Julian Schmidt: Es gibt keinen Beruf, dem er nicht gerecht geworden wäre, sobald derselbe nur einen gesunden Inhalt hat. Er hatte ein Herz für das Volk, ein liebevolles Auge für seine Sorgen und seine kleinen Genüsse, und sein konservativer Sinn bezog sich auf alles, was der Erhaltung wert war.
Adolf Stern: Seine Stärke liegt in der Situationsfülle, nicht in der straff durchgeführten Handlung, in der Wiedergabe fertiger Charaktere, nicht in der schwereren Spiegelung innerlicher Charakterwandlung. Die Tiefen der Leidenschaft sind ihm vielfach, wenngleich nicht immer, verschlossen; bei aller Frische und Natürlichkeit steht er zu Zeiten dem Konventionellen näher als der Natur. So war er der Dichter und Erzähler einer in sich befriedigten Gesellschaft, einer Zeit mit festen Anschauungen und Zielen, und mußte mit dem Wachsen der Gärung, des leidenschaftlichen rastlosen Dranges nach dem Neuen, mehr und mehr in den Hintergrund der Teilnahme treten. Die wahrhafte Bedeutung Scotts kann natürlich durch die Launen der Mode nicht gemindert werden, kein Nachweis der Schranken seiner Begabung kann die Kraft und den Reichtum aufheben, den er innerhalb dieser Begabung entfaltet. Prof. Dr. Wülker: Das Hauptverdienst Walter Scotts, des Dichters wie des Romanschriftstellers, war seine große Natürlichkeit und seine außerordentlich naturgetreue Schilderung. Dadurch war er wie kein zweiter befähigt, Sittenbilder aus den verschiedensten Zeiten zu geben und der Begründer des Historischen Romans zu werden. Allerdings darf man von einem Dichter nicht verlangen, daß er sich stets eng an die Geschichte hält: er darf sie mit Sage umgeben, darf Gestalten eigener Erfindung neben die geschichtlichen stellen, wenn er den Leser nur lebhaft in den Charakter der behandelten Zeit zu versetzen weiß. Und dies verstand Scott meisterhaft. Daher gilt er noch heute für das Muster eines Romanschriftstellers.
Erstes Kapitel
Es war zu Frühlings Anfang in einer kalten Provinz Schottlands. Die Natur war aus dem Winterschlaf erwacht. Wenn auch noch nicht die Vegetation verriet, dass die kalte Jahreszeit im Weichen begriffen, so doch die Luft.
Zwei Wanderer, ihrer Tracht nach als solche auf den ersten Blick kenntlich, kamen in der Richtung aus Südwesten her und zogen in der Richtung nach dem Schloß Douglas zu, an einem Flußlaufe gelegen, dessen Tal zu der seltsamen mittelalterlichen Feste eine Art Eingangstor bildete.
Der Fluß, im Verhältnis zu dem Ruf, in welchem er stand, klein, zeigte den Weg an dem Dorfe vorbei zu dem Schlosse hinauf. Es war ein rauher Pfad. Die mächtigen Feudalherren, denen das Schloß schon seit Generationen zu eigen gehörte, hätten sich leicht bequemeren Zugang schaffen können. Allein zu jener frühen Zeit war man noch nicht so klug wie jetzt, und man hielt noch nicht dafür, dass es besser sei, einen Umweg um den Fuß eines Berges zu machen, als in schnurgerader Richtung auf der einen Seite hinauf und auf der anderen hinunter zu steigen.
Noch viel weniger hatte man Ahnung davon, dass der Welt ein Mac Adam beschert werden würde, der aus unwegsamen Naturpfaden durch künstliches Pflaster Salonwege schuf.
Wozu hätten indes die alten Schloßherren vom berühmten Geschlechte der Douglas solche Grundsätze zu den ihrigen machen und anwenden sollen, selbst wenn sie schon bekannt gewesen wären? Von Wagen, die auf Rädern liefen, hatte man, den plumpsten Ackerkarren ausgenommen, noch keine Kenntnis. Selbst die zarte Damenwelt war auf das Roß als einziges Beförderungsmittel angewiesen, im Fall schlimmer Krankheit höchstens auf eine Sänfte oder besser Trage, die aus Weiden geflochten oder aus Brettern zusammengefügt wurde. Die Männer brauchten die eignen derben Gliedmaßen oder den kräftigen Gaul, um von einem Orte zum anderen zu gelangen. Wanderern und besonders Frauen entstanden durch die rauhe Natur des Bodens keine geringen Beschwernisse. Daß ein angeschwollener Wasserlauf ihren Weg schnitt und sie zum Halt nötigte, bis sich das Wasser verlief, war keine Seltenheit; auch nicht, daß ein schweres Gewitter eine Überschwemmung oder ein anderes Naturereignis andere Schäden bewirkte. Wen dergleichen auf seiner Wanderschaft traf, war dann angewiesen auf seine eigne Kenntnis der Gegend, denn sich Kunde bei Leuten über Wegrichtung oder dergleichen zu schaffen, war insofern fast immer ausgeschlossen, als Leute im Freien, auf die Verlaß war, so gut wie nicht zu finden waren. Wer zu jener Zeit seine Scholle nicht verlassen mußte, setzte den Fuß nicht von ihr hinweg.
Der Douglas entspringt in einem Amphitheater von Gebirgen, das nach Süden zu das Tal abschließt, aus dessen Bächen er sein geringes Wasser bekommt, das sich freilich oft durch starke Regengüsse zum Strome mehrt. Das Land, durch das er seinen Weg nimmt, bietet im allgemeinen das gleiche Bild, wie alle Viehzucht treibenden Gebirgsstriche des südlichen Schottlands mit ihren ärmlichen, einsamen Pachthöfen in wilder Gegend.
Zur Zeit, da unsre Geschichte spielt, waren viele dieser Striche, wie ja ihre Namen noch heute besagen, mit Wald bestanden. Die unmittelbar am Douglas gelegenen Striche waren Äcker, schon damals reich ergiebig an Hafer und Roggen; in nicht zu weiter Entfernung vom Ufer mischte sich der Ackerboden mit Viehweide, weiterhin mischte die Viehweide sich mit Waldboden, der dann zu ödem, meist unzugänglichem Moorland sich wandelte.
Damals war Schottland im Kriegszustand; Rücksichten auf Bequemlichkeiten des Lebens mußten der ständigen Lebensgefahr, die den Menschen umgab, weichen. Niemand fiel es ein, Weg oder Steg gangbarer zu machen: je ungangbarer er war, desto sicherer konnte man sich fühlen, desto leichter war es, dem Feinde oder auch nur Fremden den Zugang zu wehren.
Was der Mensch im Hochlande brauchte, um sein karges Leben zu fristen, lieferte ihm Natur und Boden. Andere Bedürfnisse als diese kannte er nicht. Für die Rindvieh- und Schafherden brachten die besseren Striche im Gebirge und in den mit Wald bestandenen Tälern das Futter. Ackerbau war in geringem Maße vorhanden und wurde roh betrieben; die Viehzucht war das eigentliche Element. Zudem fehlte es in den tiefen Wäldern, die außer vom Jäger kaum von einem Menschen betreten wurden, nicht an allerhand Wild, vornehmlich zu solcher Zeit, wo der Grundherr dem Kriegshandwerk oblag und das Weidwerk an den Nagel gehängt hatte, die Tiere also »frei tanzen« durften. Wen damals der Weg durch die rauheren Striche dieses gebirgigen wilden Landes führte, der stieß nicht allein auf alle Arten von Rotwild, sondern auch auf das dem schottischen Hochland eigentümliche wilde Rind; die Wildkatze war in der wilden Gebirgsschlucht, im sumpfigen Dickicht keine Seltenheit; der Wolf, in den dichter bewohnten Strichen der Lothian-Grafschaften schon damals fremd, behauptete sich im Gebirge noch tapfer gegen seinen Urfeind, den Menschen. Zur Winterszeit, wenn ihnen das Futter knapp wurde, zogen sie in Rudeln auf die Kirchhöfe nach Leichenfraß oder umschlichen, wie heute der Fuchs, den Hühnerstall, den einsamen Pachthof, gierig auf Beute lauernd.