Der Schloßhauptmann zog die Stirn in Falten.
»Wir brauchen solchen Zeitvertreib nicht,« sprach er, »und lieber wäre es uns gewesen, unser Stellvertreter hätte andere Gäste gefunden, solche, die sich für offenen, freimütigen Beruf besser eignen als solcher Sänger, der seinem Gewerbe nach Lästerer Gottes und Betrüger der Menschheit ist.«
»Ja,« erwiderte Greenleaf, seiner Neigung zum Widerspruch auch dem Schloßhauptmann gegenüber freien Lauf lassend, »Euer Gnaden haben aber früher zu äußern geruht, daß das Sängergewerbe, rechtlich betrieben, gleichen Anspruch an Ansehen und Wert habe wie die Ritterschaft selber.«
»Das mag in früherer Zeit richtig gewesen sein, Greenleaf«, antwortete der Hauptmann; »aber heute hat der Sänger vergessen, daß es Pflicht von ihm sei, die Jugend zu Tugend und frommer Sitte zu begeistern. Indessen will ich mit Sir Aymer, meinem wackeren Freunde, über den Fall sprechen.«
Unterdes war Sir John de Walton, eine schlanke Figur vom schönsten Ebenmaß der Glieder, unter den weiten Schwibbogen der Wachstube getreten. Gilbert Greenleaf lauschte seinen Worten und füllte durch Winke und Zeichen die Pausen im Gespräch.
Hinter den beiden Kriegsmännern war der Knappe Sir Aymers, ohne von ihnen gesehen zu werden, in die Wachstube getreten, wo er seiner Obliegenheit, die Waffen seines Ritters zu säubern, nachkam.
»Ich brauche Euch nicht zu sagen, Gilbert Greenleaf, daß die schnelle Beendigung dieser Blockade oder wenigstens Belagerung, mit welcher uns der Douglas zu bedrohen fortfährt, in meinem direkten Interesse liegt. Meine persönliche Ehre fordert, daß ich dies gefährliche Schloß für England bewahre. Deshalb macht mir die Zulassung dieses fahrenden Sängers Unruhe. Prompter, wie gesagt, wäre der junge Sir Aymer seiner Instruktion nachgekommen, wenn er dem Wanderer jeden Verkehr mit der Besatzung untersagt hätte.«
»Schade, daß der tapfere junge Ritter solch ungestümen Knappen hat«, bemerkte kopfschüttelnd der alte Armbrustschütz; »so tapfer er auch ist, so fehlt es ihm doch an Beharrlichkeit; er schäumt gleich einer Flasche Dünnbiers, wenn es in Gärung tritt.«
»Soll dich der Henker holen, altes Trümmerstück«, dachte der Knappe Fabian bei sich, dem in den Kemenaten, wo er seine Arbeit verrichtete, kein Wort von dem Gespräch entging.
»Mir würde die ganze Sache wahrlich nicht in solchem Maße nahe gehen, wäre Sir Aymer mir weniger teuer, als es der Fall ist«, nahm Sir John de Walton wieder das Wort. »Erfahrung soll sich jeder junge Mann selber sammeln und nicht bei anderen holen oder durch andere einimpfen lassen. Ich will den Wink beachten, den Ihr mir eben gegeben habt, Gilbert, und will den Knappen von dem Ritter trennen; auch mir scheint, als trifft hier das Sprichwort vom Blinden zu, der den Blinden führt.«
»Der Satan über dich, altes Waschweib!« dachte der Knappe bei sich; »habe ich dich erwischt über dem Bestreben, meinen Herrn und mich beim Hauptmann zu verlästern? Hieße es nicht, eines angehenden Ritters Waffen in Schmutz ziehen, sollte meine Aufforderung zum Kampfe dir wahrlich nicht geschenkt bleiben. Indessen sollst du nicht zweierlei Zungen reden: eine im Schlosse und eine vorm Schloßhauptmann, wenn du vielleicht auch meinst, wegen deiner Kriegsmannschaft unter König Eduards Banner dazu ein Recht zu haben! Meinem Herrn will ich melden, wohin deine Absichten zielen, und aus unserer Unterhaltung über diesen Fall wird sich wohl ergeben, ob wir jungen Leute die Ordnung im Schlosse halten werden oder ihr alten Graubärte!«
Der Schlag war geschehen. Zwei stolze, feurige Charaktere waren gegeneinander in Mißtrauen gesetzt worden, und während Ritter de Valence meinte, daß ein Freund, der ihm in mancher Hinsicht verbunden sei, ihn ungerechterweise im Verdacht habe, meinte Sir John de Walton andererseits, daß ein junger Mann, den er mit ebensolcher Sorgfalt behandelt habe, als sei es der eigene Sohn, der seiner Unterweisung alles verdanke, was er vom Kriegshandwerk wüßte und was er an Erfolgen im Leben bislang gewonnen hatte, sich wegen Kleinigkeiten für beleidigt und auf höchst ungeziemende Weise für schlecht behandelt hielt.
Der zwischen den beiden Hauptleuten gesäete Samen der Zwietracht verbreitete sich bald wie Lolchsamen unter Weizen von einer Besatzung zur anderen; die Soldaten nahmen, wenngleich aus keinem rechten Grunde, Partei entweder für Sir John de Walton oder für seinen Leutnant de Valence; für den ersteren zumeist die älteren, für den anderen die jüngeren; und nachdem so der Ball der Zwietracht geworfen worden, fehlte es an den Armen nicht mehr, ihn in Bewegung zu halten.
Fünftes Kapitel
Sir John de Walton hielt es in Anbetracht der jüngsten Vorgänge für angezeigt, seinem Offizierkorps so viel Zerstreuung zu gewähren, als Schloß und Örtlichkeit zuließen, und sie durch Aufmerksamkeit und Höflichkeit für ihre Unzufriedenheit zu beschämen.
»Was meinst du, junger Freund,« sprach er Sir Aymer an, als er ihn zum ersten Male nach seiner Rückkehr auf das Schloß wiedersah, »wenn wir eine der hierzulande eigentümlichen Jagden veranstalteten? In den Wäldern in unserer Nähe haust noch das wilde kaledonische Rind, das sonst nirgendwo mehr zu finden ist als im Moorlande an der kahlen, zerklüfteten Grenze des einstigen Königreichs von Strathclyde. Es gibt nur wenig Jäger noch, die mit solchem Weidwerk Bescheid wissen; aber sie schwören, daß keine Jagd an Aufregung und Strapazen auf der ganzen britischen Insel derjenigen auf dies wildeste und stärkste und kühnste aller Jagdtiere gleichkomme.«
»Tut ganz nach Belieben, Sir John de Walton,« versetzte Sir Aymer mit Kälte, »indessen möchte ich nicht empfehlen, um solcher Jagd willen die ganze Garnison in Gefahr zu setzen. Ihr kennt die Verantwortlichkeit Eurer Stellung selbst zur Genüge und habt gewiß sorgfältig überlegt, bevor Ihr solchen Vorschlag verlauten laßt.«
»Allerdings kenne ich meine Pflicht,« erwiderte hierauf gelassen de Walton, »indessen scheint es mir, als ob der Kommandant dieses schlimmen Schlosses unter anderem Mißgeschick, in Übereinstimmung mit den Reden der alten Leute im Lande, einer Art von Zauber untertan sei, der es ihm unmöglich macht, seine Offiziere dadurch an sich zu fesseln, daß er ihnen Zerstreuungen schafft. Noch vor wenigen Wochen würden Eure Augen bei solchem Vorschlage geblitzt haben, Sir Aymer; und welches Benehmen zeigt Ihr jetzt? Ein Gesicht schneidet Ihr, als müsse man, um wilde Stiere zu scheuchen, sich zuvor einer Pilgerfahrt zum Grabe eines Märtyrers unterziehen.«
»Ihr urteilt nicht gerecht, Sir John«, antwortete der junge Ritter; »in unserer dermaligen Situation sind, meine ich, der Rücksichten mehr als persönliche zu nehmen, und obgleich die schwerere Verantwortlichkeit auf Euch als dem Älteren ruht, Sir de Walton, so fühle ich doch, daß auch der auf mich fallende Teil schwer genug ist, um alles auf das sorgfältigste zu erwägen. Darum vertraue ich, daß Ihr mit Nachsicht meine Meinung hören und ertragen werdet, wenn es auch scheinen mag, als bezöge sie sich auf denjenigen Teil der uns gemeinschaftlich obliegenden Pflichten, der hauptsächlich Eurer Fürsorge untersteht. Die Ritterschaftswürde, die mich gleich Euch ehrt, und nicht minder wohl der mir von dem königlichen Plantagenet erteilte Ritterschlag verschaffen mir, deucht mir, Anspruch auf Berücksichtigung meines Einspruchs.«
»Verzeiht, Ritter de Valence«, sprach Sir de Walton; »ich vergaß, daß ich in Euch einen von König Edward höchstselbst zum Ritter geschlagenen Kameraden vor mir habe, und daß ohne Zweifel besondere Gründe vorliegen mußten, Euch mit solcher Würde so frühzeitig zu bekleiden. Ganz ohne Frage überschreite ich deshalb meine Pflicht, wenn ich solchem Kameraden gegenüber von eitler Zerstreuung spreche.«