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Sir John de Walton merkte die Verminderung in der Zahl der Schotten, und dieser Umstand verstärkte bei ihm den Verdacht, der ihn seit kurzer Zeit fast ganz beherrschte.

»Sir Aymer,« sprach er seinen jungen Leutnant an, »nehmt soviel Kriegsleute, als Ihr in fünf Minuten zusammenbringen könnt, zum mindesten aber hundert berittene Bogenschützen, und reitet schleunigst nach dem Schlosse hinüber zur Verstärkung der Garnison. Ich habe so meine Gedanken über feindliche Versuche, das Schloß zu berennen; wahrlich kein Wunder, daß sie einem kommen, wenn man hier solches Verräternest mit eigenen Augen sieht!«

»Gestattet mir die Bemerkung hierzu, Sir John,« entgegnete Ritter de Valence, »daß Ihr hier Wohl über das Ziel hinausschießt. Nicht in Abrede will ich stellen, daß unter dem schottischen Landvolk Feindseligkeit gegen uns herrscht. Da es aber aller Jagdfreude so lange entbehrt hat, ist es kaum zu verwundern, daß es sich zu solchem Zuge in Scharen einstellt; noch weniger zu verwundern aber ist es, daß es über unsere Gesinnungen ihm gegenüber noch seine Zweifel hegt und durch die geringste Rauheit im Verkehr in Furcht gesetzt wird.«

»Eben deshalb wäre es mir lieber,« erwiderte de Walton, der mit einer Ungeduld zugehört hatte, die sich mit der zwischen Rittern üblichen Höflichkeit kaum vertrug, kurz angebunden, »Sir Aymer de Valence ließe seinen Rossen die Zügel schießen statt seiner Zunge.«

Der scharfe Verweis, den solche Worte für den jungen Ritter bedeuteten, berührte alle Anwesenden unangenehm. Sir Aymer aber war sich wohl bewußt, daß eine Antwort für den Augenblick nicht geeignet sei; er verneigte sich, daß die Feder seines Baretts die Mähne seines Rosses berührte und brachte den Befehl des Schloßhauptmanns zur Ausführung, indem er auf dem kürzesten Wege mit einer beträchtlichen Reiterschar nach dem Schlosse zurückritt.

»Ich wußte ja,« sprach er bei sich, als er auf eine der vielen Anhöhen kam, von denen aus die vielen Türme und Mauern der alten Feste, über der das große Banner Englands wehte, im Widerschein des breiten Sees sichtbar wurden, der sie von drei Seiten einschloß; »ich wußte ja, daß Sir John de Walton durch Furcht und Argwohn zum Weibe geworden ist. Daß schwere Verantwortlichkeit einen Charakter so wandeln kann, der die Ritterlichkeit selber war! Nichtsdestoweniger geziemt mir, selbst wenn Walton seine eingebildete Besorgnis zum Vorwand nehmen sollte, um seine Freunde zu tyrannisieren, Gehorsam, denn er ist unser Hauptmann. Aber das muß ich sagen: lieber würde es mir sein, wenn er sich weniger vor seinem eigenen Schatten erschrecken möchte.«

Mit diesen Gedanken ritt er auf dem Damme über den Wassergraben durch das stark befestigte Tor.

Daß dieser Vorfall nicht danach beschaffen sein konnte, das Verhältnis zwischen den beiden Rittern zu bessern, war nur natürlich; nicht minder, daß Sir de Walton insofern dem jüngeren Sir Aymer gegenüber in Nachteil kam, als sich die von dem letzteren bei dem Meinungszwiespalt vertretene Ansicht bestätigte und von irgendwelcher Beunruhigung des schottischen Landvolkes nicht das mindeste zutage trat. Unter dem Eindruck dieser Stimmung gestaltete sich der Verkehr zwischen ihnen immer kälter und förmlicher und beschränkte sich ausschließlich auf dienstliche Angelegenheiten. Keiner von beiden, so sehr sie von der Unhaltbarkeit solches Verhältnisses zwischen zwei Männern überzeugt waren, auf deren Schultern die Verantwortlichkeit für solchen wichtigen Platz wie Schloß Douglas lag, suchte eine der vielen Auseinandersetzungen, die der Dienst in seinem Gefolge hatte, zum Ausgleich der zwischen ihnen schwebenden Differenz zu benützen.

Bei einer solchen dienstlichen Unterhaltung geschah es, daß Sir Walton seinen Leutnant um Auskunft bat, zu welchem Zweck und wie lange dem unter dem Namen Bertram im Schlosse aufhältlichen Sänger noch Unterstand gegeben werden solle.

»Acht Tage,« setzte der Schloßhauptmann hinzu, »erscheinen mir unter den gegenwärtigen Zeitläufen und an solcher Örtlichkeit ausreichend für die einem Sänger schuldige Gastfreundschaft.«

»Ich meinerseits,« versetzte Sir Aymer, »habe an der ganzen Sache so wenig Interesse, daß ich irgendwelchen Wunsch hierzu nicht zu äußern habe.«

»Dann werde ich den Mann ersuchen, seinen Aufenthalt im Schlosse Douglas abzubrechen«, entschied Sir Walton.

»Der Mann hat hier Aufenthalt nachgesucht,« erklärte Sir Aymer, »unter dem Vorgeben, in die Schriften eines gewissen Thomas, genannt der Reimer, Einsicht nehmen zu wollen. Es soll sich ein Exemplar derselben in dem Arbeitszimmer des alten Barons befinden, nachdem es bei dem letzten Brande des Schlosses Gott weiß wie gerettet wurde. Andere Kunde von seinen Absichten vermag ich nicht zu geben. Sofern Ihr die Anwesenheit eines alten Wanderers und die Nähe eines Knaben für das von Euch bewachte Schloß gefährlich haltet, so handelt Ihr zweifelsohne Eurem Rechte gemäß, wenn Ihr ihn wegschickt. Hierzu ist doch nichts weiter vonnöten als ein Wort aus Eurem Munde.«

»Der Sänger ist auf das Schloß gekommen als Gefolgsmann von Euch; ich durfte ihn also nicht wohl zum Gehen auffordern, ohne Eure, wenn auch nicht Erlaubnis, so doch Kenntnis.«

»Dann tut es mir leid,« erwiderte Sir Aymer, »von Eurem Willen nicht früher Kenntnis bekommen zu haben. Es wurde niemals von mir jemand ins Schloß aufgenommen oder auf dem Schlosse gehalten ohne Euer Vorwissen oder im Widerspruch zu Eurer Meinung.«

»Es tut mir leid, sagen zu müssen, Sir Aymer,« wandte Ritter de Walton ein, »daß wir beide nicht wissen, woher der Sänger mit seinem Knaben gekommen ist und wohin sie beide wollen. Es ging unter Eurer Gefolgschaft die Rede, der Sänger habe unterwegs die Verwegenheit gehabt, Euch gegenüber das Recht des Königs von England auf die Krone von Schottland in Frage zu stellen, und daß er erst mit Euch hierüber gesprochen habe, nachdem Ihr den Wunsch geäußert hättet, die übrigen Begleiter möchten hinter Euch zurückbleiben, so daß sie nicht zuhören konnten.«

»Sir Walton,« rief Sir Aymer, »wollt Ihr hieraus eine Anklage gegen meine Lehnstreue herleiten? Vergeßt nicht, daß solche Worte meine Ehre verletzen, die ich bis zum letzten Atemzuge bereit und willens bin zu verteidigen.«

»Daran zweifle ich nicht, Herr Ritter,« versetzte der Schloßhauptmann, »aber meine Worte richten sich nicht gegen Euch, sondern gegen den fahrenden Sänger. Wohlan! Der Sänger kommt hierher aufs Schloß und spricht den Wunsch aus, sein Sohn möge Unterkunft in dem Kloster von Saint Bride finden, der einigen schottischen Mönchen und Nonnen, aus Achtung ihres Ordens und weniger, weil man sich guten Willens, dem König zu dienen, bei ihnen versieht, der Aufenthalt erlaubt worden ist. Diese Erlaubnis wird, sofern die von mir eingezogene Kundschaft richtig ist, von dem Sänger mit einer Geldsumme erkauft, weit beträchtlicher, als sie in den Börsen herumstreichender Sänger, die doch mit Glücksgütern nicht gesegnet zu sein pflegen, sonst wohl zu finden sein dürfte; ich meine, dies sei ein Umstand, den man nicht unbeachtet lassen sollte; was ist nun Eure Meinung zu all diesen von mir entwickelten Gesichtspunkten, Sir Aymer?«

»Meine Meinung?« versetzte der Gefragte. »Meine Lage als Soldat, der dem Kommando eines Höheren unterstellt ist, enthebt mich jeder Verpflichtung, mir selbständige Meinungen zu bilden. Als Leutnant unter Eurem Befehl auf so exponiertem Schlosse steht mir, meine ich, wenn ich mit Ehre und Seele Abrechnung gehalten habe, viel freier Wille nicht eben mehr zu Gebote –«

»Um des Himmels willen, Sir Aymer,« rief de Walton, »begeht nicht gegen Euch und mich das Unrecht, vorauszusetzen, als wolle ich durch solche Fragen Euch Vorteil abgewinnen. Bedenkt, junger Ritter, daß Ihr Euch eines dienstlichen Vergehens auch dann schuldig macht, wenn Ihr Eurem Kommandanten ausreichende Antwort nicht gebt auf dessen Wunsch, über einen bestimmten Fall Eure Meinung zu hören.«