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Walter Scotts poetische Werke beschäftigen uns hier nicht, sie seien aber der Vollständigkeit halber hier genannt. Nachdem er die Gedichtsammlung: »Volksdichtung des schottischen Grenzgebietes« veröffentlicht hatte, ließ er 1805 »Das Lied des letzten fahrenden Sängers« folgen, 1808 »Marmion«, 1810 »Die Jungfrau vom See« – dasjenige unter seinen Epen, das am meisten Anklang gefunden hat – 1811 »Die Vision Roderichs«, 1812 »Rokeby«, 1813 »Die Hochzeit von Triermain«, 1815 »Der Herr der Inseln«, 1817 »Harold der Furchtlose«.

Zwischen diesen dichterischen Werken und seinen Romanen stehen »Pauls Briefe an seine Verwandten«, »Die Schlacht bei Waterloo«, eine sehr mittelmäßige Ode, das Drama »Das Haus von Aspern«, »Das Leben Napoleons« – ein heftig angefochtenes Werk, das zu Scotts Lorbeerkranz kein neues Blatt hinzuzufügen vermochte – eine »Geschichte Schottlands«, »Die Erzählungen eines Großvaters« und eine Menge kleinerer Arbeiten.

Die Reihe seiner Romane beginnt, wie aus der schon auf Seite 8 und 9 gegebenen chronologischen Reihenfolge hervorgeht, mit »Waverley«.

Diese Erzählung knüpft an die Kämpfe des Prätendenten Karl Eduard, an dessen Sieg bei Preston Pans und seine völlige Vernichtung bei Culloden durch Georg II. In seinen Gedichten war Scott auf entlegenere Zeit zurückgegangen und hatte seine Handlung im 16., im »Herrn der Inseln« sogar im 14. Jahrhundert spielen lassen – hier im ersten seiner Romane legt er die Begebenheiten in eine Zeit, von der es unter den alten Leuten noch Augenzeugen gab, denn die Schlacht bei Prestonpans fällt in das Jahr 1745. Die geschichtliche Episode von Alexander Stuart von Inverasyle, der den englischen Oberst Allan Whiteford von Ballochmyle gefangen nimmt und dann von ihm vom Tode errettet wird, läßt der Romancier sich zwischen seinem Helden Eduard Waverley, dem Oberst Talbot und dem Baron von Bradwardine abspielen. Hinein verwoben ist die Liebesgeschichte des Helden mit Rosa von Bradwardine.

Dem nächsten Roman »Guy Mannering« liegen zwei verschiedene Geschichten zugrunde. Die eine stellt die Erbschleicherei eines Oheims dar, welcher seinem Neffen nach dem Leben trachtet, um dessen Vermögen an sich zu bringen. Der Neffe ist aus einem Jesuitenkloster geflüchtet, in das der Vater ihn gebracht hat, ist gemeiner Soldat geworden und durch merkwürdige Schicksalsfügungen in seine Heimat, die Grafschaft Galloway, zurückgelangt, wo er endlich in sein Familienbesitztum eingesetzt wird. In diese Geschichte ist die zweite eingesponnen. Ein junger Mann, der in Oxford seine Studien beendet hat, hat auf der Reise einem eben geborenen Kinde das Horoskop gestellt und ihm vorausgesagt, daß es bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahre viel Mühsal zu erdulden habe. Wenn es aber bis dahin sich die Tugend rein halte und schuldlos bleibe, werde ihm großes Glück zufallen. Der dieses Horoskop stellt, ist Guy Mannering, der Sterndeuter, und das Kind ist Harry Bertram von Ellangowan, der durch Schmuggler geraubt wird, allerlei Abenteuer besteht, nach Indien gelangt, dort als Soldat dient und endlich in die Heimat zurückkehrt, wo er als Laird von Ellangowan anerkannt wird. Die Erzählung spielt in der Jugendzeit des Dichters.

Der »Altertümler« kann als eines der besten Werke Scotts bezeichnet werden. Oldbuck ist ein leidenschaftlicher Sammler von Raritäten, der allerdings keine große Kennerschaft besitzt. Er zeigt sich uns als ehrbarer schlichter Mann, ein wenig derb und hagebüchen, aber doch nicht ohne edlere Züge. Neben ihm ist die Hauptfigur der wundervoll gezeichnete Landstreicher Edie Ochiltree – eine echt schottische Gestalt. Zu dritt kommt – abermals ein völlig eigenartiger Charakter – der heruntergekommene Edelmann Sir Arthur Wardour, der sich nicht eben als großes Geisteslicht präsentiert und dessen Tätigkeit darin besteht, Fische zu fangen, auf die Jagd zu ziehen, Pferderennen zu besuchen, auf Wahlversammlungen zu gehen und sich seines Stammbaumes zu rühmen. An weiblichen Charakteren sind zu nennen die Schwester des Altertümlers, die harmlose naive Nichte Marie Wac Intyre und Isabella Wardour. Die Handlung ist meisterhaft angelegt und in wundervoller Straffheit und Spannung durchgeführt.

Unter den als »Erzählungen meines Wirtes« bezeichneten war »Der schwarze Zwerg« die erste. Wir haben es hier nicht mit einer geisterhaften Person zu tun, nicht mit einem phantastischen Hirngespinnst. Der schwarze Zwerg hat wirklich gelebt, er ist 1811 gestorben und er hieß David Ritchie. Er war das Kind blutarmer Leute, und da seine Mißgestalt überall ihm Spott und Hohn zuzog und ihn zum Abscheu aller Welt machte, zog er sich in tiefe Einsamkeit zurück. In einem Tale der Grafschaft Perbles siedelte er sich an, und von den Erträgnissen eines kleinen Gartens fristete er sein Leben. Bei Scott heißt er Elshie und haust im Moor von Mucklestane. Auch hatte er ein Gesicht von grauer Farbe mit dichtem, schwarzem Barte, seine Augen sind von buschigen Brauen verdüstert, die Adlernase und die zurückliegende Stirn geben seinem Angesicht ein wildes, barbarisches Aussehen. Auch Elshie wird als mit Riesenkräften begabt und als völlig verwachsen geschildert. Der Charakter, wie man ihn von Ritchie berichtet, entspricht dem der Scottschen Figur. 1831 schuf ein französischer Dichter eine ähnliche Figur, die gleich berühmt in der Literatur geworden ist: Quasimodo in Viktor Hugos Notre Dame de Paris. Zehn Jahre später überraschte Charles Dickens, der große Nachfolger Scotts auf dem Throne des Romanciers, die Leserwelt mit einer wiederum völlig eigenartig aufgefaßten und dargestellten Figur eines Kretins: dem koboldartigen Ungeheuer in Menschengestalt Daniel Quilp im »Raritätenladen«. Alle drei großen Dichter haben ihren seltsamen Gestalten besondere charakteristische Züge zu geben gewußt, und wer diese drei äußerlich einander so ähnlichen Charaktere nebeneinander stellt und prüft, vermag interessante und in das Wesen ihrer Schöpfer dringende Schlüsse zu tun.

Als zweite der »Erzählungen meines Wirtes« erschien »Der alte Sterblich«. Unter diesem Namen war im Süden Schottlands, besonders in jener Gegend, die durch den Aufstand und dessen Niederkämpfung verheert worden war, ein echtes schottisches Original allgemein bekannt. Die Erzählung spielt zu einer Zeit, die für Schottland schwere Not und furchtbares Elend mit sich brachte. Nicht lange nach der Wiedereinsetzung wollte Karl II., wie er es in England getan hatte, so auch in Schottland die Hochkirche einführen. Seine strengen Maßregeln brachten die Schotten, die eifrige Presbyterianer und Anhänger des Covenant waren, in heftige Erbitterung, und sie widersetzten sich mit harter Energie. Hunderte von Geistlichen wurden ihres Amtes entsetzt, durchzogen das Land und predigten gegen die englische Staatskirche. Nun zog der König mit den Waffen gegen die Rebellen und General Dalziel warf sie im Jahre 1666 nieder in der blutigen Schlacht bei den Hügeln von Pentland. Aber der Widerstand war damit noch nicht gebrochen, und im Jahre 1679 wurde John Graham von Claverhouse nach Schottland geschickt, der einen entscheidenden Sieg errang und nun die mörderischste Verfolgung ins Werk setzte, die je ein Land verheert hat. Der ganze Westen Schottlands wurde verwüstet. Eine kraftvolle Gestalt des Romans ist Cameron, der Gründer der nach ihm benannten Sekte »die Cameronier«, der im Beginn der sechziger Jahre voll Todesverachtung zündende Reden gegen des Königs eigene Person gehalten hat. Gleich interessant dargestellt ist der eifernde Presbyterianer Balfour von Burley. Markante Gestalten der Gegenpartei sind Claverhouse und der Dragoner Bothwell.