Der Akoluth verneigte sich bis zur Erde, hielt es aber für klüger, keinerlei Erwiderung zu tun, sondern seine Missetat mit diesen kaiserlichen Worten für abgetan zu betrachten.
Nun setzte sich der Zug von neuem in Bewegung, ohne noch einmal aufgehalten zu werden; der Waldmensch wurde von ein paar Warägern in die Mitte genommen und wieder in den Palast geführt, wo er seit jeher seine Behausung hatte. Die geladenen Gäste füllten alsbald die kaiserlichen Gemächer, und hie helle Fröhlichkeit, die bei der Abendtafel herrschte, ließ in keiner Weise ahnen, welch einen Tag voll schwerer Gefahren die kaiserliche Familie hinter sich gebracht hatte. Befremden weckte es allerdings, daß Brenhilde, die Gemahlin des Grafen Robert, nicht anwesend war; aber Bertha hatte dem Grafen schon am Vormittag mitgeteilt, daß sich Brenhilda von den Vorgängen der letzten Tage so angegriffen fühle, daß sie außerstande sei, ihr Zimmer zu verlassen. Der Graf hingegen tat sein möglichstes, aus dem Gedächtnisse des Kaisers jede trübe Erinnerung, zu verbannen, trotzdem es ihm recht wohl bekannt war, daß Fürst Tankred nicht allein das Haus, in welchem sich seine Gemahlin befand, sondern auch den Blachernä-Palast umzingelt hielt, damit weder ihren heldenmütigen Anführern noch auch dem Grafen Robert irgend etwas Uebles widerfahren könne.
Zum Schlusse unserer romantischen Erzählung sei nur noch des Schicksals gedacht, das die Hauptpersonen derselben betraf: Kaiser Alexius überlebte die letzten Ereignisse dieser Episode nicht lange, sondern starb an den Folgen eines heftigen, gichtischen Leidens. Seine Gemahlin Irene überlebte ihn eine Reihe von Jahren; am längsten aber von der kaiserlichen Familie lebte Anna Komnena, die mit ihrem Gemahl Nikephoros noch eine ungetrübte Ehe führte. Vielleicht war dabei von einigem Belang der Umstand, daß sie mit dem Hinscheiden ihres Vaters den Griffel aus der Hand legte und sich mehr ihren häuslichen Aufgaben als der schöngeistigen Beschäftigung widmete, die so lange ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte. Graf Robert von Paris tat sich während des Kreuzzuges so außerordentlich hervor, daß er nach dem Tode des Kaisers Alexius sogar zum Verweser des oströmischen Reiches erwählt wurde; aber in der Schlacht bei Dorylaion wurde er so gefährlich verwundet, daß er an den letzten Kämpfen der Kreuzfahrer nicht mehr teilnehmen konnte; dagegen war der heldenmütigen Brenhilda, seiner Gemahlin, die Freude, beschieden, die Mauern Jerusalems zu ersteigen und dem Gelübde, das sie mit ihrem Gemahl abgelegt hatte, Genüge zu tun. Ueber Venedig kehrte sie mit ihrem Gemahl, dessen Wunden im Orient nicht heilten, nach dem schöneren Frankreich zurück, während Hereward, der Waräger, mit seiner getreuen Bertha, wie es der Graf ihm verheißen hatte, in seine nordische Heimat zurückkehren durfte. Dort brachte er es noch zu hohen Ehren, denn König Wilhelm der Rote lernte seine hohen Gaben alsbald schätzen und verwandte ihn wiederholt zu Missionen an den französischen Hof. Die glücklichen Verhandlungen, die er dort führte, trugen ihm ein stattliches Lehen in der Nähe von New-Forest, seiner engeren Heimat, ein, und dort haben, wie verlautet, seine Nachkommen über manchen Wechsel der Zeiten hinaus gelebt, der manch größerem Geschlecht verderblich hatte werden sollen.
Ende
Schloß Douglas am Blutsumpf
Ein Roman aus dem schottischen Hochland
Einleitung und Übersetzung von Erich Walter
Tales of My Landlord IV
Castle Dangerous
Edinburgh 1832
Walter Scott
... wurde am 15. August 1771 zu Edinburgh geboren als neunter Sohn des Sachwalters Walter Scott, eines Abkömmlings des altberühmten, in ferne Zeiten zurückreichenden »Clans« der Scotts und seiner Ehefrau Anne, eines Sprößlings der ebenfalls uralten schottischen Familie der Rutherfords. Ein echtes Kind der Hochlande und von Abstammung somit aus reinstem Schottenblut, entwirft er selber einmal von seinen Ahnen die launige Charakteristik: »Mein Großvater war ein Pferde- und Viehhändler und hat sich ein Vermögen erworben; mein Urgroßvater war ein Jakobit und Verräter (so hieß man sie damals) und hat ein Vermögen durchgebracht. Vor diesem kamen ein paar halbverhungerte »Lairds«, die auf abgehetzten Gäulen ritten und hinter denen noch abgehetztere Jagdhunde trotteten. Die knauserten mit Mühe von hundert Pächtern hundert Pfund heraus, duellierten sich, trugen die Hüte herausfordernd auf den Ohren und nannten sich »edle Herren«. Dann kommen wir zu den alten Grenzerzeiten, wo sie Vieh stahlen und an den Galgen kamen und so weiter, wo, wie ich fürchte, von Ehrsamkeit, im modernen Sinne des Wortes, kaum die Rede sein kann.«
Das beste Denkmal hat Walter Scott seiner Familie in seinen eigenen Werken gesetzt, in denen er fast alle seine Ahnen rühmend geschildert und verherrlicht hat – wie es dem alten Glanze eines so untadelhaften Stammbaumes gebührte, auf den selbst ein so hervorragender Abkömmling wie Sir Walter, der Vater des historischen Romans, mit Recht stolz sein durfte.
Der Vater Sir Walters war das erste Mitglied der Familie, der das Land verließ und in die Stadt zog. Sein Beruf als »writer« nötigte ihn hierzu. Diese »writers« sind Rechtsgelehrte zweiter Klasse – welche lediglich das Material für Prozesse vorbereiten und durcharbeiten, aber nicht persönlich an den Verhandlungen teilnehmen. Sir Walters Vater hatte sich 1758, 29 Jahre alt, mit Anne Rutherford verheiratet, einer Tochter des Mediziners Dr. Rutherford, die von hoher Bildung und poetischer Veranlagung war.
Der Ehe entsprangen zwölf Kinder, von denen die ersten sechs in zartem Alter starben. Das neunte, unser Dichter, war ein gesundes und kräftiges Kind, das aber von einer Krankheit im zweiten Lebensjahre her eine Lähmung des rechten Beines zurückbehielt – ein Körperfehler, den er mit seinem großen Nebenbuhler und Kameraden Lord Byron teilte, den er aber im Gegensatz zu der nervösen Verbitterung dieses Schöngeistes mit robuster Gleichgültigkeit ertrug.