilst, wollen Wir mit Ehrenbezeigungen nicht geizen. Und nun ein Paar Worte zu Dir, Achilles Tatius,« damit wandte er sich an, seinen Akoluthen – »tritt zu mir und halte Dich der gleichen Gunst auch ferner teilhaftig, die Du bisher von mir erfahren hast. Wohl hat sich Anklage wider Dich zu meinen Ohren geschlichen; aber es soll ferne von mir sein, Dich dessen fähig zu halten, was Dir böse Zungen nachreden. Aber« – und hier hob er drohend die Hand – »sei auf der Hut vor Rückfällen! Du würdest mich in einem zweiten Falle nicht wieder so gnädig finden!«