Выбрать главу

Zu seiner Stärkung kam das Kind auf das Gut des Großvaters Robert Scott nach Sandy-Knowe. Der Aufenthalt hier ist für seine geistige Entwicklung von grundlegender Bedeutung. Hier war er auf dem Heimatsboden seiner Ahnen und seiner Poesie. Hier in der patriarchalischen Umgebung eines altschottischen Grundsitzes, im täglichen Anblick einer romantischen Landschaft, über der Sagen und Märchen webten, im täglichen Umgang mit Hirten und Mägden und andern echten Kindern des schottischen Volkes sog er tiefe Liebe zur Natur seiner Heimat und zu den Legenden seines Volkes ein.

Es zeigte sich jedoch, daß dieser Aufenthalt für sein Fußleiden nicht vorteilhaft war, und die Eltern schickten den Knaben mit seiner Tante Johanna nach Bath, wo er die heißen Quellen gebrauchte. Während des fast ein Jahr währenden Aufenthalts in diesem Modebad besuchte er eine Elementarschule und lernte lesen. Nach Edinburgh zurückgekehrt, kam er aufs Gymnasium. Er hat sich als Schüler nicht sonderlich hervorgetan, war aber groß in allen Spielen – gleichfalls eine Eigenschaft, die er mit Lord Byron gemein hatte. Unter seinen Kameraden war er besonders beliebt, weil er wie kein andrer allerlei Geschichten und Märchen zu erzählen verstand.

Vom 13. Lebensjahre ab besuchte er die Universität in Edinburgh, um seine humanistische Bildung zu vollenden. Dieses Studium währte drei Jahre und blieb infolge der Übereilung, die von Walters Vater ausging, unvollständig, obendrein wurde es noch durch eine Krankheit unterbrochen – die Sprengung eines Blutgefäßes, die ihn wochenlang ans Bett fesselte.

Diese Krankheit warf ihn, wie er selber sagte, »wieder ins Reich der Dichtung zurück«, und er benutzte diese Zeit unfreiwilligen Müßiggangs zur Vervollständigung seiner literarischen Kenntnisse. In diese Zeit fallen auch seine ersten dichterischen Versuche – lyrische und episch-romantische Stammeleien, die er später selber vernichtete.

Im Jahre 1786 nahm ihn der Vater als Lehrling in sein Geschäft auf und Walter wurde laut förmlichem Kontrakt auf fünf Jahre verpflichtet. In diese Lehrjahre fällt seine erste Jugendliebe zu Margareta, der Tochter des Baronets John Stuart Belcher. Die dem Mädchen gewidmeten Gedichte hat er später gleichfalls selber vernichtet.

Der Beruf seines Vaters vermochte ihn nicht zu befriedigen. Der Vater löste 1789 den Vertrag und erklärte sich damit einverstanden, daß Walter abermals die Universität bezog, um sich dem Studium der höheren Rechtswissenschaft zu widmen. 1792 bestand Walter dann die Advokaten-Prüfung und wurde in die Fakultät feierlich aufgenommen. Hiermit kam sein Jünglingsalter zum Abschluß, und er trat ins bürgerliche Leben ein.

»Sein Jünglingsalter«, schreibt Elze, »verrät in keiner Weise den künftigen Dichter, sondern zeigt nur den jungen Gentleman. Wir sehen da keine Sturm- und Drangperiode wie bei Goethe, keine gewaltsame Selbstbefreiung wie bei Schiller; keine jugendlichen Fehltritte und dadurch herbeigeführte Losreißung von Haus und Familie wie bei Shakespeare; keine die Schranken überspringende Eigenwilligkeit und wilde Melancholie wie bei Byron; alles bewegt sich bei ihm glatt und eben in dem natürlichen Geleise des gesellschaftlichen Lebens, und wer das Genie eines Dichters an dem gewaltsamen Durchbruche seines Jünglingsalters erkennt, der muß Walter Scott allerdings jeden Funken Genie absprechen. Scott hat nie mit der Gesellschaft gebrochen, und warum hätte er es gesollt? Das Feld für seine Tätigkeit und seinen Ehrgeiz war so geräumig, als er es sich nur wünschen konnte.«

Seinem Advokatenberuf widmete er sich mit großem Eifer, scheint es indessen nie zu einer großen Praxis gebracht zu haben. Von weit größerer Bedeutung war die Art und Weise, wie er seine Mußestunden verwertete. Seine literarischen Neigungen führten ihn zum Studium der deutschen Sprache, dem wir vorzügliche Übersetzungen von Götz von Berlichingen, mehreren Ritterschauspielen und namentlich einigen Balladen Bürgers (»Lenore«, »Der wilde Jäger«) verdanken. Die Gerichtsferien brachte er in seinem heimischen Hochlande zu, das er zu Roß und zu Fuß unermüdlich durchquerte, immer neu an dem alten Sagenbrunnen sich labend.

Im Jahre 1797 lernte Walter Scott Charlotte Margarete Carpenter (die englische Umbildung ihres eigentlichen Namens Charpentier) kennen, die Tochter eines französischen Beamten, dessen Witwe mit ihrem Kinde während der Revolution nach England entkommen war. Sie wurde im selben Jahre seine Braut und Gattin.

Die ersten zwei Jahre nach der Trauung verlebte das junge Paar in Laßwade im Esktale. Hier widmete er sich von neuem der Literatur und lieferte zu einer von Lewis herausgegebenen Sammlung »Wunderbare Geschichten« einige poetische Beiträge.

1799 wurde er zum Sheriff von Selkirkshire ernannt. Im Jahre 1802 veröffentlichte er dann, nachdem die Bekanntschaft mit dem Buchdrucker und Zeitungsverleger James Ballantyne den Anstoß dazu gegeben hatte, seine erste Arbeit, eine Sammlung schottischer Volkslieder unter dem Titeclass="underline" »Die Volksdichtung des schottischen Grenzgebietes« in zwei Bänden, denen 1803 ein dritter folgte. Im Jahre 1804 verließ er Laßwade und zog nach dem Gute Ashestiel am Tweed. Die von seinem Oheim Robert ererbte Besitzung Rosebank hatte er verkauft und dafür das obengenannte Gut, gleichfalls einem seiner Oheime gehörig, der zur selben Zeit starb, in Pacht genommen. Hier vollendete er das schon in Laßwade begonnene Werk »Lied des letzten fahrenden Sängers«, das den Dichter mit einem Schlage berühmt machte.

Diese Dichtung ist der Anfang zu einer großen Reihe romantisch-epischer Dichtungen, die sich auf zwölf Jahre erstreckt: Marmion (1808), Die Jungfrau vom See (1810), Die Vision Don Roderichs (1811), Roteby (1812), Die Hochzeit von Triermain (1813), Der Herr der Inseln (1815), Das Schlachtfeld von Waterloo (1815) und Harold, der Furchtlose (1817).

Im Jahre 1812 war ein neues blendendes Gestirn am literarischen Himmel aufgegangen: ein Meteor, das durch sein blendendes Licht alle andern überstrahlte. Die ersten Gesänge von Lord Byrons »Thilde Harold« waren erschienen und hatten die Aufmerksamkeit nicht nur Englands, sondern der ganzen gebildeten Welt auf den jungen Dichterlord gelenkt, neben dessen poetischer Zaubermacht kein andrer bestehen konnte.

Den vorzüglichsten Beweis für seine eigne Reife erbrachte Walter Scott damit, daß er den Thron des Dichters diesem neuen ihm überlegenen Genius neidlos einräumte und die poetische Dichtung aufgab, indem er erklärte: »Ich habe die Poesie aufgegeben, weil Lord Byron mich aus dem Sattel hob, mich übertraf in Beschreibung starker Leidenschaften und in tiefer Kenntnis des menschlichen Herzens.«

Auch in Walter Scotts äußeren Verhältnissen war eine Änderung vor sich gegangen. Seine Werke hatten ihm bisher viel Honorar eingebracht, aber er hat es auch selber zugestanden, daß er nur um Geld schrieb, wie er denn auch ohne Rücksicht auf innere Neigung Arbeiten übernahm, die eine gute Einnahme versprachen. Passionen, die ihm zur zweiten Natur gehörten, wie Reiten, Jagen und Fischen, und jene ihm unentbehrliche Lebensart eines schottischen Edelmannes erforderten viel Geld, und Scott verstand es denn auch, in seinem stets praktischen Sinne sein Genie wie keiner vor ihm auszumünzen. Seine Honorare sind in der Tat enorm, und noch nie zuvor waren für Werke des Geistes ähnliche Summen herausgeschlagen worden. Aber die ständige Sorge, seine Kraft möchte erlahmen bei der Hast, in der er zu arbeiten pflegte, machte die poetische Ader bald versiegen, ließ den Dichter sich gleichzeitig nach einem einträglichen Amt umtun, und dies erhielt er in der Anstellung eines Sekretärs des Sitzungshofes, die mit einem Gehalt von 26&nbsp000 Mark jährlich verbunden war. Seine stets nicht sehr lohnende Rechtsanwaltspraxis gab er auf.

Zur gleichen Zeit kam er, ebenfalls in dem Bestreben, die ohnehin bedeutenden Erträge seiner Arbeiten zu steigern, auf den verhängnisvollen Gedanken, sich in dem Geschäft seiner Verleger als stillen Teilhaber eintragen zu lassen und sich an der Firma John Ballantyne & Co. finanziell zu beteiligen. Der Anfang dieses geschäftlichen Verhältnisses fällt bereits in das Jahr 1802. Durch größere Vorschüsse hatte er es seinem Verleger James Ballantyne ermöglicht, nach Edinburgh zu ziehen und sein Geschäft zu vergrößern. Das Verlangen, sich andern Verlegern gegenüber auf festen Fuß zu stellen, führte nun dazu, daß er den Bruder James Ballantynes, John, bewog, ein eignes Verlagshaus mit Druckerei zu gründen und ihn als stillen Teilhaber in dieses Geschäft aufzunehmen. Dies geschah 1809, aber schon vom Jahre 1805 ab hatte Scott etwa 9000 Pfund in die Druckerei und den Verlag von James Ballantyne hineingesteckt. Seine Teilhaberschaft an dem Geschäfte John Ballantynes blieb Geheimnis, bis der Zusammenbruch des Geschäftes zur Entdeckung des Verhältnisses führte. Zunächst brachte diese Geschäftsverbindung neue schriftstellerische Arbeiten größern Umfanges mit sich. Die riesenhafte Arbeitskraft Walters begann sich in ihrer ganzen imposanten Regsamkeit zu entfalten.