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In diesen Werken ist die phänomenale Arbeit eines Riesen des Geistes niedergelegt. Man staunt über die große Fruchtbarkeit, wie sie nur wenig Dichtern beschieden gewesen ist. Der Reichtum an Stoffen, an spannenden Handlungen und Episoden ist großartig, der Reichtum an Charakteren ist großartig. Wenn man all diese Gestalten an sich vorüberziehen ließe, würde man eine Welt für sich haben, belebt von einer bunten Menge der verschiedensten Erscheinungen, vom Fürsten bis herab zum Strauchdieb, vom reichen Edelherrn bis herab zum verworfensten Bettler. Die meisten dieser Romane können vor der Kritik ehrenvoll bestehen, und mehrere unter ihnen sind derart hochstehende Meisterwerke, daß sie ihrem Verfasser einen dauernden Ehrenplatz in der Literatur aller Zeiten und Völker zuweisen. Neben diesem dichterischen Wert steht der historische Wert, der so bedeutend ist, daß ein so ernster und unbestechlicher Geschichtsforscher wie Schlosser sich veranlaßt gesehen hat, die Romane Walter Scotts unter die Quellen der englischen und schottischen Geschichte einzureihen.

Es ist von Interesse, diesem geistigen Bilde Walter Scotts eine Beschreibung seines Wesens als Mensch und seiner äußeren Erscheinung anzuhängen. Karl Elze entwirft in seiner Biographie ein treffliches Bild, und wir tun am besten, ihn als Autorität wörtlich zu zitieren:

»In seinem Privatleben bietet Scott durchaus ein Bild biederer und ritterlicher Männlichkeit dar. Pflichttreue und Wohlwollen zeichneten ihn in allen Verhältnissen des Familienlebens, als Sohn, Bruder, Gatte und Vater aus, wenngleich wir nur in dem Verhalten zu seiner Mutter, seiner ältesten Tochter und seinem ältesten Sohne eine tiefere Innigkeit zu entdecken vermögen. Wie er sich die ungeteilte Hochachtung und Liebe seiner Freunde, seiner Untergebenen wie seiner Mitmenschen überhaupt erworben hatte, haben wir zur Genüge kennen gelernt. Sein Umgang trug im Einklang mit seinen Ansichten über Schriftstellerei keinen literarischen Charakter, vielmehr zog er die aristokratischen und die praktischen Kreise des bürgerlichen Lebens vor. Von seiner Unterhaltung waren nicht nur seine eigenen Schriften ausgeschlossen, sondern er machte die Literatur nur ausnahmsweise zum Gegenstande derselben. Auch über Wissenschaft und Politik liebte oder verstand er sich nicht zu unterhalten. Daher mochte es auch kommen, daß seine Unterhaltung in gewissen Kreisen Edinburgs für alltäglich galt. Die Sentenzenarmut, die Carlyle seinen Schriften vorgeworfen hat, erstreckte sich auch auf sein Gespräch; auch hierin war er nicht reflektierend. Es gibt daher keine Tischreden von ihm, wie von Dr. Johnson oder Coleridge. Auch sind keine witzigen Einfälle von ihm berühmt geworden. Scott war der Ansicht, die höhere Art des Genies sei dem Talente der Unterhaltung nicht günstig. Der Charakter seiner Unterhaltung war, um ihn mit einem Wort zu bezeichnen, episch-antiquarisch, also vollständig im Einklang mit seiner Poesie und seinem innersten Wesen. Er war unerschöpflich und unnachahmlich im Anekdotenerzählen. Eine Geschichte rief immer die andere hervor, und Ballade folgte auf Ballade in endloser Folge. Hundert Federn, sagt Kapitän Basil Hall, können die Anekdoten nicht aufschreiben, welche Scott unaufhörlich »ausströmte «. Er konnte den Mund nicht öffnen, ohne daß eine Anekdote herauskam. Er war der König aller Geschichtenerzähler und verstand auch das Gewöhnlichste in einen Diamant zu verwandeln. Das Merkwürdigste und Liebenswürdigste dabei war, daß darin nicht das mindeste Gemachte, sondern alles durchaus natürlich war, und daß er sich niemals vordrängte oder gar die Unterhaltung an sich riß. Auch Scotts Briefwechsel ist selten literarischen Inhalts, sondern besteht meist aus gutmütiger, freundschaftlicher und scherzhafter Plauderei, soweit er nicht geschäftlicher Natur ist.

»Auch in Scotts äußerer Erscheinung glauben wir den sächsischen Typus deutlich zu erkennen. Er maß über sechs englische Fuß, war breitschultrig, fast herkulisch gebaut und besaß eine wahrhaft eiserne Muskulatur. Trotz seiner Lahmheit galt von ihm der Spruch: eine gesunde Seele in einem gesunden Leibe. Carlyle bezeichnet Scott ganz richtig als einen der gesündesten Menschen. Sein ganzes Wesen war in leiblicher und geistiger Hinsicht ein Muster von Gesundheit; nichts an ihm war krankhaft. Als Jüngling war er imstande, mit seinen langen Armen einen Amboß aufzuheben, doch, wie er selbst sagt, nur des Morgens vor dem Frühstück. Wir wissen, daß auch sein Geist in der Morgenstunde am kräftigsten war. Seine Hände, sagt er, seien fast die größten in Schottland, und wenn es Siebenmeilen-Handschuhe gäbe, so dürften sie dem Gegenstände am angemessensten sein. Seine Gesichtszüge beschreibt Miss Seward mit folgenden Worten: Weder die Konturen seines Gesichts noch seine Züge sind fein; seine Farbe ist gesund und einigermaßen blond ohne Röte. Wir finden bei ihm die Seltenheit braunen Haares und brauner Wimpern bei flachsfarbenen Augenbrauen, sowie einen offenen, geistvollen und wohlwollenden Ausdruck. – Nach Cunningham war seine Farbe allerdings frisch und rötlich. Das Haar war sehr weich und wurde später ganz weiß. Seine Augen waren klein und hellgrau, und die Brauen außerordentlich buschig. Die Oberlippe war zu lang, als daß der Mund hätte schön sein können. Die Nase war stumpf und das Kinn im Verhältnis zu klein. Alle Angaben stimmen darin überein, daß seine Züge etwas Kräftiges und Entschlossenes, zugleich aber auch etwas Gewöhnliches und Grobes hatten und in keiner Weise den Dichter verrieten; ebenso übereinstimmend sind sie darin, dass eine merkwürdige Veränderung mit dem Gesichte vorging, wenn es sich belebte, und daß alsdann Scotts Züge wie seine Stimme außerordentlich lebhaft und ausdrucksvoll waren. Seine Augen hatten dann eine geheimnisvolle Tiefe. In seinem Jünglingsalter und der Blüte seiner Mannesjahre war der Ausdruck seines Gesichtes viel öfter heiter als nachdenklich. Der Sonnenschein des Humors erleuchtete dann das ganze Gesicht. Oft nahm Scott eine außerordentlich komische Miene an, wobei die zahlreichen Linien um seine Augen tätig mitwirkten, und die Augen sich ebenso weit von unten wie von oben schlossen. Eine besonders charakteristische Äußerung seines befriedigten Gemüts war sein Lachen, von welchem Mr. Adolphus eine ausführliche Beschreibung gegeben hat. »Niemand,« sagt er, »machte wohl alle Steigerungen des Lachens mit so vollkommenem Genusse und einem so strahlenden Gesichte durch. Das erste Aufsteigen eines launigen Gedankens pflegte sich öfters, wenn er stillschweigend dasaß, durch eine unwillkürliche Verlängerung der Oberlippe zu äußern, begleitet von einem scheuen, unbeschreiblich komischen Seitenblick auf seine Nachbarn, welcher in ihren Blicken zu lesen schien, ob der Funke der Lustigkeit unterdrückt werden solle oder zur Flamme werden dürfe. In der vollen Flut der Fröhlichkeit lachte er in der Tat wie Walpole das Lachen des Herzens, allein es war nicht lärmend oder überwältigend, noch hemmte es den Strom seiner Rede; er konnte fortfahren zu erzählen und sich zu unterhalten, während seine Lungen »krähten wie der Hahn«, wobei die Silben in dem Kampfe immer emphatischer, sein Akzent immer schottischer und seine Stimme im Übermaß der Lustigkeit klagend wurde.«

»Der auffallendste Teil in Scotts Erscheinung war die Form seines Kopfes, welcher von den Augenbrauen fast kegelförmig aufwärtsstieg. Das Gesicht von den Augen abwärts maß nach Allan volle anderthalb Zoll weniger, als die Schädelhöhe oberhalb der Augen. Diese Höhe des Schädels macht den Eindruck, als ob da oben, über den niederen Geistestätigkeiten, ein besonders großer Raum für ein freies und erhabenes Gedankenspiel gewesen wäre. Scott verdankte dieser Kopfform einen von ihm selbst und von seiner Familie in Gebrauch genommenen Beinamen. Kurz nach Erscheinen des »Peveril vom Gipfel« ging er eines Morgens in der Halle des Parlamentshauses auf eine Gruppe jüngerer Advokaten zu, deren Mittelpunkt der seines stets schlagfertigen Witzes wegen bekannte Patrick Robertson bildete. »Still, Jungen,« flüsterte dieser seinen Genossen zu, »still, dort kommt Peveril, ich sehe schon den Gipfel.« Ein schallendes Gelächter folgte, und seitdem wurde Scott scherzweise Peveril oder der alte Peveril genannt.«