Walter Scott, ist doch der eigentliche Entdecker und Durchführer jener Lokalfarbe in der Dichtung, welche die Grundlage für die ganze Poesie des Romantismus in Frankreich wurde. Und nicht genug, daß er durch seinen historischen Sinn der Wegweiser einer ganzen Dichterschule ward, übte er auch durch seine anspruchslosen Romane den größten Einfluß auf die Geschichtsschreibung des neuen Jahrhunderts aus. Man darf nicht vergessen, daß Walter Scotts Ivanhoe Augustin Thierry auf den Gedanken brachte, hinter den Taten Chlodwigs, Karls des Großen und Hugo Capets den Rassenkampf zwischen Normannen und Sachsen und die Spuren einer französischen Eroberung als die wahren Ursachen der Ereignisse zu suchen. Dieser Dichter, dessen Blick für das Seelenleben der einzelnen Menschen nicht tief war, und welcher der modernen individualistischen Zeit gegenüber auf mancherlei Weise durch nationale, monarchistische und religiöse Vorurteile gebunden und befangen erschien, besaß kraft seines gewaltigen Naturalismus, sobald er die Menschen als Clan, als Volk, als Stamm oder Rasse vor sich sah, den schärfsten Entdeckerblick für die Natursubstanz in ihnen. Er, welcher gewohnt war, stets an den Gegensatz zwischen Schotten und Engländer zu denken, fand leicht und wie durch eine plötzliche Inspiration die Bedeutung des Rassengegensatzes zwischen Angelsachsen und Normannen, und seine Schilderungen erhielten dadurch ebenso große Bedeutung für die Völkerpsychologie, wie die Schilderungen Byrons für die Schilderungen des Einzelnen.
Joh. Scherr: Man hat Scott den Dichter des Adels genannt, und insofern nicht mit Unrecht, als er mittels seiner hinreißenden Erzählungsgabe der Romantik der Feudalwelt eine außerordentliche Popularität zu verschaffen verstand; allein weit entfernt, sich auf einen Stand zu beschränken, hat er alle Stände und Klassen mit objektiver Meisterschaft in dramatische Beziehung zu einander gesetzt, nicht als Stände wohlverstanden, sondern als Individuen, denn seine Figuren sind nicht nach einem Schema zugeschnitten, sondern frisch aus der Geschichte und dem Leben gegriffen, und daher die Masse origineller Charaktere, die er uns vorführt. Man könnte Scott ohne Anstand auch den Dichter des Volkes nennen, denn kein Dichter hat mit solcher Vollendung wie er die im Volke lebende wirkliche Kraft, Verständigkeit und Treue gezeichnet. –
Scott ist ohne Frage für den eigentlichen Begründer des historischen Romans anzusehen. Es gab zwar vor ihm Versuche in dieser Gattung, aber es waren eben Versuche, und zwar mißlungene, geblieben. Scott war der erste, welcher die Poesie der Geschichte in ihrer ganzen Macht und Größe aufzeigte und das poetische Bedürfnis mit dem pragmatischen Sinne der neuen Zeit aufs glücklichste vermittelte. Über den ästhetischen Wert des historischen Romans hat man viel gestritten, aber die gebildete Gesellschaft des Erdkreises hat über diese Frage ein für allemal entschieden. Scotts Romane besitzen in unvergleichlichem Grade – abgesehen von ihrer anerkannten historischen Treue der Sittenschilderung, ihrer vollendeten Kunst der Charakteristik, ihrer sittlichen Hoheit – die Eigenschaft, auf alle Bildungsstufen gleich anziehend und befriedigend zu wirken, so daß sie, während sich die Aristokratie Europas daran entzückte, mit gleichem Entzücken auch in der Blockhütte der amerikanischen Hinterwäldler und im deutschen Bauernhause gelesen wurden.
Karl Bleibtreu: Scott ist der Gründer des historischen Romans. Er war der erste, der die gewaltige Poesie der Geschichte urbar machte. Allerdings sind nur Kostüme und Äußerlichkeiten leidlich echt; Handlungen und Gefühle sind oft unhistorisch modern zugestutzt, wenn auch äußerlich die Redeweise entlegener Zeiten richtig getroffen scheint. Obschon uns Scott in alle möglichen Länder und Zeiten führt, ist der Kreis, in welchem er sich bewegt, in Wirklichkeit nicht groß. Mit dem hellen und achtsamen Auge eines fabulierenden Waidmanns ritt er in ebenmäßigem Trott über seine Grampians dahin, in patriarchalischem Behagen den Dingen seiner Heimat ins Herz schauend und mit der derben Bildlichkeit eines frischen Naturkindes, wie der alte Homer es war, sie gestaltend. Und in diesem höheren Sinne kann man auch von Scott sagen – wie von den eigentlichen Genies, zu denen er nicht gehört – daß er nur dichtete, was er selbst empfunden und durch lebendig in ihm fortwirkende Tradition selbst erlebt. Wohl sind diese bunten Mären nicht mit der unwiderstehlichen Nötigung der durch persönliche Anlässe befruchteten Triebkraft aus Weh und Jubel der eigenen Seele geboren. Aber so verwachsen fühlte sich Scott mit den Denkmalen und Überlieferungen seiner Heimat, unter welchen er beschaulich wie ein Antiquar in seinem Museum saß, daß ihm alle historischen Vorfälle in seiner Heimat ein Selbstgeschautes wurden.
Deswegen sind auch die eigentlichen schottischen Romane Scotts diejenigen, in welchen sich seine soliden Vorzüge entfalten. Und unter diesen stehen wieder weitaus diejenigen am höchsten, in denen eine nicht zu fern gelegene oder sogar nahe liegende Zeit geschildert wird.
Es ist ferner mit besonderem Nachdruck hervorzuheben, daß Scott auch der Schöpfer des modernen englischen Gesellschaftsromans geworden ist, indem er zuerst das bürgerliche Leben in treuherziger Breite darstellte und alle Gesellschaftsklassen in den Kreis seiner Gemälde zog. In der Tat, wenn wir die Fülle der von ihm geschaffenen Charaktere überschauen, so können wir nicht in Abrede stellen, daß – »Shakespeare allein ausgenommen« – kein Schriftsteller das menschliche Leben so umfassend darzustellen versuchte.
Ferner sei noch darauf hingewiesen, daß Scott die Gabe besaß, große politische Verhältnisse in anschaulicher Form zu entwickeln – worin er ebenfalls ohne Vorgänger dasteht und eine sehr gesunde Reaktion sowohl gegen das Ifflandsche Niederländern als gegen die erotische Idyllik der landläufigen Damenliteratur bildete. Nur Schiller, Kleist, Grabbe, Alexis, sowie einige Ansätze de Vignys sind gleichen Zielen gefolgt. Die ungemeine Klarheit, Leichtigkeit und Anschaulichkeit seiner wundersamen Fabulierungsgabe kommt Scott hier besonders zu statten.
Ja, dieser Mann, so beschränkt in seinem Privatleben, erhob sich weit über sich selbst, sobald das Medium der Geschichte ihn inspirierte. Fast alle Dichter erscheinen im tiefsten Sinne subjektiv; Scott aber gestaltete objektiv durch und durch, wie es dem geborenen Epiker ziemt.
Ein Ewigkeitsmensch war er nicht. Er verstand weder die Gegenwart, noch ahnte er die Zukunft. Allein wie wir Burns als einen Shakespeare des Liedes begrüßten, so könnte man Scott füglich einen Shakespeare der Fabulierung nennen. Und zwar der echten künstlerischen Fabulierung, welche man ja nicht mit der gequälten Phantasie-Auspumpung der Dumas und Sue verwechsele. Mit dem glücklichsten Takt eines reifen Künstlertums verschmolz er die verschiedenen Elemente des Lebens, das Tragische und Burleske, zu geschlossener Komposition. Und auch ein wundersames Talent psychologischer Kombinierung blieb ihm nicht versagt. Aus diesem Grunde verehren wir ihn noch heute als Vorbild.
Wenn wir aber somit den größten Romankünstler, den Meister epischer Erzählung im Sinne Homers, in Scott erkennen, so zeigt schon ein Vergleich mit Fielding und Richardson seine Schranken. Er streifte nur die Dinge und ging selten in die Tiefe. In der Breite der Lebensdarstellung hingegen wird er von keinem übertroffen. Julius Hart: Walter Scott, wie Robert Burns ein Schotte, schuf diese nationalpatriotische Geschichtsdichtung, die überall in Europa als etwas ganz Neues angestaunt und aufs eifrigste nachgeahmt wurde, besonders als Scott statt der Verserzählung Prosaromane auf den Markt warf. Das hatte Walter Scott von der deutschen Poesie schon gelernt: die rechte künstlerische Gestaltungsfreude an den Dingen selbst, den Sinn für das Sinnliche der Poesie. Und wenn er jetzt in großen Bildern die schottische Landschaft schildert, so ist sie kein Totes mehr wie bei den älteren, über das man philosophiert und moralisiert, sondern Hintergrund und Schauplatz großer Geschichtsereignisse. Scott schreitet über die Heiden und an den Seen nicht mehr wie ein englischer Nachmittagsprediger dahin, sondern wie ein rechter altgermanischer freier Mann, der seinen Sitz und seine Stimme im Volksrat hat, der die Geschichte seines Volles genau im Kopfe trägt und in den alten Büchern wohlerfahren ist. Er ist ein leidenschaftlicher Antiquitätensammler und weiß in allen alten Burgwinkeln vortrefflich Bescheid. Das Romantische an ihm ist vor allem die Freude an den alten Zeiten und der Vergangenheitskultus.