Der Schotte, durch den Ruf aufmerksam geworden, blickte über den Douglas hinüber, dann auf die kahle Böschung und ließ den Blick endlich auf den beiden Gestalten haften, die den Weg ins Tal hinunterstiegen.
Der Pächter vom Douglas-Tal hüllte sich, als er aus der windgeschützten Niederung heraustrat, den Wanderern entgegenging, fester in seinen groben Mantel, der dem schottischen Schäfer ein so romantisches Aussehen leiht, ob er gleich geringere Farbenpracht und kargeren Faltenwurf aufweist als der Kriegsmantel der Hochländer.
Als er näher kam, sah die Dame, daß er ein rüstiger, kräftiger Mann war, über die mittleren Jahre schon hinaus, mit Spuren des nahenden Greisentums, aber noch immer mit mannbarem, trutzigem Zug auf dem Antlitz, das manchen Sturm bestanden hatte, und noch immer mit Augen so scharf, daß man es ihnen auf den ersten Blick ansah, welch scharfe Wache sie zu halten gewohnt seit Jugend waren.
Auch Verdruß zeigten sie noch, diese Züge: Verdruß über den schmucken Jüngling, der ihm zur Seite schritt und dessen Gesicht deutliche Kunde gab, daß es keine sanften Äußerungen gewesen sein mochten, durch die sich des Vaters Grimm gegen ihn Luft gemacht hatte.
»Gedenkt Ihr denn meiner nicht mehr, Tom,« hub Bertram an, als beide nahe genug beieinander standen, um ein Gespräch zu beginnen – »oder haben zwanzig Jahre, die über unsere Köpfe gezogen, alle Erinnerung an Bertram, den englischen Spielmann und Sänger, mit sich genommen?«
»Nun, nun,« versetzte der Schotte, »an Landsleuten von Euch fehlt es ja nicht bei uns, die einem die Erinnerung an Euch wachhalten. Aber wir sind nun doch mal so ungehobelt, daß man das Gesicht eines alten Freundes vergißt und kaum von weitem erkennt. Es hat aber in jüngster Zeit viel Unruhe hier gesetzt. Oben in dem schlimmen Schlosse Douglas halten tausend Landsleute von Euch Besatzung, und an anderen Plätzen im Tale auch: das ist kein lustiger Anblick für einen Schotten! Sogar in meinem armen Hause ist ein Schwerbewaffneter mit ein paar Bogenschützen quartiert worden, und als Dreingabe hat's ein paar mutwillige Jungen gesetzt, Pagen mit Namen, die einem Manne das Maul verbieten, wenn er an seinem Herde davon spricht, der Platz, wo er stände sei sein Eigentum! Indessen hegt darum, alter Freund, keine üble Meinung von mir, wenn ich Euch mit kälterem Willkomm begrüße, als Ihr von einem Freunde erwarten könnt; denn bei Saint-Bride am Douglas! es ist mir kaum was geblieben, Euch willkommen zu heißen!«
»Auch karger Willkomm reicht«, versetzte Bertram; »mein Sohn, mach dem alten Freunde deines Vaters dein Kompliment! Mein Augustin, Freund Dickson, erlernt mein lustiges Handwerk; bis er aber die Mühsal, die es im Gefolge hat, ganz wird bewältigen können, wird wohl noch mancherlei Übung erforderlich sein. Wollt Ihr ihm ein wenig Nahrung und für die Nacht ein ruhiges Bett geben, dann geht's uns beiden bei Euch besser als gut! Reist Ihr mal mit Eurem Karl – denn der hübsche schlanke Jungmann neben Euch ist doch kein anderer als mein Taufpate – so werdet Ihr Euch wohl auch erst recht behaglich fühlen, wenn für seine Bedürfnisse gesorgt ist.«
»Satan soll mir die Suppe salzen, wenn es mal so sein soll!« rief der schottische Landmann; »mag er's doch allein wissen, aus welchem Stoffe heute die jungen Kerle geschaffen sind: aus dem ihrer Väter ganz sicher nicht! Soll er sie holen, wenn's ihm paßt! Solche Nahrung und Unterkunft hat der wackere Lord Douglas, bei dem ich Leibdiener war, – Ihr wißt's ja, Freund Bertram – als Page bei Gott nicht begehrt, wie sie jetzt solchen Patron, wie Euren Taufpaten Karl, nicht mal zufriedenstellt.«
»Nun, mein Augustin,« meinte Bertram, »ist nicht wählerisch; aus anderer Ursach muß ich aber um ein besonderes Bett für ihn ersuchen. Er ist in letzter Zeit unpaß gewesen.«
»Hm, ich verstehe,« meinte Dickson, »Euer Sohn hat wohl was von der Krankheit gehabt, an der Eure Engländer so häufig draufgehen und die mit dem schwarzen Tode ausgeht? Wie hier verlautet, soll die Krankheit im Süden arg gewütet haben. Kommt sie auch hierher?«
Bertram nickte.
»Nun, in meines Vaters Hause,« nahm der Pächter wieder das Wort, »sind der Stuben mehr denn eine, und Eurem Sohne soll eine luftige, geräumige Stube zurechtgemacht werden! Essen müßt Ihr halt mit Euren Landsleuten, müßt zusehen, was die für Euch übrig lassen; muß halt ein Dutzend solcher Mäuler jetzt füttern! Schäme mich, sagen zu müssen, daß ich im eigenen Hause nach ihrer Pfeife tanzen muß! Ha, besäße mein guter Lord noch sein Schloß, so möchte es auch mir an Herz und Hand nicht fehlen, das ganze Gesindel aus dem Hause zu schmeißen! Aber – ein Trost für uns arme Schlucker: der edelste Laird in Schottland befindet sich kaum in besserer Lage!«
»Tom Dickson,« warf Bertram ein, »jetzt siehst du den Fall durch bessere Brille. Ich will durchaus nicht sagen, daß der weisere, reichere und stärkere Mann ein Recht darauf hätte, den schwächeren, ärmeren und dümmeren Nebenmenschen zu tyrannisieren; läßt sich ein solcher aber in Streit ein, so muß er sich dem Laufe der Natur auch unterwerfen; und gleichwie kein Wasser den Berg hinaufläuft, so kann auch im Kriege der Vorteil bloß dem zuteil werden, der den andern überrascht.«
»Mit Verlaub aber,« versetzte Dickson, »kann der schwächere Teil, wenn er bis zum äußersten ausholt und seine Kraft bis zum äußersten anstrengt, schließlich Rache an dem Urheber seiner Leiden nehmen! Also doch zu leidlichem Ausgleich der Unterjochung gelangen! Ganz gewiß handelt jeder als Mensch töricht, und jeder Schotte unverantwortlich dumm, der solche Unbill mit Stumpfsinn trägt und, statt die vom Himmel gesetzte Zeit abzuwarten, voreilige Rache zu nehmen sucht! Aber durch solche Reden werde ich Euch, wie schon manchen Eurer Landsleute, von Haus und Hof scheuchen, daß Ihr weder Nachtmahl noch Nachtquartier in einem Haufe nehmen wollt, wo Euch am Morgen blutige Entscheidung unseres Rassenkampfes treffen könnte.«
»Keine Sorge in solcher Hinsicht«, versetzte Bertram; »wir sind seit alters Freunde miteinander, und ich versehe mich von Eurer Seite ebensowenig liebloser Aufnahme, als Ihr erwarten werdet, der Zweck meiner Herkunft sei, neue Kränkungen zu jenen, über die Ihr Klage führt, zu fügen.«
»Recht so«, antwortete Tom Dickson; »seid also in meinem Hause ebenso willkommen, alter Freund, wie zu der Zeit, als sich bloß Gäste darin befanden, die ich selber geladen hatte. Für Euren Sohn, den Herrn Augustin, gilt, wie ich wohl nicht hinzuzufügen brauche, das gleiche.«
»Aber nun sagt mir doch, Tom,« fragte Bertram, »was hat Euch Anlaß gegeben zu solchem Verdruß über meinen Taufpaten?«
Bevor der Vater Zeit fand zum Sprechen, hatte der Jüngling erwidert: »Der Vater, Herr Pate, mag die Sache hinstellen wie es ihm beliebt, so bleibt doch bestehen, daß in solch unruhvollen Zeiten die klügsten Leute schwach im Kopfe werden. Er hat's mit angesehen, daß ein paar Wölfe sich unsere besten Widder holten, und weil ich der englischen Besatzung zurief, Alarm zu blasen, ist er so ergrimmt, daß er mich hätte morden können! Und weshalb? Weil ich den Widder aus Wolfsrachen retten wollte, damit er in anderer Wölfe Rachen käme!«
»Eine seltsame Meldung über dich, alter Freund!« rief Bertram; »gönnst du den Wölfen, sich an deiner Herde zu mästen?«
»Reden wir nicht weiter davon, wenn du mir Freund sein willst; Karl könnte dir von Dingen sprechen, die näher liegen. Schweigen wir aber jetzt darüber!«
Als der Sänger inne wurde, daß sich der Landmann ärgerte, drängte er nicht weiter in ihn. Zudem setzten sie gerade den Fuß über die Schwelle und Soldatenstimmen schallten ihnen entgegen.
»Still, Anthony«, rief eine rauhe Stimme; »still, Mensch! Um der gesunden fünf Sinne halber, wenn nicht der guten Manieren halber. Auch Robin der Rote hat sich früher an keinen Tisch gesetzt, als bis der Braten fertig war!«
»Fertiger Braten?« rief eine andere, nicht minder rauhe Stimme; »das ist mir ein Braten, wie er sich elender kaum denken läßt! Und verflucht wenig Anteil davon kommt diesem Schuft von Dickson zu, seit unser Kommandant, der würdige Sir John de Walton, ausdrücklich befohlen hat, daß alle Soldaten auf Vorposten den Wirten alle Vorräte abliefern, die ihnen vom eigenen Lebensunterhalt übrig bleiben.« »Schäme dich, Anthony, schweige!« erwiderte der Kamerad des Schreiers; »wenn ich jemals den Schritt unseres Wirtes gehört habe, dann jetzt! Laß das Geknurr, denn unser Kommandant hat strenge Strafe auf jeden Unfrieden zwischen seiner Mannschaft und den Landbewohnern gesetzt!«