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Gar keinen Vergleich mit diesen Meisterwerken vermag das nächste auszuhalten: »Der Pirat«. Zwar sind Udaller und die Seinen lebenswahr und packend dargestellt, aber die Erzählung, die in ihren einzelnen Teilen an störender Zusammenhangslosigkeit krankt, ist voller Unwahrscheinlichkeiten und Flüchtigkeiten, und man erkennt in ihm eine jener Geschichten, bei denen die Überarbeitung des Verfassers auffallend ans Licht tritt und sein Genie nicht über die Flüchtigkeit hinwegzuhelfen vermag, sondern unter der Vielschreiberei gelitten zu haben scheint.

»Nigels Schicksale« führt uns an den Hof König Jakobs I. und gibt uns ein prachtvolles Bild des damaligen Lebens, das in der ganzen englischen Literatur unerreicht dasteht. Zu derartiger Höhe der Darstellungskunst großer vielgestaltiger Gemälde ist selbst ein Zola, ein Victor Hugo nicht gelangt. Die Gestalten des Königs und anderer geschichtlicher Persönlichkeiten sind ausgezeichnet, während man an den frei erfundenen Personen manche von Scotts schriftstellerischen Schwächen nachzuweisen vermöchte.

In der Zeit der großen Revolution, der Restauration und der papistischen Umtriebe unter Karl II. spielt der Roman »Peveril vom Gipfel«. Der erste Teil schildert die Schicksale des Barons Peveril, des puritanischen Majors Bridgeworth und ihrer Frauen, im zweiten Teil geht die Handlung auf die Kinder über, Julian Peveril und Alice Bridgeworth. Alice kommt an den Hof Karls II., und wir lernen nun hier den Grafen von Buckingham und die charaktervolle Gräfin von Derby kennen. Das zügellose Hofleben und die verrottete Gesellschaft der damaligen Zeit werden hier in meisterhafter Lebenswahrheit dargestellt.

Der Roman »Quentin Durward« spielt in Frankreich, wo der Schotte Durward unter Ludwig XI. sein Glück zu machen sucht. Die Handlung baut sich auf dem historischen Boden der Kämpfe zwischen Ludwig XI. von Frankreich und Karl dem Kühnen von Burgund auf. Der Stoff ist aus alten Chroniken geschöpft, die geschichtlichen Personen sind ausgezeichnet dargestellt, das ganze Werk streitet mit den besten Romanen Walter Scotts um die Palme. Gleich Ivanhoe und Kenilworth, gleich der Braut von Lammermoor und Waverley zählt es zu den am meisten gelesenen, und man darf Johannes Scherr wohl glauben, wenn er sagt: »Es ist eine der frühesten Erinnerungen meiner Knabenjahre, daß ich in den »Kunkelstuben« meiner dörflichen Heimat von den jungen Leuten abwechselnd Scotts Kreuzfahrer und Quentin Durward vorlesen hörte.«

»St. Ronans-Brunnen« erregte großes Aufsehen – es war ein Werk besonderer Gattung und läßt sich als Sittenroman der modernen Zeit bezeichnen – während »Redgauntlet« wieder zur Historie zurückkehrt. Dieses Werk ist gleichfalls den vorzüglichsten seines Verfassers zuzuzählen: der geschichtliche Hintergrund sind die Jahre des Niedergangs des Hauses Stuart. Dem Advokaten Squnders Hairford hat der Dichter große Ähnlichkeit mit seinem Vater verliehen.

Die »Kreuzfahrer-Erzählungen« enthalten die beiden Romane »Die Verlobte« und »Der Talisman«: der erstere fand wenig Anklang, um so mehr der zweite, der abermals Richard Löwenherz zur Hauptperson hat. Dieser englische Nationalheld wird uns hier im Morgenlande gezeigt, und den ganzen Zauber orientalischer Romantik hat der Dichter um seine Gestalt gewoben. Die Naturschilderungen sind, obgleich Scott nie den Orient bereist hat, mit bewundernswerter Phantasie entworfen, wenn auch nicht mit der unerreichten Treue, mit der Scott seine Heimat uns vor Augen stellt.

Der folgende Roman »Woodstock« ist bereits unter der drückenden Last des über den Dichter hereingebrochenen Unglücks geschrieben, aber seltsamerweise tragen die Personen hier weit mehr humorvolle Züge, als in den meisten anderen Romanen. Die Zeit ist dieselbe wie in »Peveril vom Gipfel« – die Zeit der großen Revolution und vor allem das Jahr der Hinrichtung Karls I. 1649. Flora Macdonald, die durch ihre Umsicht dem Prinzen Karl die Flucht ermöglicht, spielt eine Rolle. Abgesehen von den humorvolleren Schattierungen, macht sich aber hier bereits ein leises Nachlassen der dichterischen Schaffenskraft bemerkbar. Freilich mußte auch selbst eine so unerschöpfliche Fabulierungsgabe wie die Walter Scotts allmählich auf Schwierigkeiten stoßen, immer wieder neue interessante Stoffe zu finden.

Es folgte wieder eine Serie von Erzählungen unter dem Titel »Die Chronik von Canongate«, bald größeren, bald kleineren Umfangs, wie »Die zwei Viehtreiber« (Hochländer-Ehre), »Der Zauberspiegel«, »Das tapezierte Zimmer« (Eine Schreckensnacht) einbegriffen waren. Das erste größere Werk dieser Serie war die »Hochlands-Hexe«, ein ergreifendes Drama, in welchem Mutterliebe und Vaterlandsliebe in wilden Konflikt geraten. Der Sohn der Witwe, der sich unter die von England geworbenen hochländischen Regimenter hat anwerben lassen, wird von der Mutter aus Haß gegen England in den Tod gejagt.

Darauf folgte »Die Tochter des Wundarztes« (in der vorliegenden Ausgabe unter dem Titel »Ein Kind der Sünde« in Band 5) eine seltsam aufgebaute Erzählung, die die meisterhafte Fabulierungskunst ihres Verfassers, aber auch die Überspannung seiner Arbeitskraft deutlich erkennen läßt. Sie führt uns nach dem Märchenlande Indien, das damals im Höhepunkt des Interesses stand. Der Charakter des Richard Middlemas – des unglücklichen Kindes einer verführten Mutter – und die Gestalt seines Nebenbuhlers Hartley sind trefflich gezeichnet. Die Tochter des Arztes Gray, die von Middlemas, ihrem Bräutigam, der im Hause ihres Vaters unter geheimnisvollen Umständen vier Jahre vor ihr geboren und dort erzogen worden ist, nach Indien gelockt, aber von Hartley gerettet wird, ist eine treffliche Frauengestalt – an denen Scotts Romane ja überhaupt reich sind. Die Erzählung zeichnet sich durch spannende Entwicklung, ergreifende Szenen und prachtvolle Schilderung aus.

Als zweite Reihe der »Chronik von Canongate« erschien »Die schöne Maid von Perth«. Diesem Roman liegt wiederum eine historische Begebenheit zugrunde. Dreißig Mann vom Clan Hattam sollen, um eine alte Fehde zum Austrag zu bringen, gegen dreißig Mann vom Clan Kay vor den Augen des Königs kämpfen. Einer unter diesen Kämpfern ist geflüchtet, und ein junger Bürgerssohn von Perth ist für ihn eingetreten. In diese historische Episode spielt die Liebesgeschichte zwischen diesem Helden der Erzählung und der schönen Katharina, der Heldin, hinein.

»Anna von Geierstein« spielt wieder auf dem Kontinent, und zwar in der Schweiz – auch einem Lande, das der Dichter nie gesehen hatte. Die Kämpfe der Schweizer gegen die Österreicher und Burgunder interessierten den Dichter, er fand in ihnen offenbar einen Zug der Ähnlichkeit mit den schottischen Grenzerkriegen. Der Roman hat daher auch in der Schweiz großen Beifall gefunden.

Den Schluß von Scotts Tätigkeit bildete eine neue Serie der »Erzählungen meines Wirtes«: »Graf Robert von Paris« und »Schloß Douglas am Blutsumpf«. Der erstere Roman spielt in entlegenem Lande und in ferner Zeit, nämlich in Byzanz während des ersten Kreuzzuges. Der zweite Roman, der letzte, den Scott überhaupt geschrieben hat, spielt wieder in seiner Heimat, um das Schloß und sonstige Besitztum des ältesten aller Adelsgeschlechter, der Grafen Dhu Glas (oder, wie der Name zumeist geschrieben wird, Douglas). Einer der bedeutendsten und interessantesten Grafen Douglas, der erste des Beinamens Sholto, tritt hier in Gegensatz zu einer kraftvollen angelsächsischen Ritterfigur. Der Ringkampf beider Helden und Vertreter zweier in Blutfehde lebenden Grenzvölker wird freundlich aufgehellt durch die aus Liebe und unter Geleit eines fahrenden Sängers in das Kriegslager ziehende jugendliche Heldin aus altsächsischem Blute.