Aus den Winkeln der kleinen verfallenen Straße und aus den stillen Gewölben der von den Engländern durch Feuer zerstörten Kirche hallten die Rufe in schreckhaften Echos wider.
Verdutzt über das Schlachtgeschrei, an das sich so schmerzvolle Erinnerungen knüpften, spornte Sir Aymer sein Roß zu vollem Galopp und jagte den steilen beschwerlichen Abhang hinunter, der zu dem südlichen und südöstlichen Tore des Platzes führte. Dem Knappen die lange Lanze aus der Faust reißen und zum Stoß einlegen mit dem Rufe: »Beim heiligen Georg! Kameraden, Nieder mit allem, was sich Schotte nennt! Fabian, ans Tor! Schneidet ihm die Flucht ab! Bogen und Partisanen, Sankt Georg für England!« war das Werk einer Sekunde.
Das Licht jedoch kam und schwand im Nu, und obgleich nach Sir Aymers Dafürhalten kein feindlicher Krieger Raum finden konnte, dem Angriff auszuweichen, konnte er sein Ziel doch nicht anders als aufs Geratewohl nehmen. Unter Steingeröll und anderem Weghindernis raste er den finsteren Abhang hinunter, ohne in der Finsternis auf den Gegenstand seiner Verfolgung zu treffen, fünfzig Ellen tief hinunter. Die Straße war so eng und schmal, daß niemand an ihm vorbeikonnte, niemand sich an der Seite halten konnte. Es war nicht anders möglich, als daß der feindliche Reiter durch die Luft verschwunden war. Der Schrecken, der zumeist in den Gemütern Platz griff, sobald der Name Douglas hörbar wurde, bemächtigte sich der Reiter im Gefolge des Ritters, und als der Ritter das Tor erreichte, mit welchem die holperige Gasse endigte, befand sich außer seinem Knappen Fabian, dessen furchtsame Regungen im Nu verflogen, wenn die Stimme des von ihm mit Liebe verehrten Herrn an sein Ohr schlug, kein Reiter hinter ihm.
Am Tore war ein Kommando der Armbrustschützen postiert, das in heftige Bestürzung geriet, als Sir Aymer mit seinem Knappen zwischen sie, hineinsauste.
»Schufte!« schrie der Ritter sie an, »warum achtet Ihr nicht auf Euren Dienst? Wer ist in diesem Moment mit der verräterischen Parole Douglas durch Euren Posten geritten?«
»Wir wissen von solchem Reiter so wenig, wie wir solche Parole vernahmen«, versetzte der Wachthauptmann.
»Das heißt,« rief der junge Ritter, »Ihr Schufte habt Euch wieder einmal viehisch besoffen und im Schlafe gelegen!«
Die Soldaten verwahrten sich gegen solche Beschuldigung, aber so verworren, daß des Ritters Verdacht sich eher verstärkte denn minderte. Er befahl Fackeln und Lichter zu bringen. Was an Bewohnern in dem Flecken noch da war, entschloß sich mürrisch, mit solchem Gerät, das ihnen zur Beleuchtung noch verfügbar war, zur Wache zu ziehen. Mit Verwunderung hörten sie dem Berichte zu, den der junge Ritter von seinem Erlebnis gab, schenkten demselben aber geringen Glauben, obgleich sein ganzes Gefolge jedes Wort bestätigte, meinten vielmehr, der junge Ritter suche bloß nach einem Vorwande, um die paar Leute, die noch im Orte waren, schärfer zu drangsalieren als bisher. Indessen wagte keiner von ihnen, solchen Gedanken laut zu äußern, aber durch einzelne Ausrufe, die sie miteinander wechselten, gaben sie ihrer geheimen Freude über den Schreck, der der englischen Garnison in die Glieder gefahren war, heimlich Ausdruck. Nichtsdestoweniger taten sie nach wie vor, als verfolgten sie mit höchstem Interesse die weitere Entwickelung der Dinge und ließen nicht nach in ihren Bemühungen, der Erscheinung nachzuspüren.
Endlich tönten aus dem Stimmengewirr aus weiblichem Munde die Worte:
»Wo ist der Ritter aus dem Süden? Ich kann ihm sagen, wo er die einzige Person zu suchen hat, die ihm aus seiner zurzeit so schwierigen Lage heraushelfen kann.«
»Und wer ist die Person?« fragte Sir Aymer, voll des Verdrusses über soviel zwecklos verlorene Zeit, zugleich aber ängstlich besorgt über das Auftauchen eines bewaffneten Parteigängers der Douglas in dem Stammorte ihres Geschlechts, der sich doch in Gewalt der Engländer befand.
»Kommt mit,« rief die Stimme wieder, »und ich will Euch den Mann nennen, der alle Dinge solcher Art zu deuten vermag.«
Der Ritter riß einem neben ihm stehenden Manne die Fackel aus der Hand und hielt sie empor. Eine Frau von hoher Gestalt suchte seine Blicke auf sich zu lenken. Als er näher trat, gab sie ihm in ernstem, feierlichem Tone die gewünschte Kunde.
»Einst hatten wir weise Leute allerorten, die jede Parabel beantworten konnten, die ihnen auf dieser Seite der Insel vorgelegt wurde. Ob ihr Herren die Hand im Spiele gehabt habt, sie auszurotten, darüber zu urteilen geziemt nicht mir; aber fest steht, daß man heutzutage nicht mehr den alten guten Rat bekommen kann wie früher in diesem Lande der Douglas. Auch darf man wohl gelten lassen, daß er nicht mehr in derselben Weise gern gegeben wird wie ehedem.«
»Schottin,« sprach de Valence, »sofern Ihr mir Erklärung dieses Geheimnisses schafft, will ich Euch ein graues Mieder vom besten Wollenzeug schenken.«
»Ich erhebe nicht Anspruch,« erwiderte die Alte, »Kunde zu besitzen, die Euch helfen könnte. Aber wissen muß ich, daß den Mann, den ich Euch nennen werde, weder Unbill noch Schaden treffen soll.. Versprecht Ihr mir das auf Ritterwort und Ehre?«
»Ganz ohne Frage!« versetzte de Valence; »der Mann soll sogar Dank und Belohnung ernten, sofern er die Wahrheit redet. Auch für den Fall sogar, daß er sich eingelassen haben sollte auf gefährliche Pläne oder in Verschwörungen, gelobe ich Pardon.«
»O! solcher Fall ist bei diesem Manne nicht zu gewärtigen«, sagte die Frau; »es ist unser alter Gevatter Powheid, dem die Sorge und Aufsicht über die Grabdenkmäler obliegt, diejenigen wenigstens, die ihr Herren Engländer noch übrig gelassen habt. Ich meine unseren uralten Küster von Douglas. Der kann mehr Geschichten von diesen alten Schloßherren und Schloßleuten erzählen, als Zeit wäre bis zur heiligen Weihnacht, sie zu erzählen.«
»Weiß jemand, wen die alte Frau meint?« fragte Sir Aymer, sich an seine Mannen wendend.
»Ich denke mir,« erwiderte Fabian, »daß sie den alten, in Kindheit verfallenen Narren meint, den man oft als Gewährsmann für die Geschichte und die Altertümer dieser alten Stadt wie auch des wilden Geschlechts nennen hört, das vielleicht schon vor der Sündflut hier gehaust hat.«
»Und der, wie ich glaube,« setzte der Ritter hinzu, »von dem Vorfall soviel wissen wird wie die Alte selber! Aber er soll Küster sein, der Alte? Nun, dann weiß er vielleicht mit Verstecken Bescheid, die sich in gotischen Bauten so häufig finden und denen bekannt zu sein pflegen, die dort Verrichtung haben. Kommt, Frau, und bringt mich zu dem Manne. Aber schnell! Denn wir haben schon zuviel nützliche Zeit vergeudet.«
»Zeit?« wiederholte die Frau; »bringt Euer Gnaden Zeit in Anrechnung? Meine Zeit reicht kaum noch, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Ihr seid nicht mehr weit vom Hause des Alten.«
Über Haufen von Schutt, und Stein führte der Weg, den die Alte dem Ritter voranging, der seinem Knappen die Zügel seines Rosses in die Hand legte und hinter seiner Führerin herstieg, so gut es die Beschwernisse der pfadlosen Strecke gestatteten. Bald befanden sie sich zwischen den Ruinen der alten Kirche. Die alte Frau schwatzte unterwegs in einemfort: »Der alte Mann wird seinen Obliegenheiten nachgehen. Mich wundert bloß, daß er sich zu solcher Stunde und in so schwerer Zeit mit dergleichen Dingen plagt! Aber, Gott steh uns bei! Die Zeit wird wohl noch reichen für sein und mein Leben; ist sie doch, soweit ich urteilen kann, noch gut genug für uns Lebende!«
»Wißt Ihr auch, Frau, ob zwischen diesen Ruinen ein Mensch lebt?« fragte de Valence; »mir kommt es weit eher so vor, als führtet Ihr mich in ein Beinhaus.«, »Vielleicht habt Ihr nicht unrecht, Herr Ritter«, erwiderte die Frau mit gräßlichem Lachen; »alte mürrische Leute sind recht für Grabgewölbe und Leichenhäuser; und wenn ein alter Totengräber bei den Toten wohnt, so haust er doch, wie Ihr wißt, unter seinen Kunden! Holla, Powheid! Lazarus Powheid! Holla! Hier ist ein Herr, der mit Euch reden will!« Dann setzte sie mit gewissem Nachdruck hinzu: »Ein edler Herr englischer Herkunft von der höchst ehrsamen englischen Garnison auf Schloß Douglas.«