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Jetzt wurden langsame Schritte laut und bald fiel der Schatten eines Greises auf die vom Mond beleuchteten Mauertrümmer des Gewölbes. Bald, sah man, daß seine Kleidung in liederlichem Stande war, ganz als ob er eben aus dem Bett gesprungen sei; denn seit der Einwohnerschaft im ganzen Douglas-Tale alle künstliche Beleuchtung durch die Engländer verboten war, war die Gewohnheit eingerissen, von der Dämmerzeit ab sich dem Schlaf zu überlassen.

»Was wollt Ihr von mir, junger Herr?« fragte der Greis, ein großer, durch Alter und Entbehrungen abgemagerter Mann, dessen Körper durch die Arbeit des Grabschaufelns gebeugt war, dem aber das Gewand eines Laienbruders einen Anschein von kirchlicher Würde lieh; »Eure jugendlichen Züge und weltliche Kleidung deuten mir auf einen Menschen, der meines Dienstes weder für sich noch für andere bedarf.«

»Ich bin freilich noch lebendig,« versetzte der Ritter nicht ohne Humor, »und brauche also für mich selbst weder Schaufel noch Hacke; auch für keinen Verwandten, denn ich trage ja kein Trauerkleid; ich wünsche nichts weiter, als Euch ein paar Fragen zu stellen, Alter.«

»Was Ihr haben wollt, sollt Ihr bekommen,« erwiderte der Küster, »denn Ihr gehört ja zu denen, die uns dermalen regieren, und seid wie mir scheint, ein Mann von höherem Range. Folgt mir in meine dürftige Wohnung. Vordem besaß ich eine bessere; aber sie ist, der Himmel weiß es, noch gut genug für mich, seit sich Menschen weit höheren Standes mit einer noch schlechteren abfinden müssen!«

Er öffnete eine niedrige Tür, die zu einer Art von gewölbtem Kellerloch führte, in welchem der Greis, wie es schien abgesondert von aller Welt, seine elende Behausung hatte. Der Fußboden war aus Steinen gebildet, die stellenweise noch Schrift und Embleme trugen, als seien sie vordem Grabsteine gewesen. Am oberen Ende des Gewölbes brannte ein Feuer, dessen Rauch Abzug durch ein Mauerloch fand. In einer anderen Ecke standen Schaufel und Hacke nebst anderem Gerät. Ein paar roh gezimmerte Stühle bildeten mit einem ebensolchen Tische und einem Strohlager an der Längsseite des Kellers den einzigen Hausrat. Am unteren Ende des Raumes war die Wand fast ganz durch ein großes Wappenschild verdeckt, das sechszehn besondere Wappenfelder aufwies, jedes mit eigentümlichen und besonderen Sinnbildern und zusammen um das Hauptwappen in schicklicher Weise gruppiert.

»Setzen wir uns,« sprach der Greis, »ich werde Eure Worte dann besser hören können und der Husten wird milder mit mir umgehen, so daß Ihr auch meine Worte besser versteht.«

Der Ritter folgte dem Beispiel seines Wirtes und ließ sich auf einem der rohen Stühle neben dem Feuer nieder. Der Greis, von heftigem Husten befallen, holte aus einem Winkel in einer Schürze zerschlagene Bretter herbei, von denen Stücke noch mit schwarzem Tuch bekleidet, auch mit schwarzen, bisweilen vergoldeten Nageln beschlagen waren.

»Man darf hier das Feuer nicht ausgehen lassen,« erklärte der Greis, »weil sich bei Nachlassen der Wärme Dünste aus diesen Gräbern sammeln, die den Lungen gesunder Leute, wie Euer Gnaden, von großem Schaden sind. Ich habe mich mit der Zeit freilich daran gewöhnt.«

Die Überreste von Särgen, die der alte Mann auf seinem Kamin zusammengeschichtet hatte, fingen langsam an zu schwelen, bis schließlich eine Flamme aufloderte, die den finsteren Raum mit geisterhafter Helligkeit erfüllte.

»Ihr wundert Euch, Herr Ritter,« sagte der Greis, »und habt vielleicht nie zuvor gesehen, daß Reste von Toten gebraucht wurden, den Lebendigen Behaglichkeit zu schaffen?«

»Behaglichkeit?« wiederholte mit Achselzucken der Ritter; »es möchte mir leid tun, sollte ich einen Hund so schlecht beherbergen müssen, wie du hier hausest, dessen weißes Haar sicherlich bessere Tage gesehen hat.«

»Vielleicht,« antwortete der Küster, »vielleicht auch nicht! Indessen ist es mir so, als seien Euer Gnaden nicht abgeneigt gewesen, mir einige Fragen über mein Vorleben vorzulegen? Ich wage deshalb die Erkundigung, worauf Eure Fragen sich richten sollten.«

»Ich will klar und kurz sein,« antwortete Sir Aymer, »und Ihr sollt mir klar und kurz antworten. Ich bin in den Gassen dieses Fleckens eben einem Menschen begegnet, der so verwegen ist, die Warenzeichen der Douglas zu tragen – ein Lichtstrahl, der auf seine Person fiel, hat es mir gezeigt – der so verwegen war, und meine Ohren trügen mich nie, sogar den Kriegsruf der Douglas ertönen zu lassen! Darf ich meinem flüchtigen Blicke trauen, so besaß dieser Verwegene sogar die Gesichtszüge derer von Douglas und die ihnen eigentümliche dunkle Hautfarbe. Ich bin an dich verwiesen worden, Alter, weil du die Mittel besitzen sollst, mir Aufklärung über diesen seltsamen Umstand zu geben. Als englischer Ritter, der unter König Eduard dient, bin ich verpflichtet, diesen Vorfall auf das genaueste zu untersuchen.«

»Erlaubt mir, Herr Ritter, hier eine Unterscheidung zu machen,« sprach der Greis, »die Herren von Douglas aus früheren Generationen sind meine nächsten Nachbarn, nach der Meinung meiner abergläubischen Mitbürger meine Bekannten und Gäste. Für ihre gute loyale Aufführung kann ich mein Gewissen mit Verantwortung belasten, kann mich verbürgen, daß die alten Barone, bis auf die man, der Sage nach, den Wurzeln dieses mächtigen Stammes zurückspüren kann, durch kein Kriegsgeschrei mehr die Städte und Dörfer ihrer Heimat stören werden; keiner von ihnen wird im Mondenschein mit der schwarzen Rüstung paradieren, die seit langem schon auf ihren Gräbern verrostet ist. Blickt Euch um, Herr Ritter! Über Euch und um Euch her habt Ihr die Männer, von denen Ihr redet. Unter uns in einem kleinen Nebengewölbe, das nicht geöffnet wurde, seit diese Locken braun und dicht waren, ruht der erste Herr, den ich als merkwürdig in dieser merkwürdigen Geschlechtsfolge bezeichnen kann. Er ist es nämlich, den der Thane von Athol dem König von Schottland als Sholto Dhuglaß oder den dunklen eisenfarbigen Mann vorstellte, durch dessen Heldenhaftigkeit seine Fürsten die Schlachten gewannen. Der Sage nach war er es, der unserem Tal und unserer Stadt seinen Namen hinterließ, während freilich andere dafür halten, daß das Geschlecht seinen Namen von dem Strom erhielt, der seit undenklichen Zeiten diesen Namen führte, bevor noch an seinen Ufern das Geschlecht der Douglas seine Schlösser und Burgen besaß. Andere, seine direkten Nachkommen, Eachain oder Hektor der erste und Orod oder Hugo, William als erster dieses Namens und Gilmaur, der Held manches Sängerliedes, das von Taten meldet, die unter der Oriflamme Karls des Großen, des Königs der Franken, vollbracht wurden – sie alle sind hier beigesetzt worden zu ihrem letzten Schlafe und ihr Gedächtnis ist vor der Verheerung der Zeiten nicht geschützt worden. Einiges wissen wir von ihren großen Taten, ihrer gewaltigen Macht und, ach! ihren großen Verbrechen. Einiges wissen wir auch von einem Lord Douglas, der im Parlament zu Torfur saß, das König Malcolm I. hielt, z.B. daß er wegen seiner Vorliebe, den wilden Hirsch zu jagen, sich im Walde von Ellrich einen Turm baute, Blackhouse genannt, der vielleicht noch heute steht.«

»Verzeiht, Alter,« rief der Ritter, »aber dem Stammbuch der Douglas kann ich meine Zeit nicht widmen. Der böte ja Sängern mit gutem Atem Stoff zum Vortrag für ein ganzes Kalenderjahr mit Einschluß der Sonn- und Feiertage.«

»Welch andere Kunde könnt Ihr von mir erwarten,« entgegnete der Küster, »als solche über die Helden, deren einige durch mich zur ewigen Ruhe bestattet worden sind? Ich zeigte Euch, wo das Geschlecht der Douglas bis zum königlichen Malcolm ruht. Ich kann Euch von einem weiteren Gewölbe erzählen, in welchem Sir John von Douglas-Burn mit seinem Sohn Lord Archibald und einem dritten William ruht, bekannt durch seinen Vertrag mit Lord Aberdeen. Auch von demjenigen Douglas kann ich Euch erzählen, dem dies große Wappenschild hier mit allem Zubehör von Glanz und Würde gehörte. Beneidet Ihr ihn, den Edelmann, den ich, und stände Tod auf meinen Worten, ohne Zaudern meinen lieben Herrn und Lord nennen würde? Hegt Ihr die Absicht, seine Gebeine zu entfernen? Solcher Sieg über einen Toten, dem im Leben kein Ritter standhielt, geziemte einem englischen Ritter und Edelmann schlecht. Aber das Glück, auf dem Schlachtfeld den Tod zu finden, war ihm nicht beschieden. Durch Verrat fiel er in die Hände der Feinde, und Kerkerhaft, Gram über das Unglück des Vaterlandes und schwere Krankheit gaben ihm den Tod im Lande der Fremden. Aber noch heute klebt das Blut an den Wänden der schmalen Gasse, die Ihr vorhin hinuntergejagt seid, von den hunderten, die dort unter seinem Schwerte gefallen sind. Wie ein Rachegott brach er nieder über das fremde Geschmeiß, das ihm die Stadt seiner Väter rauben wollte; wie der leibhaftige Sensenmann mähte er sie nieder, Mann für Mann und Ritter für Ritter! Einen Tag und eine Nacht stand das Wasser im Teiche hoch von dem Blute der Feinde und seitdem führt der Teich, dessen Wasser dick und trübe blieb, dem die Zugänge und Abflüsse verstopft sind durch hunderte von Leichen, den Namen der blutige Sumpf und wird ihn behalten in alle Ewigkeit, und in alle Ewigkeit wird Schottland den Ruhm dieses Douglas singen, der der Feinde des Vaterlandes mehr erschlug an einem einzigen Tage, als manch anderer seines Geschlechts in seinem ganzen Leben! Aber, Ritter! Noch ist Raum vorhanden in dem Sumpfe, nach welchem das Schloß bei uns Schotten jetzt seinen Namen trägt, für weitere! Und wenn Ihr vor Minuten einen Schwerbewaffneten mit der Gesichtsfarbe des schwarzen Douglas gesehen zu haben meint, so ist es sicherlich nicht meine Sache, solche Einbildung anders als durch die Voraussetzung zu erklären, daß die angeborene Furcht des Südländers das Gespenst eines Douglas zu aller Zeit heraufbeschwören wird, wenn er die Grabstätte des Geschlechts vor Augen hat.«