Starr ob solcher kühnen Rede stand der Ritter.
Der Greis richtete sich langsam im Flackerschein des Feuers auf, das seinem mageren Gesicht eine Färbung lieh, wie Maler sie dem heiligen Antonius in der Wüste geben.
»Die Geister der Verstorbenen vom Geschlechte der Douglas ruhen nicht in ihren Gräbern, so lange ihre Grabmäler geschändet liegen und ihr Haus entehrt ist. Weder Himmel noch Hölle kann ihnen Aufenthalt geben; sie hausen noch heute in jenem Mittelreich zwischen Leben und Tod, das für solche besteht, die so übergroßen Anteil hatten an weltlichem Triumph und weltlichem Glück, daß ihre Geister die Ruhe nicht finden können. Wollt Ihr Euch des verwundern, die Ihr die Tempel verbranntet und niederrisset, die ihnen von den Nachkommen erbaut wurden, um die göttlichen Mächte für das Heil ihrer Seelen günstig zu stimmen? Könnt Ihr Euch wundern, daß sie unzufrieden umherschweifen an den Stätten, die ihnen noch Ruhe gewähren würden, wenn Ihr nicht den Krieg auf so rücksichtslose Weise geführt hättet, daß solche Krieger ohne Fleisch und Bein Eure Märsche stören?«
»Alter Mann!« rief der Ritter, der nun wieder Herr über seinen Geist geworden war, »solche Mär, mit der Ihr wohl Knaben in Schlaf lullen könnt, ist keine Antwort auf die an Euch gestellte Frage! Nichtsdestoweniger bin ich Demjenigen dankbar, der unsere Geschicke lenkt, daß er Euer Schicksal nicht in meine Hände gelegt hat. Fabian!« rief er seinem Knappen zu, »holla, hierher mit zwei Armbrustschützen!« – der Gerufene war im Nu zur Stelle – »bring den Alten als Gefangenen zum Schloßhauptmann, zu Sir John de Walton, der wahrlich der Mann nicht ist, Alter, an deine Geistermär und deine Lehre vom Fegfeuer zu glauben – melde Sir John, Fabian, daß dieser Küster nach meiner Meinung gar Wohl in der Lage sei, über den geisterhaften Ritter, der uns begegnet ist, mehr zu sagen, als er auf einfache Frage sagen will, daß es auf mich sogar den Eindruck mache, als stünde er mit einer hier im Gange befindlichen Verschwörung in enger Beziehung. Melde dem Schloßhauptmann auch, daß ich in Anbetracht der vielerlei verdächtigen Dinge, die sich jetzt in unserer Umgebung ereignen, mit dem Knaben drüben im Kloster keine sonderlichen Umstände machen werde!«
»Ihr könnt Euch drauf verlassen, Herr Ritter, daß ich keine Ewigkeit nach dem Schlosse hinauf brauchen werde,« rief der Knappe, »und sollte ich auch den Ritt auf den Knochen des Alten machen müssen!«
»Behandle ihn nicht unmenschlich!« befahl der Ritter, »und Ihr, alter Mann, wenn Ihr auch unempfindlich seid gegen Drohungen, die Euch persönlich betreffen, so laßt Ihr besser wohl nicht außer Acht, daß Euch schärfere als Leibesstrafe treffen kann, wenn Ihr uns solltet betrügen wollen.«
»Könnt Ihr die Folter auf die Seele anwenden?« fragte der Küster.
»Euch haben wir in solcher Gewalt,« versetzte der Ritter, »denn wir werden alle kirchliche Übung, die zum Seelenheil für die Familie Douglas eingesetzt worden, aufheben und jeden Aufenthalt an solcher Stätte denen verbieten, die sich weigern, für das Seelenheil des Königs Eduard ruhmreichen Gedenkens, der im Lande als »Schottenhammer« gefeiert wird, zu beten. Wird also das Geschlecht der Douglas aller gottesdienstlichen Handlung an heiliger Stätte beraubt, so wird es solches lediglich deinem harten Sinn zu danken haben.«
»Solche Rache,« rief der Greis, ohne im geringsten Einschüchterung zu zeigen, »würde sich eher eignen für Teufel in der Hölle, als für ehrliche Christen!«
Der Knappe hob die Faust; aber der Ritter tat ihm Einhalt.
»Laß ihn, Fabian!« sprach er, »der Mann steht in hohem Alter und sein Verstand ist vielleicht nicht mehr in Ordnung. Aber laßt nicht außer Acht, Küster, daß die angedrohte Rache nach dem Gesetz gegen ein Geschlecht gerichtet werden kann, dessen sämtliche Glieder Parteigänger des im Kirchenbann schmachtenden Rebellen waren, der in der Kirche von Dumfries Comyn den Roten erschlug.«
Mit diesen Worten schritt Sir Aymer, mit Schwierigkeit den Rückweg findend, aus den Ruinen, bestieg am halbverfallenen Kirchenportal sein Roß und setzte, nachdem er der Wache verschärfte Aufmerksamkeit empfohlen, seinen Ritt nach Hazelside fort. Mit dem durch den Abgang von Fabian und den ihm zum Geleit gegebenen zwei Armbrustschützen verringerten Gefolge stieg er nach schnellem, aber ziemlich langem Ritt vor Thomas Dicksons Pachthof ab, woselbst die Pembrokeschen Reiter bereits eingetroffen und bequemes Quartier für die Nacht genommen hatten. Er ließ dem Abte von Saint-Bride seinen Besuch melden und anempfehlen, den bei ihm aufhältlichen Jüngling scharf im Auge zu behalten, bis er selbst in der Kapelle eingetroffen sein würde.
Neuntes Kapitel
»Ein später Ritt«, sprach der Abt, als der Ritter vor dem Kloster vom Pferde sprang; »darf ich nach dessen Ursache fragen, nachdem wir erst vor kurzem mit dem Schloßhauptmann bestimmte Vereinbarung getroffen haben?«
Man sah es dem Abte an, daß er sich der Aufforderung eines Herrn fügte, gegen den er keinen Ungehorsam wagte, vor dem er aber auch Verdruß, soweit ihm solcher gestattet war, nicht verstecken mochte.
»Man hegt Verdacht, Herr Abt,« erwiderte Sir Aymer, »daß hartnäckige Feinde von uns Engländern sich wieder mit Plänen zu Rebellion und Aufstand tragen. Mir selbst ist im Laufe der Nacht manches Verdächtige vor die Augen gekommen. Zweck meiner Herkunft, Herr Abt, ist die Frage an Euch, ob Ihr als Entgelt für mancherlei Gunst durch englische Fürsten dazu beitragen wollt, diese feindseligen Pläne aufzudecken.«
»Gewiß soll das geschehen«, versetzte der Abt mit bewegter Stimme; »ich glaube, Ihr zweifelt nicht, Herr Ritter, daß alles, was mir bekannt ist, soweit Euch dessen Mitteilung nützlich sein kann, zu Eurem Befehl steht.«