Glossin schien während der Unterhaltung in sich zusammenzuschrumpfen und kein Wort der Erwiderung zu finden, setzte vielmehr, zum Zeichen der Verlegenheit, die ihn befiel, bald den einen, bald den andern Fuß vor, bald bückte er sich, bald zog er die Schultern hoch, spielte bald mit den Knöpfen an seiner Weste, oder klappte die Hände zusammen: ganz wie ein böser Mensch, den Bange vor der Entdeckung seiner Schandtaten befällt.
Bertram aber bemerkte nicht, was in Glossin vorging, da er zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. »Ja ja, aber meine Muttersprache,« sagte er, »konnten sie mir nicht abspenstig machen; trotzdem alle auf dem Schiffe nur Englisch redeten; und sobald ich mich allein in irgend einem Winkel befand, hab ich das Lied von Anfang bis zu Ende gesungen. Den Text habe ich wohl vergessen; aber die Melodie kenne ich noch ganz genau .. aber wie es kommt, daß mir das alles jetzt so unmittelbar in die Erinnerung tritt, das kann ich nicht begreifen.«
Bei diesen Worten zog er eine Flöte aus der Tasche und blies eine einfache Weise, die wohl in einem Mädchen, das unfern davon bei einer Quelle, die einst das Schloß mit Wasser versorgt hatte, mit dem Bleichen von Leinwand beschäftigt war, ähnliche Gedanken wachrufen mochte, denn aus ihrem Munde ertönte jetzt das Lied:
Sie sprach: Ist dies Forths Uferland?
Ist es die Bucht von Dee?
Der schöne Wald auf Warrochs Wand?
Wie gerne sah ich sie!
»Beim Himmel! Das ist das alte Lied!« rief Bertram, wie aus einem Traume erwachend; »das Mädchen muß mir das Lied hersagen.«
»Beim Teufel!« dachte Glossin bei sich; »tue ich hier nicht Einhalt, so ist alles verloren! Hol der Henker alle Lieder und Reimschmiede, und alle Dirnen, die kaum was anderes mehr verstehen, als ein Lied herfaseln. Aber,« wandte er sich laut zu Bertram, als er den Feldmesser mit ein Paar Männern daherkommen sah; »dazu findet sich wohl später Zeit; jetzt gibt's Nichtigeres hier zu reden!«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte Bertram, über den Ton, den sich Glossin gegen ihn erlaubte, ziemlich unwillig.
»Sie heißen Brown?« fragte Glossin.
»Wozu die Frage?« erwiderte Bertram.
Glossin guckte über die Schulter, um nach den Männern zu sehen ... »Banbeest Brown, wenn ich nicht irre?« fragte Glossin weiter.
»Aber wozu das?« wiederholte Bertram, noch unwilliger als vordem.
»Nun, in diesem Falle sind Sie mein Gefangener, im Namen des Königs,« rief Glossin und packte ihn beim Kragen, während die herzugetretenen Männer ihn an den Armen packten.
Brown riß sich im Nu los und zog seinen Säbel .. »Keiner wage es, die Hand gegen mich zu heben!« rief er drohend; »einem Befehle der Obrigkeit, wenn er mir vorgewiesen wird, werde ich mich fügen, im andern Falle aber meiner Haut mich wehren, so lange ich den Säbel da zu führen vermag.«
Auf Glossins Wink zeigte einer der Gerichtsfrone den Befehl vor, Banbeest Brown, angeklagt des vorsätzlichen und böswilligen Ueberfalles auf Charles Hazlewood, wie auch anderer Vergehungen und Uebertretungen, überall dingfest zu machen, wo man ihm begegne, und in das nächste Untersuchungsgefängnis abzuliefern.
Zehntes Kapitel
Während die Vorkehrungen zum Transport des Gefangenen, der einstweilen in einem noch bewohnbaren Raume des Schlosses untergebracht war, getroffen wurden, setzte sich Glossin an seinen Schreibtisch, um an Sir Robert Hazlewood auf Hazlewood, das Haupt eines der angesehensten Geschlechter Schottlands, das durch den Verfall des Hauses der Ellangowan an Ehren und Einfluß merklich gewonnen hatte, die Anfrage zu stellen, ob es ihm vielleicht genehm sei, den Verbrecher, der seinen Sohn angeschossen hätte, selbst zu verhören: es sei ihm geglückt, desselben habhaft zu werden; falls es dem edlen Herrn genehm sei, sich dieser unangenehmen Verpflichtung zu unterziehen, wolle er durch den gleichen Boten geneigtest Bescheid geben.
Der Herr von Hazlewood, der gern etwas von sich hermachte, dankte Glossin verbindlichst für die Mühe, die er sich auferlegt, und zwar in einer Angelegenheit, die ausschließlich seine, Hazlewoods, Familie anginge, ersuchte um Ueberführung des Delinquenten nach Hazlewood und schloß mit einer Einladung zum Mittagessen, falls Herr Glossin seine Liebenswürdigkeit so weit triebe, den Delinquenten persönlich nach Hazlewood zu bringen.
»Nu, einen Finger hätten wir ja in der Sache,« dachte Glossin bei sich, »nun werde ich wohl die ganze Hand hinein bringen! Zuerst muß ich aber diesen leidigen jungen Wicht mir vom Halse schaffen; dann denke ich den alten Herrn schon kirre zu machen. Er ist etwas schwachsinnig, spielt sich aber gern als großer Herr auf. Er wird sich gewiß von mir beschwatzen lassen, die Affäre so abzuwickeln, wie sie mir in den Kram paßt, kann er sich doch dabei besser aufspielen als je in seinem Leben, und sich so stellen, als sei alles aus seinem eigenen Kopfe hervorgegangen. Mir bleibt der Vorteil dabei, die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen, ohne das mich irgendwelche Verantwortlichkeit für etwas dabei trifft.«
Unter diesen vergnügten Aussichten fuhr er durch eine Doppelreihe alter Eichen dem Landsitze des Baronets entgegen, der ehedem eine Abtei gewesen war, aber zur Zeit der Königin Maria Stuart [Vergleiche hierzu den Roman »Der Abt« mit dem Vorspiele »Das Kloster« von Walter Scott] dem Stifter des Hauses nebst den angrenzenden Ländereien von der Krone geschenkt worden war. Das Schloß lag äußerst anmutig inmitten eines großen Parkes, am Ufer eines kleinen Flusses. Der Charakter der umliegenden Landschaft war finster und feierlich, paßte jedoch gut zu dem schwermütigen Ernste des alten Gebäudes. Alles zeigte auf Reichtum und hohen Rang seines Besitzers.
Sir Robert erblickte den Wagen seines Nachbarn vom Fenster aus. In seinem Ahnenstolz empfand er es schon als eine Anmaßung beispielloser Art, daß sich ein Emporkömmling, wie dieser ehemalige Schreiber, zu einem Wagen verstiegen hatte; als er aber sah, daß auf dem Kutschenschlage bloß die Namens-Initialien G. G. standen und das Wappen fehlte, milderte sich sein Groll; freilich war schuld hieran weniger Glossins Bescheidenheit als die schleppende Erledigung seines Gesuchs seitens des Edinburger Wappenherolds, der zu einem Entwurfe des Wappenschilds für den neuen Laird von Ellangowan noch keine Zeit hatte finden können.
Während die Frone mit dem Gefangenen in eine Stube zu ebener Erde gewiesen wurden, ließ Sir Hazlewood den Gast Gilbert Glossin in das sogenannte Eichenzimmer geleiten: ein großes, mit lackiertem Täfelwerk ausgelegtes Gemach, worin die Ahnen des edlen Geschlechts mit ihren grimmen Gesichtern hingen. Hier empfing ihn Hazlewood mit all der gnädigen Herablassung, die er Menschen gegenüber, die er nicht für ebenbürtig seinem Range hielt, mit ausgezeichneter Verve zu entfalten verstand. Er dankte Glossin für seine Aufmerksamkeit bei dieser seinen Sohn so nahe angehenden Affäre, deutete mit der Spitze seines Zeigefingers auf die an den Wänden hängenden Ahnenbilder und sprach salbungsvolclass="underline" »Selbst diese ehrwürdigen Gestalten, lieber Herr Glossin, werden Ihnen verbunden sein für die Arbeit und Mühe, die Sorge und Beschwerde, die Sie sich auferlegt haben, und könnten sie sprechen, so möchte ich keinen Moment zweifeln, daß sie ihre Dankbarkeit mit der meinen vereinigen würden, um Ihnen zu danken für den guten Dienst, den Sie unserm Hause erwiesen haben.«
Glossin verneigte sich dreimal, und jedesmal tiefer, zur Erde hinunter: einmal zu Ehren des edlen Herrn, der in gemessener Haltung vor ihm stand, zum andern Male den an den Wänden hängenden stummen Bildern zur Huldigung, und zum dritten Male als Aufmerksamkeit dem letzten Sprößlinge gegenüber, der berufen war zur Fortpflanzung des alten Geschlechts und Namens. Hazlewood war sehr erfreut über die ihm und seinem Hause von diesem »Bürgerlichen« erwiesenen Ehrenbezeigungen und nahm in freundlich-vertraulichem Tone das Wort: »Nun müssen Sie mir schon erlauben, mein lieber Freund, an Ihre Rechtskenntnis in diesem Falle zu appellieren. In friedensrichterlichen Funktionen habe ich nur geringe Erfahrung; sie eignen sich eben besser für solche Leute, die von ihren häuslichen Obliegenheiten weniger in Anspruch genommen werden als unsereiner.«