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Über Walter Scotts Bedeutung als Dichter geben die folgenden Urteile aus der Weltliteratur ein vollständiges und umfassendes Bild:

Goethe: Walter Scott ist ein großes Talent, das nicht seinesgleichen hat, und man darf sich billig nicht verwundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Er gibt mir viel zu denken, und ich entdecke in ihm eine ganz neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat.

Man liest viel zu viel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. Man sollte eigentlich nur das lesen, was man bewundert, wie ich in meiner Jugend tat und wie ich es nun an Walter Scott erfahre. Ich habe jetzt den Rob Roy angefangen und will so seine besten Romane hintereinander durchlesen. Da ist freilich alles groß, Stoff, Gehalt, Charaktere, Behandlung, und dann der unendliche Fleiß in den Vorstudien, sowie in der Ausführung die große Wahrheit des Details! Man sieht aber, was die englische Geschichte ist und was es sagen will, wenn einem tüchtigen Poeten eine solche Erbschaft zuteil wird.

Überall finden Sie bei Walter Scott die große Sicherheit und Gründlichkeit in der Zeichnung, die aus seiner umfassenden Kenntnis der realen Welt hervorgeht, wozu er durch lebenslängliche Studien und Beobachtungen und ein tägliches Durchsprechen der wichtigsten Verhältnisse gelangt ist. Und nun sein großes Talent und sein umfassendes Wesen! Sie erinnern sich des englischen Kritikers, der die Poeten mit menschlichen Sängerstimmen vergleicht, wo einigen nur wenig gute Töne zu Gebote ständen, während andre den höchsten Umfang von Tiefe und Höhe in vollkommener Gewalt hätten. Dieser letztern Art ist Walter Scott.

Lord Byron:

Schottland, sei stolz darauf, daß er dein Sohn,

Dein Beifall sei sein erster, schönster Lohn!

Doch nicht mit dir nur soll sein Name leben,

Hoch über Welten mög er sich erheben!

Fällt Albion, so wird in ihm man lesen,

Was dieses Land in frührer Zeit gewesen;

Durch ihn wird dann noch Schottlands Ruhm erschallen,

Wenn es vielleicht in Trümmer schon zerfallen.

Scott ist ohne Frage der wundervollste Schriftsteller unsrer Zeit. Seine Romane sind eine neue Literatur in sich und seine poetischen Werke halten jeden Vergleich aus. Ich mag ihn gern wegen seines männlichen Charakters, der außerordentlichen Liebenswürdigkeit seines Umgangs und seiner Gutmütigkeit, besonders gegen mich persönlich. Möge ihm alles gedeihen – denn er verdient es. Ich kenne keine schriftstellerischen Werke, über die ich mit solchem Ungestüm herfalle, wie über ein Werk Walter Scotts.

Charles Dickens: Ich habe nie von irgend einem meiner eignen Charaktere geträumt, und mir kommt dies so unmöglich vor, daß ich wetten möchte, auch Scott hat nie von den seinen geträumt, so lebenswahr sie auch sind.

»Die Sage von Montrose« und »Kenilworth« habe ich eben mit dem größten Genuß gelesen, und ich denke, alle Welt muß gleich hohe Freude darüber empfinden.

Karl Elze: Shakespeare mag überhaupt nach dem, was wir wissen, in seinen Ansichten über den Wert der Literatur mehrfach mit Scott übereingestimmt haben. Eine natürliche Folge dieser Anschauungsweise war es, daß Scott nicht recht an poetische Unsterblichkeit glauben wollte und sogar einmal meinte, die von ihm gepflanzten Eichen würden seine Lorbeeren überdauern. Ob seine Eichen noch stehen, wissen wir nicht, das aber läßt sich jetzt prophezeien, ohne daß man fürchten muß, von der Zukunft Lügen gestraft zu werden, daß er nicht den Eichen, sondern gerade der von ihm gering geschätzten Schriftstellerei seine Unsterblichkeit verdanken wird.

Grillparzer: Walter Scotts Poesie ist eine Wahrnehmungspoesie, im Gegensatz zu der Anschauungspoesie. Man ist soweit gegangen, Walter Scott mit Shakespeare zu vergleichen, ja wohl gar zusammenzustellen. Etwas Verrückteres läßt sich wohl nicht leicht denken! Gerade das, worin man sie verwandt finden wilclass="underline" die Charakteristik, begründet die ungeheuerste Verschiedenheit. Alle Charaktere Shakespeares haben das bestimmteste Leben; durch eine geniale Anschauungsgabe, einen Blick in die innerste Werkstätte der menschlichen Natur aufgefaßt, entwickeln sie sich mit einem eigentümlichen Organismus, sie sind da; selbst ihre scheinbaren Widersprüche gleichen sie durch die siegende Beweiskraft der Existenz aus. Shakespeare gab seinen Personen keine Charaktere, sie stellten sich ihm schon mit einem vollständigen Charakter begabt vor. Scott macht Charaktere: manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Geschick; immer will er vorher, eh er schafft, und seine gelungensten Züge können die Absicht nie verleugnen. Er ist ein scharfer Beobachter; was er beobachtet hat, weiß er lebhaft und gewandt hinzustellen, aber jede seiner Personen ist, genau betrachtet, eine Mehrheit von Zügen, die erst ein ordnender Verstand zur Einheit gebracht hat, indes bei Shakespeare alles aus der Einheit der innern Anschauung hervorgeht und aus dieser erst die Mannigfaltigkeit der oft scheinbar widersprechenden Eigentümlichkeiten hervorgeht. Was man durch Welt- und Menschenkenntnis, durch Studium der Geschichte und Psychologie, durch Beobachtungsgeist und Scharfsinn erlangen kann, hat Scott alles, und er sei gepriesen um deswillen!

Was die Anordnung der Fabel betrifft, so sind mir die Details darüber nicht so gegenwärtig, da ich leicht vergesse, was ich ohne besonderen Anteil lese. Meistens scheinen aber die Begebenheiten interessant zu sein (wobei freilich nicht entschieden wird, ob sie diesen Vorzug der Erfindungskraft des Verfassers oder der Treue des Chronisten verdanken, aus dem sie genommen sind). Die Verknüpfung derselben ermangelt selten der Konsequenz.

Die Wahrheit der Darstellung nun ist beinahe durchgehends sehr groß, und hierin liegt eigentlich das Hauptverdienst des Verfassers und der Hauptgrund seiner Wirkung auf das Publikum. Seine Schilderungen aller Art sind unübertrefflich.

Schopenhauer: Walter Sott, dieser große Kenner und Maler des menschlichen Herzens und seiner geheimsten Regungen! Walter Scott, in seinen »Erzählungen meines Wirtes«, schildert Szenen, die zwischen den verworfensten und scheußlichsten Straßenräubern in ihren Schlupfwinkeln vorgehen, mit einer Wahrheit und Lebendigkeit, die uns beim Lesen bis zur Angst bewegt, indem wir das Richtige und Treffende davon empfinden; und doch hat weder er, noch wir je dergleichen gesehen.

G. Brandes: Wenden wir uns zu einem besseren Manne, zu dem Dichter, der die eigentümliche britische Romantik auf dem Grunde der Volksnatur und Geschichte gestaltete, der nicht wie die Männer der Seeschule sich zum Renegaten machen mußte, um in religiöser und politischer Hinsicht konservativ zu werden, sondern der es ohne Haß oder Groll gegen die Geister der entgegengesetzten Richtung war, rein und ruhig von Naturell, edel und fest von Charakter, poetisch so übersprudelnd reich begabt, daß er länger als zwanzig Jahre hindurch alle Länder Europas mit einer gesunden und unterhaltenden Lektüre versorgte, und so tief und originell in seinen Anschauungen über Menschenrassen und Weltgeschichte, daß sein Einfluß auf die europäische Geschichtsschreibung nicht geringer ward als sein Einfluß auf die Romandichtung in allen zivilisierten Ländern. –