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Der Abt suchte sich zu entschuldigen. Er verpfändete sein heiliges Wort, daß der unbedachte Inhalt dieser Botschaft einzig und allein in der aus solcher Krankheit hervorgehenden mürrischen Stimmung zu suchen sei. Er sprach von den Rücksichten und Pflichten, die der Schloßhauptmann von Douglas gegen Kloster und Abtei von Saint-Bride zu beobachten habe, die doch der englischen Regierung nimmer Ursache zu Klagen gegeben habe. Er betonte, daß er nicht zugeben könne, einen kranken Jüngling, der im Heiligtum der Kirche Zuflucht gesucht habe, in irgend welche Gefahr zu bringen oder in Haft zu nehmen, falls nicht Anklage wegen besonderen Verbrechens erhoben würde, die aber sogleich auch nach Recht und Gesetz durch Beweise erhärtet werden müsse. Das Geschlecht der Douglas, obgleich bekannt durch Rauheit und gewalttätigen Sinn, habe das Heiligtum der Abtei Saint-Bride jederzeit hochgehalten und respektiert, und es sei wohl nicht zu vermuten, daß der König von England, der römischen Kirche frommer und pflichtgetreuer Sohn, die Rechte derselben geringer halten werde, als die Anhänger eines Thronräubers und Mörders und im Kirchenbann befindlichen Mannes wie Robert Bruce.

Sir John de Walton wußte, welche Macht dem Papste in jedem Streite zustand, in welchen ihm Einmischung beliebte, daß von demselben in dem Kampf um die Oberherrschaft in Schottland Rechte geltend gemacht würden, die nach den zurzeit gültigen Anschauungen am Ende für besser und begründeter galten als die vom König von England einer-, von Robert Bruce andererseits erhobenen. Er mußte sich demnach sagen, daß ihm sein König für einen durch ihn hervorgerufenen Zwist mit der Kirche kaum dankbar sein werde. Zudem war es ja leicht, Augustins Flucht während der Nachtzeit durch Wachen zu hindern, so daß er sich am anderen Morgen ebenso sicher in der Gewalt der Engländer befinden, als wenn er im Augenblick durch offene Gewalt in Haft genommen würde.

Indessen besaß der Ritter soviel Gewalt über den Abt, daß er von ihm für die Zusage, die Abtei für die Dauer der Nacht als Heiligtum zu halten, die Gegenzusage erhielt, ihm mit seinem geistlichen Ansehen behülflich zu sein, daß der Jüngling ausgeliefert werde, falls er keinen ausreichenden Grund für das Gegenteil beizubringen imstande sei.

Diese Abrede bestimmte den Ritter, die von Augustin mehr begehrte als nachgesuchte Begünstigung zu gewähren – »mit der Voraussetzung jedoch,« schloß er, »daß Ihr ihm die Erlaubnis weigert, die Abtei zu verlassen, und Euch für ihn verbürgt, wogegen ich Euch die Vollmacht einräume, über unsere kleine Besatzung von Hazelside zu verfügen, der ich übrigens bei meiner Rückkehr nach dem Schlosse Verstärkung senden werde, für den Fall es notwendig sein sollte, Gewalt zu gebrauchen oder andere Maßregeln zu ergreifen.«

»Ich kann mir nicht denken, Herr Ritter, daß es nicht gelingen sollte, den Starrsinn des Jünglings durch Worte zu bekämpfen; ich möchte sogar annehmen, daß Ihr die Art und Weise, wie ich mich der Pflichten, die mir dieser Vorfall überweist, entledigen will, nicht anders als billigen werdet.«

Sir John lehnte alle Bewirtung ab, verabschiedete sich und spornte sein Roß. Es währte nicht lange, so trug ihn das edle Tier wieder über die Zugbrücke. Sir Aymer hielt vor dem Schloßtor, um zu melden, daß sich in der Garnison keinerlei Änderung vollzogen habe; indessen sei ihm Kunde geworden, daß ein Dutzend Mannen auf dem Marsche nach Lannark begriffen seien und im Schlosse Einkehr halten wollten oder, falls dem Hauptmann dies genehmer sei, im Vorposten von Hazelside sich quartieren würden.

»Ich bestimme das letztere,« erwiderte Sir John, »zumal ich eben willens bin, die dort liegende Garnison zu verstärken. Der naseweise Musje, Bertrams Sohn oder was er sonst sein mag, hat sich verpflichtet, sich morgen zum Verhör zu stellen. Da die im Anmarsch befindliche Abteilung zu dem Korps Eures Oheims Lord Pembroke gehört, ersuche ich Euch, ihr entgegenzureiten und sie so lange in Hazelside zu halten, bis Ihr weitere Erkundigungen über diesen Sängerknaben eingezogen habt. Ich verlange vollständige Aufklärung über das ihn umgebende Geheimnis und Antwort auf das Schreiben des Sängers, das ich dem Abt von Saint-Bride eigenhändig übergeben habe. Ich verlasse mich darauf, daß Ihr den Knaben scharf im Auge haltet und unter sicherer Begleitung hierher schafft, weil er meiner Meinung nach ein Gefangener von Wichtigkeit ist. Ich habe in dem Falle schon viel zu viel Nachsicht bewiesen.«

»Zu Befehl, Sir John!« versetzte der junge Ritter, »sofern Ihr für jemand, welcher die Ehre hat, direkt nach Euch an diesem Platze Zu rangieren, keine wichtigeren Befehle habt!«

»Entschuldiget, bitte, Herr Ritter,« antwortete der Schloß»Hauptmann, »falls Ihr den Auftrag für unter Eurer Würde halten solltet –«

»Nicht im geringsten«, sagte hierauf Sir Aymer; »doch eine Frage: was soll geschehen, wenn sich der Abt widersetzt?«

»Sich widersetzt?« fragte Sir John; »mit Lord Pembrokes Kriegsleuten befehligt Ihr über zwanzig Mann wenigstens, Berittene, die Bogen und Speer führen, und gegen Euch steht ein knappes halbes Dutzend scheuer alter Mönche, die außer Kutte und Kapuze über nichts verfügen –«

»Schon recht,« bemerkte Sir Aymer, »aber mit Kirchenbann und Exkommunikation hat heutzutage niemand gern was zu tun, auch Leute im Harnisch nicht; und aus der christlichen Kirche gestoßen zu werden, möchte ich keinesfalls riskieren.«

»Der Abt hat mir die Auslieferung des jungen Menschen zugesagt, Herr Ritter,« versetzte hierauf Sir John nicht ohne Schroffheit, »falls er sich nicht aus freien Stücken ausliefert.«

Dieser Bescheid schloß weiteren Einspruch aus. Sir Aymer de Valence, in der Meinung, nutzloserweise mit einem Auftrag unbedeutender Art geplagt zu werden, legte die für kurze Ritte im Bereich der Besatzungsmauern übliche halbe Rüstung an und ritt mit seinem Knappen Fabian und einigen Dienstmannen aus dem Schlosse.

Der Abend ging mit einem jener schottländischen Nebel zu Ende, die unter anderen besser bestellten Himmelsstrichen als Regenschauer gelten. Der Pfad wurde immer düsterer; die Höhen hüllten sich in Dunstmassen, ihr Aufstieg wurde immer mühsamer.

In der Meinung, eher auf geraden Weg zu kommen, ritt er durch den verödeten Flecken, der noch immer den Namen Douglas führte, dessen Einwohner aber zufolge der harten Behandlung, die während dieser wilden Kämpfe die Engländer übten. Zum weitaus größten Teile nach anderen Grafschaften geflüchtet waren. Ein plumpes Palisadenwerk und eine noch plumpere Zugbrücke dienten als Schutzwehren. Die Straßen waren so schmal, daß kaum drei Pferde nebeneinander laufen konnten. Von irgendwelcher Haustätigkeit oder freundnachbarlichen Vereinigung nirgendwo eine Spur; aus keinem Fenster schimmerte Licht; in allen Teilen Schottlands, deren Ruhe nicht als ausgemacht sicher galt, war die alte Verordnung, mit der Abendglocke alles Feuer zu löschen, die noch von Wilhelm dem Eroberer herrührte, in voller Geltung. Daß die ehemaligen Besitztümer des Geschlechtes der Douglas in erster Reihe als solche galten, braucht nicht gesagt zu werden.

Sir Aymer war eben bis vor den alten, in Trümmern liegenden Kirchhof des ebengenannten uralten Geschlechts gelangt, als er außer dem Schall der Hufe der eigenen Rosse Klänge zu vernehmen meinte, die sich anhörten wie der Tritt eines anderen Ritterpferdes, das mit schwerem Gestampf, wie ihnen entgegen, die Straße heraufkam. Valence war außerstande zu sagen, woher solch kriegerischer Klang kommen könne; aber der Schall von Hufen und das Klirren von Waffen und Rüstung war zu deutlich, als daß sich das Ohr eines Kriegers hätte irren sollen. Daß sich gemeines Kriegsvolk nachts außerhalb der Quartiere umhertrieb, war allerdings keine besondere Seltenheit; aber die Erscheinung eines gewappneten Reiters in voller Rüstung auf ein Vorkommnis gewöhnlicher Natur zurückzuführen, war nicht so leicht. Vielleicht bemerkte, da das Mondlicht mit vollem Glanze den Fuß der Anhöhe traf, auch der unbekannte Krieger in diesem Augenblick den englischen Ritter mit seinem Gefolge. Von beiden Seiten ertönte wenigstens der übliche Alarmruf »Wer da!«, dem auf der einen Seite durch den Gegenruf »Sankt Georg!«, auf der anderen durch den Gegenruf »Douglas!« geantwortet wurde.