»Sir John de Walton,« versetzte de Valence, »solche Worte sind, meine ich, schon zu oft gewechselt worden, als daß es gut sei, immer wieder auf sie einzugehen. Mich leitet bei meinem Einspruch lediglich die Rücksicht auf die Notwendigkeit, zu solchem Jagdzug Schotten aufzubieten, deren schlimme Gesinnung leider wir doch zur Genüge kennen. Sollten die freundschaftlichen Bande, die uns bisher umschlossen, durch unglückliches Zusammentreffen von Umständen sich lockern, ohne daß ich im Grunde ersehen könnte, warum dies notwendig sein müsse, so gibt das noch immer keinen Grund ab, daß wir nicht nach wie vor in allem Verkehr die höflichen Bedingungen festhalten, die zwischen Rittern und Edelleuten Brauch sind!«
»Ihr mögt recht haben, Sir Aymer,« erwiderte de Walton mit steifer Verbeugung, »wenn Ihr von Eurem Standpunkt aus in Zweifel zieht, daß das alte Verhältnis zwischen uns einen Riß bekommen habe. Für mich liegen die Dinge indessen so, daß ich niemals einem feindlichen Gefühl gegen Euch Raum in meiner Brust gestatten könnte. Ihr seid mein Kriegs- und Ritterschaftsschüler gewesen, seid mit dem Grafen von Pembroke nahe verwandt, der mir ein gütiger und ständiger Beschützer ist: dies also sind Umstände, die sich von mir nicht so schnell von der Hand weisen lassen. Seid Ihr, wie sich aus Euren Andeutungen schließen läßt, durch ältere Rücksichten weniger gebunden, so habt Ihr Eure Wahl zu treffen, wie sich unsere Beziehungen zueinander künftighin regeln sollen.«
»Mein Verhalten gegen Euch, Sir Walton, wird bedingt werden durch Euer Verhalten gegen mich. Ihr könnt unmöglich aufrichtiger hoffen als ich, daß unsere soldatischen Pflichten gewissenhafte Erfüllung finden, ohne unserem anderen Verkehr irgendwie Eintrag zu tun.«
Nach diesem Gespräch schieden die Ritter voneinander. Wiederholt standen sie in seinem Verlauf auf dem Punkte, daß es zu einer herzlichen Aussprache hätte kommen können; indessen gelang es keinem von beiden, das Eis zu brechen, das sich immer schnell wieder bildete; keiner wollte der erste sein, dem anderen entgegenzukommen, obgleich jeder von Herzen dazu bereit war, weil bei beiden der Stolz alle anderen Gefühle zu stark überwog. Daher kam es, daß sie auseinandergingen, ohne auf den eigentlichen Gegenstand ihres Gesprächs, den Jagdzug, zurückzukommen. Dies geschah aber, und zwar auf schriftlichem Wege, kurz nachher durch Sir de Walton. Der Schloßhauptmann unterrichtete seinen Leutnant, daß der Jagdzug gegen die wilden Stiere im benachbarten Tale beschlossene Sache sei, und lud ihn zur Teilnahme ein.
Am Vormittag des folgenden Tages sollte die Jagd stattfinden; die Zusammenkunft war auf 6 Uhr morgens bestimmt, als Treffort das Tor des äußeren Bollwerks; nachmittags sollte unter der als »Sholtos Keule« bekannten hohen Eiche am Ausgang des Douglas-Tals das Halali geblasen werden. An das niedere Volk und an die Vasallen der Umgegend wurde das gewöhnliche Aufgebot erlassen und mit Freuden aufgenommen. Eine Jagd im Douglas-Walde bot noch immer der Aufregungen so viele, daß man die Gegenwart englischer Ritter, wenn auch erzwungenermaßen, dabei nicht unwillig in Kauf nahm.
Sechstes Kapitel
Es war ein kalter, rauher, nach schottischer Wetterart »reiner« Morgen. Die Hunde schüttelten sich und kläfften. Die Jäger, trotz Abhärtung und froher Erwartung, knüpften die Mäntel am Halse zusammen und blickten nicht ohne Furcht auf die am Horizont wallenden Nebel, die sicherlich bald auf die Gipfel und Rücken der Vorberge sinken würden, um von dort aus den Weg ins Tal hinunter zu nehmen.
Nichtsdestoweniger bot sich dem Auge, wie ja immer bei Jagdzügen, ein fröhliches Bild. Zwischen den beiden im Kampf liegenden Völkerschaften schien es zu kurzem Waffenstillstande gekommen, und weit mehr hatte es den Anschein, als ob die Schotten bemüht seien, die Jagd in ihren Bergen den vornehmen Rittern und mutigen Bogenschützen Altenglands in freundschaftlicher Weise vorzuführen, statt daß sich der Eindruck hätte gewinnen lassen, die Schotten verrichteten, dem Befehl des gewaltherrlichen Nachbarvolkes gefügig, trotzigen Lehndienst. Den Reitern voraus, deren kühne mannhafte Gestalten weit über die Hälse ihrer kräftigen Rosse ragten, zogen die Jäger bei Fuß, die mit dem Hund an der Leine Dickicht und Schlucht nach Jagdbeute durchstöberten. Der Douglas-Wald barg damals noch Wild in Menge, und zu der Zeit, da diese Erzählung spielt, umsomehr, als schon lange nicht mehr unter den Angehörigen des Geschlechts der Douglas, über die seit mehreren Jahren, gleichwie über ihr Land, Unglück gekommen war, Jagd dort gehalten wurde und die englische Besatzung sich noch immer nicht für stark und sicher genug gehalten hatte, dieses in hohen Ehren gehaltene Feudalrecht selber auszuüben. Das Jagdwild hatte sich also stark vermehren können. Rotwild, Wildschweine und wilde Ochsen drangen nicht selten bis in den unteren Teil des Douglas-Waldes, der keine geringe Ähnlichkeit mit einer Oase aufweist, denn er ist von dichtem Wald, von Moorland mit Teichen, stellenweis auch mit Felsen umzogen, so daß es an großen öden Strecken, worin sich das Wild gern zu verstecken liebt, dort nicht mangelt.
Gleichwie an Rotwild und Ebern fehlte es auch an Wölfen nicht, die sicher mit zu dem gefährlichsten Raubzeug gehörten, insofern aber kein interessantes Jagdwild boten, als sie meilenweit zu fliehen pflegten, bevor sie sich dem Jäger stellten. Was für die englischen Ritter vor allem als Jagdwild in Betracht kam, war der furchtbarste aller Bewohner des alten kaledonischen Waldes, der wilde Ochs Schottlands.
Der Schall der Jagdhörner, das Stampfen der Hufe, das Gebrüll der in Wut geratenden Wildochsen, das Gestöhn der von Hunden zerfleischten Hirsche, das Gekläff der Hunde selber und das wilde Siegesgeschrei der Jagdleute gab einen Chorus ab, der sich weit über das Jagdgebiet erstreckte und bis in die abgelegensten Strecken hinein seine Bewohner zu bedrohen schien.
Dem Schloßhauptmann allein gelang es, eins dieser gewaltigen Tiere zur Strecke zu bringen. Gleich einem Stierkämpfer Spaniens warf er sich nieder und erwartete den Ochsen mit der Lanze. Bis zum Schafte bohrte er dem Ungetüm die Waffe in den Leib. Unter den Pfeilen und Speeren von Armbrustschützen und Treibern fielen außer zahlreichem Klein- und Federwild drei wilde Kühe, etwa ein Dutzend Hirsche und Eber und drei Wölfe. Viel anderes Wild entrann, aller Anstrengungen es abzufangen ungeachtet, nach den finstersten Schlupfwinkeln des Cairntable-Gebirges.
Der Vormittag ging seinem Ende zu, als das Jagdhorn des Oberjägermeisters die Gesellschaft zum Frühmahl auf den grünen Rasen einer Waldwiese rief. Die Jagdbeute zu rösten und zu braten, war eine Arbeit, die dem unteren Volk zufiel. Fässer mit Gaskognerwein und englischem Ale wurden herbeigerollt und aufgeschlagen und alsbald war das fröhlichste Zechgelage im Gange.
Die Ritter, durch ihren Rang vom Verkehr mit dem anderen Volke abgeschlossen, saßen auf abgesondertem Rain, am sogenannten »Thronhimmelstische«, der von einer aus grünen Zweigen geflochtenen Decke beschattet war und wurden von ihren Knappen und Pagen bedient. Zu ihnen hatten sich ehrwürdige Mönche von der Abtei Saint Bride gesellt, die, wenn auch schottische Geistliche, von dem englischen Militär mit Achtung behandelt wurden. Auch ein paar schottische Afterlehnsleute, die wohl aus Klugheit den englischen Rittern Achtung und Gemeinschaft nicht weigerten, saßen unten an der Tafel, woselbst auch die gleiche Zahl von Armbrustschützen Platz gefunden hatte.
Obenan saß Sir John de Walton, dessen Augen ruhelos den Kreis seiner Gäste, denn diese Bezeichnung traf ohne Frage auf sämtliche Anwesenden zu, überflogen.
Eine Person vor allen anderen zog des Schloßhauptmanns Blicke auf sich, denn sie zeigte das Aussehen eines gefürchteten Kriegers, obgleich ihr das Glück in letzter Zeit nicht gelächelt zu haben schien. Es war ein Riese von Gestalt mit Gliedmaßen wie aus Eisen und einem Gesicht von so grobem derben Schnitt, daß es unwillkürlich an den Wildochs erinnerte. Die durch manches Loch in der Kleidung sichtbare Haut zeigte eine Färbung wie Leder. Der Mann sah ganz so aus, als ob er zu denen gehöre, die mit Robert Bruce das Schwert gezogen hatten, die mit dem Rebellen in Moor und Sumpf lebten.