»Alles das weiß ich,« antwortete Sir Aymer, »und wundere mich bloß, daß die Kenntnis dieser Bedingungen so weit in das Volk gedrungen ist. Was aber hat das mit dem Ausgang des Kampfes zu tun, wenn wir aufeinandertreffen sollten?«
»Mir scheint, Herr Ritter, es ist notwendig, den Gegner aufs Haar zu kennen, mit dem man sich in solchem Kampfe messen will. Es ist Euch doch bekannt, wie James von Thirkwall, der letzte englische Schloßhauptmann vor Sir John de Walton, überrumpelt wurde? und auf welche barbarische Weise das Schloß geplündert wurde?«
»Ich glaube wohl, daß ganz England Kunde erhielt von dem blutigen Gemetzel und von dem abscheulichen Verhalten des schottischen Häuptlings, der alles, was tragbar war, Gold und Silber und Waffen, in den Wald schleppen und allen Mundproviant auf die roheste Weise vernichten ließ.«
»Ihr sprecht von dem Vorfall, den man im Lande »des Douglas Speisekammer« nennt?«
»Ja, und ich sah von den schrecklichen Resten dieser Kammer genug, um noch heute vor Ekel zu schaudern. Urteile selbst, ob solche Tat den Beifall des Himmels finden kann! Zwei Jahre hindurch war im Schlosse, das uns für sicher galt, seitdem es neu aufgebaut worden, Mund- und anderer Proviant für den König oder Lord Clifford, wer von beiden zuerst ins Feld gegen die Rebellen rücken würde, aufgesammelt worden. Auch uns, ich meine die Truppen des Grafen Pembroke, meines Oheims, die in der Nähe von Ayr am kaledonischen Walde in heißem Kampfe gegen die Rebellen lagen, sollte dies andere Heer stützen. Nun geschah es, daß sich Thirkwall, ein kühner Soldat und stets auf dem Posten, im Schlosse am Allerheiligenfeste von diesem James Douglas überrumpeln ließ, der von wildem Grimm erfüllt war über den Tod seines Vaters in englischer Gefangenschaft im Schlosse von Berwick. Die Wut mag ihm den Gedanken eingeblasen haben, alle Vorräte, die er im Schlosse fand und die er bei der Überlegenheit der Engländer im Lande weder fortschaffen noch selber genießen konnte, auf barbarische Weise zu vernichten. Alles Fleisch und Korn ließ er in die Keller schaffen und in Haufen türmen, dann ließ er allen Wein aus den Fässern über die Haufen laufen, alle Ochsen ließ er erschlagen und ihr Blut den gleichen Weg nehmen wie den Wein, endlich ließ er die Leichen der Mannschaft in die ekle Masse stampfen, denn beim Douglas gab es keinen Pardon.«
»Ich maße mir nicht an zu verteidigen, was Ihr mit Recht mißbilligt. Aber bedenkt, wenn Ihr erlebt hättet, daß Euer leiblicher Vater in langer Gefangenschaft hingesiecht und gestorben wäre, wenn sein Erbe eingezogen und von Fremden in Besitz genommen worden wäre, dann ließet gewiß auch Ihr Euch zu Handlungen treiben, die Ihr bei kaltem Blute und vom Feindesstandpunkte aus nicht anders als mit Abscheu ansehen müßtet; dann möchtet auch Ihr vielleicht keinem Feinde Pardon geben und, was Euch zum eigenen Unterhalt nicht verwendbar, für andere, die Euch feind sind, unbrauchbar machen.«
»In solchen Dingen mich als Verteidiger dieses Douglas aufzuspielen, Sänger Bertram, habe ich wahrlich keine Ursache, denn durch seine Handlungsweise hatte meines Oheims Heer einen schlimmen Stand und der Wiederaufbau des Schlosses seine großen Mühen. Daraus aber, daß wir völlig ohne Proviant waren, mußte natürlich Not über ganz Schottland kommen, denn wir nahmen nun doch dem Ärmsten im Lande weg, was er von Vieh noch besaß. Wahrlich! an das grause Elend dieser Zeit denke ich selbst als Kriegsmann mit schwerem Herzen.«
»Mir scheint, wer den Stachel des Gewissens fühlt, müsse milde sein, wenn er von Vergehen anderer spricht«, sprach der Sänger. »Im übrigen darf man wohl sagen, daß eine gewisse Ursache zu solchem Tun des jungen Douglas in der Prophezeiung liegen mag, die uralten Datums sein soll und die man dem Thomas dem Reimer oder, wie er auch genannt wird, Erceldoun dem wahren Sprecher beimißt. Im selben Verhältnis, wie das Geschlecht der Douglas jetzt durch Verlust ihrer Güter und Zerstörung ihres Stammschlosses leiden um der Treue willen gegen ihres Königreichs rechtmäßigen Erben, im selben Verhältnis hat ihnen der Himmel gerechten Lohn ausgesetzt. Die Mauern des Douglas-Schlosses sollen, so oft sie niedergebrannt und geschleift werden, um so stattlicher, prächtiger, erhabener aus ihrem Schutt erstehen!«
Der Ritter gab keine Antwort, sondern ritt voran, auf dem Rücken des hochgelegenen Ufers entlang. Der Weg, der sich immer an dem Wasserlauf hielt, zog sich jetzt ziemlich steil in das Tal hinunter. Von diesem Punkte aus eröffnete sich hinter einem Felsen, der wie eine Theaterkulisse an der Seite vorgeschoben zu sein schien, um die Aussicht in den unteren Teil des Tales zu vermitteln, der Blick über die weite Niederung, während in mäßiger Entfernung vom Strome sich im Schmuck seiner vielen Türme das stolze Schloß erhob, von welchem das ganze Tal seinen Namen führte.
Der Nebel, dessen Wolken nach wie vor das Tal füllten, ließ hin und wieder den Blick frei über das Städtchen Douglas, das am Fuße des Schlosses lag, dessen Mauern wohl einen vorübergehenden Angriff abwehren konnten, aber zu schwach waren, einer regelrechten Belagerung standzuhalten. In der Mitte des Städtchens erhob sich die Kirche, ein schöner Bau im gotischen Stile, aber zurzeit in arg verfallenem Zustand.
Das Schloß war von der kleinen Stadt durch einen Wassergraben getrennt. Es war ein düsterer gewaltiger Bau, stark befestigt durch Bastionen und Türme und gekrönt mit hohen Zinnen. Aus seiner Mitte ragte der hohe, nach dem Namen Lord Henry Cliffords, des Siegers in vielen Treffen zwischen Schotten und Engländern, als der »Clifford« benannte Hauptturm empor, von welchem aus man weiten Blick über das Douglas-Tal und die Grafschaft haben mußte.
Der Ritter streckte den Arm aus, während sein Antlitz von siegesfrohem Lächeln erglänzte.
»Dort siehst du das Schloß, Sänger«, rief er; »nun urteile selbst, ob Cliffords Zutaten zu seinem Bau die Einnahme erleichtern werden!«
Der Sänger schüttelte den Kopf und schwieg.
Inzwischen war die Abteilung zur Schloßwache herangekommen, die zunächst bloß dem Ritter Zutritt gewährte. Fabian, der junge Knappe im Dienste des Ritters, setzte den Wachkommandant in Kenntnis von dem Wunsche seines Herrn, dem Sänger gleichfalls den Zutritt zu gestatten.
Ein alter Armbrustschütz faßte den Sänger scharf ins Auge.
»Widerspruch gegen den Neffen des Grafen von Pembroke ziemt sich nicht für uns, und uns kann es recht sein, Herr Fabian, wenn Ihr den Sänger auf ein paar Wochen im Schlosse als Euren Gast aufnehmt. Allein der Herr Ritter kennt den strengen Befehl Sir Johns, und käme Salomo, der weise König der Juden, in eigener Person als fahrender Sänger und bäte am Tor um Einlaß, so dürfte ich ihm solchen nicht gewähren, sofern nicht Sir Johns Befehl rückgängig gemacht wird.«
»Meinst du denn, Kerl,« rief der Ritter, der zurückgeritten kam, weil er die Worte des Kriegsmannes gehört hatte, »ich hätte Lust dir einen Befehl zu geben, der dem Sinne Sir Waltons zuwider wäre? Soviel Vertrauen darfst du doch wohl haben, daß dir durch mich keine Unannehmlichkeiten erwachsen werden. Behalte den Mann im Wachzimmer und laß es an der rechten Bewirtung nicht fehlen. Sir John de Walton aber bestelle, wenn er heimkehrt, der Mann sei mit mir aufs Schloß gekommen und habe Zutritt auf meine Weisung hin erhalten. Sollte weiteres zu deiner Entschuldigung vonnöten sein, dann soll es der Schloßhauptmann aus meinem Munde vernehmen.«
Der Armbrustschütze neigte zum Zeichen des Gehorsams die Pike, die er in der Hand trug, und führte Bertram in die Wachstube. Dort versah er ihn, der erhaltenen Weisung gemäß, mit Speise und Trank.
Vom Tore her drang der Schall eines Jagdhorns. Der Schloßhauptmann kehrte von seinem Ritte heim. Die Schildwachen schulterten und gaben die Parole ab. Der Ritter sprang vom Pferde und fragte den Armbrustschützen, der über die Wache das Kommando führte, nach etwaigen Vorfällen während seiner Abwesenheit. Gilbert Greenleaf, so hieß der greise Kriegsmann, berichtete von dem Sänger, der zufolge Weisung des Ritters de Valence in der Wachstube, und vom Sohne desselben, der in der Abtei vorläufig Unterkunft gefunden hätte.