»Ich habe zu Unfrieden keinen Anlaß gegeben«, versetzte Anthony; »aber recht wäre es mir schon, ich würde, von meinem Mißtrauen gegen unseren finsteren Wirt, diesen dickköpfigen Schuft von Tom Dickson, erlöst. Ich gehe in seinem Loche selten zu Bett ohne den Gedanken, daß mir der Hals mal beim Aufwachen klaffen wird wie einer durstigen Auster die Schale ... Da kommt er aber,« setzte er hinzu, seine laute Stimme mäßigend – »in den Kirchenbann mögen sie mich tun, wenn er nicht das tolle Vieh, seinen Jungen Karl, und noch ein paar Fremde dazu herschleift, bloß um uns das Abendbrot zu verweigern, wenn sie nichts anderes zu unserem Schaden vorhaben.«
»Pfui, Anthony«, rief sein Kamerad; »du bist doch ein so tüchtiger Armbrustschütz, wie kaum einer den grünen Rock trug, und tust doch gerade, als fiele dir das Herz in die Hosen, wenn dir zwei müde Wanderer vor die Augen kommen! Fürchtest dich wohl gar davor, daß sie uns den Trank heut abend dünn machen? Wozu hätten wir denn Armbrüste und Partisanen, wenn wir uns mit solchem Quark befassen wollten? He! Sieh da! Quartierherr Dickson! Was bringt denn Ihr? Bekannt ist Euch doch aus unserer Instruktion, daß wir Fremden, die den Fuß zu Euch setzen, außer solchen, die ungebeten kommen wie wir, auf den Zahn fühlen sollen, bevor Ihr sie aufnehmt? Seid Wohl, wie mir scheint, ganz so bereit zum Nachtmahl, wie das Nachtmahl für Euch? Nun, mein Freund Anthony brennt vor Ungeduld, ich möchte deshalb ihn und Euch nicht länger aufhalten, als die Antwort auf ein paar Fragen in Anspruch nehmen wird.«
»Bogenspanner!« versetzte Dickson; »du bist ein recht höflicher Gesell! Und wenngleich es hart ankommt, Rechenschaft über Freunde abzulegen, denen man bei sich Quartier geben will, so unterwerfe ich mich doch den Zeitumständen und bin Euch zu Willen. Schreibt Euch also in Euer Meldebuch: Am 14. Tage vor Palmsonntag hat Thomas Dickson in sein Haus am Hazelside, worin Ihr auf Befehl des Gouverneurs als Besatzung liegt, zwei Freunde aufgenommen und bewirtet, was ihm zurzeit und am Ort nicht zu wehren war.«
»Aber wer sind die Fremden?« fragte Anthony schroff.
»Eine schöne Welt,« brummte Tom Dickson, »in der man gezwungen ist, jedem gemeinen Gesellen zu antworten!« Dann aber fügte er hinzu: »Der ältere meiner Gäste ist Bertram, ein englischer Spielmann und Sänger, mir seit zwanzig Jahren bekannt und nie anders denn als ehrlicher und braver Mensch; der jüngere ist sein Sohn, seit kurzem in Genesung begriffen von der englischen Krankheit, die in Cumberland und Westmoreland so arg gewütet hat!«
»Ist es derselbe Bertram, der vorm Jahr im Dienst einer edlen Dame in England drüben stand?« fragte der Bogenspanner.
»Gehört habe ich davon«, versetzte Dickson.
»So werden wir sie wohl passieren lassen, denke ich; denn von Gefahr scheint nichts vorhanden.«
»Ihr seid mein Vorgesetzter und seid der ältere«, sagte Anthony; »aber erinnern möchte ich daran, daß wir einem jungen Menschen, der an solcher Krankheit gelitten, ohne besondere Vorfrage nicht Einlaß ins Schloß gewähren dürfen. Lieber sähe, glaube ich, Sir John de Walton den schwarzen Douglas mit tausend Teufeln, so schwarz wie er selber, da es doch seine Farbe ist, im Besitze von Hazelside, als solche Person mit solchem Ansteckungsstoff oben im Schlosse.«
»Deine Worte sind wahr, Anthony«, antwortete sein Kamerad; »es ist nach meiner Meinung wohl am gescheitesten, wir machen ihm Meldung und fordern Befehle, wie mit dem Grünschnabel verfahren werden soll.«
»Mir recht«, sagte der Armbrustschütze; »zuvörderst stellen wir dem Gelbschnabel wohl ein paar Fragen: wie lange er krank gewesen; welcher Arzt ihn kuriert hat; wie die Zeugnisse über seine Heilung lauten. Wir müssen doch zeigen, daß wir ungefähr wissen, was für solchen Fall in Betracht tritt.«
»Stimmt, Bruder«, pflichtete der Bogenspanner bei; »du hörst doch, Spielmann, daß wir deinen Sohn befragen wollen – wo steckt er denn, er war doch eben noch da?«
»Freilich«, lautete Bertrams Antwort; »aber er ist auf seine Stube gegangen. Aus Rücksicht auf Euer Gnaden Gesundheit hat ihn der fürsorgliche Wirt sogleich auf seine Stube gebracht, wo er am besten aufgehoben sein wird.«
»Wir müssen aber bei einem Falle wie dem vorliegenden, bevor wir Euch erlauben dürfen, nach Schloß Douglas weiter zu ziehen, ein paar Fragen an Euren Sohn stellen, wohin er, wie Ihr sagt, Botschaft zu bestellen hat.« »Die Botschaft wird mehr meine als seine Sache sein, Herr«, bemerkte der Sänger.
»Dann genügen wir unserer Pflicht am besten und einfachsten, wenn wir Euch beim Tagesgrauen ins Schloß hinaufschicken und Euren Sohn im Bett lassen, bis wir Weisung von Sir John erhalten, ob er ins Schloß hinauf darf oder nicht.«
»Recht so, Freund«, pflichtete der Spielmann bei, »indessen eins, wenn ich bitten darf: mein Sohn ist ein guter und sanfter Bursch, wenig gewohnt, unter den Menschen, welche diese wilden schottischen Wälder bewohnen, eine Rolle zu spielen. Ich hoffe also, daß Ihr Rücksicht gegen ihn walten laßt.«
»Hm«, machte der ältere und höflichere der beiden Soldaten; »wenn Euer Sohn solcher Neuling auf dieser Erdenreise ist, so möchte ich doch raten, für die Zeit, bis Ihr vor den Gouverneur gelangt, seine Fragen beantwortet habt und Bescheid über Euren Jungen bekommt, ihn im nahen Kloster zu beherbergen. Erlangt Ihr keinen guten Bescheid, so kann er doch dort verweilen, bis Ihr Euer Geschäft auf Schloß Douglas beendigt habt und wieder bereit seid, die Reise anzutreten. Beiläufig gesagt, sind die Nonnen drüben eher älter denn jünger als die Mönche und tragen Bärte fast so lang wie jene – Ihr könnt also, was die Sittlichkeitsfrage angeht, völlig beruhigt sein.«
»Kann ich solche Erlaubnis erlangen,« sprach der Sänger, »so wäre es mir lieber, ihn in der Abtei zu lassen und zuvor die Befehle des Kommandanten in Person einzuholen.«
»Sicher ist dies das beste Verfahren! Mit ein paar Goldfüchsen kannst du den Schutz des Abtes von Saint-Bride dir rasch verschaffen. Aber eins noch, Freund! Ihr habt auf Euren Irrfahrten doch sicher gelernt, was ein Morgenschluck ist? He? Und daß man mit ihm Leute zu traktieren pflegt, die einem bei gewissen Anlässen gefällig waren?«
»Ich verstehe, Freund, was Ihr meint«, beschied ihn der Sänger; »wenn auch die Börsen von Leuten meines Standes nicht gerade durch Fülle sich auszeichnen, so sollt doch Ihr deshalb nicht Not leiden! Ein gutes englisches Goldstück zur Entnahme eines guten englischen Trunkes in gutem englischen Hause ist schon noch vorhanden!«
Mit diesen Worten legte der Sänger einen Sovereign auf den Tisch.
»Ich sehe, wir verstehen einander«, sagte lachend der Armbrustschütz; »sollten sich Erschwernisse einstellen, so ist Euch Anthonys Beistand sicher. Indessen wird es doch gut sein, Euren Sohn bald von dem Besuch in Kenntnis zu setzen, den er morgen beim Abte abstatten soll. Ihr könnt Euch wohl denken, daß wir mit dem Gange nach Saint-Bride nicht säumen dürfen, sobald die Röte am Himmel herauf ist. Junge Leute lieben den Morgenschlaf.«
»Ihr sollt nicht Ursache finden zu solchem Glauben«, sagte der Jäger; »die Lerche ist nicht früher als mein Sohn! Bloß darum bitte ich nochmals, so lange sich mein Sohn in Eurer Gesellschaft befindet, leichtfertige Reden zu lassen. Er ist ein harmloser Knabe und furchtsam im Gespräch.«
»Spielmann,« sprach der ältere Soldat, »Ihr malt uns den Satan zu plump! Seid Ihr zwanzig Jahre Sänger und Spielmann, wie Ihr sagt, dann muß doch Euer Sohn, wenn er Euch von Kindesbeinen an Gesellschaft geleistet hat, jetzt selber eine Schule aufmachen können, die Ausübung der sieben Todsünden zu lehren, die doch kein anderer Mensch besser kennt als ein Spielmann!«