Solche Gedanken kamen auch Sir John de Walton in den Sinn.
Aber unverträglich hiermit war die Kühnheit, mit der sich der Fremde an den Tisch des englischen Schloßhauptmanns gesetzt, also völlig in dessen Hand begeben hatte. Während der Jagd war von Sir de Walton wie den übrigen Rittern die Wahrnehmung gemacht worden, daß der in Lumpen gekleidete Kavalier, von dessen Kleidung der alte Panzerkittel am meisten auffiel, und der, von der verrosteten, aber gewaltigen Partisane von acht Fuß Länge abgesehen, über keine Waffen gebot, in der Ausübung des edlen Weidwerks durch überlegene Gewandtheit alle anderen Teilnehmer übertroffen hatte.
Als der Fremde endlich der von ihm erregten Aufmerksamkeit, nicht zum wenigsten des Schloßhauptmanns, inne wurde, hielt es der letztere für angemessen, ihm als einem der tüchtigsten Jünger des heiligen Hubertus mit einem Humpen besseren Weines, als die übrige Gesellschaft trank, höflich Bescheid zu tun.
»Ihr habt hoffentlich nichts dawider, Herr,« sprach ihn de Walton dabei an, »meiner Aufforderung zu entsprechen und einen Humpen Gaskogner, direkt von den königlichen Weinbergen, mit mir zu leeren. Einen besseren Tropfen, um auf Gesundheit und Glück unseres verstorbenen Königs zu trinken, gibt es nicht.«
»Eine Hälfte der britischen Inseln,« versetzte der fremde Jäger gelassen, »wird sich der Meinung von Euer Gnaden nicht verschließen. Da ich aber zur anderen Hälfte gehöre, auf welcher solche Meinung nicht herrscht, kann mir auch der vornehmste Gaskognerwein solchen Trinkspruch nicht mundrecht machen.«
Mißbilligendes Gemurmel lief durch die Reihen der anwesenden Krieger. Die Priester von der Saint Bride-Abtei wurden leichenblaß und murmelten ihr Paternoster.
»Eure Worte, Fremder,« sprach Sir de Walton in finsterem Tone, »bringen die hier versammelte Gesellschaft, wie Ihr wohl seht, aus der Fassung.«
»Das kann wohl sein«, versetzte der Fremde im gleichen rauhen Tone; »nichtsdestoweniger liegt in meiner Rede nichts, was irgendwelchen Vorwurf verdiente.«
»Bedenkt Ihr auch, daß Ihr solches in meiner Gegenwart sprecht?« rief Sir de Walton.
»Gewiß, Herr Schloßhauptmann! Richtiger wäre zu sagen, daß ich es eben gerade um Eurer Gegenwart willen sage.«
»Bedenkt Ihr die Folgen, frage ich weiter?« rief de Walton.
»Was ich zu fürchten hätte, wenn Euer Geleit und Ehrenwort, durch das Ihr mich zu dieser Jagd ludet, minder verläßlich wäre, als es meines Wissens ist, kann ich ungefähr erraten«, entgegnete der Fremde. »Ich bin Euer Gast; ich habe von Eurem Fleisch gegessen und von Eurem Wein getrunken. Ich würde, stünde ich in solchem Verhältnis zu ihm, den gemeinsten Ungläubigen nicht fürchten, geschweige einen vornehmen Ritter Englands. Zudem sage ich Euch, Herr Ritter, Ihr schätzt den Wein zu gering, den Ihr eben getrunken habt; sein Feuer leiht mir den Mut, Euch Dinge zu sagen, die in solchem Augenblicke jeder ungesagt lassen möchte, der nicht alle Vorsicht außer Acht läßt. Ihr wünschet gewiß zu wissen, wen Ihr in mir vor Euch habt: mein Taufname ist Michael, mein Geschlechtsname Turnbull. Ein gefürchteter Clan, der Clan der Turnbulls! Ich darf mir schmeicheln, seinen Ruf durch Kriegstaten und manches Jägerstückchen nicht gemindert zu haben. Mein Haus liegt unter dem Berge am Rubislaw, an den schönen Gewässern des Teviot.«
Der kühne Grenzer sprach dies alles mit herausfordernder Kälte, dem Hauptzuge seines Wesens. Seine Verwegenheit ermangelte nicht, Sir John de Walton in Erregung zu setzen. Kaum hatte der Grenzer ausgeredet, so rief der Ritter:
»Zu den Waffen! Ergreift den Spion und Verräter! Holla, Pagen und Kriegsvolk! William, Anthony, Greenleaf und Bogenspanner, bindet den Verräter mit Sehnen und Stricken! Zieht straff an, bis ihm das Blut unter die Nägel schießt!«
Die Armbrustschützen umdrängten den Jäger, ohne indes Hand an ihn zu legen, weil keiner der erste sein mochte, den bei solchem Anlaß herrschenden Landfrieden zu brechen.
»Sprich,« nahm Sir Walton wieder das Wort, »was führte dich her, Verräter?«
»Kein anderer Zweck, als dem Douglas das Schloß seiner Ahnen in die Hände zu liefern und dir, Herr Engländer, deine Verdienste um Schottland dadurch wett zu machen, daß ich dir die Kehle durchschneide, von der du solch lärmenden Gebrauch machst.«
Als er sah, daß sich die Kriegsleute, der weiteren Befehle des Schloßhauptmanns gewärtig, hinter ihn drängten, hob er die Partisane und rief:
»Jawohl, John de Walton, vorhin war es mein Wille, dich als denjenigen zu erschlagen, den ich im Besitze eines Gebietes und Schlosses finde, die einem würdigeren Ritter als du bist, nämlich meinem Gebieter und Herrn, gehören. Warum ich die Tat unterließ, was mich dazu bestimmte, weiß ich nicht. Vielleicht weil du mich sättigtest, nachdem ich zweimal zwölf Stunden gehungert hatte. Aber ich sage dir: geh aus diesem Ort und diesem Lande und laß dich warnen von einem Feinde, der es gut meint! Du hast dich zum Todfeinde dieses Volkes gemacht, und es gibt Männer darunter, denen man selten ungestraft Trotz oder Beleidigung bot! Gib dir die Mühe nicht, mich suchen zu lassen, denn es würde vergeblich sein. Wir treffen uns wieder, aber zu einer Zeit, die von meinem, nicht deinem Belieben abhängig ist. Auch suche nicht zu ermitteln, auf welche Weise und welchem Wege ich dich betrog, denn es wird dir nicht möglich sein. Wirf meinen freundlichen Rat nicht beiseite, sondern blicke mich an und nimm deinen Abschied! Wenn auch ein Tag kommen wird, an welchem wir einander begegnen werden, so kann es vielleicht lange währen, bis dieser Tag kommen wird.«
De Walton schwieg. Er meinte, seinen Gefangenen könne vielleicht im Überschwang seiner Empfindungen die Schwäche anwandeln, weitere Dinge zu äußern, aus denen sich Vorteil schaffen lasse. Indessen entging ihm hierüber der Vorteil, in den er durch sein Schweigen den Jäger selber setzte. Kaum hatte dieser die letzten Worte gesprochen, so machte er einen jähen Sprung rückwärts, der ihn aus dem um ihn geschlossenen Kreise brachte, und war, noch ehe die ihn umstehenden Kriegsleute inne wurden, welche Absicht er verfolgte, verschwunden.
»Greift ihn! Greift ihn!« rief de Walton jetzt, von Grimm erfüllt, als er sah, daß ihn der Jäger übervorteilt hatte, »sofern ihn nicht die Erde verschlingt, greift ihn!«
Daß ihn die Erde verschlungen hätte, schien sich in der Tat vermuten zu lassen, denn dort, wohin Turnbull seinen Sprung gerichtet hatte, gähnte ein tiefer Abgrund, und dort verschwand er, an Gebüsch und Krüppelholz entlang kletternd, behend wie eine Eichkatze. Im Nu hatte er den Boden des Schlundes erreicht und einen Pfad gefunden, der ihn zum Waldsaume führte; und während die erfahrensten und klügsten unter seinen Verfolgern noch unschlüssig waren, in welcher Richtung sie ihm nachsetzen sollten, war er verschwunden unter dem Dickicht des Urwaldes, und niemand vermochte seine Spur zu finden.
Siebentes Kapitel
Der Auftritt, allen Teilnehmern so unvermutet, brachte Mißstimmung und Verwirrung in die Jagdfreude. Das Auftauchen eines bewaffneten Jägers, der sich offen als Anhänger des Hauses Douglas bekannte, auf einem Grund und Boden, wo alles, was Douglas hieß und zu Douglas sich bekannte, als Aufrührer und Räuber galt, machte alle Anwesenden stutzig, selbst die englischen Ritter. Sir John de Walton blickte sehr ernst drein. Er ließ alles Jagdvolk auf der Stelle zusammentreten und untersuchen, um festzustellen, ob sich Helfershelfer oder Mitwisser Turnbulls darunter befänden. Indessen war die Zeit bereits zu vorgerückt, um die Untersuchung mit der von dem Kommandanten befohlenen Strenge zu führen, und als die Schotten unter dem Jagdvolk merkten, daß Hand an sie gelegt werden solle, gaben diejenigen, die es nicht vorzogen oder keine Gelegenheit mehr fanden, sich hinwegzuschleichen, auf die ihnen gestellten Fragen mit äußerster Vorsicht Antwort.