»Was sagt Ihr?« rief der Schloßhauptmann, »die Krankheit sei bloß Vorwand, der Knabe also nicht wirklich krank?«
»Wenn der krank wäre,« meinte Greenleaf, »so wäre es doch Wohl das natürlichere, der Vater wäre bei ihm und pflegte ihn, statt hier im Schlosse in Winkeln umherzuschleichen, wo man alles mögliche andere, bloß keinen fahrenden Sänger zu treffen rechnet.«
»Ihr überzeugt mich mehr und mehr, Gilbert, daß es mit dem Sänger nicht seine Richtigkeit haben kann«, sprach Sir Walton; »es ist jetzt wahrlich nicht an der Zeit, die Sicherheit eines königlichen Schlosses aus höflicher Rücksicht gegen irgend jemand aufs Spiel zu setzen. Weilt der Sänger jetzt in dem Gemache, das als Bibliothekzimmer des alten Barons bezeichnet wird?«
»Dort wird ihn Euer Gnaden sicherlich antreffen«, sagte Greenleaf.
»Dann folget mir mit einigen Kameraden, doch so, daß keinerlei Aufsehen entsteht, aber meiner Befehle gewärtig!« rief Sir de Walton – »vielleicht erweist es sich als notwendig; den Mann in Haft zu nehmen.«
Der Schloßhauptmann hatte das genannte Gemach, ein steinernes Gewölbe mit einer Art feuersicheren Schrankes zur Aufbewahrung von wertvoller Habe und Papieren und Büchern, bald erreicht.
Der Sänger saß vor einem kleinen Tische, mit einem sichtlich sehr alten Manuskript in der Hand, aus dem er sich Stellen auszog.
Das Gemach hatte sehr schmale niedrige Fenster, an denen noch Spuren alter Glasmalerei, Darstellungen ohne Frage aus der Geschichte des Klosters Saint Bride, sichtbar waren, ein weiterer Beweis für die pietätvolle Verehrung, welche das mächtige Geschlecht der Douglas für ihre Schützlinge im Herzen trug.
Der Sänger, scheinbar tief in die Lösung seiner Aufgabe versunken, erhob sich demutsvoll, als er den Ritter hereintreten sah und blieb stehen, der Fragen desselben gewärtig, gleich als ob er ahne, daß der Besuch auf besondere und vorwiegend persönliche Gründe zurückzuführen sei.
»Vermutlich sind Eure Forschungen von Erfolg gewesen, Herr Sänger,« nahm Sir John das Wort, »so daß Ihr in dem alten Manuskript die Verse gefunden habt, die Ihr suchtet?«
»Ich bin glücklicher gewesen, als sich in Rücksicht auf die vielen Schloßbrände erwarten ließ«, antwortete der Sänger. »Dies hier, Herr Ritter, ist das in Rede stehende Buch, nach welchem ich suchte.«
»Da Ihr Eure Wißbegierde befriedigen konntet,« sprach der Schloßhauptmann, »so habt Ihr hoffentlich nichts dawider, Herr Sänger, daß ich nun suche, auch die meinige zu befriedigen.«
»Vermag ich des Herrn Ritters Wunsch auf irgendwelche Weise zufriedenzustellen,« sagte der Sänger nach wie vor voll Demut, »so greife ich gern zu meiner Laute und bleibe seiner Befehle gewärtig.«
»Ihr irrt, Herr Sänger,« sprach in härterem Tone de Walton, »ich gehöre nicht zu jenen Leuten, die für Sagen aus älteren Zeiten Zeit übrig haben. Ich habe in meinem Leben kaum Zeit übrig gehabt, den Pflichten meines Standes zu genügen, geschweige denn Muße für Geklimper und Alfanzerei.«
»In solchem Falle darf ich kaum erwarten, Euer Gnaden durch meine schwachen Kräfte Unterhaltung zu schaffen«, sprach bescheiden der Sänger.
»Nicht Unterhaltung ist es, die ich hier suche,« sprach der Schloßhauptmann in strengem Tone und trat näher an den Sänger heran, »sondern Auskunft, weil ich meine, daß Ihr in der Lage sein dürftet, mir mit solcher zu dienen, sofern Ihr Lust habt! Meine Pflicht ist es, daß mir, falls Ihr Euch sträubt, die Wahrheit zu sagen, Mittel verschiedener Art zu Gebote stehen, ein Bekenntnis zu erzwingen, wenn auch auf unangenehmere Weise, als mir im allgemeinen genehm sein dürfte.«
»Sind die Fragen, die Ihr mir stellen wollt, Herr Ritter,« versetzte Bertram, »solcher Art, daß ich sie beantworten kann, so werdet Ihr keine Ursache finden, sie mir mehr denn einmal vorzulegen; kann oder darf ich aber Antwort nicht darauf geben, dann wird mir, des dürft Ihr Euch versichert halten, weder Drohung noch Gewalt Antwort entwinden.«
»Eure Sprache, Sänger, ist kühn,« erwiderte der Ritter, »aber mein Wort dürft Ihr nehmen, daß Euer Mut die Probe bestehen soll! Ich greife ganz ebenso ungern zu solchen äußersten Mitteln, wie Ihr sie ungern über Euch ergehen lasset; indessen weidet Ihr, wenn der Fall eintritt, ihn nur als Folge Eurer Hartnäckigkeit anzusehen haben. Ich frage Euch also zunächst: ist Bertram Euer wirklicher Name? Ferner: Betreibt Ihr außer Eurem Sängerberuf einen anderen? Endlich: Reichen Eure Verbindungen oder Bekanntschaften über die Mauern dieses Schlosses hinaus, auf dem Ihr jetzt weilt?«
»Auf all diese Fragen erteilte ich bereits dem würdigen Ritter de Valence Bescheid, und da ich ihn vollkommen zufriedenstellte, ist es nach meiner Auffassung wohl nicht nötig, mich einer zweiten solchen Befragung zu unterziehen. Auch dürfte es weder mit Eurer Gnaden Ehre sich vertragen noch mit der Ehre Eures Stellvertreters, daß solche Befragung zum zweiten Male geschieht.«
»Ihr kümmert Euch um anderer Leute Ehre recht viel,« bemerkte Sir John spitzig, »indessen gebe ich Euch mein Wort, daß, was meine und, meines Stellvertreters Ehre angeht, andere Leute, also auch Ihr, nicht zu sorgen brauchen. Ich frage Euch also zum andernmale, Sänger, wollt Ihr Antwort geben auf die Fragen, die ich meiner Pflicht gemäß an Euch stellen muß – oder soll ich mir Gehorsam durch die Folter erzwingen? Meine Pflicht ist es Euch zu sagen, daß ich von den Antworten, die Ihr meinem Leutnant gegeben habt, unterrichtet, aber nicht zufrieden damit bin.«
Er klatschte in die Hände, worauf ein paar Bogenschützen im bloßen Hemd und Beinkleidern eintraten.
»Ich sehe,« sprach der Sänger, »daß Ihr mir, weil sich für meine Schuld kein Beweis erbringen läßt, eine Strafe erteilen wollt, die zu englischem Recht und Gesetz im Widerspruch steht. Ich habe bereits ausgesagt, daß ich von Geburt Engländer, von Gewerbe Sänger bin und mit niemand in Beziehung oder Verbindung stehe, bei welchem sich feindselige Absicht gegen dieses Schloß Douglas oder gegen Sir John de Walton, den Schloßhauptmann, vermuten lassen. Für Antworten, die Ihr mir durch körperlichen Schmerz erpreßt, kann ich, um als rechtlicher Christ zu sprechen, nicht verantwortlich gemacht werden. Ich glaube, daß ich soviel Schmerz ertragen kann wie irgend ein Mensch, bin aber überzeugt, noch niemals in dem Maße Schmerzen gefühlt zu haben, daß ich mich bewogen gefühlt hätte, ein verpfändetes Wort zu brechen oder falsche Anklage gegen einen Unschuldigen zu erheben.«
»Wir sind jetzt beide zu Ende, Sänger,« erwiderte Sir John, »und meine Pflicht würde erheischen, auf der Stelle zum äußersten meiner Drohung zu schreiten. Indessen empfindet Ihr vielleicht geringeren Widerwillen gegen solche peinliche Befragung als ich gegen ihre Verhängung. Deshalb will ich Euch zunächst nur an einem Ort einsperren lassen, der sich für einen Menschen eignet, den man als Spion im Verdacht hat. Eure Wohnung und Verköstigung ist so lange, bis es Euch beliebt, solchen Verdacht zu beseitigen, die eines Gefangenen. Inzwischen reite ich nach der Abtei hinüber, um mich zu überzeugen, ob der junge Mensch, den Ihr für Euren Sohn ausgebt, die gleiche Entschlossenheit, wie sie von Euch an den Tag gelegt wird, besitzt. Vielleicht bringt seine Befragung Licht in die Angelegenheit, vielleicht auch Klarheit über Eure Schuld oder Unschuld, ohne daß wir zur Folter zu schreiten brauchen. Verhält sich die Sache anders, dann zittert, wenn nicht für Euch selber, so doch für Euren Sohn! Ei, ei! Bekommt Ihr schon Angst, Herr Sänger? Fürchtet Ihr vielleicht für Eures Knaben junge Gliedmaßen die Werkzeuge, denen Ihr selber zu trotzen willens seid?«
»Herr Ritter!« entgegnete hierauf der Sänger, der sich von der Erregung, die ihn momentan befallen hatte, zu erholen anfing, »ich überlasse Euch als Mann von Ehre und Gewissen das Urteil darüber, ob sich nach Gesetz und Menschlichkeit über einen Menschen schlimmere Meinung hegen läßt darum, weil er bereit ist, an der eigenen Person Mißhandlung zu leiden, um sie seinem Kinde zu ersparen, einem schwächlichen Jüngling, der erst vor kurzem von gefährlicher Krankheit genesen ist.«